Psychophysischer Parallelismus

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Gottfried Wilhelm Leibniz,
Porträt von Christoph Bernhard Francke, um 1700; Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig

Der Psychophysische Parallelismus ist eine der philosophischen Theorien, die eine Antwort auf das Leib-Seele-Problem zu geben versuchen, die in diesem Fall zusammengefasst lautet: Geistige und materielle Ereignisse folgen je eigenen Regularitäten und wirken nicht aufeinander ein.

Geschichte der Theorie[Bearbeiten]

Im 17. und 18. Jahrhundert[Bearbeiten]

Die beiden zentralen Annahmen dieser zuerst von Gottfried Wilhelm Leibniz und später von Arnold Geulincx und Nicolas Malebranche entwickelten Position lauten wie folgt:

  1. Es gibt einen immateriellen Geist als eigenständige Substanz neben der materiellen; d. h. der Dualismus ist wahr.
  2. Der immaterielle Geist und die materielle Welt haben keinerlei kausalen Einfluss aufeinander.

Mit der zweiten These versucht der Psychophysische Parallelismus, auf Probleme der Theorie von René Descartes zu reagieren. Diesem zufolge gibt es zwei fundamentale Typen von Substanzen: geistige und materielle (ausgedehnte Körper); beide wirken aufeinander ein. Gegen einen solchen sogenannten interaktionistischen Dualismus wurden allerdings mehrere Einwände vorgebracht. Einerseits schien es höchst rätselhaft, wie eine nicht-materielle Substanz auf eine materielle wirken kann, andererseits hielt man es für überflüssig, Handlungen als durch immaterielle Entitäten verursacht anzusehen, da es für sie bereits eine physische Ursache gebe. Der psychophysische Parallelismus versucht diesem Problem zu entgehen, indem er jede Wirkung des Geistes auf Materielles und umgekehrt bestreitet.

Allerdings sieht sich diese Position selbst mit zahlreichen Einwänden konfrontiert, was dazu geführt hat, dass sie heute in der Form, wie sie im 17./18. Jahrhundert vertreten wurde, kaum noch vertreten wird. So erfordert die Annahme einer nicht kausal erklärten genauen Entsprechung von physischen und mentalen Ereignissen (Änderungen an Substanzen, die in zwei fundamental verschiedene Klassen fallen) selbst eine Erklärung. Es bleibt etwa unerklärt, wie ein Schlag Schmerzen verursachen kann, wenn das Physische keine Wirkung auf das Mentale hat, oder wie ein Wunsch den Arm zu heben zu dieser Körperbewegung führt. Leibniz reagierte auf diesen Einwand mit dem Postulat einer durch Gott prästabilierten Harmonie. Physisches und mentales Geschehen sollten wie die Zeiger synchronisierter Uhren parallel zueinander verlaufen, ohne dass sie einander verursachen (Uhrengleichnis). Er sah den Grund für diese prästabilierte Harmonie in Gottes Einrichtung der Welt. Nicht-theistische Theoretiker sehen darin naturgemäß oft eine starke Hypothek, die schwer durch nicht-theistische Ersatzerklärungen einlösbar ist.

Im 19. und 20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Gustav Theodor Fechner

Im 19. Jahrhundert wurde unter dem Psychophysischen Parallelismus eine Spielart des Eigenschaftsdualismus verstanden, die von Gustav Theodor Fechner (1801-1887) stammt. Fechner hat auch den Ausdruck "Psychophysik" erfunden. Seine Auffassung war unter Physiologen, Psychologen, Philosophen und Physikern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sehr weit verbreitet. Zwar haben bei Fechner der psychische und physische Bereich wie bei Leibniz ebenfalls keinerlei kausalen Einfluss aufeinander. Der Grund für dieses nicht-kausale Verhältnis und die Parallelität liegt jedoch nicht wie bei Leibniz in einer prästabilierten Harmonie, sondern in der unterschiedlichen Perspektive, die zu den Dingen eingenommen wird. Fechner greift zur Erläuterung die Uhrenanalogie von Leibniz auf: Während für Leibniz Leib und Seele wie zwei Uhren sind, die von ihrem Schöpfer auf dieselbe Zeit eingestellt wurden und deshalb ohne kausalen Einfluss aufeinander parallel gehen, sind für Fechner Leib und Seele sozusagen eine einzige Uhr, die aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachtet wird: aus der äußeren auf die Uhr und aus der inneren in die Uhr selbst. Das Psychische ist also das aus der Perspektive der ersten Person Gegebene, während das Physische das aus der dritten Person Gegebene umfasst. Die Parallelität geht demnach nicht wie bei Leibniz auf eine gemeinsame Ursache, nämlich Gott, zurück, sondern auf das korrelierte Auftreten von perspektivisch unterschiedlichen Eigenschaften eines und desselben Eigenschaftsträgers. Die psychische und physische Seite des Menschen betreffen also nach dieser Sicht die Art und Weise seines Gegebenseins. Fechner hat seine Lösung des Leib-Seele-Problems selbst "Identitätsansicht" genannt. Der Ausdruck "Psychophysischer Parallelismus" hat sich wohl durch den Psychologen Wilhelm Wundt eingebürgert, der für niedrige psychische Funktionen ebenfalls den Psychophysischen Parallelismus vertrat.

Fechner versuchte induktiv zu begründen, dass seine Zweiseitenlehre nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf das Universum als Ganzes anwendbar ist. Er meinte auf diesen Panpsychismus aus dem Systemcharakter des Universums schließen zu können, der ganz analog zu dem Systemcharakter des Menschen sei. Die Argumentation ist also ähnlich wie im modernen Funktionalismus (Philosophie) der Philosophie des Geistes. Die Annahme seines Panpsychismus ist jedoch logisch unabhängig von der Annahme des Psychophysischen Parallelismus in Bezug auf den Menschen. Viele Autoren sprachen deshalb auch vom "Psychophysiologischen Parallelismus", um sich nicht dem Verdacht des Panpsychismus auszusetzen. (Der Begründer der Allgemeinen Systemtheorie Ludwig von Bertalanffy hat über Fechners Systemideen seine Dissertation geschrieben.)

Fechners Lehre verband sich bei dem österreichischen Philosophen Alois Riehl mit der Seelenlehre, die Immanuel Kant im Paralogismen-Kapitel der transzendentalen Dialektik seiner Kritik der reinen Vernunft entwickelt hat. Mit dieser "Identitätstheorie", wie Riehl sie nannte, beschäftigte sich auch der Physiker und Philosoph und Leiter des Wiener Kreises Moritz Schlick, in seinem Werk Allgemeine Erkenntnislehre (1918) und diskutierte sie dort, wie auch den Parallelismus selbst.[1]

Gegenwart[Bearbeiten]

Ende der 1950er Jahre wurde eine anfängliche Varietät der physikalistischen bzw. reduktionistischen "Identitätstheorie" (englisch identity theory) von John Smart und Herbert Feigl (Moritz Schlicks zeitweiliger Assistent und Schüler), der 1930 in die USA emigrierte, entwickelt,[2] worauf Ullin Place dann aufbaute. In der Gegenwart vertritt der amerikanische Philosoph Thomas Nagel ähnliche Positionen.

Der Psychophysische Parallelismus lebt in der Sprechweise der Neurophysiologie vom Neuronalen Korrelat fort, das von dieser Wissenschaft für geistige Leistungen im neuralen Substrat, meist durch bildgebende Verfahren, aufgesucht wird.

Literatur[Bearbeiten]

  • Oskar Kuhn: Die Widerlegung des Materialismus, Verlag Gebr. Geiselberger, Altötting 1970, S. 113-129.
  • L. Addis: Parallelism, interactionism, and causation, in: P. A. French, J. T. E. Uehling & H. K. Wettstein (Hgg.): Causation and causal theories, Midwest studies in philosophy 9, Minneapolis: University of Minnesota Press 1984, 329-344.
  • Uwe Meixner: The Two Sides of Being: A Reassessment of Psycho-Physical Dualism, Mentis, 2004, ISBN 3897853760 Review
  • T. Natsoulas: Gustav Bergmann's psychophysical parallelism, in: Behaviorism 12 (1984), 41-69.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Moritz Schlick: In: Allgemeine Erkenntnislehre. Julius Springer Verlag. Berlin, 1918. S. 178ff und Die Erkenntnis des Wirklichen 543ff.
  2. Patrice Soom: From Psychology to Neuroscience. Ontos Verlag. Heusenstamm, 2011. S. 6. ISBN 978-38683-8108-5.