transzendental

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Als transzendental (von lat. transcendere, „überschreiten“) wird eine erkenntnistheoretische Fragestellung bzw. Begründungsweise bezeichnet, die allgemein-notwendige Bedingungen untersucht, die gegenständliches Erkennen ermöglichen.[1] Die Benennung und die klassische Formulierung dieses Programms stammen von Immanuel Kant: „Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht so wohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, so fern diese a priori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt.“ (Immanuel Kant: AA III, 43[2]).

Transzendental im Sinne Kants darf nicht verwechselt werden mit Transzendenz: das Transzendente liegt immer jenseits der Grenzen des Erfahrbaren. Insofern für empirisch gehaltvolles Wissen der Bereich dieser Bedingungen nicht verlassen werden kann, können transzendentale Begründungen den Anspruch haben, eine Form der Letztbegründung zu sein.

Scholastik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der scholastischen Philosophie wird auf dem Gebiet der Ontologie der Begriff der Transzendentalien benutzt. Er bestimmt dabei die unveränderlichen und allgemeinen Bestimmung des Seins und der Seienden Dinge, die jede spezifische Kategorie übersteigen und also dem Sein als solchem, „τὸ ὂν ᾗ ὄν“, zukommt.

David Hume und Immanuel Kant[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kants transzendentale Deduktion ist als Antwort auf Humes Problem zu verstehen. David Hume hatte bezweifelt, dass das Kausalprinzip bzw. die Annahme der Gesetzmäßigkeit der Natur auf der Basis von Beobachtungen gültig ist. Selbst wenn die Welt de facto deterministisch ist, so ist jedoch nach Hume der Schluss von Beobachtungen auf eine bestimmte Gesetzmäßigkeit nur bloße Vermutung. Die Notwendigkeit, die ein Naturgesetz beansprucht, ist demnach ein Scheinbegriff, der entsteht, wenn der Verstand das Gefühl einer Gewohnheit, das durch das wiederholte gemeinsame Wahrnehmen von Ereignissen entstanden ist, überinterpretiert (Skeptizismus). Notwendigkeit reserviert Hume daher nur für die Mathematik, deren Anwendung auf die Welt nur approximativ sein kann. Kant behauptet demgegenüber, dass es synthetische Urteile a priori gibt, die allgemein und notwendig sind und die sowohl der Alltagserkenntnis als auch der mathematisierten Naturwissenschaft als Prinzipien dienen. Diese Urteile beruhen auf Vorstellungen von Raum und Zeit und reinen Verstandesbegriffen, über die die Vernunft a priori verfügt und die sie in jeder Erkenntnis voraussetzt. Da die Kausalrelation und die Notwendigkeit sich als transzendentale Begriffe a priori herausstellen, ist die Herleitung aus der Erfahrung, die Hume für unmöglich erklärt hatte, auch nicht nötig. Selbst wenn wir uns über die Gültigkeit von spezifischen Gesetzmäßigkeiten täuschen, bleibt die allgemeine Annahme einer notwendigen Kausalität der beobachtbaren Natur sinnvoll, sie stellt sich sogar als notwendig für die Erkenntnis heraus.

Karl Popper[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Poppers Kritischer Realismus beansprucht, die Kritische Transzendentalphilosophie Kants fortzusetzen. Er kritisiert am „Transzendentalismus“ Kants und seines Schülers Jakob Friedrich Fries eine vermutete Vermischung von Psychologie und Erkenntnistheorie (Psychologismus).

Für Popper bleibt vom transzendentalen Erkenntnisapparat der Anschauungsformen und Begriffe lediglich eine „transzendentale Methode“, die Begriffe und Thesen einer Erkenntnistheorie an den tatsächlichen Verfahren der Wissenschaften kritisch zu messen.[3]

Hans Albert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Man muss in der Tat Erkenntnisse voraussetzen, um überhaupt erkenntnistheoretische Überlegungen anstellen zu können. Daraus folgt aber nicht, wie Leonard Nelson beweisen wollte, die Unmöglichkeit von Erkenntnistheorie, sondern für Hans Albert lediglich die Unmöglichkeit einer reinen Erkenntnistheorie.[4]

Kants Lösung ist Albert zufolge eine Rechtfertigungsstrategie. Diese könnte durch Anwendung des Fallibilismus und des kritischen Realismus ersetzt werden. Kants eigene Ansätze müssen dann transformiert werden zu

  1. einer empirischen Theorie, die das Erkennen erklärt;
  2. einer Erkenntnistheorie, die Ziele und Normen festsetzt aufgrund der faktischen Möglichkeiten, welche (1) aufweist;
  3. einer Methodologie wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts, die als eine rationale Heuristik aufgefasst werden sollte.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Begriffsgeschichte:

  • Jan A. Aertsen, Medieval Philosophy as Transcendental Thought. From Philip the Chancellor (ca. 1225) to Francisco Suárez, Leiden, Brill, 2012.
  • Hinrich Knittermeyer: Der Terminus transszendental in seiner historischen Entwickelung bis zu Kant. Marburg, Hamel 1920. Internet Archive

Zur Methode der Transzendentalphilosophie bei Kant:

  • Hans Albert: Kritik der reinen Erkenntnislehre. Tübingen 1987.
  • Ernst Cassirer: Determinismus und Indeterminismus in der modernen Physik. Historische und systematische Studien zum Kausalproblem. Hamburg 2004.
  • Karl R. Popper: Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Tübingen 1994.
  • Wolfgang Röd: Dialektische Philosophie der Neuzeit. Bd. 1. München 1974, S. 30 ff.

Zum Charakter und zur Brauchbarkeit sog. transzendentaler Argumente:

  • Roderick Chisholm: What is a Transcendental Argument?. In: Neue Hefte für Philosophie. Nr. 14, 1978.
  • Moltke S. Gram: Do Transcendental Arguments have a Future?. In: Neue Hefte für Philosophie. Nr. 14, 1978.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. „Der Ausdruck ‚transzendental‘ bezeichnet genau genommen nicht die Methode der Kritischen Philosophie, sondern den Charakter der sie leitenden Fragestellung; in der Transzendentalphilosophie wird nach Bedingungen gefragt, unter denen sich die objektive Gültigkeit von Begriffen und Sätzen a priori als möglich begreifen lässt.“ (Wolfgang Röd: Die Philosophie der Neuzeit 3. Teil 1: Kritische Philosophie von Kant bis Schopenhauer. München 2006, S. 33)
  2. Kant, Ausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900ff, AA III, 43 / KrV B 25.
  3. Karl R. Popper: Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. S. 7.
  4. Hans Albert: Kritik der reinen Erkenntnislehre. Mohr, Tübingen 1987, ISBN 3-16-945229-0, S. 29.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]