Publius Herennius Dexippus

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Publius Herennius Dexippus (meist Dexippos genannt; * um 210; † um 275) war ein antiker griechischsprachiger römischer Politiker und Geschichtsschreiber des 3. Jahrhunderts. Er gilt als bedeutender Historiker. Von seinen Werken sind nur wenige Fragmente erhalten.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dexippos gehörte der Oberschicht Athens an; er stammte aus dem attischen Demos Hermos.[1] Sein Vater hieß einer Inschrift zufolge Publius Herennius Ptolemaios. Dexippos hatte mehrere Geschwister, über die nichts weiter bekannt ist. Die Familie scheint nicht nur recht wohlhabend gewesen zu sein, sondern auch über gewissen politischen Einfluss verfügt zu haben. Sie besaß bereits vor der Constitutio Antoniniana das römische Bürgerrecht.

Aufgrund von Inschriften ist bekannt, dass Dexippos selbst mehrere hohe städtische Ämter bekleidet hat, wobei die genaue Chronologie unklar ist. Er war Agonothet (Kampfrichter) bei den Panathenäen, in Athen außerdem Archon basileus und schließlich Archon eponymos. Er soll sich laut der Historia Augusta im Jahr 267 als Feldherr im Kampf gegen die nach Griechenland eingefallenen Heruler ausgezeichnet haben.[2] Es ist jedoch umstritten, ob Dexippos tatsächlich an den Kämpfen teilnahm: 2014 neu publizierte Fragmente, die mutmaßlich aus seinem Werk stammen, nennen den Befehlshaber der Griechen zwar in der Tat Dexippos, bezeichnen diesen jedoch zugleich als fünfmaligen Boiotarchen. Da der Historiker Dexippos als Athener dieses Amt nicht bekleidet haben kann und zugleich ein Boiotarch namens Dexippos (Gnaeus Curtius Dexippus) durch eine Inschrift[3] bekannt ist, ist zu vermuten, dass es sich um zwei verschiedene Personen handelt, die vom Verfasser der Historia Augusta verwechselt wurden.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dexippos wird in einer von seinen Kindern gestifteten und dem Areopag genehmigten Inschrift als gelehrter Geschichtsschreiber gelobt, der durch seine historischen Schriften großen Ruhm erlangt habe.[4] Es ist bekannt, dass Dexippos drei Geschichtswerke verfasst hat, die aber nur fragmentarisch erhalten sind:

  • Eine Geschichte der Diadochenzeit in vier Büchern, die aufgrund der Aussage des Photios, dem neben zahlreichen anderen Werken auch die des Dexippos vorlagen, wohl hauptsächlich auf der verlorenen Geschichte Arrians über diesen Zeitraum basierte. Möglicherweise handelte es sich um eine Art Übungsarbeit, bevor Dexippos sich umfassenderen historischen Themen zuwandte, doch lässt sich nichts Genaueres sagen.[5]
  • Eine universalhistorische Chronik in 12 Büchern. Von dem Werk sind nur relativ wenige Fragmente erhalten. Sie reichte von der mythischen Zeit bis ca. 270 und wurde von Eunapios von Sardes bis 404 fortgesetzt. Warum Dexippos diesen Zeitraum wählte ist unbekannt. Es ist in der Forschung umstritten, ob es sich um ein vollwertiges Geschichtswerk,[6] oder doch eher um eine rein chronologische, knappe Geschichtserzählung gehandelt hat. In der neueren Forschung wird es für wahrscheinlich gehalten, dass die Chronik eine Mischform darstellte. Anhand der erhaltenen Fragmente ist ersichtlich, dass sich Dexippos um eine chronologische Genauigkeit bemüht hat. Geschichtliche Ereignisse der Frühzeit wurden eher zusammenfassend wiedergegeben, während spätere Ereignisse detaillierter beschrieben wurden. Außerdem scheint er Kritik an vorangegangenen Geschichtsschreibern sowie kurze Exkurse eingebaut zu haben.[7]
  • Eine als Skythika betitelte Darstellung der Germanenkriege seiner Zeit. Der Titel ergibt sich aus den klassischen ethnographischen Vorstellungen griechischer Geschichtsschreiber. Demnach wurden unter den Oberbegriff Skythai („Skythen“) fremde Völker im Schwarzmeerraum zusammengefasst. Wenigstens die Skythika verfasste Dexippos wohl erst im hohen Alter. Das Werk deckte vermutlich etwa den Zeitraum von 238 bis ca. 274 ab. Beide Angaben werden aus den Fragmenten erschlossen, doch sind diese nicht absolut verlässlich, da der Beginn auf einer Aussage in der oft recht unzuverlässigen Historia Augusta beruht, während für das Ende nur Schätzungen (wohl nach 271) möglich sind.[8] Es handelte sich hierbei jedenfalls um eine umfassende Darstellung, einschließlich Reden und Exkurse. Für 238 als Anfangspunkt könnte daneben sprechen, dass mit diesem Jahr der Bericht Herodians endete.

Dexippos orientierte sich stilistisch stark an Thukydides (von Photios wurde er sogar als „zweiter Thukydides“ gerühmt) und wählte für seine Chronik ein annalistisches Gliederungsprinzip, was etwa von Eunapios kritisiert wurde. Dexippos konzentrierte sich offenbar vor allem auf die griechischsprachige Welt des Ostens und schenkte den Ereignissen im Westen weniger Beachtung. Er bietet insgesamt zuverlässige Informationen, wenngleich sein klassizistischer Ansatz bisweilen den Blick auf das Geschehen versperrt. In den zeitgeschichtlichen Skythika bot Dexippos ausführliche Schilderungen seiner Zeit, ebenfalls hauptsächlich konzentriert auf den griechischen Osten, wo die von Dexippos klassizistisch als Skythai bezeichneten Germanen in das römische Reich einfielen. Wahrscheinlich wollte Dexippos die erfolgreichen lokalen Abwehrbemühungen hervorheben, waren seine Werke doch auch für ein griechisches Publikum bestimmt. Allerdings behandelte er teils auch Abwehrerfolge der Römer im Westen.

Für die quellenarme Zeit des dritten Jahrhunderts sind selbst die Fragmente von hohem Wert. Wäre das gesamte Werk erhalten geblieben, verfügte man vermutlich über eine hervorragende Quelle, um Licht in das Dunkel zu bringen, das heute die so genannte Reichskrise des 3. Jahrhunderts umgibt. So sind von anderen Geschichtsschreibern dieser Zeit oft nur die Namen bekannt, wie im Fall des Nikostratos von Trapezunt und des jüngeren Ephoros von Kyme, während von den Werken des Eusebios und des Philostratos von Athen einige wenige Fragmente erhalten sind.

Eunapios schloss mit seinem Geschichtswerk im frühen 5. Jahrhundert ausdrücklich an das Werk des Dexippos an, was die Popularität des Textes bezeugt. Dexippos diente zudem mehreren späteren Geschichtsschreibern (direkt oder über eine Zwischenquelle) als wichtige Quelle. Unter anderem verwendete der um 500 schreibende Zosimos Dexippos für den Anfang seiner Historia Nea. Der anonyme Verfasser der spätantiken Historia Augusta scheint ebenfalls die Werke von Dexippos benutzt zu haben; vielleicht benutzte er aber auch nur die Chronik bzw. eine vermittelnde Zwischenquelle.[9] Noch der byzantinische Chronist Georgios Synkellos im späten 8./frühen 9. Jahrhundert zitierte Dexippos, desgleichen Johannes Zonaras.

In der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien wurden vor wenigen Jahren im Rahmen des Projekts Wichtige Textzeugen in Wiener griechischen Palimpsesten in der unteren Textschicht der palimpsestierten Blätter 192r–195v des Wiener Codex Hist. gr. 73 neue, relativ umfangreiche Fragmente entdeckt.[10] Diese Fragmente sind nun bekannt unter der Bezeichnung Scythica Vindobonensia und werden den Skythika des Dexippos zugerechnet. Sie sollen im Rahmen eines Forschungsprojekts lesbar gemacht, ediert und genauer untersucht werden.[11]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(jeweils noch ohne Berücksichtigung der Scythica Vindobonensia)[12]

  • Die Fragmente der griechischen Historiker, Nr. 100 bzw. Brill’s New Jacoby, Nr. 100 (mit englischer Übersetzung und Kommentar)
  • Gunther Martin: Dexipp von Athen. Edition, Übersetzung und begleitende Studien. Tübingen 2006 (mit neuer Zählung der Fragmente).
  • Laura Mecella: Dexippo di Athene. Rom 2013.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hartwin Brandt: Dexipp und die Geschichtsschreibung des 3. Jh. n. Chr. In: Martin Zimmermann (Hrsg.): Geschichtsschreibung und politischer Wandel im 3. Jh. n. Chr. Stuttgart 1999, ISBN 3-515-07457-0, S. 169–182.
  • Pawel Janiszewski: The Missing Link. Greek Pagan Historiography in the Second Half of the Third Century and in the Fourth Century AD. Warszawa 2006.
  • Gunther Martin, Jana Grusková: "Dexippus Vindobonensis" (?). Ein neues Handschriftenfragment zum sog. Herulereinfall der Jahre 267/268. In: Wiener Studien 127, 2014, S. 101–120.
  • Jana Grusková, Gunther Martin: Ein neues Textstück aus den „Scythica Vindobonensia“. Zu den Ereignissen nach der Eroberung von Philippopolis. In: Tyche 29, 2014, S. 29–43.
  • Fergus Millar: P. Herennius Dexippus. The Greek World and the Third Century Invasions. In: The Journal of Roman Studies 59, 1969, S. 12–29.
  • Eduard Schwartz: Dexippos 5. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band V,1, Stuttgart 1903, Sp. 288–293 (auch abgedruckt in Eduard Schwartz: Griechische Geschichtsschreiber. Leipzig 1957, S. 282ff.).
  • Franz Joseph Stein: Dexippus et Herodianus. Rerum scriptores quatenus Thucydidem secuti sint. Bonn 1957.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Grundlegend zu Dexippos ist Gunther Martin: Dexipp von Athen. Edition, Übersetzung und begleitende Studien. Tübingen 2006; zur Familie und seinem Leben siehe dort S. 25ff. Vgl. allgemein Millar, Dexippus sowie Schwartz, Dexippos.
  2. Dexippos, Fragment 28; vgl. zum Angriff auch Zosimos 1,39.
  3. Inscriptiones Graecae VIII, 3426.
  4. Inscriptiones Graecae II, 3669.
  5. Vgl. Martin, Dexipp von Athen, S. 152–154.
  6. Brandt, Dexipp, S. 174.
  7. Martin, Dexipp von Athen, S. 155ff.
  8. Martin, Dexipp von Athen, S. 161f.
  9. Vgl. Brandt, Dexipp, S. 175.
  10. Vgl. knapp Daniel Carlo Pangerl: Neues vom Krieg der Römer gegen die Goten. In: Damals 10, 2015, S. 45f. sowie vor allem die neuen diesbezüglichen Publikationen.
  11. Forschungsprojekt Scythica Vindobonensia
  12. Siehe dazu Gunther Martin, Jana Grusková: "Dexippus Vindobonensis" (?). Ein neues Handschriftenfragment zum sog. Herulereinfall der Jahre 267/268. In: Wiener Studien 127, 2014, S. 101–120; Jana Grusková, Gunther Martin: Ein neues Textstück aus den „Scythica Vindobonensia“. Zu den Ereignissen nach der Eroberung von Philippopolis. In: Tyche 29, 2014, S. 29–43.