Ramapithecus

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Ramapithecus
Zeitliches Auftreten
Miozän
14 bis 8 Mio. Jahre
Fundorte
Systematik
Unterordnung: Trockennasenprimaten (Haplorrhini)
Teilordnung: Affen (Anthropoidea)
Altweltaffen (Catarrhini)
Überfamilie: Menschenartige (Hominoidea)
Familie: Menschenaffen (Hominidae)
Gattung: Ramapithecus
Wissenschaftlicher Name
Ramapithecus
Lewis, 1934

Ramapithecus ist eine ausgestorbene Gattung der Primaten aus der Familie der Menschenaffen (Hominiden). Teile eines Oberkieferknochens und einige Zähne wurden 1932 von George Edward Lewis bei Haritalyangar, im indischen Bereich der Siwaliks, gefunden und 1934 nach Rama, einer Figur der indischen Mythologie, Ramapithecus brevirostris genannt.[1]

Merkmale[Bearbeiten]

Die Ramapithecus zugeschriebenen Fossilien wurden auf ein Alter von 14 bis 8 Millionen Jahren datiert[2] und weisen einige Ähnlichkeiten mit dem menschlichen Gebiss auf: So sind die Kauflächen der Molaren und Prämolaren abgeflacht und weniger spitz als bei vielen Menschenaffen, die Eckzähne sind klein und stumpf, der Kiefer ist verkürzt und die Zahnbögen verlaufen angedeutet parabolisch (und nicht, wie zum Beispiel bei den rezenten Schimpansen, U-förmig).

Aufgrund der nur bruchstückhaft überlieferten Fossilien gibt es für Ramapithecus und Sivapithecus allenfalls grobe Schätzwerte für deren Hirnvolumen, denen zufolge es Dryopithecus und ähnlich großen Schimpansen entspreche, also vermutlich deutlich weniger als 400 ccm betragen hat.[3]

Stellung im Stammbaum der Menschenaffen[Bearbeiten]

Aufgrund dieser Eigenschaften wurde Ramapithecus 1961 von Elwyn L. Simons in einer vielbeachteten Studie als unmittelbarer Vorfahr der – zu Gattung Homo führenden – Hominini und als „Missing Link“ interpretiert.[4] 1965 ging Simons gemeinsam mit seinem ehemaligen Schüler David Pilbeam noch einen Schritt weiter und leitete aus der Form des Kiefers und der Zähne ab, dass Ramapithecus aufrecht gegangen sein müsse;[5] sie machten sich hierbei eine Hypothese von Charles Darwin zu eigen, der 1871 die Verkleinerung der Eckzähne als Folge des Gebrauchs von Steinwerkzeugen interpretiert hatte,[6] was wiederum eine bipede Lebensweise voraussetze.

Nachdem Pilbeam 1976 einen weiteren, intakten, aber nahezu V-förmigen Kiefer von Ramapithecus entdeckt hatte, zeigte sich jedoch, dass die Kieferfragmente der ersten Fossilien ungenau rekonstruiert worden waren und die Gattung keineswegs ein direkter Menschenvorfahr war.[7] Der Status von Ramapithecus ist daher heute umstritten: Vielleicht ist die Gattung sogar identisch mit Sivapithecus; einige Forscher deuten Ramapithecus als die weibliche Form von Sivapithecus.[2] Sollten Sivapithecus männliche und Ramapithecus weibliche Individuen der gleichen Art repräsentieren, hätte die Gattungsbezeichnung Sivapithecus Vorrang, da sie bereits 1910 von Guy Ellcock Pilgrim (1875–1943) benannt worden war.[8]

Da nach der Benennung von Ramapithecus brevirostris erkannt wurde, dass ein bereits 1915 von Guy Ellcock Pilgrim als Dryopithecus punjabicus benanntes Oberkieferfragment eher zur Gattung Ramapithecus als zur Gattung Dryopithecus gehört und mit den Ramapithecus brevirostris genannten Fossilien nahezu identisch ist, wurde die Art Ramapithecus brevirostris entsprechend den Regeln der Taxonomie umbenannt in Ramapithecus punjabicus. Als Folge der umstrittenen Zuordnung zu Sivapithecus werden die Fossilien daher in einem Teil der Fachpublikationen heute auch als Sivapithecus punjabicus bezeichnet.[9]

Ebenfalls umstritten ist die Stellung dieser Gattung im Stammbaum der Menschenaffen: Manche Forscher betrachten sie als Vorfahr der heute lebenden Menschenaffen (Hominidae), andere als deren Schwestertaxon. Wieder andere – wie etwa Richard Leakey[10] – stellen sie in die Nähe der Orang-Utans; demnach wäre sie erst nach der Aufteilung der Menschenaffen in eine asiatische (Orang-Utan) und eine afrikanische Linie (Gorillas, Schimpansen und Menschen) anzusiedeln. Klarheit über Ramapithecus werden wohl erst zusätzliche Funde bringen.

G. Edward Lewis hatte sie 1934 der damals gebräuchlichen Familie Simiidae, ergänzt um den Vermerk: „Hominidae?“, zugeordnet. Lewis (* 1908) war damals noch Student der Geologie an der Yale University; später war er als Spezialist für Wirbeltiere bei der United States Geological Survey beschäftigt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Roger Lewin: Rama's Ape. Kapitel 5 und 6 in: (ders.): Bones of Contention. Controversies in the Search for Human Origins. Touchstone 1988, S. 85–127, ISBN 0-671-66837-4

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. G. Edward Lewis: Preliminary notice of new man-like apes from India. In: American Journal of Science. Serie 5, Band 27, 1934, S. 161–181; doi:10.2475/ajs.s5-27.159.161
  2. a b Fiorenzo Facchini: Die Ursprünge der Menschheit. Konrad Theiss Verlag, 2006, S. 63
  3. David Begun: Planat of Live. Apes. In: Scientific american. August 2003, S. 80
  4. Elwyn L. Simons: The phyletic position of Ramapithecus. In: Postilla. Band 57, 1961, S. 1–9
  5. Elwyn L. Simons, David Pilbeam: Preliminary Revision of the Dryopithecinae (Pongidae, Anthropoidea). In: Folia Primatologica. Band 3, 1965, S. 81–152, doi:10.1159/000155026
  6. Charles Darwin: The descent of man, and selection in relation to sex. Band 1, 1871, Verlag von John Murray, S. 144. Volltext – Den Zusammenhang von Bipedie und Werkzeuggebrauch hatte Darwin ebenfalls betont. (S. 142)
  7. David Pilbeam et al.: New hominoid primates from the Siwaliks of Pakistan and their bearing on hominoid evolution. In: Nature. Band 270, 1977, S. 689–695; doi:10.1038/270689a0
  8. G. E. Pilgrim: Notices of new Mammalian genera and species from the Tertieries of India-Calcutta. In: Rec. Geol. Surv. India. Band 40, 1910, S. 63–71.
  9. calphotos.berkeley.edu: diverse Abbildungen von Sivapithecus punjabicus = Ramapithecus punjabicus = Ramapithecus brevirostris
  10. Richard Leakey: The origin of humankind. Phoenix, a division of Orion Books Ltd., 1995, S. 8