Reichstag zu Worms (1521)

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Der Reichstag zu Worms des Jahres 1521 war eine von Karl V. als Reichstag einberufene Zusammenkunft des Kurfürstenrats, des Reichsfürstenrats und des Städterats. Der Reichstag wurde am 27. Januar 1521 in Worms eröffnet. Er endete mit dem Reichsabschied vom 26. Mai 1521.

Hauptthemen waren die Einsetzung eines Reichsregiments zur Verwaltung des Reichs und die für die Verteidigung wichtige Reichsmatrikelordnung, insbesondere angesichts der türkischen Bedrohung. Gleichzeitig vereinbarten Karl V. und sein Bruder Ferdinand eine Abgrenzung ihrer jeweiligen Besitzungen und legten damit den Grundstein zur Teilung des Hauses Habsburg in eine spanische und eine österreichische Linie. Im Rahmen des Reichstags – wenn auch nicht vor diesem selbst – erschien auch Martin Luther, der anschließend geächtet wurde. Mit der Einsetzung des Reichsregiments wurde weitgehend Einigkeit erzielt. So konnte der Kaiser durch ein Gremium unter Vorsitz von Ferdinand I., dem Bruder Karls V., vertreten werden. Die verabschiedete Reichsmatrikelordnung war ein Verzeichnis der Einkünfte der Territorialfürsten. Auf dieser Grundlage konnten Steuer- und Verteidigungsleistungen, etwa die Reichstürkenhilfe, festgelegt werden. Auch wurde über die Gravamina der deutschen Nation verhandelt.

Ablauf und Umfeld[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kaiser Karl V. hielt sich seit Mittwoch, dem 28. November 1520 in der Stadt auf.[1] Karl war erst am 23. Oktober 1520 im Aachener Dom durch den Kölner Erzbischof Hermann V. von Wied gekrönt worden; für Karl V. war es sein erster Reichstag als Kaiser.

Die Einquartierungen der Teilnehmer am Reichstag und ihres Gefolges waren mit Belastungen der Bürger verbunden. Der päpstliche Nuntius, Hieronymus Aleander, war tagsüber seines Lebens nicht mehr sicher, nachdem er am 13. Februar Maßnahmen gegen Martin Luther gefordert hatte. Ein gewaltsames Eingreifen des Reichsritters Franz von Sickingen schien möglich. Die Stimmung in der Wormser Bevölkerung war pro-lutherisch. Eine von Lutheranern errichtete Druckerei brachte kirchenfeindliche Werke, Schriften Ulrich von Huttens und Pamphlete unter das Volk.[2] Man nimmt an, dass mehr als 10.000 Gäste von Januar an zum Reichstag zu Worms kommen würden, 80 Fürsten, 130 Grafen, Botschafter ausländischer Könige und Herren. Sie alle hatten ihr Gefolge dabei, Räte, Geistliche, Ritter, Knechte, Spielleute, Diener, Hofnarren usw.[3] Die Stadt Worms mit ihren knapp 7.000 Einwohnern musste diese logistische Herausforderung organisieren. Die Fastenzeit wurde ignoriert, Prostitution gab es vielerorts und es wurden Stechen gepflegt. In der Stadt war „alles wüst und wild“, oft hätten drei oder vier Menschen am Tag ihr Leben eingebüßt, berichtet der Zeitzeuge Dietrich Butzbach am 7. März.[4]

Reichsregiment und Wormser Erbteilungsvertrag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Reichsregiment unter Vorsitz Ferdinands (1503–1564), des Bruders Karls V., das den Kaiser während seiner Abwesenheit vertreten sollte, wurde auf Grund der Forderung deutscher Fürsten eingesetzt, einerseits als Bedingung für seine Wahl zum Römischen König, und so musste er die erneute Einberufung des Gremiums in seiner Wahlkapitulation zugestehen. Andererseits musste er es einsetzen, weil der Kaiser auch spanischer König war und zudem über ein Reich gebot, in dem die „Sonne nie unterging“. Daher war abzusehen, dass er häufig abwesend war.

Gleichzeitig wurde zwischen Karl und Ferdinand zum ersten Mal eine Teilung der beiden Länder Spanien für Karl und Österreich für Ferdinand beschlossen (Wormser Vertrag vom 28. April 1521). Der Hausvertrag umfasste die Erbfolge in Niederösterreich und Innerösterreich zugunsten Ferdinands, in einer (vorerst geheimgehaltenen) Abmachung im Jahr darauf (Brüssel 1522) wurde das auch auf Tirol, Württemberg und die Vorlande erweitert, womit sich die habsburgische Herrschaft Österreich in ihrer weiteren Gestalt konsolidierte.[5] Der Zeitpunkt dieser Abmachung gilt auch als mögliches Datum für die Trennung der österreichischen Habsburgerlinie von den spanischen Habsburgern.[5] Die spätere Übernahme der Kaiserwürde durch die Österreicher, die (mit einer kurzen Unterbrechung) bis zum Ende des Reichs 1806 anhielt, war die Folge dieser Regelung.

Reichsmatrikelordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Reichsmatrikelordnung, ein Verzeichnis der Einkünfte der Territorien zur Festlegung ihrer Steuer- und Verteidigungsleistungen, wurde beschlossen. Sie bildete die Grundlage für die Reichstürkenhilfe.

Die Causa Lutheri (Wormser Edikt)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Januar 1519 starb Kaiser Maximilian I.; er hatte seinen Enkel, den spanischen König Karl I., als Nachfolger vorgesehen. Der Papst wollte dies verhindern, da er wegen Karls Besitztümern in Italien eine Umklammerung des Kirchenstaates fürchtete. Deshalb ließ er Luthers Prozess zunächst ruhen und beauftragte Karl von Miltitz, Kurfürst Friedrich den Weisen von Sachsen für eine friedliche Lösung in der Glaubensfrage zu gewinnen. Der römische Gesandte erreichte immerhin, dass Luther sich zum Schweigen verpflichtete.

Während der Verfahrenspause stellte Eck Thesen für ein Streitgespräch mit Luthers Wittenberger Dozentenkollegen Andreas Bodenstein (genannt Karlstadt) auf. Sie richteten sich so klar gegen Luther, dass dieser sein Schweigen brach und vom 4. bis 14. Juli 1519 persönlich an der Leipziger Disputation teilnahm. Dort spitzte Eck den Konflikt auf die Frage der Papstautorität zu; Luther wagte die These, der Papst sei erst seit 400 Jahren, dem Decretum Gratiani, das päpstliches mit kanonischem Recht gleichstellt, Führer der Christenheit.

Eck versuchte Luther als Anhänger des 100 Jahre zuvor als Häretiker verbrannten Jan Hus zu überführen; Luther warf Rom im Gegenzug die Abspaltung der Ostkirche vor. Er ordnete das Konzil von Konstanz der Autorität der Heiligen Schrift unter. Dieses hatte das Nebeneinander von drei Päpsten zwar beendet, dabei jedoch die Autoritätsfrage – Konzil oder Papst – nicht geklärt. In diesem Kontext fiel Luthers Satz: „Auch Konzile können irren.“ Damit stellte er die individuelle Gewissensfreiheit im Hören auf die Bibel über autoritative Konsensentscheidungen der Bischöfe. Dies war faktisch der Bruch mit der katholischen Kirche.

Nachdem Karl am 28. Juni 1519 zum Kaiser gewählt worden war, nahm die Kurie Luthers Häresieprozess im Frühjahr 1520 wieder auf. Nach einem weiteren ergebnislosen Verhör vor Cajetan erließ der Papst am 15. Juni 1520 die Bannandrohungsbulle Exsurge Domine. Sie verdammte 41 aus dem Zusammenhang gerissene und teilweise verdrehte Sätze Luthers ohne Begründung und Widerlegung, setzte ihm eine Frist von 60 Tagen zur Unterwerfung und drohte ihm den Kirchenbann (Ausschluss) an.[6]

1520 wurde Karl V. im Kaiserdom zu Aachen durch den Kölner Erzbischof Hermann V. von Wied zum „erwählten“ Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt. Daraufhin ernannte Papst Leo X. den apostolischen Protonotar Marino Ascanio Caracciolo zum Nuntius an dessen Hofstaat. Caracciolo war schon bei Karls Vorgänger Maximilian I. päpstlicher Gesandter gewesen und damit mit den deutschen Verhältnissen vertraut. Er begann im August 1520 seine Arbeit in Flandern und traf dort mit Raffaello de’ Medici, einem entfernten Verwandten des Papstes, zusammen. Dessen Auftrag war es gewesen, ein Jahr zuvor als außerordentlicher Bevollmächtigter von Rom aus nach Mitteleuropa zu reisen, um mit dem diplomatischen Auftrag, über eine Allianz von Leo X. mit dem Habsburgern zu verhandeln. Ursprünglich war die Kurie bestrebt, die Wahl zu verhindern. Zu diesen beiden Personen kam als Dritter Hieronymus Aleander hinzu, der seit Juni 1520 als außerordentlicher Nuntius bei Karl V. bestellt worden war, um sich der Causa Lutheri anzunehmen, also die Bannandrohungsbulle Exsurge Domine gegen Luther zu publizieren und auch die deutschen Stände zur ablehnenden Haltung Luther gegenüber einzustimmen.[7] Damit waren drei Vertreter der römischen Kurie auf dem Reichstag zu Worms, der übergeordnete war Caracciolo, nur in der Causa Lutheri war Aleander derjenige, der den Vorrang in der Verhandlung hatte. Alle drei Vertreter standen unter der Observanz Roms.

Luther auf dem Reichstag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Leipziger Disputation im Sommer 1519 trat Luther mit seinen Positionen, die er später in Schriften ausformulierte, noch deutlicher in die öffentliche Diskussion ein. Der Bruch mit dem Papsttum trat nunmehr klar hervor, ebenso die Anerkennung der Heiligen Schrift als einzige Autorität. Im Nachgang zur Disputation hatte Johannes Eck so lange nicht geruht, bis er bei der römischen Kurie eine Bannbulle gegen Luther erwirkte.

Luther auf dem Reichstag in Worms (kolorierter Holzschnitt, 1556)

So belegte Papst Leo X. am 15. Juni 1520 Martin Luther wegen dessen 95 Thesen mit einer Bannandrohungsbulle, der Exsurge Domine. In der Bulle wurde Luther aufgefordert, innerhalb von sechzig Tagen 41 der in seinen Werken vertretenen Thesen zurückzunehmen. Im Falle der Weigerung drohte Luther die Exkommunikation. Auf Anregung von Karl von Miltitz schrieb Luther eine Antwort auf die Bulle, es ist die an Hermann Mühlpfordt, den Stadtvogt von Zwickau in Sachsen, gerichtete Schrift Von der Freyheith eines Christenmenschen samt einem Sendbrief an Papst Leo X. vom Oktober 1520 (vordatiert auf September 1520). Im Dezember 1520, nachdem Luther die Bannandrohung der römischen Kurie vor dem Wittenberger Elstertor verbrannt hatte, verhängte die römische Kurie im Januar 1521 offiziell den Kirchenbann über ihn.

Der Fürsprache Friedrich der Weisen, seines Landesfürsten, und Anderen hatte es Luther zu verdanken, dass es in Worms zu einer Anhörung kam und er geladen wurde. Dies stand völlig im Einklang mit § 22 der Wahlkapitulation, nach der Luther vor Verhängung der Reichsacht durch den Kaiser angehört werden musste.[8] Beim Reichstag sollte (allerdings außerhalb der Reichsversammlung) die Causa Lutheri (Der Fall Martin Luther) behandelt werden. Luther war bereits als Häretiker verurteilt und mit dem Kirchenbann belegt worden, musste jedoch vor der daraus resultierenden Reichsacht wegen der 1519 von Karl V. beschworenen Wahlkapitulation, capitulatio caesarea, als Beschuldigter angehört werden. Nach Vorverhandlungen wurde hierfür Luther bei Zusicherung von freiem Geleit für 17. bis 18. April nach Worms zitiert.

In seinem Mandatsentwurf vom 15. Februar 1521 setzte sich Karl V. für eine sofortige Ausführung der zur Exkommunikation führenden Bannbulle vom 3. Januar 1521 Decet Romanum Pontificem ein.[9][10][11] Die Reichsstände versuchten am 19. Februar 1521 mit dem Hinweis auf eine landesweite Rebellion, dieses Vorgehen zu verhindern und drängten auf eine Anhörung Luthers auf dem Reichstag zu Worms. Bei seiner Weigerung, zu widerrufen, hätten aber alle Maßnahmen zur Ketzerbekämpfung eingeleitet werden müssen.[12] Es folgten ein intensives diplomatische Bemühen und entsprechende Verhandlungen, die am 2. März 1521 zu einem erneuten kaiserlichen Mandatsentwurf führten, der vermutlich am 6. März mit einem Beschluss endete, Luther in Worms vorzuladen. In einer Sitzung vom 19. Februar drang der Kaiser darauf, die von den Reichsständen gewünschte gemeinsame Behandlung der Gravaminathematiken und der Causa Lutheri voneinander abzutrennen.

Zuvor, am 6. März, hatte der Kaiser unter der Zusage des freien Geleits für An- und Abreise Luther ohne nähere Angaben zu Reichstag vorgeladen. Neben seinem Vorladungszugeständnis an den Landes- und Kurfürsten Friedrich dem Weisen und die übrigen Reichsstände hielt der Kaiser aber an seinem ursprünglichen Mandat gegen Luther fest. Auch betonte er in einem auf den 10. März 1521 datierten und am 26.  oder 27. März veröffentlichten Sequestrationsmandat, dass der Papst Leo X. Luthers Lehren schon verdammt habe. Darin wurde die Einziehung und Vernichtung von Luthers Büchern angeordnet und die Verbreitung bei Strafe verboten. Noch im April 1521 diskutierte der kursächsische Kanzler Gregor Brück in einem Gutachten die Ernsthaftigkeit des kaiserlichen Geleits nach der Veröffentlichung eines Sequestrationsmandates, das zur Ablieferung der Schriften Luthers an die Obrigkeit aufrief und knüpfte die Frage daran, ob Luther „kommen“ oder „auspleiben“ solle.

Einen Zwischenaufenthalt verbrachten Luther und seine Begleiter an seinem früheren Studienort Erfurt, dort begrüßten ihn im April 1521 Rubianus Crotus, Georg Sturtz, Euricius Cordus, Johann Draco und Eobanus Hessus schon vor den Toren der Stadt und geleiteten ihn zu seinem Quartier. Martin Luther blieb auf seinem Weg zum Wormser Reichstag drei Tage in Erfurt.[13][14] Man hielt u. a. in Leipzig, Frankfurt am Main und Oppenheim.[15] Ein Geleitzug aus hundert schützenden Soldaten mit Luther, drei Wittenberger Begleitern und dem Reichsherold Kaspar Sturm, der für die Sicherheit der Reisegesellschaft gesorgt hatte, traf am Dienstag, dem 16. April 1521 vormittags in der Reichsstadt ein. Die letzte Nacht der Hinreise vom 15. auf den 16. April verbrachte Luther in Oppenheim im damaligen Gasthaus Zur Kanne.[16] Luther bekam dort am Abend Besuch von Franz von Sickingen, der ihm Schutz und Sicherheit auf seiner Ebernburg bei Bad Kreuznach anbot, was Luther jedoch ablehnte.

Da Luther als Exkommunizierter nicht bei seinen Mitbrüdern im Augustinerkloster Worms wohnen konnte, wurde ihm ein Zimmer im Johanniterhof zugeteilt, wo auch die übrigen Teilnehmer der kursächsischen Delegation, aber auch der habsburgische Reichsmarschall Ulrich von Pappenheim, logierten.

Die Causa Lutheri stand nicht als wichtiger Tagesordnungspunkt auf dem Reichstag, die Reichsstände blieben von ihr offiziell nicht berührt. Im Rahmen des Reichstags, also nicht vor diesem selbst, wurde am Mittwoch und Donnerstag vom 17. bis 18. April 1521 auch Martin Luther verhört bzw. angehört. Luther war bereits als Häretiker verurteilt und mit dem Kirchenbann belegt. Vor einer sich daraus ergebenden Reichsacht war jedoch aufgrund der 1519 von Karl V. beschworenen Wahlkapitulation eine Anhörung des Beschuldigten nötig.

Die erste Begegnung zwischen Kaiser Karl V. und seinen Vertretern und dem Mönch Martin Luther fand am Mittwoch, dem 17. April gegen vier Uhr am Nachmittag statt, als Ort wurde aber nicht das Rathaus in Worms gewählt, wo der Reichstag tagte, sondern der Bischofshof, wo der Kaiser logierte.[17] Alle Beteiligten beabsichtigten, ihn abseits einer größeren Öffentlichkeit zu verhören. Mit dem Verhör vor Kaiser und Reichsfürsten beauftragt war Johann von Eck, Offizial des Erzbischofs von Trier, Richard von Greiffenklau zu Vollrads. Luther begleiteten einige Doktoren der Universität Wittenberg. Es sollte keine Disputation geben, der Angeklagte sollte lediglich seine Thesen zurücknehmen. Luther wurde gefragt, ob er die ausgelegten Schriften als seine anerkannt und die darin enthaltenen Thesen widerrufen hätte. Er bekannte sich zu seinen Schriften. Bei der Verteidigung ihres Inhalts erbat er sich aber Bedenkzeit.[18]

So kam es am folgenden Tag zu einem zweiten Termin vor dem Kaiser. Luther weigerte sich nun explizit unter Berufung auf die Bibel und sein Gewissen, der königlichen Aufforderung zu folgen, seine in seinen Büchern geäußerten Ansichten zu widerrufen. Das betraf hauptsächlich die 1520 erschienenen Bücher Von der Freiheit eines Christenmenschen, An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung und Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche. Berühmt ist seine Antwort auf die Frage Karls V. in seiner Verteidigungsrede, ob er widerrufen wolle:

„… wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“[19]

In der Literatur ist oft zu finden, dass er am Schluss dieser Erklärung gesagt haben soll: „Hier stehe ich. Gott helfe mir. Ich kann nicht anders.“ Dies ist jedoch weder von Zeitgenossen noch in den Verhandlungsprotokollen verbürgt und auch in der Forschung nicht sicher zu belegen.[20] Im Bericht des Zeitgenossen Konrad Peutinger, eines Augsburger Rats- und Kaufherrn, der in Worms bei dieser Verhandlung anwesend war, steht: „Got kum mir zu hilf.“

Kaiser Karl V. konnte dem Verhör nur mithilfe von Dolmetschern folgen. Er beschuldigte Luther mit drastischen Worten eines Irrtums, wobei er ein klassisches Totschlagargument zugrunde legte:

„… Denn es ist sicher, dass ein einzelner Mönch in seiner Meinung irrt, wenn diese gegen die der ganzen Christenheit, wie sie seit mehr als tausend Jahren gelehrt wird, steht. Deshalb bin ich fest entschlossen, an diese Sache meine Reiche und Herrschaften, mein Leib, mein Blut und meine Seele zu setzen.“

Eine weitere Konsequenz der Weigerung Luthers war die Verabschiedung des Wormser Edikts, in dem die Reichsacht über ihn verhängt wurde. Von dem päpstlichen Nuntius Hieronymus Aleander, der die Sache besonders betrieben hatte, stammte hierzu der Entwurf. Der Reichstag verhängte am 26. Mai 1521 das auf den 8. Mai rückdatierte, vom Kaiser gezeichnete Wormser Edikt über ihn.[21] Mit der Reichsacht war eine Ächtung (Fried- und Rechtloserklärung) erlassen, die sich auf das ganze Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation erstreckte und die mit dem Verbot seiner Werke und Verbreitung seiner Schriften einherging. Auf seiner Rückreise wurde Luther wiederum vom kaiserlichen Reichsherold Kaspar Sturm begleitet. In Friedberg übernachtete die Reisegruppe im Gasthaus Zum Grünberg. Neben Nikolaus von Amsdorf, einem Theologen der Universität Wittenberg, waren Hieronymus Schurff, ein Wittenberger Rechtsanwalt, der vom Kurfürst beauftragt war, Justus Jonas, ein Jurist aus Erfurt und Anwalt der Reformatoren, Johann Petzensteiner, ein Augustinermönch, Petrus Suawe, ein pommerscher Adliger und Student in Wittenberg sowie Jacob Luther (1490–1571), einer seiner Brüder dabei. Am 29. April 1521 entließ er dort Kaspar Sturm und gab ihm ein Schreiben für Karl V. mit, worin er in ausgesuchten, wohlgewogenen Worten sein Handeln auf dem Reichstag in Worms erläuterte. An die Kurfürsten, Fürsten und Stände des Reichs wiederholte er seine Argumentation und rechtfertigte seine Stellung. Ein weiteres Schreiben war für seinen Freund Spalatin bestimmt.

In der Nacht zum 5. Mai, auf dem Heimweg vom Reichstag, wurde Luther von Bewaffneten, im geheimen Auftrag seines Landesherrn, des Kurfürsten Friedrich von Sachsen, nahe Schloss Altenstein (am heutigen Lutherdenkmal) entführt und auf der Eisenacher Wartburg in Schutzhaft genommen.

Im Verlauf des Wormser Reichstages 1521 verbot Karl V. nicht nur sämtliche Schriften Martin Luthers, sondern ordnete an, dass:

„(…) kein bücher noch ander schriften, in der etwas begriffen wirdet, das den christlichen glauben wenig oder vil anrüret, zum ersten druck nicht drucke ohn wissen und willen des ordinarien desselben ortes (…) Aber ander bücher, sie seien in weltlicher facultet und begreifen, was sie wöllen, die sollten mit wissen und willen des ordinarien und ausserhalb desselben keineswegs gedruckt, verkauft, noch zu drucken oder zu verkaufen unterstanden, verschaffet noch gestattet werden, in keiner weise“

Hans J. Schütz: Verbotene Bücher. Eine Geschichte der Zensur von Homer bis Henry Miller. C.H. Beck, München 1990, S. 19 f.

Darstellung in der Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über das Ereignis Luther in Worms hat Ludwig Meinardus (1827–1896) in Zusammenarbeit mit Franz Liszt ein Oratorium geschrieben, das 1876 in Weimar uraufgeführt und im Lutherjahr 1883 in Erfurt und 1921 in Worms aufgeführt wurde.[22]

Anton von Werner, 1877

Für das heroische Verständnis von Luther war das 1877 fertiggestellte Historiengemälde von Anton von Werner einflussreich.[23]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fritz Reuter (Hrsg.): Der Reichstag zu Worms von 1521. Reichspolitik und Luthersache. Worms 1971.
  • Christoph Schulz: Luther auf dem Reichstag in Worms 1521. In: Die Pommersche Zeitung. Jg. 67, Folge 34 vom 26. August 2017, Beilage: Pommersche Heimatkirche, S. 16.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Reichstagsabschied von 1521 – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Chronik der Stadt Worms (Memento vom 2. Januar 2013 im Internet Archive) (PDF; 524 kB), abgefragt am 22. Januar 2010.
  2. Johannes Janssen: Zustände des deutschen Volkes. 1915, S. 203–204.
  3. Eva-Maria Schnurr: Vor Kaiser und Reich. 24. November 2015, www.spiegel.de, abgerufen am 4. April 2018 [1]
  4. Johannes Janssen: Zustände des deutschen Volkes. Freiburg im Breisgau 1915, S. 202.
  5. a b Erich Zöllner: Geschichte Österreichs: von den Anfängen bis zur Gegenwart. 8. Auflage. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1990, ISBN 3-486-46708-5, Das Spätmittelalter und die Habsburgische „Herrschaft zu Österreich“, S. 162.
  6. Christiane Laudage: Das Geschäft mit der Sünde. Ablass und Ablasswesen im Mittelalter. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2016, S. 264.
  7. Gerhard Müller: Causa Reformationis. Beiträge zur Reformationsgeschichte und zur Theologie Martin Luthers. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 1989, ISBN 3-579-00124-8, S. 111 f.
  8. Helga Schnabel-Schüle: Reformation. Historisch-kulturwissenschaftliches Handbuch. Metzler, Heidelberg 2017, ISBN 978-3-476-02593-7, S. 135.
  9. Bd. 2 (1896) Reichstagsakten unter Kaiser Karl V. (1519–1523), DRTA.Jr 2 (507) 509–513 Nr. 68 [2]
  10. Christiane Laudage: Das Geschäft mit der Sünde. Ablass und Ablasswesen im Mittelalter. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2016, S. 264 f.
  11. Christopher Spehr: Luther und das Konzil: zur Entwicklung eines zentralen Themas in der Reformationszeit. Bd. 153 Beiträge zur historischen Theologie, Mohr Siebeck, Tübingen 2010, ISBN 978-3-16-150474-7, S. 287 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  12. Bd. 2 (1896) Reichstagsakten unter Kaiser Karl V. (1519–1523), DRTA.Jr 2 (514) 514–517 Nr. 69 [3]
  13. Hartmut Ellrich: Luther: eine Spurensuche in Thüringen. Sutton Verlag, Erfurt 2009, ISBN 978-3-86680-523-1, S. 50.
  14. Dietmar v. d Pfordten (Hrsg.): Grosse Denker Erfurts und der Erfurter Universität. Wallstein Verlag, Göttingen 2002, ISBN 3-89244-510-9, S. 134–135.
  15. Sibylle Badstübner-Gröger, Peter Findeisen: Martin Luther. Städte, Stätten, Stationen. Eine kunstgeschichtliche Dokumentation. Koehler & Amelang, Leipzig 1983, S.  199 u. S. 203–208
  16. heute Mainzer Straße 11–13, ein Schild über der Hofeinfahrt erinnert an den Anlass
  17. Alberto Melloni (Hrsg.): Martin Luther: Christ Zwischen Reformen und Moderne (1517–2017). Walter de Gruyter, Berlin 2017, ISBN 978-3-11-049874-5, S. 337.
  18. Paul Kalkoff: Der Wormser Reichstag von 1521; biographische und quellenkritische Studien zur Reformationsgeschichte. R. Oldenbourg, München/ Berlin 1922, ia600301.us.archive.org
  19. Dt. Reichstagsakten, Jüngere Reihe, Band II, n. 80, S. 581–582.
  20. Ernst-Wolfgang Böckenförde: Geschichte der Rechts- und Staatsphilosophie. Antike und Mittelalter. Tübingen 2002, S. 375, Fußn. 7.
  21. Volkmar Joestel: Martin Luther. Rebell und Reformator. (= Biographien zur Reformation). 8. Auflage. Drei-Kastanien-Verlag, Wittenberg 2005, ISBN 3-9803358-5-2, S. 31.
  22. Dieter Nolden: Ludwig Meinardus (1827–1896). 2. Auflage. Nolden, Bielefeld 2017, ISBN 978-3-935972-14-7, S. 165.
  23. Staatsgalerie Stuttgart: Beschreibung des Bildes. Abgerufen am 9. Oktober 2018 (englisch).