Ringwallanlage Dünsberg

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Toranlage (T3) als freie Rekonstruktion eines keltischen Tangentialtores

Die Ringwallanlage Dünsberg ist ein etwa 90 Hektar großes eisenzeitliches Oppidum auf dem Dünsberg bei Gießen, das durch drei mächtige Ringwälle befestigt war. Seit 1999 finden hier regelmäßige Forschungsgrabungen durch die Römisch-Germanische Kommission und den Dünsberg-Verein Archäologie im Gleiberger Land e. V. statt. Teile der Anlage, darunter ein rekonstruiertes Tor, sind heute ein Freilichtmuseum.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dünsberg, Ringwälle und Tore

Der Dünsberg bildet mit seiner charakteristischen Silhouette und einer Höhe von 498 Meter eine deutliche Landmarke etwa zehn Kilometer nordwestlich von Gießen. Er dominiert das Lahntal und ermöglicht die Kontrolle des Zugangs zur siedlungsgünstigen Wetterau von Norden her. Die Ringwallanlage befindet sich auf der Kuppe des Berges. Auch die relativ steilen Hänge waren während der Eisenzeit besiedelt. Neben seiner strategischen besaß der Dünsberg durch Eisenerzvorkommen auch eine wirtschaftliche Bedeutung.

Forschungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits 1730 veröffentlichte Johann Georg Liebknecht ein Werk zur Geschichte Hessens, in dem erstmals die Bodendenkmäler des Dünsbergs, nebst einer Beschreibung römischer Fundmünzen, erwähnt werden:[1] „Wegen seiner alten Monumente … ist der Dünsberg in Hessen einmalig.“

Ab dem 18. Jahrhundert wurden immer öfter Metallfunde bekannt. Der ortsansässige Guts- und Waldbesitzer A. van der Hoop besaß die wohl umfangreichste Privatsammlung. Dadurch aufmerksam geworden, erfolgten erste systematische Ausgrabungen in den Jahren 1903 bis 1906 durch den Direktor des Landesmuseums Nassauischer Altertümer in Wiesbaden Emil Ritterling. Ritterling legte im Auftrag der Reichs-Limeskommission Schnitte durch die Wälle und entdeckte am Schulborn eine keltische Quellfassung aus Holz. Ritterlings Nachfolger Eduard Brenner setzte 1912 die Erforschung des Dünsbergs fort. Aber erst 1958 wurde eine erste umfassende Planskizze der Anlage durch Wolfgang Dehn vorgelegt.[2]

Weitere Befunde wurden in den 1960er und 1970er Jahren durch Baumaßnahmen aufgedeckt. 1974 untersuchte Fritz-Rudolf Herrmann vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen (LfDH) ein Areal auf der Kuppe des Berges beim Bau des Fernsehturms. Nach der Vermessung der Ringwälle durch die Fachhochschule Frankfurt 1984 bewilligte der hessische Landtag einen Sonderetat für die Erforschung der Anlage. Aber erst 1999 begann die Römisch-Germanische Kommission mit Unterstützung des eigens gegründeten Vereins Archäologie im Gleiberger Land e. V. – auch Dünsberg-Verein genannt –, unter der Leitung von Karl F. Rittershofer mit planmäßigen Forschungsgrabungen am Südhang. Diese Grabungskampagnen werden bis heute unter der Leitung von Claudia Nickel fortgeführt.

Anlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ringwall am Südhang des Dünsbergs

Die Kuppe des Dünsbergs wird von drei Ringwällen mit vorgelagerten Spitzgräben umgeben, die heute noch über zehn Meter hoch erhalten sind und einen ca. 90 ha großen Siedlungsbereich einschließen. Durch Vermessungen wurden bislang insgesamt 14 Tordurchlässe bekannt, die durchnummeriert wurden. An den steilen Hängen wurden von den Bewohnern podienartige Terrassenflächen angelegt. In der Zeit des oppidum boten diese Platz für Häuser, die aus einer mit Lehm verkleideten Holzkonstruktion bestanden.

Die drei Ringwälle bestanden vermutlich nicht zeitgleich. Jedoch ist die Abfolge der Anlage noch weitgehend ungeklärt. Befunde am Südhang weisen auf eine befestigte Ansiedlung ab dem 8. Jahrhundert v. Chr., also seit der spätbronzezeitlichen Urnenfelder-Kultur, hin. In diesen frühen Kontext wird der innere Befestigungsring gezählt. Charakteristische Brandrückstände sprechen für eine Anlage mit einer massiven Holz-Erde Mauer. Das Gros der bisherigen Funde stammt aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Diese Blütezeit ging mit einem wirtschaftlichen Aufschwung aufgrund der verstärkten Ausbeutung von Eisenerzlagerstätten am Dünsberg einher. Das Metall wurde vor Ort verhüttet und verarbeitet. Möglicherweise zählt der mittlere Ringwall in diese Phase. Aber lediglich der äußere Wall konnte anhand von Holzfunden in die Zeit um 120/100 v. Chr. dendrodatiert werden.

Innerhalb der Anlage sind keine Brunnen bekannt. Die Wasserversorgung des oppidum erfolgte über natürliche Quellaustritte, die mit Holzbecken eingefasst wurden. Zwei dieser Quelleinfassungen, der Grinchweiher und der Schulborn, wurden bereits von Ritterling ergraben. 2003 wurde der Schulborn mit modernen Methoden nachuntersucht. Datierungen an Hölzern der Quellfassung ergaben, dass die Stelle seit dem 4./3. Jahrhundert v. Chr. genutzt wurde. Nach Ausbesserungen im späten 2. Jahrhundert v. Chr. wurde die Quelleinfassung letztmals im 1. Jahrhundert v. Chr. repariert.

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Replik einer Silbermünze Typ „Tanzendes Männlein“

Über die Bewohner der Ringwallanlage und des oppidum wird in der Forschung diskutiert. Aufgrund numismatischer Untersuchungen an Fundmünzen, insbesondere der Entwicklung der Prägungen vom Typ „Tanzendes Männlein“ wird eine Wanderung der Dünsbergbevölkerung in den Kölner Raum im 3. Jahrzehnt des 1. Jahrhunderts v. Chr. angenommen.[3] Diese Migrationsbewegung korrespondiert mit der Stammesgeschichte der Ubier, sodass der Dünsberg von der Forschung als Siedlungskern der Ubier angesehen wird[4] bevor diese 19/18 v. Chr. durch Agrippa ins Rheinland umgesiedelt wurden. Diese Zuordnung ist jedoch umstritten.[5] Von den Gegnern der Ubierthese wird zudem angeführt, dass es sich bei der Anlage auf dem Dünsberg um eine typische keltische Siedlung handelt, die Ubier jedoch schon von Gaius Iulius Caesar als Germanen beschrieben wurden.[6] Bezeichnend ist jedoch, dass die Münzreihe des „Tanzenden Männleins“ um 20 v. Chr. am Dünsberg abreisst. Jüngere Prägungen finden sich jedoch bis nach der Zeitenwende mit leichten Abweichungen des Motivs und teils abnehmender Prägequalität im Rheinland, in den Lippelagern und in der Fundstelle Waldgirmes.[7]

Funde und Befunde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Problematisch bei der Bewertung der Funde vom Dünsberg ist, dass die meisten Stücke aus illegalen Sammlungen von Sondengängern stammen. Bei diesen können keine Aussagen zur Stratigraphie oder über den Befundkontext getroffen werden. So kennt der Kunsthandel einen Fibeltyp, der als „Typ Dünsberg“ in einschlägigen Katalogen zu finden ist. In regulären Ausgrabungen konnte dieser Fibeltyp bislang jedoch nicht nachgewiesen werden.

Im besonderen Fokus der neueren Grabungskampagnen stand das Tor 4 am Südhang und dessen Umfeld. Vor Tor 4 wurden teils ungeplünderte Waffendeponierungen gefunden. Zum Inventar dieser Deponierungen zählen auch Überreste von Pferden[8] sowie Goldmünzen. Dieser Befund legt die Interpretation dieser Stelle als rituellen Kultplatz mit Pferdebestattung nahe.

Der Befund einer provisorisch ausgebesserten Festungsmauer nahe bei Tor 4 und zahlreiche Funde von römischen Waffen, darunter Schleuderbleie und Geschossbolzen[9] weisen auf Kämpfe unter römischer Beteiligung in augusteischer Zeit hin. Welche Einheiten der römischen Armee hier gegen wen gekämpft haben, ist nicht bekannt. Ebenso kann der genaue Zeitpunkt der Auseinandersetzung nicht genau eingegrenzt werden. Möglicherweise gehört in diesen Kontext das Lager Dorlar oder die Fundstelle Waldgirmes.

Nachoppidumzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In römischer Zeit verlor der Dünsberg an wirtschaftlicher und strategischer Bedeutung. Er wurde nicht vom Limes eingeschlossen und lag fortan im Territorium der Chatten, die den Berg jedoch nicht nutzten. Funde am Osthang, auch Waffenfunde, deuten darauf hin, dass der Dünsberg erst ab dem 5. Jahrhundert wiederbesiedelt wurde und hier eine Fliehburg errichtet wurde.

Denkmalschutz und Fundverbleib[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ringwallanlage und das oppidum sind Bodendenkmäler im Sinne des Hessischen Denkmalschutzgesetzes. Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden sind genehmigungspflichtig, Zufallsfunde sind an die Denkmalbehörden zu melden.

Ein Teil der Funde wird im Museum KeltenKeller in Biebertal-Rodheim ausgestellt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Dehn: Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern. Bd. 1. Fulda, Rhön, Amöneburg, Gießen. 1964.
  • Werner Eck: Köln in römischer Zeit. Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum. Köln 2004, ISBN 3-7743-0357-6 (H. Stehkämper (Hrsg.): Geschichte der Stadt Köln in 13 Bänden, Bd. 1). S. 31 ff.
  • Jens Schulze-Forster: Die latènezeitlichen Funde vom Dünsberg. Marburg 2002. (Diss.)
  • Jens Schulze-Forster: Der Dünsberg bei Gießen – keltisches oppidum oder germanischer Ringwall? Neue Ergebnisse zur historischen Rolle des Dünsbergs. In: Hessen Archäologie 2002. Stuttgart 2003, S. 87.
  • Johannes Heinrichs: Ubier, Chatten, Bataver. Mittel- und Niederrhein ca. 70-1. v. Chr. anhand germanischer Münzen. In: Th. Grünewald: Kontinuität und Diskontinuität. Germania Inferior am Beginn und am Ende der römischen Herrschaft. Berlin 2003. S. 266 ff.
  • Johannes Heinrichs: Civitas ubiorum. Studien zur Geschichte der Ubier und ihres Gebiets. Stuttgart 2002.
  • Fritz-Rudolf Herrmann: Der Dünsberg bei Gießen. Archäologische Denkmäler in Hessen 60. Wiesbaden 2000.
  • Gerhard Jacobi: Die Metallfunde vom Dünsberg. Mat. Vor- u. Frühgesch. Hessen 2. Wiesbaden 1977.
  • G. Mildenberger: Die germanische Besiedlung des Dünsberges. Fundberichte Hessen 17/18, 1977/78 S. 157 ff.
  • Claudia Nickel: Der Dünsberg bei Biebertal, Kreis Gießen. Archäologische Ausgrabungen in einer keltischen Stadt. Biebertal 2006, ISBN 3-00-018809-6
  • Karl Reeh: Der Dünsberg und seine Umgebung. Forschungen zum Dünsberg 1. Montagnac 2001.
  • S. Rickhoff, Jörg Biel: Die Kelten in Deutschland. Stuttgart 2001
  • Karl-Friedrich Rittershofer: Ausgrabungen 1999 bis 2003 am keltischen Oppidum auf dem Dünsberg bei Gießen. Berichte der Römischen-Germanischen Kommission 85. 2002, S. 7–36.
  • Christoph Schlott: Zum Ende des spätlatènezeitlichen Oppidum auf dem Dünsberg. Forschungen zum Dünsberg 2. Montagnac 1999.
  • Christoph Schlott: Sonderausstellung Dünsberg. Keltenmetropole an der Lahn. ISBN 3-926617-31-4. Wetzlar 2001.
  • Christoph Schlott: Dünsberg. Keltenmetropole an der Lahn. ISBN 978-3-9809751-3-1. Usingen 2008.
  • Dörte Walter: Germanische Keramik zwischen Main und Taunuslimes. Verlag Marie Leidorf GmbH Rhaden.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ringwallanlage Dünsberg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hassiae subterraneae specimen clarissima testimonia diluvii universalis … exhibens. Cui accedit: I. Joan. Geilfusii de terra sigillata Laubacensi … II. De serratis et bigatis numis dissertatio epistolica (J. G. Liebknecht) qua antiqua Wetteravia illustratur ad locum Tac. de M. G. cap. V.- Gissae 1730
  2. Wolfgang Dehn, Bonner Jahrbücher 158, Bonn 1958, S. 64 ff.
  3. Heinrichs 2003. S. 266 ff.
  4. Eck 2004, S. 31.
  5. Karl Strobel: Wirtschaftsstrukturen zwischen Maas und Rhein in römischer Zeit: Das Werden eines zentralen europäischen Wirtschaftsraumes 50 v. bis 500 n. Chr. In: Franz Irsigler: Zwischen Maas und Rhein: Beziehungen, Begegnungen und Konflikte in einem europäischen Kernraum, Verlag Kliomedia, Trier 2006, S. 82.
  6. Caesar, de bello Gallico 4, 3.
  7. Eck 2004, S. 49 ff.
  8. Gefunden wurden bislang nur Pferdezähne. In dem sauren Boden ist eine Erhaltung anderer Knochen nicht möglich.
  9. Jacobi 1977.

Koordinaten: 50° 39′ 2,2″ N, 8° 34′ 50″ O