Ruderal-Hanf

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Ruderal-Hanf
Ruderal-Hanf (Cannabis ruderalis)

Ruderal-Hanf (Cannabis ruderalis)

Systematik
Rosiden
Eurosiden I
Ordnung: Rosenartige (Rosales)
Familie: Hanfgewächse (Cannabaceae)
Gattung: Hanf (Cannabis)
Art: Ruderal-Hanf
Wissenschaftlicher Name
Cannabis ruderalis
Janisch.

Der Ruderal-Hanf ist eine Pflanzenart Cannabis ruderalis oder Varietät Cannabis sativa var. spontanea aus der Gattung Hanf (Cannabis) innerhalb der Familie der Hanfgewächse (Cannabaceae).

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Cannabis ruderalis ist eine krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 1, in Ausnahmefällen von maximal 2 Metern erreicht.[1][2]

In ihren Merkmalen überlappt diese Form mit anderen Sippen der formenreichen Gattung Cannabis. Zur Unterscheidung von Cannabis sativa und Cannabis indica wird eine Kombination folgender Merkmale angegeben[2][3]: Pflanze aufrecht wachsend, unverzweigt oder an der Basis wenig verzweigt; Laubblätter relativ kurz, in sieben oder weniger Blättchen geteilt, die zentralen Blättchen lanzettlich, weder besonders schmal noch auffallend breit im Verhältnis zur Länge. Die Achänen sind klein und braun gefärbt, oft an der Basis abgeschnürt, ihre äußere Hülle, die erhalten bleibende Blütenhülle, ist grünlich gefärbt mit brauner Fleckung oder Musterung. Die Früchte werden bei Fruchtreife nach und nach abgeworfen (Abszission), dazu ist ein besonderes Trenngewebe ausgebildet.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 20.

Photoperiodismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Hauptunterschied, der zwischen Cannabis ruderalis und Cannabis sativa und Cannabis indica besteht, ist der Blühzyklus, der nicht durch Photoperiodismus, wie bei indica und sativa induziert wird, sondern durch chronologische Reifung,[4] so dass ruderalis-Pflanzen in der Regel nach 21 bis 30 Tage zu blühen beginnen, und das unabhängig vom Lichtzyklus. Die Reifung der Blüte und Samen ist nach etwa sieben Wochen abgeschlossen.[5]

Inhaltsstoffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sie enthalten vergleichsweise wenig Tetrahydrocannabinol.[4][6]

Systematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Cannabis-Arten Cannabis sativa, Cannabis indica und Cannabis ruderalis

Die Existenz und genaue Einordnung in der Gattung Cannabis wird kontrovers diskutiert. Die Frage, ob der Ruderal-Hanf eine eigene Art oder eine Unterart oder vielmehr eine Varietät von Cannabis sativa ist, konnte auch durch genetische Analysen nicht beantwortet werden.[7][4][8][9] Das Epitheton ruderalis stammt aus (von lateinisch rudus ‚Schutt‘); eine Ruderalvegetation ist eine solche, die in einer Umgebung wächst, die von Menschen bewohnt und verändert wird.

Der Ruderal-Hanf wird oft als Varietät von Cannabis sativa Cannabis sativa var. spontanea Vav. aufgefasst.

Der russische Botaniker Dmitri Janischewski beschrieb 1924 Cannabis ruderalis als dritte Art der Gattung Cannabis, eine Einordnung, die von allen sowjetischen Botanikern geteilt wurde. Sowjetischen Studien zufolge stammt Cannabis aus dem asiatischen Bereich Russlands. Ein Großteil der entsprechenden sowjetischen Literatur wurde jedoch nicht ins Englische übersetzt. Janischewski beschrieb, dass Samen von Cannabis ruderalis durch Feuerwanzen (Pyrrhocoris apterus) zur Nahrungssuche aufgesucht und dabei verschleppt werden, wodurch ihre natürliche Ausbreitung sichergestellt sein könnte.[10]

Janischewskis Entdeckung fand im Zuge eines von den 1920 bis in die 1930er Jahre reichenden sowjetischen Agrarforschungsprogrammes unter Leitung von Nikolai Wawilow statt. Wawilow führte eine große Reihe von Expeditionen auf mehreren Kontinenten, die dem Sammeln von Informationen dienten, die zur Identifizierung und dem Verständnis von Regionen mit großer Artenvielfalt beigetragen sollten.[9]

Die Anerkennung von Cannabis ruderalis als Art wird nicht durch chemotaxonomische Beweise untermauert, zwischen Exemplaren aus Zentralasien und Osteuropa konnten keine signifikanten Unterschiede gefunden werden. Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit Wawilows Interpretation, Cannabis ruderalis sei gleichbedeutend mit Cannabis sativa var. spontanea Vav.[11]

Vorkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Gegensatz zu den vor allem als Kulturpflanzen bedeutsamen Cannabis sativa und Cannabis indica ist der Ruderal-Hanf eine Wildpflanze, die selbst nicht kultiviert wird. Allerdings haben alle Sippen der Gattung Cannabis zahlreiche Wildmerkmale bewahrt, Landrassen gelten als nur halbdomestiziert und können verwildern. Dazu kommt, dass die meisten Sippen voll fruchtbar untereinander kreuzbar sind, wodurch es wahrscheinlich ist, dass auch im Ursprungsareal der Kulturpflanzen deren Gene teilweise introgressiv in die wilden Populationen eingekreuzt sein könnten. Viele Botaniker nehmen daher an, dass die eigentliche Wildform heute gar nicht mehr existiert.[12]

Nach den genetischen[8] und morphologischen[2] Daten ist der Ruderal-Hanf eine Sippe Zentralasiens. Er wächst in der Region, die von den sowjetischen Botanikern als wahrscheinliche Urheimat des Kulturhanfs ausgemacht worden ist, in Zentralasien, etwa zwischen Altai und Kaspisee, in Kasachstan, im Süden Russlands und in Aserbaidschan. Allerdings sind wilde oder verwilderte Pflanzen Osteuropas morphologisch kaum zu unterscheiden.

Cannabis sativa var. spontanea gedeiht am besten auf offenen, vegetationsarmen, lockeren, dabei nährstoffreichen Böden mit ausreichender Wasserversorgung. Im natürlichen Habitat in Zentralasien wächst Ruderal-Hanf teilweise in Vertiefungen und Schluchten, in denen Kot und Dung von Huftieren zusammengeschwemmt wird und die dadurch natürlicherweise gedüngt werden. Cannabis sativa var. spontanea ist aber besonders typisch für den Rand von Lagerplätzen nomadischer Hirten, an gern als Leger aufgesuchten kleinen Gehölzen oder Abfallplätzen. Nikolai Wawilow vermutet, dass Cannabis sativa var. spontanea so möglicherweise als „Lagerfolger“ (camp follower) vom Menschen früh aus ihrer Heimat verschleppt und durch den engen Kontakt früh domestiziert worden sein könnte.[13]

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Nutzhanf, Hanf als Arzneimittel und Hanf als Rauschmittel

Ruderal-Hanf wird als Wildpflanze normalerweise selbst nicht genutzt. Die Sippe, oder ihr ähnliche aus Rückverwilderung von Kultursippen entstandene Formen, treten als Unkraut in verschiedenen Ackerkulturen auf.

Bei der Produktion von Hanfsamen zur Drogengewinnung machen sich Züchter die chronologische Reifung des Ruderal-Hanfes zunutze. Der Ruderal-Hanf wird mit bekannten und hochpotenten Sorten von Cannabis sativa und/oder C. indica gekreuzt. Die dadurch entstandenen neuen Sorten sind zwar etwas weniger ertragreich, beginnen jedoch nach rund vier Wochen automatisch zu blühen, was beim Eigenanbau eine durchaus erwünschte Eigenschaft ist. Die Samen dieser Pflanzen werden unter dem Begriff "autoflowering" ("automatisch blühend") vermarktet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ruderal-Hanf (Cannabis ruderalis) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Martin Booth: Cannabis: A History. 2005, S. 3, Wuchshöhe in der Google-Buchsuche
  2. a b c Karl W. Hillig, 2005: A multivariate analysis of phenotypic variation in Cannabis. Chapter 3 in Karl W. Hillig: A Systematic Investigation in Cannabis. Thesis for the degree Doctor of Philosophy in the Department of Biology, Indiana University, March 2005. doi:10.13140/RG.2.1.2648.3680.
  3. Richard Evans Schultes, William M. Klein, Timothy Plowman, Tom E. Lockwood: Cannabis: an example of taxonomic neglect. In: Botanical Museum Leaflets, Harvard University, Volume 23, Issue 9, 1974, S. 337-367. JSTOR 41762285
  4. a b c D. Gloss: An Overview of Products and Bias in Research. In: Neurotherapeutics : the journal of the American Society for Experimental NeuroTherapeutics. Band 12, Nummer 4, Oktober 2015, S. 731–734, doi:10.1007/s13311-015-0370-x, PMID 26202343, PMC 4604179 (freier Volltext).
  5. Peter Stafford: Psychedelics Encyclopedia. Ronin Publishing, 2013, ISBN 978-1-579-51169-2, S. 159.
  6. Karl W. Hillig, Paul G. Mahlberg: A chemotaxonomic analysis of cannabinoid variation in Cannabis (Cannabaceae). In: American Journal of Botany, Volume 91, Issue 6, 2004, S. 966-975. doi:10.3732/ajb.91.6.966
  7. Andrei Oisteanu: Rauschgift in der rumänischen Kultur: Geschichte, Religion und Literatur. 2013, S. 49, (PDF).
  8. a b Karl W. Hillig: Genetic evidence for speciation in Cannabis (Cannabaceae). In: Genetic Resources and Crop Evolution. Volume 52, 2005, S. 161, doi:10.1007/s10722-003-4452-y.
  9. a b R. C. Clark, M. D. Merlin: Cannabis - Evolution and Ethnobotany. In: University of California Press. 2013, ISBN 9780520270480 PDF
  10. Janischewski, zit nach N.I. Vavilov: Origin and Geography of Cultivated Plants. Cambridge University Press, 2009 ISBN 9780521111591 translated from Russion by Doris Love. auf S.110
  11. K. W. Hillig, P. G. Mahlberg: A chemotaxonomic Analysis of Canabinoid Variation in Cannabis (Cannabaceae). In: American Journal of Botany. Band 91, 2004, S. 966–975. PDF
  12. Ernest Small: Evolution and Classification of Cannabis sativa (Marijuana, Hemp) in Relation to Human Utilization. In: The Botanical Review. Volume 81, 2015, S. 189, doi:10.1007/s12229-015-9157-3.
  13. N. I. Vavilov: Origin and Geography of Cultivated Plants. Cambridge University Press, 2009 ISBN 9780521111591 translated from Russion by Doris Love. auf S.116