Salman Ansari

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Salman Ansari (* 1941 in Badaun, Indien) ist ein deutscher Naturwissenschaftler, Lehrer und Autor.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ansari wurde 1941 in Indien geboren und musste 1955 mit seiner Familie nach Lahore in Pakistan fliehen. Ansari kam 1958 nach Deutschland, er studierte ab 1962 in Karlsruhe und an der TU Darmstadt Chemie. 1974 wurde er Lehrer an der Odenwaldschule.

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ansari studierte zunächst Chemie und promovierte darin, aber er wandte sich schnell auch der deutschen Literatur zu. Er arbeitete von 1964–1969 als Tutor für Gegenwartsliteratur im Rahmen des Tutorenprogramms der Universität Karlsruhe. Er veröffentlichte Besprechungen und Texte in diversen Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und gestaltete Hörfunkbeiträge für den Süddeutschen Rundfunk. Ansari lernte in dieser Zeit den Büchnerpreisträger Wolfgang Hildesheimer kennen. 1996 gab er Hildesheimers Schule des Sehens heraus.[1] 2016 veröffentlichte Ansari bei Marion Bergmanns Diotima-Verlag eine literarische Autobiografie Willkommen in Germany. die seine widersprüchliche Einwurzelung in Deutschland beschreibt.[2]

Ansaris intellektueller Schwerpunkt liegt im Formulieren eines einfachen, kindorientierten Konzepts des Lernens, vor allem für das Begreifen von Natur-Phänomenen. Er lehnt komplexe Vermittlungsversuche etwa über abstrakte Experimente oder Kinderuniversitäten ab. Stattdessen setzt er auf die Neugier des Kindes und dessen Fähigkeit zu staunen. „Ansaris Stärke ist es, dass er eine Menge konkreter Vorschläge macht, wie Erwachsene den Kindern helfen können, die Welt zu entdecken. In seinen 'Forscherdialogen' lässt er Vogelnester bauen und Messbecher füllen, Maisfladen backen und Herbstblätter verbuddeln.“[3] Kinder seien von sich aus natürliche Erforscher, die Belehrungspädagogik verstelle Kindern ihren ungestörten, auch eigensinnigen Blick auf Natur. Ansari bestärkt die kleinen Forscher in ihrem Motto: „Die Kleenen wollen allet alleene machen“. Er sagt: „Das Problem des Unterrichts ist, dass die Lehrer recht haben.“[4]

Ansari entwickelte in Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten eine Reihe von naturwissenschaftlich-pädagogischen Projekten, etwa dem „ungefächerten naturwissenschaftlichen Unterricht in der Sekundarstufe I“[5] oder der „Professionalisierung des Lehrerhandelns im Sachunterricht“,[6] beides für das renommierte Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik. An der Odenwaldschule entwickelte Ansari das Projekt „Verbindung allgemeinen und beruflichen Lernens: Reifeprüfung und Chemisch-Technischer Assistent“.[7]

Auch nach seiner Zeit an dem berühmten Landerziehungsheim, das seit seiner Gründung durch Paul Geheeb als Versuchsschule für neues Lernen galt,[8] widmete sich Salman Ansari dem kindnahen Lernen. Er schrieb 2009 die Schule des Staunens[9] und 2013 Rettet die Neugier,[10] das in der vierten Auflage erscheint. In einem Langzeitprojekt berät er die multikulturellen Kindergärten Offenbachs bei der Einführung eines von Sprache und Neugier getragenen Modells des gemeinsamen Erforschens von Alltagserlebnissen.[11] Ansari scheute auch die Konfrontation nicht. Er schimpft über die Akademisierung der Kindheit und kritisiert das verkopfte Prinzip des „Haus der Kleinen Forscher“[12] , mit dem die Bundesregierung alle deutschen Kindergärten zu Forscherzentren machen will. Auch das Konzept der Kinderuniversität attackierte Ansari.[13]

Odenwaldschule[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ansari entwickelte sein Lernkonzept an und gegen die Odenwaldschule, wo er von 1974 bis 2005 als Lehrer arbeitete. Er war von Schulleiter Gerold Becker an die Schule geholt worden. Er merkte schnell, dass seine eigene Qualifikation als wissenschaftlicher Chemiker nichts mit dem Lernen von Kindern zu tun hatte. Ansari versagte sich gleichzeitig der fachlich anspruchslosen Beziehungspädagogik Beckers und monierte die „familienähnliche Struktur des Zusammenlebens von Lehrern und Schülern, die so genannte OSO-Familie“.[14] Ansari bestand an der damaligen reformpädagogischen Vorzeigeanstalt darauf, echte Noten zu geben und Kinder auch zu fordern.[15]

Salman Ansari gehörte an der Odenwaldschule zu einer Gruppe von Lehrern, die gegen den später als pädosexuell enttarnten Schulleiter Gerold Becker protestierten. Er unterstützte diese Gruppe und stellte Mitte der 1970er Jahre den Antrag, Becker wegen pädagogischer Unfähigkeit und Distanzlosigkeit zu Jugendlichen zu entlassen. Der Antrag wurde vom Trägerverein der Schule zurückgewiesen.[16] Ein Teil der Lehrer verließ damals die Schule, Ansari blieb und übte anhaltend Kritik an Gerold Becker – ohne zu wissen, dass Becker pädophil war und sexuelle Gewalt ausübte. „Ich habe natürlich gewusst, dass dieser Schulleiter keine Distanz zu Jugendlichen hat, aber dass er Kinder sexuell missbrauchen könne, das konnte ich mir schlicht nicht vorstellen.“[17] Als ehemalige Schüler Gerold Becker des langjährigen sexuellen Missbrauchs bezichtigten, stellte sich Ansari als einziger Lehrer bedingungslos auf die Seite der Überlebenden.[18] Ansari wurde deswegen von der Lehrerschaft der Schule als Judas und Verräter beschimpft.[19] Ansari sieht in der Distanzlosigkeit und unkritischen Poetisierung der Reformpädagogik eine der Ursachen für die endemische sexualisierte Gewalt an der Odenwaldschule.[20]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Hildesheimer: Schule des Sehens. Herausgegeben von Salman Ansari. 2. Auflage. Insel, Frankfurt 1997, ISBN 3-458-16805-2.
  2. Salman Ansari: Willkommen in Germany: Novelle. Diotima Verlag, Wuppertal 2016, ISBN 978-3-945315-07-1.
  3. Dietmar Pieper: Pädagogik-Ratgeber: Lasst die Kinder kleckern. In: Spiegel Online. 12. Juni 2013.
  4. Die Kleenen wollen allet alleene machen. In: Die Tageszeitung. 1. Dezember 2010, abgerufen am 9. März 2016.
  5. Win Future – Ein Bildungsnetzwerk [1]
  6. Professionalisierung des Lehrerhandelns in der Grundschule: [2] IPN Uni Kiel, 2000–2004.
  7. Gerald Heidegger, Heinz Hug: Abitur und Technischer Assistent. Bedingungen und Erfahrungen in hessischen Modellversuchen zur Doppelqualifikation. (= Schriftenreihe der Wissenschaftlichen Begleitung "Modellversuche Sekundarstufe II in Hessen". 13). Kassel 1983, ISBN 3-88122-150-6.
  8. u.a. Martin Näf: Paul und Edith Geheeb-Cassirer. Gründer der Odenwaldschule und der Ecole d'Humanité. Deutsche, internationale und schweizerische Reformpädagogik 1910–1961. Weinheim 2006, ISBN 3-407-32071-X.
  9. Salman Ansari: Schule des Staunens. Lernen und Forschen mit Kindern. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-8274-2061-9.
  10. Salman Ansari: Rettet die Neugier! Gegen die Akademisierung der Kindheit. Fischer-Krüger Verlag, Frankfurt 2013, ISBN 978-3-8105-0192-9.
  11. Bildung Offenbach: Wie Kinder lernen: Gemeinsame Grundlagen wirksamer Förderung in Kita und Grundschule. Lernen vor Ort, Offenbach 2013.
  12. Salman Ansari: Im freien Spiel die Welt begreifen: 'Haus der kleinen Forscher' als Irrweg. In: Tagesspiegel. 5. September 2013.
  13. Salman Ansari: Kinder brauchen keine Kinder-Uni. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 22. März 2015.
  14. Jeannette Otto: Eine dunkle Ecke. In: Die Zeit. Nr. 19/2014, abgerufen am 11. März 2016.
  15. Martin Spiewak: Einer sagte, wie es war. In: Die Zeit. 6. Oktober 2011.
  16. Christian Füller: Sündenfall: Wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte. DuMont Buchverlag, Köln 2011, ISBN 978-3-8321-9634-9, S. 116ff, S. 219ff.
  17. Ulrike Timm: Das waren lauter Märchen. In: Deutschlandradio Kultur. 30. März 2011.
  18. Jörg Schindler: Der Lack ist ab. In: Frankfurter Rundschau. 17. November 1999; Martin Spiewak: Einer sagte, wie es war. In: Die Zeit. 6. Oktober 2011. Jörg Schindler und Steven Geyer: "Die Schutzmauer". In: Mitteldeutsche Zeitung vom 12. März 2010.
  19. Christian Füller: Eine Bedürfnisbefriedigungsanstalt. In: Die Tageszeitung. 11. Juli 2010; Matthias Bartsch, Markus Verbeet: Die Wurzeln des Missbrauchs. In: Der Spiegel. 19. Juli 2010.
  20. Jeannette Otto: Eine dunkle Ecke. In: Die Zeit. Nr. 19/2014.