Schwarzer Stein (Mekka)

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Frontalaufnahme des Schwarzen Steins, 2013
Originalunterschrift: "Der Schwarze Stein, Vorder- und Seitenansicht", William Muir: The Life of Mahomet and History of Islam. London, 1856–61. Online-Version (englisch)
Zeichnung der 8 Teile des Schwarzen Steins, die Sheikh Mohammed Taher Al-Kurdi 1956 angefertigt hat.
Eine alte goldene Umrandung, die ursprünglich den Schwarzen Stein umgab, ausgestellt im Topkapı-Palast, Istanbul.
Muslimische Pilger, die sich um den Schwarzen Stein drängen, um ihn küssen oder mit der Hand berühren zu können.
Mohammed bei der Schlichtung des Streits über den Schwarzen Stein, Handschrift des Dschāmiʿ at-tawārīch, ca. 1315

Der Schwarze Stein (arabisch الحجر الأسود, DMG al-ḥaǧar al-aswad) ist ein Kultstein, der an der östlichen Ecke der Kaaba in Mekka eingemauert ist und den Anfangspunkt des Tawāf, der rituellen Umkreisung dieses Heiligtums, markiert.[1] Er wird bei den einzelnen Umkreisungen des Gebäudes durch Küssen, Berühren oder Zeigen mit der Hand verehrt.

Lage, Größe und physische Beschaffenheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Schwarze Stein ist an der östlichen Ecke der Kaaba 5 Fuß (ca. 1,5 m) über dem Boden in die Mauer eingelassen und befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Tür der Kaaba. Er ist in drei große Stücke und zahlreiche kleinere Fragmente zerbrochen und wird heute durch eine Silbereinfassung zusammengehalten. Er hat eine rötlich-schwarze Färbung und ist mit roten und gelben Partikeln durchsetzt. Sein Durchmesser beträgt ca. 25 Zentimeter.[2] Nach einer Mitte des 19. Jh. veröffentlichten Zeichnung besitzt der Stein an einer Seite eine Vertiefung, in der sich 15 unregelmäßig angeordnete Erhebungen befinden.

Im 19. Jahrhundert wurde der Schwarze Stein als Meteorit gedeutet. Die tatsächliche Beschaffenheit ist allerdings unbekannt, da der Stein bisher nie wissenschaftlich untersucht wurde.[3] Es gibt auch Vermutungen, es könnte sich um einen Tektiten[4] oder Achat[5] handeln.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verehrung des Schwarzen Steins geht auf den altarabischen paganen Steinkult zurück. Im Zuge der Islamisierung dieses Rituals wurde dem Stein eine übernatürliche Herkunft zugeschrieben. Einige Prophetengefährten standen der Verehrung des Schwarzen Steins dagegen kritisch gegenüber, weil sie darin ein Relikt des altarabischen Heidentums sahen. So wird zum Beispiel von ʿUmar ibn al-Chattāb überliefert, dass er bei einem Aufenthalt in Mekka den Stein küsste, dann jedoch sagte: „Ich weiß, dass du ein Stein bist und weder nützen noch schaden kannst. Hätte ich nicht gesehen, wie der Gottesgesandte dich küsste, hätte ich dich nicht geküsst.“[6]

Während der Belagerung von Mekka im Oktober 683 wurde der Schwarze Stein von einem Katapultgeschoss getroffen und zerbrach in drei Stücke. Außerdem fing die Kaaba durch ein brennendes Katapultgeschoss Feuer. Hierbei soll der Schwarze Stein seine charakteristische schwarze Farbe erhalten haben. Nach dem Abzug der Belagerer ließ ʿAbdallāh ibn az-Zubair die Kaaba wieder aufbauen. Während der Bauarbeiten bewahrte ʿAbdallāh ibn az-Zubair den Stein in einer verschlossenen Truhe in seinem Haus auf. Als die Mauern bis zur Höhe, auf der vorher der Schwarze Stein angebracht war, aufgerichtet waren, kam ʿAbdallāh ibn az-Zubair und fügte den Stein selbst ein, wobei er die drei Teile mit einer Silbereinfassung zusammenfügte.[7]

Im Jahre 931 wurde der Schwarze Stein von den ismailitischen Qarmaten herausgebrochen und nach Bahrain verschleppt; erst 951 kehrte er auf Vermittlung der ebenfalls ismailitischen Fatimiden und gegen ein horrendes Lösegeld nach Mekka zurück. Es wird überliefert, dass man ihn mit Bändern aus Silber umwunden hatte, um die Risse zusammenzuhalten, die beim Herausbrechen entstanden waren,[8] allerdings könnten die genannten Silberbänder auch mit der bereits von ʿAbdallāh ibn az-Zubair angebrachten Silbereinfassung identisch sein.

Am 8. März 1023 kam es während der Haddsch-Zeremonien nach dem Freitagsgebet erneut zu einem Angriff auf den Schwarzen Stein. Nachdem der Vorbeter das Gebet beendet hatte, erhob sich ein Pilger aus Ägypten mit einem blanken Schwert in der einen Hand und einer Keule in der anderen Hand, strebte zu dem Schwarzen Stein hin und führte gegen seine sichtbare Seite drei Schläge mit der Keule aus. Dabei rief er: „Wie lange soll der Stein noch angebetet werden? Weder Mohammed noch ʿAlī ibn Abī Tālib können mich an dem hindern, was ich tun werde! Ich will dieses Haus zerstören und ihm ein Ende machen!“ Der Mann konnte erst außerhalb des Heiligtums überwältigt und getötet werden. Der Schwarze Stein war durch die Schläge beschädigt, doch klebte man die drei Stücke, die abgesplittert waren, wieder an und übertünchte die Stelle mit Harzlack. Der Attentäter war wahrscheinlich ein Druse.[9]

In der Sokollu-Mehmed-Pascha-Moschee, die von Mimar Sinan, dem Hofbaumeister des osmanischen Sultan Süleyman des Prächtigen für den Großwesir Sokollu Mehmed Pascha und seine Frau İsmihan Sultan um 1567 in Istanbul erbaut wurde, wurden vier Fragmente des Schwarzen Steins an verschiedenen Stellen an den Innenwänden der Moschee eingelassen.[10]

Nach einem Bericht, der auf Anton Ritter von Laurin (1790–1869), den österreichischen Generalkonsul in Alexandria, zurückgeht, haben die Wahhabiten, nachdem sie 1803 Mekka eingenommen hatten, ebenfalls versucht, den Schwarzen Stein zu zertrümmern. Die Soldaten des ägyptischen Vizekönigs Muhammad Ali Pascha, die 1813 die Wahhabiten wieder aus der Heiligen Stadt vertrieben, sollen dies jedoch verhindert und den Stein anschließend neu eingefasst haben. Vier Bruchstücke des Steins, die sie sorgfältig aufbewahrt hatten, schickten sie mit einem Schreiben nach Ägypten. Eines davon war für den Vizekönig bestimmt, die anderen drei "für die Träger des Wortes Gottes durch den Propheten". Anton von Laurin soll selbst das Bruchstück des Vizekönigs bei ihm gesehen haben. Die anderen Bruchstücke wurden an den osmanischen Sultan, den Schah von Persien und den Herrscher von Kabul verschickt.[11]

Islamische Überlieferungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der islamischen Überlieferung wurde der Schwarze Stein schon am Anfang der Zeiten von Adam an der Kaaba angebracht. Nach einer Tradition, die al-Azraqī in seiner Geschichte Mekkas zitiert, stürzte Gott zunächst Adam auf die Erde hinunter, wobei er ihn am Ort der Kaaba landen ließ, und sandte dann den Schwarzen Stein zu ihm hinab. Zu dieser Zeit war der Stein noch so weiß, dass er strahlte. Adam nahm dann den Stein und brachte ihn an dem Gebäude an.[12]

Nach anderen Überlieferungen befahl Gott Adam bei dessen Vertreibung aus dem Paradies, einen Edelstein mitzunehmen. Es soll sich um einen Saphir gehandelt haben, der weißer als Schnee war und in der Nacht hell leuchtete. Dieser wurde dann von Adams Tränen über die von ihm begangene Sünde schwarz. Andere Berichte besagen, dass der Stein durch die Berührung menstruierender Frauen und anderer Menschen, die sich im Zustand der großen Unreinheit befinden, sowie durch die Berührung der Polytheisten schwarze Farbe annahm. Um diesen Stein sollen die Menschen bis zur Sintflut den Umlauf vollzogen haben. Dann entrückte Gott den Stein wieder bis zur Entsendung Abrahams. Da der Schwarze Stein nach der islamischen Überlieferung ursprünglich auf Adam herabgesandt wurde, gilt er als Zeichen eines Vertrages zwischen Gott und den Menschen an jenem Ort.[13]

Verschiedene im Namen von ʿAlī ibn Abī Tālib überlieferte Traditionen besagen, dass Abraham später den Stein von dem Engel Gabriel wieder erhalten habe.[14] Eine dieser Überlieferungen besagt, dass Abraham bei der Errichtung der Kaaba seinem Sohn Ismael den Auftrag gab, einen Stein zu suchen, damit sich die Menschen an ihm ausrichten könnten. Ismael habe dann in den Bergen so lange gesucht, bis Gabriel gekommen sei und ihm den Schwarzen Stein gebracht habe. Gabriel soll ihm bei dieser Gelegenheit auch mitgeteilt haben, dass der Stein von Gott kommt.[15]

Als die Quraisch um die Wende zum 7. Jahrhundert die Kaaba neu errichteten, sollen vier Gruppen darüber gestritten haben, wem die Ehre zukommt, den Schwarzen Stein an seinen Platz zu legen. Man einigte sich schließlich darauf, dass der erste Mann, der durch das Tor des Heiligtums zu ihnen herantrete, ihn anbringen sollte. Der erste, der kam, soll der Gottesgesandte Mohammed gewesen sein. Er bat sie daraufhin, ihm ein Tuch zu bringen. Mit eigener Hand legte er den Stein in dieses hinein und forderte dann eine jede Gruppe auf, jeweils das Tuch an einer Seite anzufassen und so den Stein an seinen Bestimmungsort zu bringen. Als sie ihn auf die richtige Höhe gehoben hatten, legte er selbst den Stein an seinen Platz. Diese Legende wird sowohl bei Ibn Ishāq[16] als auch bei al-Azraqī[17] angeführt.

Deutungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die deutsche Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal interpretiert in ihrem Buch Die Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts (Berlin 2009) den Schwarzen Stein als Beispiel für öffentliche Vulva-Enthüllung. Sie zitiert an der betreffenden Stelle den arabischen Philosophen al-Kindī (805–875) mit der Aussage, dass der Schwarze Stein ursprünglich die Vulva der Mondgöttin al-ʿUzzā dargestellt habe, liefert dafür allerdings keinen Beleg.[18]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Al-Azraqī: Aḫbar Makka wa-mā ǧāʾa fīhā min al-āṯār. Ed. Rušdī aṣ-Ṣāliḥ Malḥas. 3. Aufl. 2 Bde. Dār aṯ-Ṯaqāfa, Mekka, 1983. Digitalisat
  • Sāʿid Bakdāš: Faḍl al-ḥaǧar al-aswad wa-maqām Ibrāhīm wa-ḏikr tārīẖihimā wa-aḥkāmihimā al-fiqhīya wa-mā yataʿallaq bihimā. Dār al-Bašā'ir al-Islāmīya, Beirut, 1996. Digitalisat
  • Reuven Firestone: Journeys in Holy Lands. The Development of the Abraham-Ishmael Legend in Islamic Exegesis Albany, 1990. S. 80–93.
  • Mohd. A. R. Kahn: On the Meteoritic Origin of the Black Stone of the Ka’bah. In: Contributions of the Society for Research on Meteorites II/4 (1938) S. 49–53.
  • Paul Maria Partsch: „Über den schwarzen Stein der Kaaba zu Mekka, mitgetheilt aus den hinterlassenen Schriften des wirklichen Mitgliedes“ in Denkschriften der mathematisch-naturwissenschaftlichen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Wien. Erste Abtheilung 1857(13): 1–5.
  • Salim Öğüt: „Hacerülesved“ in Türkiye Diyanet Vakfı İslâm Ansiklopedisi Bd. XIV, S. 433–435. Digitalisat
  • Elsebeth Thomsen: „New Light on the Origin of the Holy Black Stone of the Ka'ba“ in Meteoritics 15/1 (1980) 87–91. Online

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Schwarzer Stein – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Al-Azraqī: Aḫbar Makka. 1983, Bd. I, S. 63.
  2. Vgl. A.J. Wensinck, J. Jomier: Art. Kaʿba in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. 317a–322b. Hier S. 317b.
  3. Vgl. Ken Taylor: Kosmische Kultstätten der Welt – von Stonehenge bis zu den Maya-Tempeln. Franckh-Kosmos, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-440-13221-0, S. 167.,
    und Kahn: On the Meteoritic Origin of the Black Stone. 1938, 49–53.
  4. Elsebeth Thomsen: New Light on the Origin of the Holy Black Stone of the Ka’ba. In: Meteoritics. Volume 15, Nr. 1, 1980, S. 87, bibcode:1980Metic..15...87T.
  5. Robert S. Dietz, John McHone: Kaaba Stone: Not a Meteorite, Probably an Agate. In: Meteoritics. Band 9, Nr. 2, 1974, S. 173–179, bibcode:1974Metic...9..173D.
  6. Firestone: Journeys in Holy Lands. 1990, S. 92.
  7. Al-Azraqī: Aḫbar Makka. 1983, Bd. I, S. 219.
  8. Vgl. Heinz Halm: Das Reich des Mahdi. Der Aufstieg der Fatimiden. Beck, München, 1991. S. 340.
  9. Vgl. Heinz Halm: Die Kalifen von Kairo. Die Fatimiden in Ägypten, 973-1074. Beck, München, 2003. S. 325f.
  10. Valerie Behiery: Sokollu Mehmet Pasha and His Mosque Complex in Istanbul. In: IslamicArtsMagazine.com. 5. Juni 2019, abgerufen am 9. Juli 2019.
  11. Partsch: „Über den schwarzen Stein der Kaaba zu Mekka“. 1857, S. 2f.
  12. Al-Azraqī: Aḫbar Makka. 1983, Bd. I, S. 39.
  13. Cornelia Schöck: Adam im Islam. Ein Beitrag zur Ideengeschichte der Sunna. Klaus Schwarz, Berlin 1993. S. 181f. Digitalisat
  14. Firestone: Journeys in Holy Lands. 1990, S. 83 ff.
  15. Al-Azraqī: Aḫbar Makka. 1983, Bd. I, S. 62.
  16. Vgl. die Übersetzung in Ibn Ishāq: Das Leben des Propheten. Übers. von Gernot Rotter. Stuttgart: Goldmann 1982. S. 41.
  17. Al-Azraqī: Aḫbar Makka. 1983, Bd. I, S. 157–164.
  18. Mithu M. Sanyal: Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Wagenbach, Berlin, 2009. ISBN 9783803136299 S. 36.

Koordinaten: 21° 25′ 21,2″ N, 39° 49′ 34,1″ O