Seufzerbrücke



Die Seufzerbrücke (italienisch Ponte dei Sospiri) ist eine geschlossene Gebäudebrücke in der italienischen Stadt Venedig, die über einen, vom Lagunenbecken abzweigenden Kanal den Dogenpalast mit dem Gefängnis (den Prigioni nuove) verbindet.
Architektur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nachdem die Gefängnisse im Dogenpalast selbst (die Pozzi) zu klein geworden waren, wurde 1580 der Architekt Giovan Antonio Rusconi beauftragt, ein Gefängnisgebäude zu entwerfen, das nordöstlich des Dogenpalastes auf der anderen Seite des Rio di Palazzo errichtet werden sollte. Eine Erweiterung des Baus wurde bereits 1567 beschlossen und 1574 fertiggestellt. Rusconi starb Ende der 1580er Jahre, und Antonio da Ponte übernahm die Gestaltung des letzten Flügels. Er entwarf die Südfassade zur Riva degli Schiavoni und zur Lagune hin – die einzige aufwendig gestaltete Wand eines ansonsten schmucklosen Gebäudes.[1] Das festungsartige Erscheinungsbild wurde der Münzstätte Venedigs (der Zecca) auf der westlichen Seite der Uferpromenade jenseits der Piazzetta di San Marco entlehnt, die etwa vierzig Jahre zuvor von Jacopo Sansovino erbaut wurde.[2] Nachdem er auch für den Wiederaufbau des Dogenpalastes nach einem Brand 1574 verantwortlich gewesen war und 1587 den Wettbewerb für den Wiederaufbau der Rialtobrücke gewonnen hatte, starb da Ponte 1597. Um einen abgesicherten Übergang von den Verhörräumen und dem Gericht zu den Gefängniszellen zu gewährleisten, entwarf da Pontes Neffe Antonio Contin, der auch sein Schüler war, eine geschlossene Brücke über den Rio di Palazzo, der den Dogenpalast von den Prigioni nuove (dem „neuen Gefängnis“) trennt. Sie wurde mit zwei durch eine Mauer getrennte Wegen angelegt, die eine Begegnung von Verurteilten auf die dem Gericht erst vorzuführenden verhinderte. Der Bau erfolgte kurz nach 1600 und wurde 1602 oder 1603 abgeschlossen.[3][4]

Beschreibung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die nur elf Meter breite Brücke ist aus weißem, istrischem Kalkstein gefertigt. Süd- und Nordfassade sind nahezu identisch symmetrisch gestaltet. Sie überspannen einen einzigen gestauchten Bogen, dessen Form sich in der mit Voluten versehenen Dachlinie wiederfindet. In einer, der Funktion „unangemessen frivolen Weise“, scheint die Brücke den Barock anzukündigen.[5] Das Gesims des unteren Bogens ist mit einer Reihe von zehn Maskaronen verziert, der elfte in der Mitte ist ein Löwenkopf. Liegende Figurenreliefs füllen die Zwickel. Der geschlossene Gang hat auf jeder Seite zwei Fenster, jedes mit durchbrochenem Stein in Form von vier achtblättrigen Blüten. Zwischen den Fenstern in der Mitte prangt das Wappen des Dogen Marino Grimani, darüber in Relief die allegorische Figur der Gerechtigkeit.[5]
Die nächsten Brücken mit einem guten Blick auf den Ponte dei Sospiri hat man stadtseitig von der Ponte de la Canonica und südlich von der Ponte della Paglia, die den Molo di Palazzo mit der Riva degli Schiavoni verbindet.

Etymologie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die „Seufzerbrücke“ erhielt erst im Zeitalter der Romantik ihren Namen, in der Vorstellung, dass die Gefangenen auf ihrem Weg ins Gefängnis von hier aus zum letzten Mal mit einem Seufzen einen Blick in die Freiheit der Lagune werfen konnten.
Nachwirkung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Viele Kopien und von ihr inspirierte Brücken wurden nach dem italienischen Vorbild gebaut und häufig ebenfalls Seufzerbrücke genannt. Bekanntere Beispiele sind die im St John’s College der Universität Cambridge, am Hertford College der Universität Oxford und die an der Hofkirche in Dresden und die Verbindung von Nord- und Südbau des Römer in Frankfurt am Main.
Die Seufzerbrücke (französischer Originaltitel: Le pont des soupirs) ist auch der Name einer Opera buffa (frz. Opéra bouffon) von Jacques Offenbach.
Koordinaten: 45° 26′ 2,2″ N, 12° 20′ 27,2″ O
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Richard J. Goy: Venice: An Architectural Guide. Yale University Press, New Haven/London 1997, ISBN 978-0-300-14882-4, S. 66 f.
- ↑ Deborah Howard: The Architectural History of Venice. revidierte und erweiterte Auflage. Yale University Press, New Haven/London 2002, ISBN 0-300-09029-3, S. 171 (Erstausgabe: 1980).
- ↑ Kurt Heller: Venedig. Recht, Kultur und Leben in der Republik 697–1797. Böhlau Verlag, Wien 1999, ISBN 3-205-99042-0, S. 381.
- ↑ Die Seufzerbrücke in Venedig. In: Venedig.com. Abgerufen am 12. Februar 2024.
- 1 2 Giandomenico Romanelli, Monica da Cortà Fumei, Enrico Basaglia: The Doge's Palace in Venice. Electa und Musei civici veneziani, Mailand und Venedig 2005, S. 113 f. (archive.org).