Jacques Offenbach

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Jacques Offenbach, Fotografie von Félix Nadar

Jakob „Jacques“ Offenbach (* 20. Juni 1819 in Köln; † 5. Oktober 1880 in Paris) war ein deutsch-französischer Komponist und Cellist. Er gilt als Begründer der modernen Operette als eigenständiges und anerkanntes Genre des Musiktheaters. Seine bekanntesten Stücke sind die Tanznummer Cancan aus Orpheus in der Unterwelt sowie die Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenktafel an Offenbachs Geburtshaus in Köln, Großer Griechenmarkt 1

Kindheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jakob Offenbachs Eltern waren der Kantor Isaac Ben-Juda Eberts (oder Eberstadt; * 26. Oktober 1779 in Offenbach, † 26. April 1850 in Köln) und Marianne Rindskopf, Tochter eines Geldwechslers. Isaac Ben-Juda Eberts zog 1802 nach Köln-Deutz, heiratete dort 1806 Marianne Rindskopf und änderte seinen Familiennamen in Offenbach (nach seinem Geburtsort Offenbach). Isaac zog 1816 mit seiner Frau in die Kölner Altstadt-Süd zum Großen Griechenmarkt 1.[1] Hier übte er zwischen 1824 und 1828 das Amt des Kantors in der Kölner Synagogengemeinde der Glockengasse aus.[2]

Jakob kam als siebtes von zehn Kindern zur Welt, einige seiner Geschwister zeigten Talent für Violine (Julius) oder Piano (Isabella). Jakob Offenbach erhielt seinen ersten Cello- und Violinunterricht von seinem Vater, übte jedoch heimlich am Violoncello. Ab dem 25. November 1830 trat Jakob mit Isabella und Juda im Gymnicher Hof (am Neumarkt) als Trio auf, um Geld für den Musikunterricht zu verdienen.

Paris[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um seinen Söhnen Jakob und dem vier Jahre älteren Julius (Jules) eine bessere Musikausbildung zu ermöglichen, reiste der Vater mit ihnen im November 1833 nach Paris. Das dortige „Conservatoire national de musique et de déclamation“ stand damals Ausländern nicht offen; in einem Erlass des Jahres 1822 verfügte der Minister, dass er sich die Zulassung von Ausländern vorbehalte.[3] Selbst Franz Liszt erhielt durch den Leiter Luigi Cherubini wegen dieses Vorbehalts keine Zulassung. Der mit Empfehlungsbriefen angereiste Vater blieb hartnäckig und bekam die Zulassung für Sohn Jakob noch am 30. November 1833 (Eintragung in die Schülerliste). Jakob zog in eine Dachboden-Wohnung in der rue des Martyrs Nr. 23 und besuchte die Celloklasse von Olive-Charlier Vaslin (1794-1889), die er ohne Abschluss 1834 freiwillig wieder verließ. Jakob – der sich nunmehr Jacques nannte – heuerte 1835 als Cellist bei der Opéra-Comique für ein Monatsgehalt von 83 Francs an und erhielt ab 1837 Kompositionsunterricht bei Jacques Fromental Halévy.

Seit 1836 komponierte er kleinere Romanzen, Walzer und Salonstücke (Winterblumen, französisch Fleurs d’hiver, 1836; Rebecca, 1837), 1838 verlor er seine Stelle bei der Opéra-Comique. 1841 lernte er die Spanierin Hermine d’Alcain kennen, deren Vater als Konzertagent tätig war und Offenbachs erste Konzertreise im Mai 1844 an den Londoner Königshof ermöglichte, wo er vor Königin Victoria musizierte. Nachdem Offenbach zum Katholizismus konvertiert war,[4] durfte er Hermine d’Alcain (1826–1887), die katholische Tochter eines spanischen Karlistenführers, am 14. August 1844 heiraten. Gemeinsam hatten sie fünf Kinder, Berthe (* 1845), Minna (* 1850), Pépita (* 1855), Jacqueline (* 1858) und Auguste (* 1862).[5] Sein erstes Stück L'Alcôve erschien 1847, es folgte 1849 Marietta (in Köln in Deutsch als Marielle oder Sergeant und Commandant aufgeführt). Jacques zog während der Deutschen Revolution zwischen März 1848 und Juli 1849 mit seiner Familie nach Köln, weshalb er dort Marietta neufasste. Bereits 1849 kehrte die Familie zurück nach Paris, wo er im selben Jahr die Stelle als Kapellmeister am Theatre-Francais annahm und sein Werk Pepito im Oktober 1853 im Théâtre de variétés aufführte. 1855 verließ er das Theatre-Français. Mit Fortunios Lied (französisch La chanson de Fortunio; Uraufführung am 5. Januar 1861) feierte er seinen ersten Bühnenerfolg. Hier machte er sich einen Ruf als hervorragender Virtuose und spielte mit Pianisten wie Anton Rubinstein, Franz Liszt und Felix Mendelssohn Bartholdy.

Durchbruch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 5. Juli 1855 eröffnete er anlässlich der Weltausstellung sein eigenes Théâtre des Bouffes-Parisiens, das zunächst in der Salle Lacaze des Théâtre Marigny an der Avenue des Champs-Élysées Platz fand, mit dem überwältigenden Erfolg von Die beiden Blinden (französisch Les deux aveugles). Es folgten hier sieben weitere Uraufführungen,[6] darunter zahlreiche Einakter. Sehr erfolgreich führte er ab Juni 1855 sein „Oyayaie“ auf. Mit seinem Werk Ba-ta-clan eröffnete er die Wintersaison am 29. Dezember 1855 in der Passage de Choiseul. Der Musiktitel gab dem Pariser Konzertsaal Bataclan seinen Namen. Es folgten internationale Bühnenerfolge mit Zwei- und Dreiaktern. Sein bedeutendstes Werk Orpheus in der Unterwelt (französisch Orphée aux Enfers) feierte am 21. Oktober 1858 Premiere in der „Bouffes-Parisiens“. Die zweiaktige Operette war sehr erfolgreich und machte Offenbach in ganz Europa populär. Das bekannteste Musikstück hierin ist der so genannte Höllen-Cancan (im Original französisch Galop infernal) im zweiten Akt, ein Gassenhauer, der noch heute sehr bekannt ist und häufig auch separat aufgeführt wird. Nachdem Offenbach am 14. Januar 1860 die französische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, wurde er 1861 Ritter der Ehrenlegion.[7] 1863 traf er in Wien auf Johann Strauss und schrieb dort Die Rheinnixen (französisch Les fées du Rhin), uraufgeführt am 4. Februar 1864 im Wiener Theater am Kärntnertor.

Offenbach verfasste 75 Kompositionen für Violoncello und 102 Bühnenwerke, darunter Die schöne Helena (französisch La belle Hélène; 17. Dezember 1864), Blaubart (französisch Le barbe-bleue; 5. Februar 1866) oder Pariser Leben (französisch La vie Parisienne; 31. Oktober 1866). Die letztgenannte, im Palais Royal aufgeführte Opera buffa ist „das bezauberndste aller Lobeslieder, das je auf eine Stadt geschrieben wurde.“ In diesen humorvollen Operetten wird durch seine Parodien großer Opernwerke Offenbachs Vorliebe für Zynismus und politisch-kulturelle Satire erkennbar.

Letzte Lebensjahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Büste auf Offenbachs Grab in Paris auf dem Cimetière de Montmartre

1870 wurde sein Kölner Geburtshaus abgerissen. Als im Juli 1870 der Deutsch-Französische Krieg ausbrach, begann Offenbachs Ruhm zu verblassen. Das Pariser Publikum mied ihn wegen seiner deutschen Herkunft. In der französischen Presse wurde er als Spion Bismarcks bezeichnet, während ihn die deutsche Presse als Vaterlandsverräter beschimpfte.[2] Er brachte seine Familie nach Spanien in Sicherheit und unternahm Tourneen in Italien und Österreich. Als er aber im Juni 1871 nach Kriegsende nach Paris zurückkehrte, hatte sich der Zeitgeschmack geändert, und seine Werke blieben ohne Publikumserfolg. 1875 musste das Théâtre de la Gaîté, das er erst 1873 übernommen hatte, schließen. Im folgenden Jahr unternahm er eine sehr erfolgreiche Reise in das Vereinigte Königreich und in die USA, wo er anlässlich der Jahrhundertausstellung (Centennial Exhibition) zwei seiner Operetten dirigierte und in New York und Philadelphia über 40 Konzerte gab.

Ab 1877 konzentrierte er sich auf die Komposition seines Werks Hoffmanns Erzählungen (französisch Les contes d‘Hoffmann), deren Stimmpartituren er noch fertigstellen konnte. Im September 1880 machte ihn eine Gichterkrankung bettlägerig, und Offenbach zog sich nach Saint-Germain-en-Laye (Pavillon Henry IV, rue Thiers Nr. 19) zurück, wo er am 5. Oktober 1880 starb. Ernest Guiraud komplettierte die Orchestration der Oper, so dass ihre Uraufführung postum in der Opéra-Comique am 10. Februar 1881 stattfinden konnte.[8] Hoffmanns Erzählungen ist heute neben Bizets Carmen die meistgespielte französische Oper. Inzwischen gab es in der Pfarrkirche La Madelaine eine große Trauerfeier für den in ganz Paris bekannten Offenbach, sein Begräbnis fand auf dem Friedhof Cimetière de Montmartre statt, ganz in der Nähe seiner Wohnung. Das Grabmal entwarf der Architekt Charles Garnier.[9]

Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Werke des „Erfinders“ der Operette haben kaum etwas mit dem zu tun, was heute unter Operette verstanden wird, da die Erwartungen gegenüber dieser Gattung von der Wiener Operette geprägt sind (etwa den Stücken von Franz Lehár oder Johann Strauss). Karl Kraus prägte für seine Werke den Begriff „Offenbachiaden“, um deutlich zu machen, dass Offenbach der einzige Vertreter dieses Genres sei.

Offenbach verband schwungvolle, eingängige Musik mit einer meist satirisch-hintergründigen Handlung, die Anspielungen auf die Sitten, Personen und Ereignisse seiner Zeit, das Zweite Kaiserreich unter Napoléon III., aufweist. Offenbachs Musik ist ausgesprochen dramatisch, auch wenn die Figuren auf der Bühne betont unbeweglich bleiben.

Dem vollen Klang der Wiener Operette setzen seine Instrumentationen einen schlanken, durchsichtigen Klang gegenüber. Im deutschsprachigen Raum wurden sie oft bearbeitet, weil man sie spröde fand. Dies hat unter anderem damit zu tun, dass man hier statt der original vorgeschriebenen Kornette zumeist Trompeten verwendet und statt der sogenannten Barockposaune, die in Frankreich noch bis weit ins 20. Jahrhundert in Gebrauch war, die moderne Posaune.

Unvergleichlich blieben seine karikierende Darstellung des Militärischen (etwa in der Grande-Duchesse de Gerolstein) und des Deutschen (Lischen et Fritzchen). Offenbachs bekannteste Stücke sind die abschließende Tanznummer aus Orphée aux enfers, die ursprünglich als „Galop infernal“ bezeichnet wurde, heute jedoch als „Cancan“ bekannt ist, sowie die „Barcarole“ aus Les Contes d'Hoffmann, die er zuvor auch schon in Les Fées du Rhin verwendet hat.

Offenbach selbst gebrauchte nur ein einziges Mal für eines seiner Werke die Gattungsbezeichnung Opérette (kleine Oper). Die meisten deutschen Übersetzungen (die in aller Regel vor 1960 entstanden) geben seine originellen Bezeichnungen nicht korrekt wieder.

Werke (Auswahl in zeitlicher Reihenfolge)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Operetten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Opern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Les Fées du Rhin (Die Rheinnixen), Romantische Oper (1864)
  • Le Roi Carotte, Komische Oper (1872)
  • Les Contes d’Hoffmann (Hoffmanns Erzählungen), opéra fantastique (1881, postum)

Ballette[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konzertante Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Concerto militaire in G-Dur für Cello und Orchester (1850)
  • Schüler-Polka (1860, Clara Schüler gewidmet)
  • Ouverture für großes Orchester (1873)
  • Souvenir d’Aix-les-Bains (1873)
  • American Eagle Waltz (1876 während Offenbachs Aufenthalt in den Vereinigten Staaten)

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2015 wurde Le Roi Charotte in der Opéra de Lyon unter der Regie von Laurent Pelly und dem Dirigat von Victor Aviat aufgeführt. Für diese Aufführung wurde der International Opera Award in der Kategorie Wiederentdeckung verliehen.

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Siegfried Kracauer: Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-518-58348-7 (Erstveröffentlichung: Albert de Lange, Amsterdam 1937).
    • Harald Reil: Siegfried Kracauers Jacques Offenbach: Biographie, Geschichte, Zeitgeschichte, Lang, New York, NY / Frankfurt am Main u.a. 2003, ISBN 0-8204-3742-5.
  • Alphons Silbermann: Das imaginäre Tagebuch des Herrn Jacques Offenbach. Piper Verlag, München 1991 [Erstveröffentlichung: Bote & Bock, Wiesbaden 1960].
  • P. Walter Jacob: Jacques Offenbach. rororo Bildmonographie Nr. 50155, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1997, ISBN 3-499-50155-4.
  • Heinz-Klaus Metzger, Rainer Riehn (Hrsg.): Jacques Offenbach (= Musik-Konzepte, Band 13), Edition Text + Kritik, München 1980, ISBN 3-88377-048-5.
  • Alexander Faris: Jacques Offenbach. Atlantis Musikbuch-Verlag, Zürich 1982, ISBN 3-254-00015-3.
  • Josef HeinzelmannOffenbach, Jacques. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 19, Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 480–482 (Digitalisat).
  • Jean-Claude Yon: Jacques Offenbach. Gallimard, Paris 2000, ISBN 2-07-074775-1.
  • Thomas Schipperges, Christoph Dohr, Kerstin Rüllke: Bibliotheca Offenbachiana. Jacques Offenbach (1819–1880) – eine systematisch-chronologische Bibliographie. Dohr, Köln 1998, ISBN 3-925366-48-2.
  • Peter Hawig: Jacques Offenbach. Facetten zu Leben und Werk. Dohr, Köln 1999, ISBN 3-925366-57-1.
  • Ute Mittelberg: Daphnis et Chloé von Jacques Offenbach. Ein Beitrag zur Libretto-Forschung im 19. Jahrhundert.. Dohr, Köln 2003, ISBN 3-925366-92-X.
  • Peter Ackermann, Ralf-Olivier Schwarz und Jens Stern (Hrsg.): Jacques Offenbach und das Théâtre des Bouffes-Parisiens 1855. Musikverlag Burkhard Muth, Fernwald 2006, ISBN 978-3-929379-15-0.
  • Ralf-Olivier Schwarz: Vaudeville und Operette. Jacques Offenbachs Werke für das Théâtre du Palais-Royal. Musikverlag Burkhard Muth, Fernwald 2007, ISBN 978-3-929379-18-1.
  • Peter Hawig: Einladung nach Gerolstein. Untersuchungen und Deutungen zum Werk Jacques Offenbachs. Musikverlag Burkhard Muth, Fernwald 2008, ISBN 978-3-929379-20-4.
  • Herbert Eulenberg Jacques Offenbach in: Schattenbilder – 20 Musikerporträts Econ, Düsseldorf 1965.
  • Alain Decaux: Jacques Offenbach Komponist der Belle Epoque (Originaltitel: Offenbach, roi du second empire, übers. von Lilli Nevinny), Lübbe, Bergisch Gladbach 1978, ISBN 3-404-01024-8 (= Bastei Lübbe, Band 61032 Biographie, Erstausgabe bei Nymphenburg, München 1960 unter dem Titel: Offenbach, König des zweiten Kaiserreichs).
  • Alexander Flores: Offenbach in Arabien. In: Die Welt des Islams, Band 48, Nr. 2 (2008), S. 131–169, doi:10.1163/157006008X335912.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Jacques Offenbach – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jacobo Kaufmann, Isaac Offenbach und sein Sohn Jacques, oder „Es Ist Nicht Alle Tage Purim“, 1998, S. XII
  2. a b Eduard Prüssen (Linolschnitte), Werner Schäfke und Günter Henne (Texte): Kölner Köpfe. 1. Auflage. Universitäts- und Stadtbibliothek, Köln 2010, ISBN 978-3-931596-53-8, S. 76.
  3. Pierre Constant, Le Conservatoire national de musique et de déclamation, 1900, S. 273
  4. Heinzelmann, Josef, "Offenbach, Jacques" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 480–482, abgerufen am 15. Juli 2016.
  5. Hérminie Offenbach. In: geni.com. geni_family_tree, abgerufen am 15. Juli 2016.
  6. Hugo Riemann, Musik-Lexikon: Zweiter Band, 1916, S. 790
  7. Rudolf Vierhaus (Hrsg.), Deutsche Biografische Enzyklopädie, Band 7, 2007, S. 561
  8. Don Michael Randel, The Harvard Biographical Dictionary of Music, 1996, S. 648
  9. Klassika, Lebenslauf Offenbach