Siedlung Blumläger Feld

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Im Vordergrund mit Fernwärmerohren das Nordende der 220 Meter langen östlichen Wohnzeile, daran ansetzend der im Jahr 2003 verbreiterte und erhöhte Rest der Wohnzeile

Die Siedlung Blumläger Feld ist eine größere Wohnsiedlung des Neuen Bauens in Celle in Niedersachsen. Sie wurde vom Architekten Otto Haesler geplant und 1931 fertiggestellt. Die Anlage bestand ursprünglich aus rund 150 kostengünstig hergestellten Kleinstwohnungen in Stahlskelettbauweise, die heute zum Teil abgerissen, vom Abriss bedroht oder saniert sind.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der sogenannte Lungenblock der Siedlung Blumläger Feld
Wohnblocks mit abgestützten Fernwärmerohren

Die Siedlung verfügt über zwei Bauabschnitte, die zeitlich nacheinander entstanden. Bauträger war die 1930 gegründete Städtische Wohnungsfürsorge-Gesellschaft. Der erste, 1930 begonnene Bauabschnitt mit 95 Wohnungen liegt auf einem langen und schmalen Grundstück, das sich in Nord-Süd-Richtung erstreckt. Die Erstbebauung bestand aus zwei Wohnzeilen, die 220 Meter lang waren und parallel verliefen. Zwischen den nördlichen Enden der Gebäude wurde ein Quertrakt errichtet, so dass das Gebäudeensemble eine nach Süden offene U-Form bildete. In dem so gebildeten etwa 60 Meter breiten Innenhof lagen die jeweils 140 m² großen Nutz- und Erholungsgärten der Siedlungsbewohner. Die beiden langen Wohnzeilen waren zweigeschossig und verfügten über jeweils 11 Treppenhäuser und 44 Wohnungen. Die einzelnen Wohnungen wurden nicht nach der Anzahl der Zimmer oder der Wohnfläche (34, 43 und 51 m²) beschrieben, sondern wegen der herrschenden Wohnungsnot nach der Zahl der Betten als Zwei-, Vier- oder Sechs Bett-Typ bezeichnet. Die Wohnungen verfügten über eine Toilette, aber über kein Badezimmer. Der einzige Heizkörper befand sich im Wohnzimmer. Der zweigeschossige Quertrakt bestand aus sieben nach Süden ausgerichteten Einfamilien-Reihenhäusern. Sie verfügten über eine Liegeterrasse im Erdgeschoss und einen Balkon im Obergeschoss. Sie wurden vom Gesundheitsamt mit an Tuberkulose erkrankten Familien belegt, so dass der Trakt auch Lungenblock genannt wurde. Zum Ensemble gehörten ein Zentralgebäude mit Wäschewaschraum zur Gemeinschaftsnutzung, Baderaum mit Badewannen- und Duschkabinen und ein zentrales Heizhaus mit Koksöfen und Kohlenbunker zur Versorgung mit Fernwärme.

Der zweite Bauabschnitt mit drei Wohnzeilen sowie Einzelhäusern mit rund 50 Wohnungen wurde um 1930/31 begonnen. Die im ersten Bauabschnitt aufgetretenen Mängel durch undichte Keller wurden mit Hochkellern umgangen. Der Bauabschnitte schloss sich getrennt durch eine Straße an den ersten Bauabschnitt nördlich an.

Zwischen den einzelnen Gebäuden der Siedlung verliefen in sechs Meter Höhe abgestützte Fernwärmerohre, die die Heizungswärme zu den Wohnhäusern transportierten. Die unkonventionelle Rohrverlegung sollte Kosten einsparen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Siedlung entstand zur Zeit der Weltwirtschaftskrise mit drei Millionen Arbeitslosen in Deutschland und erheblicher Wohnungsnot. 1930 initiierte die Regierung Brüning ein Wohnungsbauprogramm. Vorgegeben war die Schaffung von „Kleinstwohnungen einfachster Art für Familien mit Kindern und zu Mieten, die den schwierigsten Verhältnissen ...Rechnung tragen“. Das Programm begrenzte die Wohnfläche auf 32 bis 45 m².

Erste Pläne für eine Siedlung von Kleinstwohnungen legte der Architekt Otto Haesler der Stadt Celle im Jahr 1927 vor. 1930 beschloss der Magistrat die Ausführung seiner Baupläne auf einem städtischen Grundstück. Trotz anfänglichen Widerstands gegen den Stil des Neuen Bauens und die neue Bauweise mit Stahlgerippe wurde Haeslers Entwurf ausgewählt, weil er mit 20 bis 30 Reichsmark die geringsten Mieten erwarten ließ.

Heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leerstehender Wohnblock im zweiten Bauabschnitt der Siedlung, 2019
Fassadenöffnung zur Schadensbegutachtung am Stahlskelett, 2019

Die Siedlung gehört heute der Städtischen Wohnungsbau GmbH als Nachfolgeunternehmen der Erbauergesellschaft. Ende der 1990er Jahre gab es bei dem Unternehmen Überlegungen zu baulichen Maßnahmen an den fast 70 Jahre alten Bauten. 1998 erklärte es die wirtschaftliche Unzumutbarkeit einer Sanierung, was zum bis dahin größten Denkmalpflegestreit in Niedersachsen führte. In den Jahren 2000 bis 2003 kam es zu Abrissen und Umbauten am Baubestand. Dabei wurde im ersten Bauabschnitt die 220 Meter lange östliche Wohnzeile verbreitert und um ein Stockwerk auf drei Geschosse erhöht. Die westliche Wohnzeile wurde abgerissen und danach anderweitig neu bebaut.

Das 2001 gegründete Otto Haesler Museum befindet sich im 1931 errichteten Wasch-, Bade- und Heizhaus der Siedlung. In einem benachbarten Wohnblock der Siedlung befinden sich weitere Museumsräume innerhalb von Wohnungen, die in ihrer ursprünglichen Form erhalten geblieben sind.

2015 setzten bei der Städtischen Wohnungsbau GmbH Instandsetzungsplanungen für den zweiten Bauabschnitt der Siedlung mit fünf Gebäuden ein. 2017 wurde festgestellt, dass das Stahlskelett der Gebäude erhebliche Korrosionsschäden aufwies und die Standsicherheit der Fassaden nicht mehr gewährleistet war. Es drohte der Abriss.[1] 2018 mussten alle Mieter ihre Wohnungen räumen.[2] Die Sanierungskosten werden auf fast 15 Millionen geschätzt. 2018 wurden über 10 Millionen an Bundesmitteln zur Verfügung gestellt, mit denen auch die von Otto Haesler erbaute Altstädter Schule in Celle instand gesetzt werden soll.[3]

Stil und Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Südende der 220 Meter langen östlichen Wohnzeile als ursprünglicher Teil, daran ansetzend der im Jahr 2003 verbreiterte und erhöhte Rest der Wohnzeile

Die Siedlung Blumläger Feld gilt als eines der konsequentesten Wohnungsbauprojekte der Zwischenkriegszeit, bei der der Architekt Otto Haesler eine frühere Form des sozialen Wohnungsbaus. Die Bauweise einer Stahlskelettkonstruktion mit Ausmauerung und Dämmung durch Strohmatten war eine technische Innovation des Neuen Bauens. Flachdächer, rechteckige Baukuben und glatte Putzflächen drücken die programmatische Ästhetik der Avantgarde aus. Bei der Erstellung bemängelten Architekturkritiker die kleinen Schlafkammern der Wohnungen, die der Architekt Bruno Taut als „Gefängniszellen“ bezeichnete.

Das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege misst der Siedlung eine hohe Denkmalbedeutung zu, da sie davon zeugt, wie ein „engagierter Architekt die existenziellen Nöte der Schwächsten in einer ungewöhnlich schwierigen Zeit der deutschen Geschichte zu bewältigen suchte“.[4] Daher bestehe ein öffentliches Interesse an ihrer Erhaltung im Sinne des Niedersächsisches Denkmalschutzgesetzes.

2019 drückte der Niedersächsische Heimatbund in der Roten Mappe seine Sorge um den Erhalt des nördlichen Bereichs der Siedlung nach der Entdeckung von erheblichen Mängeln aus. Der Heimatbund bat das Land Niedersachsen, nach einer nachhaltigen Lösung zur Rettung zu suchen. Die Siedlung sei ein charakteristisches Ensembles der sozialen Baukultur des Neuen Bauens.[5]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Angela Schumacher: Otto Haesler und der Wohnungsbau in der Weimarer Republik. (= Kulturwissenschaftliche Reihe. Band 1) Jonas-Verlag, Marburg 1982, S, 146–161.
  • Falk-Reimar Sänger: Die Haesler-Siedlung auf dem Blumläger Feld in Celle – drohener Verlust eines hochwertigen Baudenkmals in: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 1/99, S. 50–51.
  • Reiner Zittlau: Warum nochmals zur Haesler-Siedlung auf dem Blumläger Feld in Celle? in: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 3/99, S. 157–158.
  • Christina Krafczyk, Klaus Thiele: Otto Haesler in Celle: Siedlung Blumläger Feld – Kleinstwohnungsbau der 1930er Jahre als Optimierung wirtschaftlichen Bauens in Stahlbauweise. In: Gesellschaft für Bautechnikgeschichte (Hrsg.): Alltag und Veränderung. Praktiken des Bauens und Konstruierens. Dresden 2017. S. 157–172.
  • Simone Oelker: Siedlung Blumläger Feld – Wohnungen für das Existenzminimum in: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. München, 2002, S. 213–217
  • Cellesche Zeitung (Hrsg.): Sanierungsfall Blumläger Feld in: 100 Jahre Bauhaus, 2018, S. 87–96.
  • Eckart Rüsch: Die Siedlung Blumläger Feld in Celle von 1930–1931 In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 1/2019, S. 24–31.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Siedlung Blumläger Feld – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Joachim Göres: Alle Mieter müssen raus in Weser-Kurier vom 23. April 2018
  2. Joachim Göres: Alle Mieter müssen raus in Süddeutsche vom 28. Juni 2018
  3. Gunther Meinrenken: Millionen fürs Haesler-Erbe in Cellesche Zeitung vom 8. November 2018
  4. Siehe Literatur: Warum nochmals zur Haesler-Siedlung auf dem Blumläger Feld in Celle?, S. 157–158.
  5. Sicherung der Siedlung Blumläger Feld Nord des Architekten Otto Haesler in Celle 306/19 in Rote Mappe 2019 des Niedersächsischen Heimatbundes, S. 25–26 (pdf)

Koordinaten: 52° 36′ 41,7″ N, 10° 5′ 37,9″ O