Soldatensprache der NVA

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Die Soldatensprache der NVA (auch: Soldatensprache der DDR, Aschesprache) war der Jargon, der unter den einfachen Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) gesprochen wurde.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie in allen Armeen gab es auch in der NVA einen Unterschied in der Sprache der jeweiligen Hierarchieebenen. So bestand die offizielle Militärsprache „aus klaren Fachausdrücken, Kommandos, Befehlen und Standardsätzen“.[1] Die Kommandosprache neigte zur Verdinglichung und war vor allem durch Substantive und Nominative geprägt. Der Umgangston der Vorgesetzten war rau, rüde und laut. Einen wesentlichen Einfluss hatte außerdem der Landserjargon, wie er im Zweiten Weltkrieg gesprochen wurde. Diese zwar nicht gewünschte Kontinuität entstand durch Funktionsträger, vornehmlich Unteroffiziere und Feldwebel der Wehrmacht, die auch in der DDR weiter als Berufssoldaten dienten. Die Diskrepanz zwischen „technokratischer Fachsprache und willkürlicher Einschüchterung“[2] ließ eine spezifische Soldatensprache entstehen, die vor allem durch Verachtung geprägt war. Diese neuartige Lexik bildete sich als bewusste Abgrenzung von den Offizieren und entstand vermutlich in den 1960ern, als die Wehrpflicht eingeführt wurde.

Unmittelbar verbunden ist die Entstehung einer spezifischen Sprache der NVA mit der sogenannten „EK-Bewegung“. In der DDR mussten Wehrdienstleistende drei Halbjahre zubringen. Es entstand eine inoffizielle Hierarchieebene, in der die Soldaten des letzten Diensthalbjahres begünstigt waren, das heißt, je näher das Ende der Militärzeit rückte, desto höher stieg der Soldat auf. Viele neuartige Begriffe, Anspielungen und Wortspiele fußten auf dieser inoffiziellen Hierarchie.[3]

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Soldatensprache der NVA war geprägt von Spott, Hohn und Verachtung gegenüber der Armee und ihren Funktionsträgern. Dies unterschied den NVA-Jargon von dem anderer Armeen, denn „der Sinn des Soldatseins im Sozialismus“[4] war Thema Nr. 1 der Sprache. Die Sprache hatte viele sexuelle Anspielungen und orientierte sich an der Gossensprache mit einer Neigung zu analen Ausdrücken. Die Sprache war oft sehr bildlich; so wurden Panzer als „Eisenschwein“ oder „Sumpfkuh“ bezeichnet, eine weibliche Zivilangestellte als „Larvenmatratze“.[5]

Einige Ausdrücke waren auch rassistisch und nazistisch konnotiert. So wurde ein Saufgelage, bei dem man die leeren Flaschen einfach aus dem Fenster warf, auch „Kristallnacht“ genannt. Neben der Anspielung auf die Novemberpogrome 1938 spielte man hier auch auf die billige Schnapsmarke Kristall an.[6] Das Vokabular war außerdem auch stellenweise antisemitisch geprägt. Eine offene Bewunderung für Adolf Hitler, die Schutzstaffel und den Nationalsozialismus war bis Ende der 1980er nachzuweisen.[7]

Neben Einzelbezeichnungen fanden auch Sprichwörter und Abkürzungen (zum Beispiel: EK = Entlassungskandidat, KU = Kurzurlaub) ihren Eingang in den Jargon.[5]

Die Sprache wurde automatisch angenommen und verbreitete sich unter den Soldaten der NVA. Zum Teil hatte sie kaum noch Ähnlichkeit mit der normalen Umgangssprache und war für Außenstehende kaum verständlich. Die Sprache wurde vor allem von der offiziellen Führung sowie den Vorgesetzten abgelehnt, konnte jedoch nicht unterbunden werden.[5]

Ein anschauliches, wenn auch überspitztes Beispiel dazu findet sich im Roman Am kürzeren Ende der Sonnenallee von Thomas Brussig:

„‚Effi sein kein Seil‘, begann er, ‚Die Nüsse! Wer putscht, kriegt Hütte weiß. Der E schaukelt sich die Eier, und wenn so 'n Buffi kommt, so 'n Tagesack, der 'n ganzen Container mit sich rumschleppt und sich feiern lässt, so beim Moschen Schnuffi am Mann, dem zeigt der E sein Maß und lässt’n wegtreten.‘“

„Der Soldat seilt sich nicht ab. Es ist ein harter Dienst! Wer opponiert, dem streuen die Kameraden Waschpulver in der Unterkunft aus. Der Soldat des letzten Diensthalbjahres gibt sich dem Müßiggang hin und wenn ein Berufsunteroffizier mit einer hohen Verpflichtungsdauer kommt, dem Meldung gemacht werden muss, zum Beispiel beim Einnehmen der Verpflegung und unter Mitführung einer Truppenschutzmaske, dann verweist der Soldat des letzten Diensthalbjahres auf seine noch zu dienenden Tage und lässt den Berufsunteroffizier wegtreten.“

LQI[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gelegentlich wird unter dem Schlagwort „Lingua Quarti Imperii“ auf den DDR-Soldatenjargon referiert.[9] Der Ausdruck ist aber nicht auf die NVA beschränkt, sondern soll eine Kontinuität in der Sprache des Kommunismus mit der Sprache des Nationalsozialismus aufzeigen. Die Bezeichnung entstand in Anlehnung an Victor Klemperers bekanntes Werk LTI – Notizbuch eines Philologen. Dort bezeichnete LTI „Lingua Tertii Imperii“, die Sprache des „Dritten Reichs“. Tatsächlich sammelte Victor Klemperer bis zu seinem Tod Material für eine Fortsetzung. LQI sollte die Sprache des Kommunismus und des Sozialismus behandeln und die Verbindungen zur LTI aufzeigen. Das Werk erschien jedoch nie.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus-Peter Möller: Der wahre E. Ein Wörterbuch der DDR-Soldatensprache. Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte, Berlin 2000.
  • Matthias Rogg: Die Sprache verrät sie – Soldatensprache als psychosozialer Indikator. In: Armee des Volkes? Militär und Gesellschaft in der DDR. Christoph Links Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86153-478-5, S. 325–328.
  • Werner Neumann: Die Sprache der Soldaten der DDR: das Soldatenwörterbuch der NVA und der GT. Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2010, ISBN 978-3-86268-075-7

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Matthias Rogg: Die Sprache verrät sie – Soldatensprache als psychosozialer Indikator. In: Armee des Volkes? Militär und Gesellschaft in der DDR. Christopher Links Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86153-478-5, S. 326.
  2. Matthias Rogg: Die Sprache verrät sie – Soldatensprache als psychosozialer Indikator. In: Armee des Volkes? Militär und Gesellschaft in der DDR. Christopher Links Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86153-478-5, S. 327.
  3. Klaus-Peter Möller: Der wahre E. Ein Wörterbuch der DDR-Soldatensprache. Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte, Berlin 2000, S. 14 f.
  4. zitiert nach: Reinhard Aulich: Barras bleibt Barras! In: Berlinische Monatsschrift (Luisenstädtischer Bildungsverein). Heft 6, 2001, ISSN 0944-5560, S. 199 (luise-berlin.de).
  5. a b c Rüdiger Wenzke: Ulbrichts Soldaten: Die Nationale Volksarmee 1956 bis 1971. Ch. Links Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-86284-206-3, S. 474–478.
  6. Klaus-Peter Möller: Der wahre E. Ein Wörterbuch der DDR-Soldatensprache. Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte, Berlin 2000. S. 134
  7. Klaus-Peter Möller: Der wahre E. Ein Wörterbuch der DDR-Soldatensprache. Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte, Berlin 2000, S. 19
  8. Zitiert nach Matthias Rogg: Die Sprache verrät sie – Soldatensprache als psychosozialer Indikator. In: Armee des Volkes? Militär und Gesellschaft in der DDR. Christoph Links Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86153-478-5, S. 325. Übersetzung von Rogg
  9. Hans Gotthard Ehlert, Matthias Rogg: Militär, Staat und Gesellschaft in der DDR: Forschungsfelder, Ergebnisse, Perspektiven. Ch. Links Verlag, 2004
  10. John Wesley Young: From LTI to LQI: Victor Klemperer on Totalitarian Language. In: German Studies Review. Band 28, Nr. 1, 2005, S. 60–61.