Spenersche Zeitung

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Die Spenersche Zeitung war eine Berliner Zeitung, die von 1740 bis 1874 erschien.

Kopftitel der Spenerschen Zeitung 1869

Geschichte[Bearbeiten]

Die Zeitung erschien bis 1872 unter dem Titel Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen. Lange Zeit war sie die auflagenstärkste und bedeutendste Zeitung Berlins neben der Vossischen Zeitung, die vom Berliner Volksmund Tante Voß genannt wurde, während die Spenersche Onkel Spener hieß.[1] Sie wurde 1740 von dem Buchdrucker und Verleger Ambrosius Haude (1690–1748) gegründet; die erste Ausgabe erschien am 30. Juni. Als Friedrich der Große 1740 die Zensur lockerte, galt für die Zeitung zeitweise sogar Zensurfreiheit, während die Zensur für andere Zeitungen nicht generell aufgehoben wurde. Außenpolitische Motive (im Zuge des Österreichischen Erbfolgekrieges) führten allerdings bereits 1743 wieder zur Einschränkung der Pressefreiheit.

Nach Haudes Tod 1748 ging die Zeitung in den Besitz seines Teilhabers in der gemeinsamen Firma Haude und Spener, Johann Karl Spener, später an Johann Karl Philipp Spener (1749–1827) über. Seit 1826 wurde sie von Samuel Heinrich Spiker (1786–1858) geleitet. Nachfolger Spikers wurde 1858 Alexis Bravmann Schmidt (1818–1903), der bis 1872 Chefredakteur und Geschäftsführer der Zeitung war.

1872 wurde die Zeitung an eine neu gegründete Aktiengesellschaft verkauft. Das Kapital dafür wurde vornehmlich von Vertretern der Nationalliberalen Partei aufgebracht, die Zeitung damit eng an die Nationalliberale Partei gebunden. Die politische Redaktion übernahm Wilhelm Wehrenpfennig, das Feuilleton der Zeitung Gustav Gans zu Putlitz. Zum insgesamt moderneren Zuschnitt des Blattes gehörte es, dass in ihren Spalten von jetzt an auch Fortsetzungsromane gebracht werden sollten. Allerdings beschleunigte ausgerechnet diese Neuerungen den Niedergang der Zeitung. Denn der erste Roman, den die Zeitung 1872 sukzessive druckte, Paul Heyses Kinder der Welt, führte zu heftigen Protesten von Lesern und zahlreichen Abbestellungen der Zeitung. „(D)ie Leitung des Blattes hatte ihre Rechnung ohne Rücksicht auf die bisherigen Leser gemacht, die sich zumeist aus den ehrbarsten Kreisen märkischer Pfarrerfamilien zusammensetzten. Sie erschraken, als sie die nähere Bekanntschaft der reizvollen Sünderin Antoinette Marchand und des pantheistisch angehauchten Balders machten. Entrüstungsrufe über Entrüstungsrufe ertönten, die Bestellungen auf das sittenlose Blatt wurden gekündigt. Und nicht bloß aus diesen Kreisen kamen Ausbrüche des stärksten Unwillens über die Wahl dieses Lesestoffes. Sogar Theodor Mommsen war in hohem Grade unwirsch geworden und meinte, man könne die Zeitung auf dem Familientische nicht dulden, denn ein Roman wie ‚Kinder der Welt‘ dürfe von anständigen jungen Mädchen nicht gelesen werden. Man kann es ohne Uebertreibung ruhig niederschreiben: an Paul Heyses ‚Kinder der Welt‘ ist Onkel Spener in Berlin eines seligen Todes verblichen.“[2]

1874 war das Ende der traditionsreichen Berliner Zeitung besiegelt. Die Spenersche Zeitung ging in der Berliner National-Zeitung auf.

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter de Mendelssohn: Tante Voss und Onkel Spener. In: Ders.: Zeitungsstadt Berlin. Menschen und Mächte in der Geschichte der deutschen Presse. Überarbeitete u. erw. Aufl. Frankfurt/M., Berlin, Wien: Ullstein, 1982. S. 36-53

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. [Hans Meyer:] Der richtige Berliner in Wörtern und Redensarten. 3., verm. u. verb. Aufl. Berlin, 1880, S. 80.
  2. Isidor Kastan: Berlin, wie es war. Berlin, 1919, S. 219–220.