Spielverhalten der Tiere

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Spielverhalten einer bereits erwachsenen Hauskatze
Zwei junge Katzen in einem spielerischen Kampf
Zwei junge männliche Eisbären in einem spielerischen Kampf (November 1999, Kanada)

Als Spielverhalten bezeichnen Verhaltensbiologen diverse, in der Regel nicht einem bestimmten Zweck zuzuordnende („sinnlose“) Bewegungsabfolgen speziell bei Jungtieren. Diese als „Spiel“ bezeichneten, häufig wiederholt auftretenden Bewegungsabfolgen ähneln oft bestimmten angeborenen Bewegungsabfolgen der erwachsenen Artgenossen. Da die als Spielverhalten bezeichneten Aktivitäten nicht eindeutig von zielgerichteten Aktivitäten abgrenzbar sind, ist eine exakte Definition des Spielens bei Tieren nicht möglich. In gleicher Weise ist es schwierig, das Spielverhalten von Jungtieren gegen Erkundungsverhalten abzugrenzen. Häufig kann im Zusammenhang mit Spielverhalten beobachtet werden, dass das Verhalten von älteren Tieren oder Spielgefährten nachgeahmt wird; Menschenaffen ahmen häufig auch Menschen nach.

Biologische Funktion des Spielens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verhaltensforscher deuten das Spielverhalten in der Regel als ein biologisch programmiertes (das heißt ererbtes) „Optimieren“ von bestimmten Verhaltensweisen. Junge Wölfe und junge Hunde liefern sich zum Beispiel häufig lange Verfolgungsjagden, sie schneiden sich den Weg ab – Aktivitäten also, die später bei Flucht oder Jagd wichtig zum Überleben sind. Junge Hauskatzen und Löwenjungtiere sind bekannt dafür, dass sie sich spielerisch anschleichen, eine nicht vorhandene Beute anspringen und mit Prankenschlägen „attackieren“. Die Verhaltensforscher deuten das Spielverhalten schließlich auch als eine angeborene Neigung, ganz allgemein die körperliche Leistungsfähigkeit und Geschicklichkeit durch „Training“ zu optimieren, „das heißt, es dient zum Kennenlernen des eigenen Körpers und der eigenen Bewegungsmöglichkeiten, sowie durch Ausprobieren oder Nachahmen auch zum Sammeln von Erfahrungen mit Teilen der belebten und unbelebten Umwelt.“[1]

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Haustiere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Haustiere zeigen auch noch als Erwachsene ausgeprägtes Spielverhalten, so vor allem Haushunde, Hauskatzen und Hauskaninchen. Vermutlich ist dies nicht allein ein Ergebnis einer Züchtung auf insgesamt verlängertes Jungtierverhalten. Vielmehr war die Neigung zum Spielen wohl sogar die Ursache dafür, dass die frühen Tierhalter Gefallen gerade an diesen Tierarten fanden.

Beim Spiel der Katzen und der Hunde treten beispielsweise Bewegungsabfolgen aus dem Verhaltenskomplex des Beutefangs, des Kampfes gegen Angreifer und des Sexualverhaltens auf, jedoch in aller Regel ohne die zugehörige Endhandlung (also zum Beispiel kein festes Zubeißen). Oft wechseln spielende Tiere innerhalb von kürzester Zeit mehrfach die Rollen – der Angreifer wird zum Verfolgten und umgekehrt. Durch eine arttypische Spielgestik und -mimik – beispielsweise die Vorderkörpertiefstellung – wird dem Spielpartner vermittelt, dass es sich bei den spielerischen Handlungen um Aktionen ohne Ernst handelt.

Ratten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem 2019 berichteten Experiment gelang es, mit Ratten Verstecken zu spielen: Ein Testtier wurde zunächst in einem Raum voller Gegenstände in eine geschlossene Kiste gesetzt, deren Deckel sich ferngesteuert öffnen ließ. Ziel der Versuchsanordnung war, dass die Ratte einen ebenfalls im Raum befindlichen Menschen suchen sollte. Hatte sie diese Person gefunden, wurden sie als Belohnung gekitzelt. In einer zweiten Versuchanordnung ging es darum, dass die Ratte lernen sollte, sich vor einem „Mitspieler“ zu verstecken – in beide Versuchanordnungen wurde nach wenigen Durchläufen das vorgegebene Verhalten beobachtet.[2] In einem Begleitartikel auf wissenschaft.de wurden die Befunde wie folgt interpretiert: „Obwohl die Tiere am Ende jedes Versuchsdurchlaufs mit Kitzeln ‚belohnt‘ wurden, zeichnete sich den Forschern zufolge deutlich ab, dass sie nicht nur um der Belohnung willen spielten. Der Spaß am Spiel zeigte sich demnach an speziellen Lautäußerungen: Die Ratten quiekten beim Suchen fröhlich – besonders, wenn sie die Person gefunden hatten, berichten die Wissenschaftler. Dagegen waren sie ausgesprochen still, wenn sie sich versteckten.“[3]

Schimpansen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wild lebende Schimpansen der Kanyawara-Schimpansen-Population wurden im Kibale-Nationalpark in Uganda zwischen 1993 und 2006 wiederholt dabei beobachtet, dass sie Stöcke sowohl als Werkzeug bei der Futtersuche als auch bei Kämpfen benutzen. Jungtiere spielen zudem gelegentlich mit kleinen Stöcken.[4] „Die Kanyawara-Schimpansen zeigten allerdings noch eine weitere Variante, die die Forscher ‚Stocktragen‘ tauften. Die Tiere trugen dabei Stöcke eine Weile mit sich herum, nahmen sie auch mit in ihre Ruhenester und spielten manchmal mit ihnen in einer Weise, die fast an den Umgang mit einer Puppe oder einem Schimpansenbaby erinnerte.“[5] Vor allem das Spielverhalten der jungen weiblichen Schimpansen erinnerte an das Verhalten der erwachsenen Weibchen beim Umgang mit Neugeborenen: „Die jungen Schimpansinnen legten das auffällige Verhalten ab, sobald sie ihren ersten eigenen Nachwuchs bekamen.“[6]

Grüne Meerkatzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer Studie von Alexander & Hines (2002)[7] wurden Geschlechtsunterschiede in den Spielzeugpräferenzen eines nichtmenschlichen Primaten, der Westlichen Grünmeerkatze (Chlorocebus sabaeus), gefunden. Diese Unterschiede ähneln denen, die bereits bei Kindern dokumentiert wurden. Weibliche Grünmeerkatzen zeigten eine stärker ausgeprägte geschlechtstypische Präferenz als männliche Artgenossen.

In der Studie wurden sechs Spielzeuge in zufälliger Reihenfolge nacheinander für fünf Minuten in einen Käfig kleiner Gruppen von Grünmeerkatzen gelegt. Diese Spielzeuge wurden auf Basis der Spielzeugpräferenzen von Mädchen und Jungen in drei Kategorien aufgeteilt. Es wurden unter anderem ein Ball und ein Polizeiauto dargeboten, woran Jungen mehr Interesse hatten als Mädchen. Diese wurden entsprechend  a priori  als „männliches Spielzeugset“ festgelegt. Das „weibliche Spielzeugset“, an dem mehr Mädchen als Jungen Interesse zeigten, waren eine Puppe und ein Kochtopf. Das „neutrale Spielzeugset“, mit dem sowohl Mädchen als auch Jungen vergleichbar viel Zeit verbrachten, bestand aus Büchern und Stofftieren.  

Während sich männliche Grünmeerkatzen eine längere Zeit mit „männlichem Spielzeug“ beschäftigten, investierten weibliche Tiere mehr Zeit mit Puppe und Topf. Die Zeit, welche sowohl männliche als auch weibliche Grünmeerkatzen mit dem „neutralen Spielzeug“ verbrachten, war dagegen vergleichbar. Zudem war die Art und Weise des Kontakts der Grünmeerkatzen mit dem Spielzeug teilweise ähnlich zu dem Umgang, der bei Kindern beobachtet werden konnte (z.B. das Bewegen des Autos über den Boden). Es wurden keine Geschlechtsunterschiede in Reaktion auf die Spielzeugkategorien belebt (Puppe, Hund) und unbelebt (Auto, Ball, Buch, Pfanne) gefunden. Andere Merkmale wie beispielsweise die Farbe scheinen dagegen zu den weiblichen Objektpräferenzen beigetragen zu haben, wodurch die Weibchen mehr Kontakt mit der Puppe mit einem rosa Gesicht und dem rot gefärbten Topf hatten. Es lässt sich schlussfolgern, dass geschlechtsdifferenzierte Objektpräferenzen bereits früh in der menschlichen Evolution entstanden sind. Diese Präferenzen für Objektmerkmale können zu den geschlechtsdimorphen Spielzeugpräferenzen bei Kindern beitragen.

Reptilien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben Säugetieren beobachteten Forscher Spielverhalten auch bei Vögeln und Reptilien. So wirken Komodowarane beim Spiel mit alten Schuhen oder Bällen verspielt wie junge Hunde. Und Afrikanische Weichschildkröten scheinen Spaß daran zu haben, Flaschen und anderes Treibgut über die Wasseroberfläche zu schubsen und mit Schläuchen Tauziehen zu spielen.[8]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marc Bekoff und John A. Byers (Hrsg.): Animal Play: Evolutionary, Comparative and Ecological Perspectives. Cambridge University Press, 1998, ISBN 978-0-52158383-1.
  • Anthony D. Pellegrini und Peter K. Smith (Hrsg.): The Nature of Play: Great Apes and Humans. The Guildford Press, New York / London 2005, ISBN 1-59385-117-0.
  • Janice M. Hassett, Erin R. Siebert und Kim Wallen: Sex differences in rhesus monkey toy preferences parallel those of children. In: Hormones and Behavior. Band 54, Nr. 3, 2008, S. 359–364, doi:10.1016/j.yhbeh.2008.03.008.
  • Suzanne D. E. Held und Marek Špinka: Animal play and animal welfare. Review-Artikel in: Animal Behaviour. Band 81, Nr. 5, 2011, S. 891–899, doi:/10.1016/j.anbehav.2011.01.007.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

WiktionaryWiktionary: Spielverhalten – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stichwort Spielverhalten. In: Klaus Immelmann (Hrsg.): Grzimeks Tierleben. Sonderband Verhaltensforschung. Kindler, Zürich 1974, S. 637
  2. Annika Stefanie Reinhold et al.: Behavioral and neural correlates of hide-and-seek in rats. In: Science. Band 365, Nr. 6458, 2019, S. 1180–1183, doi:10.1126/science.aax4705
    Auch Ratten spielen Verstecken. Erläuterungen der Humboldt-Universität zu Berlin vom 13. September 2019.
  3. Forscher spielen mit Ratten Verstecken. Auf: wissenschaft.de vom 12. September 2019.
  4. Sonya M. Kahlenberg und Richard W. Wrangham: Sex differences in chimpanzees' use of sticks as play objects resemble those of children. In: Current Biology. Band 20, Nr. 24, 2010, S. R1067–R1068, doi:10.1016/j.cub.2010.11.024, Volltext
  5. Auch Schimpansen-Mädchen spielen lieber mit „Puppen“. Auf: scinexx.de vom 27. Dezember 2010.
  6. Was Affenmädchen mögen. Auf: wissenschaft.de vom 21. Dezember 2010.
  7. Gerianne M Alexander, Melissa Hines: Sex differences in response to children's toys in nonhuman primates (Cercopithecus aethiops sabaeus). In: Evolution and Human Behavior. Band 23, Nr. 6, 1. November 2002, ISSN 1090-5138, S. 467–479., doi:10.1016/S1090-5138(02)00107-1. – Die Art wird heute als Westliche Grünmeerkatze (Chlorocebus sabaeus) bezeichnet.
  8. Warum Tiere spielen: So ein Unfug. Macht aber Sinn. Auf: spiegel.de vom 11. Januar 2015