St. Lamberti (Coesfeld)

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St. Lamberti (Coesfeld)

St. Lamberti mit dem Coesfelder Marktplatz

Basisdaten
Konfession römisch-katholisch
Ort Coesfeld, Deutschland
Diözese Münster
Patrozinium Lambert von Lüttich
Baugeschichte
Architekt Hynerk de Suer
Baubeschreibung
Bautyp Hallenkirche
Funktion und Titel

Pfarrkirche, Wallfahrtskirche

Koordinaten 51° 56′ 45″ N, 7° 10′ 6″ OKoordinaten: 51° 56′ 45″ N, 7° 10′ 6″ O
St.-Lamberti (Luftbild, 2014)

St. Lamberti ist die Pfarrkirche der gleichnamigen katholischen Gemeinde im münsterländischen Coesfeld. Sie steht unmittelbar am Marktplatz der Stadt.

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Romanische Doppeltürme (bis 1635/81), Darstellung um 1520

Die nach dem heiligen Lambert benannte Kirche ist wie die nur wenig jüngere Jakobikirche eine der beiden alten Innenstadtpfarrkirchen Coesfelds. Sie wurde noch von Ludgerus, dem ersten Bischof von Münster, als Holzkirche gebaut. Die ältesten erhaltenen Teile sind Mittelschiffpfeiler der staufischen Hallenkirche im gebundenen System aus dem 13. Jahrhundert. Ihr war eine Doppelturmfassade samt Vorhalle vorgelagert. Zwei steinerne Vorgängerbauten konnten archäologisch nachgewiesen werden. In zwei kurz aufeinander folgenden Bauabschnitten erweiterte der in Coesfeld ansässige Baumeister Henric de Suer den Bau. 1473 ließ er den zweijochigen Chor mit Nebenapsiden errichten, dann erneuerte er die Seitenschiffe und das Gewölbe des Mittelschiffes unter Verlust der gebundenen Ordnung. Die noch bestehende Hallenkirche ist somit größtenteils als sein Werk anzusehen. Bauunterhaltungsmängel auf Grund der Verarmung Coesfelds durch kriegerische Handlungen ließen bereits 1635 den südlichen Turm einem Novembersturm zum Opfer fallen. Der nördliche sank – ebenfalls durch einen Novembersturm verursacht – 1681 in sich zusammen. Erst im folgenden Frühjahr konnten die Glocken, deren hölzernes Gerüst innerhalb der Ruine dem Sturm standgehalten hatte, geborgen und die Trümmer beseitigt werden. Somit besitzt die Lambertikirche heute das älteste zusammenhängende Geläut Westfalens. Der Bau des neuen Turmes, ein Werk von Gottfried Laurenz Pictorius, begann 1686 und zog sich bis 1703 hin. Es besteht eine Ähnlichkeit mit dem zur gleichen Zeit errichteten Turm der Jesuitenkirche. Erst der Zweite Weltkrieg, den die Lambertikirche im Gegensatz zur Stadt Coesfeld eigentlich weniger zerstört überstand, fügte dem Bau dennoch einige schwere Schäden zu. Die Sakristei erhielt einen Bombenvolltreffer, das Südseitenschiffgewölbe stürzte ein. Die Maßwerke der Fenster waren herausgebrochen. Bis 1953 waren diese Schäden behoben.[1]

Das Äußere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

St. Lamberti 1913

Das Langhaus ist bis zur Traufhöhe in Baumberger Sandstein ausgeführt, die mit Lisenen und Spitzbögen gegliederten Zwerchgiebel über den Fenstern und der Hallenchor mit den Nebenapsiden sind mit dunkelrotem Backstein gemauert. Die Hauptapsis besteht ebenfalls aus dem für die Region charakteristischen Baumberger Sandstein. Die Westseite und der Turm aus im Kreuzverband gemauertem Backstein sind mit Sandsteinelementen gegliedert. Das Portal in Barockformen ist ganz aus Sandstein. Darüber thront eine Darstellung des Coesfelder Kreuzes. Die beiden Figuren in den seitlichen Rundbogennischen stellen Ludgerus und Lambertus dar und stammen aus den 1930er Jahren. Außer den Kielbögen der Strebepfeiler, die Reliefs mit den Symbolen der Evangelisten bzw. das Christusmonogramm einrahmen und von Kreuzblumen bekrönt sind, bilden lediglich zwei Epitaphe und eine (zweite) Figur des heiligen Ludgerus im Giebelfeld der Sakristei den äußeren Schmuck der Lambertikirche. Die Sakristei auf der Nordseite ist aus Backstein gemauert. Das Epitaph der Familie von Graes (1497) ist in die südwestliche Abschlusswand des Langhauses eingelassen, das Epitaph der Eheleute von Vagedes, eine reliefartige Ölbergszene des J. W. Gröninger von 1705, befindet sich an der östlichen Wand des Chorabschlusses. Die einstige Balustrade wurde entfernt.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mittelschiff der Lambertikirche

Bedeutendstes Stück der Ausstattung von St. Lamberti ist das Coesfelder Kreuz, ein Gabelkruzifix vom Beginn des 14. Jahrhunderts. Da sich die Pfarrgemeinde im Besitz einer Kreuzreliquie befindet, die im Corpus verwahrt werden kann, stand das als „wundertätig“ geltende Kreuz im Zentrum einer jahrhundertealten Wallfahrtstradition und wird noch heute von vielen Gläubigen besonders verehrt.

Hauptartikel: Coesfelder Kreuz (Kruzifix)

Die übrigen Stücke sind aus mehreren Epochen. Die hölzerne Decke der Turmhalle soll noch aus Teilen der Flachdecke des romanischen Baues bestehen.[2] Sie ist mit ornamentaler Malerei versehen. In der Turmhalle befinden sich zwei Epitaphe, eine Kreuztragung samt Veronika-Szene und eine Kreuzabnahme/Pieta, von Gerhard Gröninger. Vier Figuren vom neogotischen Kreuzaltar zieren zusätzlich die inneren Turmwände, Karl der Große, die heilige Helena und zwei, die nicht eindeutig zugeordnet werden können, wohl Lambertus oder Ludgerus und eine bärtige Person, wahrscheinlich Paulus.

Der seinerzeit in Coesfeld ansässige Bildhauer Johann Düsseldorp schuf ab 1516 die durchweg farbig gefassten Apostelfiguren an den Pfeilern. Des Weiteren ist die überlebensgroße Figur des heiligen Christophorus über der Tür zur Sakristei von ihm. Ein wenig älter ist das bronzene Taufbecken (1504), welches in der Dortmunder Gießerei Wiedenbrock gegossen wurde. Eine niederdeutsch verfasste Inschrift nennt Reinolt Wiedenbrock und Klaes Potgeiter als Hersteller. Die gotischen Sedilien an der Südwand des Chores werden 1520 datiert. Vier Beichtstühle und die Kanzel sind Werke des Barock, letztere von Johann Rendeles. An der Nordwand des Langhauses hängen zwei ebenfalls barocke ehemalige Altargemälde, eines die Anbetung der Hirten, das andere die Auferweckung des Lazarus darstellend. Die Südwand schmücken je ein Bild der Mutter Anna, wie sie der Gottesmutter das Lesen lehrt, und eines des heiligen Josef mit dem Jesusknaben. Alle diese Werke werden Johann Veltmann zugeschrieben. Auf der Orgelbühne befindet sich noch ein Bildnis der Kreuzabnahme nach Rubens. Es stammt aus dem nahegelegenen Stift Varlar. Die einst unter der Mensa des neugotischen Hochaltars, dem Kreuzaltar von 1852, platzierte vollplastische Grablegungsszene im Nazarenerstil befindet sich jetzt im rechten Seitenschiff. Nazarenerkunst sind auch die vierzehn Kreuzwegstationen. Die beiden geschnitzten Seitenaltäre kamen 1892/93 in die Kirche, sie sind Vertreter der Wiedenbrücker Schule, wie man seit einer Untersuchung 1983 annimmt. Jüngstes Ausstattungsstück, von den nachkonziliaren liturgischen Umgestaltungen abgesehen, ist die halbrunde, auf zwei schlichten Säulen ruhende und grazil wirkende, aus den 1950er Jahren stammende und ganz im Stil der Zeit erbaute Orgelbühne samt Orgel aus gleicher Epoche.

Die ehemaligen Kreuzaltäre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein mittelalterlicher Kreuzaltar ist bei einem Bildersturm während der hessischen Besatzung Coesfelds zerstört worden, der Barockaltar, eine Stiftung Christoph Bernhards von Galen, blieb bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Lambertikirche; eine zeitgenössische Aufrisszeichnung inklusive Preisnotizen eines neuen Kreuzaltars befindet sich im Pfarrarchiv.[3] Diesen Altar ersetzte ein neugotisches Stück, das wiederum 1952 weichen musste. Ein schlichter Block auf zwei Säulen ruhend, das Coesfelder Kreuz bis vor das mittlere Buntglasfenster des Chores (als Hintergrund) erhoben, bildeten das letzte als Kreuzaltar zu bezeichnende Werk. Heute steht das Kreuz losgelöst vom Zelebrationsaltar im Chorhaupt. Die Ikonographien der Altäre von 1652 und 1852 weisen deutliche Parallelen auf, beide hatten eine Grablegung im Sockelbereich, beide waren mit Karl dem Großen und der heiligen Helena geschmückt. Diese vom Galenschen Altar befinden sich heute in der Großen Kreuzwegkapelle. Der Altartisch war vom Aufbau losgelöst, das Kreuz befand sich hinter einer Glastür. Der Hochaltar der Liebfrauenkirche Bocholt ist nicht der ehemalige Kreuzaltar von St. Lamberti,[4] wie in älterer Literatur angegeben, vielmehr stammt er aus der dortigen St.-Georgs-Kirche, besitzt aber ein Kreuzigungsgemälde des Coesfelder Künstlers Hermann Veltmann in seinem Auszug, was dieses Missverständnis erklärt. Auch gibt es ein, wenn auch kleineres und weniger bekanntes Gabelkruzifix in Bocholt, welches ebenfalls als „wundertätig“ bezeichnet wird und Ziel von Wallfahrten war/ist.[5]

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mittelschiff nach Westen mit Blick auf die Orgel

Die Orgel der St. Lambertikirche ist ein Werk des Orgelbauunternehmens Gebr. Stockmann in Werl aus dem Jahr 1956. Sie hat 45 Register mit einer elektropneumatischen Spiel- und Registertraktur (System: Kegelladen). Renovierung und Umbau wurden in den Jahren 1974 und 1988 durch die Erbauerfirma Stockmann und Fa. Sauer durchgeführt. 1998 errichtete die Firma Gebr. Stockmann einen neuen Spieltisch mit 128 Setzern. Von derselben Firma stammt die einmanualige Chororgel aus dem Jahr 1986 mit sechs Registern inklusive Pedalwerk. Die Chororgel wird durch mechanische Spiel- und Registertraktur gesteuert.[6] Die Hauptorgel wurde im Jahr 2012 restauriert. Dabei wurde die Disposition der Orgel geringfügig geändert. Hinzugekommen ist unter anderem das Pedalregister Untersatz 32′.[7]

I Hauptwerk C–g3
1. Rohrgedackt 16′
2. Prinzipal 8′
3. Holzflöte 8′
4. Gemshorn 8′
5. Oktav 4′
6. Koppelflöte 4′
7. Quinte 22/3
8. Oktave 2′ (N)
9. Cornett IV 4′ (N)
10. Mixtur IV–V 2′ (N)
11. Trompete 8′
II Oberwerk C–g3
12. Harfenprinzipal 8′
13. Lieblich Gedackt 8′
14. Praestant 4′ (N)
15. Spitzflöte 4′
16. Waldflöte 2′ (N)
17. Quinte 11/3
18. Terz-Sept II 13/5
19. Scharff III–IV (N)
20. Regal 16′
21. Oboe 8′ (N)
Tremulant
III Schwellwerk C–g3
22. Stillgedackt 16′
23. Ital. Prinzipal 8′
24. Rohrflöte 8′
25. Gamba 8′
26. Fugara 4′ (N)
27. Blockflöte 4′
28. Prinzipal 2′
29. Sifflöte 1′
30. Sesquialtera II
31. Quintzimbel III (N)
32. Basson 16′
33. Trompete 8′
Tremulant
Pedal C–f1
34. Untersatz 32′ (N)
35. Prinzipalbaß 16′
36. Subbaß 16′
37. Gedacktbaß 16′
38. Rohrgedackt 8′
39. Oktavbaß 8′
40. Choralbaß 4′
41. Bassflöte 4′
42. Flachflöte 2′
43. Hintersatz VI 51/3
44. Posaune 16′
45. Trompete 8′
46. Clarion 4′
  • Koppeln: II/I (auch als Sub- und Superoktavkoppel), III/I, III/II, I/P, II/P, III/P
  • Anmerkung
(N) = Änderung 2012

Geläut[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lambertusglocke

Im Turm hängen vier Glocken aus dem 15. Jahrhundert. Sie bilden das älteste vollständig erhaltene Geläut in Westfalen. [8][9]

Nr.
 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer
 
Durchmesser
(mm)
Masse
(kg, ca.)
Schlagton
(HT-1/16)
Inschrift
 
1 Lambertus 1428 Johan smit ut henegovne 1.430 2.000 c1 −4 vox mea dulcisona populum vocat ad sacra dona
(Meine lieblich klingende Stimme ruft das Volk zum heiligen Opfer)
2 Maria 1435 Meister Volkerus(?) 1.395 2.000 es1 +3
3 Hl. Kreuz 1435 Meister Volkerus(?) 1.105 800 f1 −7
4 Katharina 1435 Meister Volkerus(?) 1.029 670 g1 −8

Bis 1942 existierte noch eine 1928 gegossene, rund fünf Tonnen schwere as0-Glocke der Firma Petit & Gebr. Edelbrock aus Gescher. Diese trug den Namen Christkönig und war dem im Februar 1942 im Konzentrationslager Dachau ums Leben gekommenen Pfarrdechant Josef Lodde zu seinem 25-jährigen Priesterjubiläum, das er am 23. Mai 1928 beging, von der Kirchengemeinde geschenkt worden. Sie war mit einem Gewicht von mehr als fünf Tonnen die größte und schwerste Glocke des Geläutes. Am Pfingstdienstag 1942 wurde sie abgehängt, um für Kriegszwecke eingeschmolzen zu werden.[10][11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Baudenkmäler in Westfalen – Kriegsschäden und Wiederaufbau von Karl E. Mummenhoff. Fr. Wilh. Ruhfus Verlagsbuchhandlung Dortmund 1968. Kapitel III. „Regierungsbezirk Münster“, Abschnitt 10. Kreis Coesfeld/„Coesfeld“, S. 186.
  2. Kaplan Guido Wachtel, Steine erzählen - ein Führer durch die Lambertikirche, Pfarrgemeinde St. Lamberti Coesfeld, 2000 (PDF; 5,0 MB), S. 10.
  3. Daniel Hörnemann, Das Coesfelder Kreuz, Dialogverlag Münster, 2000, S. 18.
  4. Daniel Hörnemann, Das Coesfelder Kreuz, Dialogverlag Münster, 2000, S. 18/19.
  5. Schnell & Steiner Nr. 1639, St.-Georg-Kirche Bocholt, 1988, S. 22/23.
  6. Chororgel in St. Lamberti/Coesfeld, abgerufen am 29. März 2016.
  7. Hauptorgel in St. Laberti/Coesfeld, abgerufen am 29. März 2016.
  8. Kaplan Guido Wachtel, Steine erzählen - ein Führer durch die Lambertikirche, Pfarrgemeinde St. Lamberti Coesfeld, 2000 (PDF; 5,0 MB), S. 9.
  9. Claus Peter: Die Deutschen Glockenlandschaften. Westfalen. Deutscher Kunstverlag, München 1989, S. 43f., ISBN 3-422-06048-0.
  10. Christine Tibroni: Rezension im Billerbecker Anzeiger
  11. Hans-Karl Seeger, Hermann Hüsken: Dechant Josef Lodde – Coesfelds Fels in der braunen Flut. Lit Verlag, Münster 2012, ISBN 978-3-643-11457-0 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St. Lamberti, Coesfeld – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien