Superfest

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Ein Superfest-Bierglas (0,25 l) mit dem typischen Eichstrich
DDR-Wirtschaftspatent Nr. 157966

Superfest, bis 1980 auch CV-Glas[1][2] oder Ceverit[3] genannt, war eine Marke für Trinkgläser in der DDR. Dank ihres chemisch verfestigten Glases waren sie nahezu unzerbrechlich. Die Superfest-Gläser wurden zwischen 1980 und 1990 im damaligen VEB Sachsenglas Schwepnitz produziert.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mitte der 1970er-Jahre begannen in der DDR Versuche, das herkömmliche dünnwandige Wirtschaftsglas fester und hitzebeständiger zu machen.[3] Die 1973 vom Zentralinstitut für organische Chemie gegründete Abteilung Glasstrukturforschung[1] untersuchte u. a. den sogenannten Ionenaustausch. In einem zusätzlichen Prozessschritt werden dabei an der Grenzfläche der Gläser kleinere Natrium-Ionen durch größere Kalium-Ionen ersetzt, die die Spannung in der Glasoberfläche erhöhen und es damit fester machen.[4] Dieser Mechanismus wird u. a. auch für die Herstellung von Gorilla Glass verwendet.

Am 8. August 1977 meldete ein vierköpfiges Team um den Wissenschaftler Dieter Patzig das Patent Nr. 157966 Verfahren und Vorrichtung zur Verfestigung von Glaserzeugnissen durch Ionentausch[5] für verfestigtes Trinkglas an. Im November 1978 sicherte ein Ministerratsbeschluss die Finanzierung dieses „Vorhabens von besonderer Dringlichkeit“.[6] Die aus der Erfindung hervorgehende Glasmarke wurde CEVERIT genannt, zusammengesetzt aus CE (chemisch) + VER (verfestigt) + IT (übliche Endung für mineralische Stoffe). Angestrebt wurde die fünffache[6] Lebensdauer eines gewöhnlichen Trinkglases, erreicht wurde die 15-fache[2][3]. Weitere Vorzüge waren die Hitzebeständigkeit, die Stapelbarkeit und das geringere Gewicht.

Das physikalische Labor der Akademie der Wissenschaften, in dem das Material für das Glas Superfest gemessen wurde. Es ist aus dem Nachlass von Elfriede Hilma Matzko, physikalische Assistentin im Team Superfest.
Das Team bei der Ehrung in der Akademie der Wissenschaften der DDR, bestehend aus Wissenschaftlern und Assistentinnen ( 2. von links Dieter Patzig, 1. von rechts Elfriede Hilma Matzko ).

Die Wissenschaftler hatten ein kleines Team von Assistentinnen, die täglich an der Perfektionierung des Materials mitgeholfen haben. Elfriede Hilma Matzko,, gelernte Metallografin, arbeitete in dem Team von Dieter Patzig als physikalische Assistentin. Über mehrere Jahre hinweg hat sie täglich Risse im Glas ausgemessen, Auswertungen an die Wissenschaftler weiter geleitet und somit ,zur Verbesserung der Festigkeit des Glases beigetragen. Für die Innovation gab es für die Wissenschaftler und deren Team von Assistentinnen der Akademie der Wissenschaften eine Ehrung und eine Geldprämie. Diese Prämie wurde nur an Vollzeitkräfte ausgezahlt und nicht an Teilzeitkräfte. Elfriede Hilma Matzko, Mutter von 4 Kindern, hat als Teilzeitkraft daher keine Prämie bekommen. Es war den Frauen der Akademie der Wissenschaften in der physikalischen Abteilung erlaubt, ihre Kinder auf die Arbeit mitzubringen. Dadurch konnten deren Kinder die Entwicklung des superfesten Glases vor Ort miterleben und ihnen im Labor der nachhaltige Umgang mit Rohstoffen vermittelt werden.

Die Produktion, die im Frühjahr[7] 1980 im VEB Sachsenglas Schwepnitz[1][3] begann, beschränkte sich zunächst auf Biergläser. Auf Anregung des westdeutschen Handelsvertreters Eberhard Pook[6] wurde der Name der Glasmarke in Superfest geändert. Der tägliche Gesamtenergieverbrauch der Anlage, die für einen Durchsatz von bis zu 48.000 Viertelliter-Gläsern pro Tag konzipiert war, lag zwischen 250 und 350 kWh.[8] Bis zum Produktionsende am 1. Juli 1990[2] wurden 110[2][3][9] bis 120[10] Millionen Superfest-Trinkgläser in allen Größen gefertigt. Hauptabnehmer war die DDR-Gastronomie. Der beabsichtigte Verkauf in der Bundesrepublik kam nicht zustande.[6]

„Bei Coca Cola zum Beispiel hieß es: Warum sollen wir ein Glas nehmen, das nicht kaputtgeht? Wir verdienen Geld mit unseren Gläsern. […] Die Händler sagten verständlicherweise: Wer sägt schon den Ast ab, auf dem er sitzt?“ (Eberhard Pook[6])

Neben den anfänglichen Biergläsern wurden später auch Schnapsgläser, Vasen, Eisbecher und andere Formen ins Sortiment aufgenommen.

Mit der politischen Wende begann die Abwicklung der DDR-Glasindustrie und ihrer wissenschaftlichen Einrichtungen. Aus dem Glaswerk Schwepnitz wurde im Juli 1990 die SAXONIA-Glas GmbH Schwepnitz, die 1991 von der Treuhand liquidiert wurde. Im April 1992 wurde das Patent von den Erfindern aufgegeben.[11]

Formen der Superfest-Gläser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben der 1980 mit dem Designpreis der DDR für das Gestalterkollektiv Paul Bittner, Fritz Keuchel und Tilo Poitz[12] ausgezeichneten Stapelbecherform, die in fünf verschiedenen Größen produziert wurde, gab es zwei Vasengrößen, zwei Bechergrößen mit dem Namen „Konic“, zwei Bechergrößen für Bier und Whisky mit dem Namen „Columbus“, eine Sektstange, ein Grogglas, eine Teeschale, eine Eisschale, mindestens eine Senfglasgröße, einen Schwenker, einen Stamper, einen Weinbecher und zwei Becher für Bier und Whisky mit dem Namen „Capitol“. Auf den Teebechern, Senfgläsern und Vasen fehlen der geätzte Superfest-Markenname sowie das Logo für Lausitzer Glas. Auf dem kleinen Stamper ist der Schriftzug „Superfest“ wie der Füllstand in rot aufgedruckt. Im Glasmuseum Weißwasser stehen noch drei weitere, wahrscheinlich nie in Umlauf gekommene Formen: ein kleiner „Columbus“-Stamper, ein Stielglas für Rot- oder Weißwein und ein Schnapsglas in der bekannten Stapelbecherform mit 4cl Inhalt. Auch diese drei Formen tragen nicht das geätzte Markenzeichen.[13]

Die Formgebung der am häufigsten produzierten Stapelbecher baut auf den sogenannten Wirtegläsern auf, die von Margarete Jahny und Erich Müller Anfang der 1970er Jahre entworfen wurden. Zugunsten der Stapelbarkeit wurden die ursprünglichen Formen Jahnys und Müllers geändert.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c David Krenz: Zu gut. In: Zeit-Magazin Nr. 46 vom 5. November 2020, S. 46–51, hier S. 47
  2. a b c d Wer braucht schon Glas, das nicht kaputt geht?. In: Lausitzer Rundschau vom 21. Januar 2017
  3. a b c d e Ron Schlesinger: „Superfest“: Warum diese DDR-Gläser (fast) nie kaputtgehen. In: t-online, 8. November 2020
  4. Dietrich Mauerhoff: „Superfest“ – eine Geschichte über chemisch verfestigtes Wirtschaftsglas. In: VDG-Nachrichten 4/2013, S. 37–40
  5. Patentschrift bei Google
  6. a b c d e David Krenz: Zu gut. In: Zeit-Magazin Nr. 46 vom 5. November 2020, S. 46–51, hier S. 48
  7. Die Quellen divergieren: Mai 1980 (Mauerhoff 2011, S. 3 f.; Schlesinger 2020) versus 4. Juni 1980 (Krenz 2020, S. 48).
  8. Dietrich Mauerhoff: Superfeste Gläser – Geschichte einer vernichteten Technologie zur Herstellung von Trinkgläsern für Bier, Wein, Spirituosen und alkoholfreie Getränke. In: Neueste Nachrichten des Glasmuseum Weißwasser (Nr. 23) vom 1. Dezember 2011, S. 8
  9. Dietrich Mauerhoff: Superfeste Gläser – Geschichte einer vernichteten Technologie zur Herstellung von Trinkgläsern für Bier, Wein, Spirituosen und alkoholfreie Getränke. In: Neueste Nachrichten des Glasmuseum Weißwasser (Nr. 23) vom 1. Dezember 2011, S. 3
  10. David Krenz: Zu gut. In: Zeit-Magazin Nr. 46 vom 5. November 2020, S. 46–51, hier S. 51
  11. Dietrich Mauerhoff: Superfeste Gläser – Geschichte einer vernichteten Technologie zur Herstellung von Trinkgläsern für Bier, Wein, Spirituosen und alkoholfreie Getränke. In: Neueste Nachrichten des Glasmuseum Weißwasser (Nr. 23) vom 1. Dezember 2011, S. 11
  12. Messegold in Leipzig und Gutes Design-Preis 1980
  13. Dietrich Mauerhoff: Superfeste Gläser – Geschichte einer vernichteten Technologie zur Herstellung von Trinkgläsern für Bier, Wein, Spirituosen und alkoholfreie Getränke. In: Neueste Nachrichten des Glasmuseum Weißwasser (Nr. 23) vom 1. Dezember 2011, S. 4

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Superfest – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien