Tunis-Ohrfeige

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Die Tunis-Ohrfeige (italienisch Schiaffo di Tunisi) war ein journalistischer Ausdruck, der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hauptsächlich von der Presse und den Geschichtsschreibern Italiens benutzt wurde, um die damalige politische Krise zwischen dem Königreich Italien und der dritten französischen Republik zu beschreiben.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der italienisch-tunesische Vertrag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Italien und Tunesien unterzeichneten am 8. September 1868 einen Vertrag, er sollte für 28 Jahre bestehen und schränkte den Einfluss des osmanischen Reichs auf Tunesien ein, welches de jure noch ein Teil das Reiches war. Die internationale Einverständnis garantierte Tunesien Rechte, Privilegien und Immunität, welche den italienischen Kleinstaaten vor deren Einigung zugesprochen wurde. Die in Tunesien lebenden Italiener durften ihre ursprüngliche Staatsbürgerschaft behalten, sie erhielten die Unabhängigkeit gegenüber verschiedener tunesischen Behörden, konnten jedoch nicht ohne Weiteres Tunesien verlassen und durften weiterhin von den Gerichten des Beys verurteilt werden. Der Vertrag sicherte den Italienern Handelsfreiheit und das Recht, sich in Tunesien geschäftlich oder privat niederzulassen. Auch in den Bereichen Navigation und Fischfang wurden den Italienern die gleichen Privilegien erteilt wie den Tunesiern. Zudem durfte der Rey nicht mehr die Zollgebühren ändern, ohne sich vorher mit der italienischen Regierung darüber beraten zu haben.

Die französische Besetzung Tunesiens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Benedetto Cairòli

Das Hauptziel der italienischen Regierung unter Benedetto Cairoli war die Kolonialisierung Tunesiens, diese strebte auch die französische Regierung an. Weder Cairoli noch sein Vorgänger Agostino Depretis hielten viel von einer militärischen Besetzung. Stattdessen hofften sie darauf, dass Großbritannien sich den Franzosen entgegenstellen würde, um die Ausweitung des französischen Einflussbereichs in Nordafrika zu verhindern (Während man in London dagegen war, dass ein einziger Staat die Straße von Sizilien kontrolliert).

Frankreich vertraute auf die Neutralität Großbritanniens, das verhindern wollte, dass Italien den Seeweg über den Sueskanal unter seine Kontrolle brachte, und auch darauf, dass der deutsche Kanzler Otto von Bismarck die Aufmerksamkeit Frankreichs von der Elsaß-Lothringen-Frage ablenken wollte.[1][2] Mitte 1878 trafen sich Vertreter der europäischen Großmächte, namentlich des Deutschen Reiches, Österreich-Ungarns, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und Russlands sowie des Osmanischen Reichs in Berlin. Bei diesem Treffen, dem Berliner Kongress, erklärte sich Großbritannien bereit, eine französische Übernahme Tunesiens zu akzeptieren, um selbst bei der Übernahme Zyperns ohne französische Behinderung zum Zuge zu kommen. Dies wiederum akzeptierten die Osmanen, um ein Eingreifen der Großmächte zugunsten der russischen Expansionsansprüche und mögliche weitere Gebietsverluste zu verhindern.

Im April 1881 fielen 2000 französische Soldaten in Tunesien ein und eroberten das Land binnen drei Wochen. Am 12. Mai 1881 wurde Bey Muhammad III. al-Husain zur Unterzeichnung des Bardo-Vertrags gezwungen. Aufstände unter Mansour Houch um Kairuan und Sfax einige Monate später wurden unterdrückt. Der Vertrag von La Marsa vom 8. Juni 1883 räumte Frankreich weitreichende Befugnisse in der Außen-, Kriegs- und Innenpolitik Tunesiens ein. Frankreich gliederte das Land in sein Kolonialreich ein und vertrat in der Folge Tunesien auch außenpolitisch. Der Bey musste fast seine gesamte Macht an den Generalresidenten abgeben.

Benedetto Carioli trat nach dessen Scheitern zurück.

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die europäischen Großmächte zeigten verschiedene Reaktionen auf den Einmarsch Frankreichs in Tunesien: Großbritannien beeilte sich mit der Besetzung Ägyptens, während Deutschland und Österreich-Ungarn neutral blieben, Italien jedoch 1882 in ihr antifranzösisches Defensivbündnis aufnahmen. Italiens diplomatische Beziehungen zu Frankreich gerieten auf einen Tiefpunkt. Laut dem italienischen Generalstab, war eine Invasion Italiens durch französische Truppen nicht auszuschließen.

Die Italiener in Tunesien sollen den Franzosen große Probleme bereitet und gewaltsam gegen diese protestiert haben, dies wurde jedoch nie belegt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hendrik Lodewijk Wesseling: Teile und herrsche: Die Aufteilung Afrikas 1880–1914. Stuttgart 1999, ISBN 3-515-07543-7, S. 23ff.
  2. Philippe Conrad: Le Maghreb sous domination française (1830–1962), Januar 2003.