Unverhofftes Wiedersehen

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Unverhofftes Wiedersehen ist eine der bekanntesten Erzählungen vom Typus der Kalendergeschichte des Dichters und Erzählers Johann Peter Hebel. Sie erschien erstmals 1811 in dem von Hebel herausgegebenen Kalender Der Rheinländische Hausfreund.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein junger Bergmann im schwedischen Falun und seine Braut wollen „auf St. Luziä“ – das ist der 13. Dezember und ein Lichterfest in Schweden (Gedenktag der Heiligen Lucia) – heiraten, doch wenige Tage vor der Hochzeit kehrt er nicht mehr aus dem Bergwerk zurück; auch wird seine Leiche nicht geborgen. Fünfzig Jahre vergehen − der Erzähler veranschaulicht den Ablauf von 50 Jahren durch eine gedrängte Aufzählung der eingetretenen historischen Ereignisse − da wird „etwas vor oder nach Johannis – das ist der Tag der Sommersonnenwende und ein noch bedeutenderes Fest in Schweden – in einem eingestürzten Streb des Bergwerks die von vitriolhaltigem Wasser vollkommen konservierte Leiche eines jungen Mannes gefunden. Niemand kennt ihn, denn seine Verwandten sind lange tot. Doch da tritt, „grau und zusammengeschrumpft“, an einer Krücke jene alte Frau hinzu, die sich mit ihm vor 50 Jahren verlobt hat. Sie sinkt „mehr mit freudigem Entzücken als mit Schmerz auf die geliebte Leiche nieder“ und dankt Gott dafür, dass sie ihren Bräutigam noch einmal sehen darf. An der Beerdigung nimmt sie in ihrem Sonntagsgewand teil, „als wenn es ihr Hochzeitstag … wäre“. Als man den Leichnam auf dem Kirchhof ins Grab legt, sagt sie: „Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn im kühlen Hochzeitsbett, und lass dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch ein wenig zu tun und komme bald, und bald wird's wieder Tag.“

Vorlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hebel ließ sich von einer wahren Begebenheit inspirieren, die tatsächlich hundert Jahre früher so ähnlich stattgefunden und die Gotthilf Heinrich von Schubert 1808 in seinen Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft mitgeteilt hatte.[1]

Zur Interpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschichte wird als unlängst geschehen erzählt. Der Erzähler kontrastiert scharf die absolute Ruhe im Berg, mit der das Vitriol den Leichnam durchdringt, ebenso wie das stille Altern der Braut − von beidem ist mit keinem Wort die Rede − mit den lärmenden Weltläuften, indem er die dem Leser erinnerlichen großen Ereignisse und Umwälzungen der vergangenen Jahrzehnte im Zeitrafferstil aufzählt, vom Erdbeben von Lissabon bis zur Gegenwart der Napoleonischen Kriege.

Was Liebe sein kann, das eigentliche Thema der Erzählung, ist in diesem wie ein Wunder auftretenden Schicksalsverlauf gestaltet. Das Paradoxon, dass gerade unerfüllte Liebe ein Menschenleben überdauert, bewegt den Leser eigentümlich tief. Die als Meisterwerk gerühmte Erzählung – Ernst Bloch nannte sie „die schönste Geschichte der Welt“[2] – ist jedoch auch politisch: Sie wurde 1811 unter den Augen der napoleontreuen Zensur veröffentlicht. Jedes Wort des historischen Berichts ist darum mit Bedacht gewählt. Die skeptische Haltung des Autors zu den jüngsten Geschehnissen konnte der zeitgenössische Leser daran erkennen, dass die Aufzählung nicht mit der Niederlage Preußens, sondern mit dem Bombardement Kopenhagens (1807) endet, das einen Rückschlag für Napoleon bedeutete.

Adaptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Komponist Alois Bröder adaptierte den Stoff für seine zweite Oper Unverhofftes Wiedersehen, die am 24. Juni 2017 am Mainfranken Theater Würzburg uraufgeführt wurde.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Giuseppe Bevilacqua: In che consiste il fascino di Unverhofftes Wiedersehen. In: Paragone 254 (1971), S. 45–76.
  • Helmuth Mojem: Hoffnungsfroher Widerstand. Johann Peter Hebels „Unverhofftes Wiedersehen“ zwischen Idylle und Utopie. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 111 (1992), Heft 2, S. 181–200.
  • Carl Pietzcker: Johann Peter Hebels „Unverhofftes Wiedersehen“. Ein psychoanalytischer Versuch. In: Carl Pietzcker (Hg.): Johann Peter Hebel. Unvergängliches aus dem Wiesental. Freiburg im Breisgau 1996, S. 263–299.
  • Horst-Jürgen Gerigk: Literarische Vergänglichkeit. Notizen zu Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“ und Hugo von Hofmannsthals „Rosenkavalier“ mit Rücksicht auf Johann Peter Hebels „Unverhofftes Wiedersehen“. In: Bilderwelten als Vergegenwärtigung und Verrätselung der Welt. Literatur und Kunst um die Jahrhundertwende. Hrsg. von Volker Kapp. Duncker & Humblot, Berlin 1997, ISBN 3-428-09182-5, S. 139–144.
  • Johann Anselm Steiger: Unverhofftes Wiedersehen mit Johann Peter Hebel. Studien zur poetischen und narrativen Theologie Hebels. Heidelberg 1998.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Unverhoftes Wiedersehen – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Siehe die Mitteilung bei Gotthilf Heinrich Schubert: Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft. 4. Auflage, Dresden und Leipzig 1840, Kapitel Achte Vorlesung. Die organische Vorwelt, S. 113–127, hier S. 121 f.
  2. Ernst Bloch: Nachwort, in: Johann Peter Hebel: Kalendergeschichten. Auswahl und Nachwort von Ernst Bloch. Frankfurt am Main 1965, S. 139.
  3. Siehe auch die Website des Komponisten