Valerius Maximus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Valerius Maximus in einer Inkunabel-Ausgabe von Peter Schöffer, Mainz 1471 (GW M49160); Incipit

Valerius Maximus war ein lateinischer Schriftsteller und Autor einer Sammlung historischer Anekdoten während der Zeit des Kaisers Tiberius, den Facta et dicta memorabilia.

Über seine persönliche Geschichte ist nichts bekannt außer seiner Herkunft aus einer armen Familie und dass er Sextus Pompeius vieles verdankte, dem Konsul des Jahres 14, Prokonsul von Asia, den er im Jahr 27 in den Osten begleitete. Dieser Pompeius war Mäzen, zu dessen literarischem Zirkel auch Ovid gehörte, und ein Freund des Germanicus, des am meisten an Literatur interessierten Mitglieds der kaiserlichen Familie.

Der Stil von Valerius’ Schriften deutet an, dass er ein professioneller Rhetoriker war. Im Vorwort gibt er zu verstehen, dass es als banale Sammlung historischer Anekdoten zum Gebrauch in Rhetorikschulen gedacht sei, mit der die Schüler die Kunst der schönen Rede durch Verweise auf die Geschichte gelehrt werden könne. Nach den Manuskripten war der Titel Factorum et dictorum memorabilium libri novem („Neun Bücher denkwürdiger Taten und Aussprüche“). Die Erzählungen sind lose und unregelmäßig arrangiert. Jedes Buch ist in Abschnitte aufgeteilt, jeder Abschnitt trägt als Titel das Thema (am häufigsten Tugenden und Laster oder Fehler und Schwächen), das die Geschichten im Abschnitt veranschaulichen sollen.

Die meisten Erzählungen stammen aus der römischen Geschichte, aber jeder Abschnitt hat auch einen Anhang, der Auszüge aus den Annalen anderer Völker, vor allem der Griechen bringt. Das Werk zeigt deutlich die beiden Gefühle, die häufig und von fast allen römischen Autoren des Prinzipats untergemischt werden: einerseits, dass die zeitgenössischen Römer degenerierte Geschöpfe angesichts ihrer eigenen republikanischen Vorfahren sind, andererseits, dass die Römer, wie degeneriert auch immer, immer noch haushoch über den anderen Völkern der Welt stehen – und insbesondere den Griechen moralisch weit überlegen sind.

Die Hauptquellen des Autors sind vor allem Cicero und Livius, aber auch Sallust und Pompeius Trogus. Valerius behandelt das Material achtlos und wenig intelligent, jedoch sind seine Zusammenstellungen – abgesehen von Brüchen, Widersprüchen und Anachronismen – aus der Sicht des Rhetorikers treffende Darstellungen der Umstände oder Eigenschaften, die er im Auge hat. Selbst aus dem Blickwinkel der Historiker ist Valerius einiges zu verdanken. Er benutzt oft Quellen, die heute verloren sind, und wo er seine eigene Zeit berührt, gewährt er einige flüchtige Blicke auf die vieldiskutierte und äußerst ungenügend aufgezeichnete Regierung des Tiberius.

Seine Einstellung gegenüber dem kaiserlichen Haushalt wurde oft als allzu schmeichlerisch und darin als derjenigen des Martial ähnlich aufgefasst. Die Reverenzen an die kaiserliche Regierung sind de facto allerdings weder in ihrer Art noch in ihrer Anzahl außergewöhnlich. Wenige werden heute Tiberius, zieht man alle seine Handlungen als Regent in Betracht, einen Titel wie salutaris princeps gönnen, der früheren Generationen als Muster schamloser Schmeichelei erschien. Die wenigen Anspielungen auf Caesars Mörder und Augustus reichen kaum über den konventionellen Stil der Zeit hinaus. Die einzige Passage, die tatsächlich ekelhaft genannt werden könnte, ist die heftige rhetorische Tirade gegen den Prätorianerpräfekten Lucius Aelius Seianus.

Valerius Werk verdient hauptsächlich Beachtung als Kapitel in der Geschichte der lateinischen Sprache. Ohne es wäre unser Blick auf den Übergang vom klassischen zum „silbernen“ Latein wesentlich schlechter. Im „Valerius“ werden in einer groben Form all die rhetorischen Entwicklungen der Zeit präsentiert, ohne die Tünche der Vernunft eines Quintilian und nicht durch den Geschmack und Feinheit eines Tacitus kultiviert. Die direkte und einfache Aussage wird gemieden und die Neuigkeit um jeden Preis gejagt. Die Grenze zwischen der Wortwahl der Poesie und Prosa wird eingerissen; es gibt geradezu monströse Metaphern; erschreckende Kontraste, dunkles Geraune und grelle Adjektive sind üblich, die unnatürlichsten Variationen werden auf einer künstlichen Klaviatur grammatischer und rhetorischer Sprachfiguren gespielt. Es ist eine aufschlussreiche Lektion in der Geschichte der lateinischen Sprache, eine Passage bei Valerius mit seinen Entsprechungen bei Cicero und Livius zu vergleichen.

In den Manuskripten des Valerius ist ein zehntes Buch überkommen, der sogenannte Liber de Praenominibus, eine Arbeit eines viel später zu datierenden Grammatikers.

Die Sammlung des Valerius wurde viel in Schulen genutzt, und seine Popularität im Mittelalter ist durch eine große Anzahl erhalten gebliebener Exemplare bezeugt. Wie von anderen Schulbüchern auch, wurden von ihm Auszüge erstellt, von denen einer, der den Namen Julius Paris trägt und wohl aus dem 4. oder 5. Jahrhundert stammt, vollständig erhalten blieb, darüber hinaus ein weiterer von Januarius Nepotianus. Beide Auszüge sind in den Ausgaben von Karl Felix Halm (1865) und C. Kempf (1888) enthalten.

Textausgaben, Übersetzung und Kommentar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • John Briscoe (Hrsg.): Valeri Maximi facta et dicta memorabilia. 2 Bd. Teubner, Stuttgart 1998.
  • Friedrich Hoffmann (Hrsg.): Valerius Maximus. Sammlung merkwürdiger Reden und Thaten. 5 Bd. Metzler, Stuttgart 1828–1829 (PDF; 23,8 MB).
  • Karl Kempf (Hrsg.): Factorum et dictorum memorabilium libri IX. Reimer, Berlin 1854 (Online). Nachdruck der Ausgabe von 1888: Teubner, Stuttgart 1982, ISBN 3-519-01869-1.
  • D. R. Shackleton Bailey (Hrsg.): Memorable doings and sayings. 2 Bd. Harvard Univ. Press, Cambridge (Mass.) 2000. (Lat. Text mit engl. Übersetzung)
  • Andrea Themann-Steinke: Valerius Maximus. Ein Kommentar zum zweiten Buch der "Facta et Dicta memorabilia". WVT, Trier 2008.
  • Valère Maxime. Faits et dits mémorables. Trad. Robert Combès. 2 Bd. Les Belles Lettres, Paris 2003.
  • Valerii Maximi Dictorvm Et Factorvm Memorabilivm - Ausgabe des italienischen Humanisten und Druckerverlegers Aldus Manutius in Venedig gedruckt; Stadtbibliothek Mainz (Signatur I u 620)
  • D. Wardle: Valerius Maximus′Memorable Deeds and Sayings, Book I. Clarendon Press, Oxford 1998. (Kommentar mit engl. Übersetzung)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael von Albrecht: Geschichte der römischen Literatur von Andronicus bis Boethius und ihr Fortwirken. Band 2. 3., verbesserte und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-026525-5, S. 908–916
  • W. Martin Bloomer: Valerius Maximus & the rhetoric of the new nobility. Duckworth, London 1992, ISBN 0-7156-2437-7.
  • Ute Lucarelli: Exemplarische Vergangenheit. Valerius Maximus und die Konstruktion des sozialen Raumes in der frühen Kaiserzeit (= Hypomnemata, Band 172). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-25281-9 (zugleich Dissertation, Universität Freiburg/B. 2006)
  • Hans-Friedrich Mueller: Roman religion in Valerius Maximus. Routledge, London 2011, ISBN 978-0-415-51857-4.
  • Andreas Weileder: Valerius Maximus. Spiegel kaiserlicher Selbstdarstellung (= Münchener Arbeiten zur Alten Geschichte, Band 12). Edition Maris, München 1998, ISBN 3-925801-26-X (zugleich Dissertation, Universität München 1998).
  • Isabella Wiegand: Nequere libere neque vere. Die Literatur unter Tiberius und der Diskurs der res publica continua. Narr, Tübingen 2013, ISBN 978-3-8233-6811-3 (zugleich Dissertation, Universität München 2012).

Rezeption

  • Marijke Crab: Exemplary Reading. Printed Renaissance Commentaries on Valerius Maximus (1470–1600). Lit, Zürich 2015, ISBN 978-3-643-90726-4

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]