Quintilian

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Quintilians Institutio oratoria in der Handschrift Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Plut. 46.12, fol. 1r, aus dem Jahr 1476
Quintilians Institutio oratoria in der Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus Palatinus lat. 1556, fol. 1r (15. Jahrhundert)
Büste Quintilians im Ulmer Münster, um 1470
Idealisierte Darstellung Quintilians beim Lehren der Redekunst (Kupferstich, 1720)

Quintilian (mit vollem Namen Marcus Fabius Quintilianus; * um 35 in Calagurris; † um 96) war ein römischer Lehrer der Rhetorik. Sein im Mittelalter und in der Renaissance einflussreiches Werk rückte in der Mitte des 20. Jahrhunderts, nach der Abkehr vom argumentationstheoretischen Logizismus, wieder verstärkt in den Fokus der wissenschaftlichen Rezeption.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Ausbildung machte Quintilian in Rom bei Quintus Remmius Palaemon und Gnaeus Domitius Afer. Nach der Rückkehr in seine Heimat begleitete er 68 n. Chr. den zum Kaiser ernannten spanischen Statthalter Galba nach Rom. Hier war er zunächst als Anwalt und Redelehrer tätig; u. a. waren der jüngere Plinius und Juvenal seine Schüler. Sein Ruhm brachte ihm unter Kaiser Domitian die Verleihung der consularia ornamenta ein, die höchste Auszeichnung, die ein Nichtsenator erhalten konnte.

Als Vespasian in Rom öffentliche Rhetorikschulen einrichtete, wurde Quintilian der erste staatlich besoldete Lehrer der Rhetorik in Rom. Nach 20-jähriger Lehrtätigkeit trat Quintilian in den Ruhestand. Seit etwa 90 wirkte er weiter als Prinzenerzieher Vespasians des Jüngeren am Kaiserhof Domitians. Zugleich verfasste er sein Hauptwerk, die Institutio oratoria (Unterweisung in der Redekunst) in zwölf Büchern, die zugleich ein umfassendes erzieherisches Anliegen hat. Sie behandelt, mit der elementaren Ausbildung beginnend, systematisch das gesamte Gebiet der Rhetorik. Quintilian war geprägt von der Redekunst und dem Stil Ciceros. Er sah in Cicero das Vorbild des Redners und Stilisten und die Verkörperung seines Bildungsideals.

Er verfolgt eine natürliche Sprache und kritisierte die gekünstelte Rhetorik seiner Zeit, vertrat also in Anknüpfung an die Asianismus/Attizismus-Debatte zur Zeit Ciceros wie letzterer eine gemäßigte rhodische Mittelposition. Quintilians eigene Reden und weitere Schriften sind verloren. Die Thesen seiner Streitschrift De causis corruptae eloquentiae (Von den Ursachen des Verfalls der Beredsamkeit) können jedoch aus Anspielungen der Institutio und in TacitusDialogus de oratoribus (Dialog über die Redner) ungefähr rekonstruiert werden.

Das bedeutende, durch reiche persönliche Erfahrung geprägte Hauptwerk hat stark auf die Humanisten gewirkt und stellt die Grundlage des noch bis in neuere Zeit hinein wirksamen Ciceronianismus dar. Das 10. Buch des Werkes bietet einen Abriss der griechischen und römischen Literaturgeschichte mit abgewogenen Charakteristiken und feiner Kritik. Einschränkend muss aber festgehalten werden, dass die griechischen und römischen Autoren danach beurteilt werden, wie vorbildlich sie für den sich schulenden jungen Redner sind: Nicht eine abstrakte ästhetische Einordnung gibt Quintilian, er schätzt vielmehr den Nützlichkeitseffekt ein, den die Lektüre der Autoren für den Stil des Rhetorikschülers haben könnte.

Zwei unter Quintilians Namen überlieferte Werke Declamationes stammen wohl aus dessen Schule. Sie enthalten eine Sammlung von Übungsreden. Die Schüler sollten hier gemäß einer zeittypischen Lehrform (die Quintilian selbst scharf kritisierte!) an einem fiktiven, meist geradezu absurden Rechtsfall in je einer Anklage- und Verteidigungsrede formal ihren Scharfsinn und ihr Sprachgefühl entwickeln.

Über die Erziehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„So soll sich der Vater schon gleich nach der Geburt seines Kindes die größten Hoffnungen machen, umso mehr wird er sich auch um das Kind kümmern. Es wird immer behauptet, nur die wenigsten Menschen brächten genügend Intelligenz und Begabung mit, die meisten seien geistig so schwach und träge, dass sich eine Erziehung überhaupt nicht lohnt. Das ist aber grundverkehrt; vielmehr ist der größere Teil der Menschen von Natur aus aufnahmefähig und lernbereit. Das ist für einen Menschen so selbstverständlich wie für einen Vogel das Fliegen. Geistig nicht bildbare Menschen sind ebenso selten wie körperlich schwerbehinderte. Natürlich kommt es vor, daß sich Kinder nicht den anfänglichen Erwartungen gemäß entwickeln. Daran ist dann aber nicht die Naturanlage schuld, sondern die mangelnde Betreuung und Förderung.“

Von der Ausbildung des Redners, Kap. 1, Beginn

„Mit dem Lernen ist es wie mit einer bitteren Medizin; man nimmt sie leichter ein, wenn sie von freundlicher Hand verabreicht wird... Wie ein Vater soll sich der Lehrer seinen Schülern gegenüber fühlen. Er tritt ja an die Stelle derer, die ihm ihre Kinder anvertrauen, deshalb muss er versuchen, die Liebe der Schüler zu gewinnen. Auch läßt es sich gar nicht mit Worten ausdrücken, wieviel leichter wir denen folgen, die wir gern haben... Es muss ein Klima gegenseitiger Achtung und Zuneigung herrschen. Dann werden die Schüler gern und voller Elan zum Unterricht kommen. Sie werden es nicht als kränkend empfinden, wenn man sie verbessert, und sich freuen, wenn man sie lobt. Sie werden mit Eifer bei der Sache sein und es dem Lehrer danken, dass er sie in sein Herz geschlossen hat... Die Kinder sind schwach und wehrlos dem Unrecht ausgeliefert, daher darf niemand zuviele Rechte über sie eingeräumt bekommen.“

Ebd.

Textausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • M. Fabii Qvintiliani Oratoriarvm Institvtionum Lib. XII. una cum Declamationibus eiusdem argutissimis […]. Apvd Sanctam Coloniam, in aedibus Eucharij Ceruicorni, & Heronis Fuchs. M. D. XXI. mense Martio [= März 1521] (digitalisierte Ausgabe der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf).
  • M. Fabii Quintiliani Institutionis Oratoriae Liber 1, hrsg. mit einer Einführung und Kommentar von Francis Henry Colson. Cambridge University Press, Cambridge 1924; erneut ebd. 2013, ISBN 1107689066; sowie Olms, Hildesheim 2013, ISBN 9783487303291 (nur Buch 1; Colson liefert vor allem eine breite Darstellung der Rezeptionsgeschichte bis 1920).
  • M. Fabi Qvintiliani Institvtionis oratoriae libri dvodecim, hrsg. von Michael Winterbottom (Oxford Classical Texts). Zwei Bände, Oxford University Press, Oxford 1970 (kritische Ausgabe des lateinischen Textes, für wissenschaftliche Arbeit unerlässlich).
  • Quintilian: Über Pädagogik und Rhetorik. Eine Auswahl aus der „Institutio oratoria“, hrsg. und übersetzt von Marion Giebel. Goldmann, München 1974 (Auszüge aus den Büchern 1, 2 und 10; Buch 12 komplett; knappe Erläuterungen und ausführliche Einleitung der Herausgeberin).
  • Quintilien: De l’institution oratoire. Zwölf Bücher in sieben Bänden, hrsg. von Jean Cousin und Paul Jal (Reihe Collection des universités de France, Série latine). Verlag Belles lettres, Paris 1975–2000, ISBN 2251012028 (Bd. 1), ISBN 2251012036 (Bd. 2) usw. (ausführliche Einleitungen und Anmerkungen, in Französisch).
  • Quintilian: Institutio oratoria X. Lehrbuch der Redekunst, 10. Buch, hrsg. von Franz Loretto. Reclam, Stuttgart 1995, ISBN 3-15-002956-2 (lateinisch und deutsch, mit Kommentar).
  • Quintilian: The Orator’s Education, hrsg. von Donald A. Russell (Reihe Loeb Classical Library). Revidierte Auflage, Harvard University Press, Cambridge/MA 2001, ISBN 0674995910 (für Bd. 1) usw. (reichhaltige Anmerkungen in Englisch).
  • Marcus Fabius Quintilianus: Ausbildung des Redners. Zwölf Bücher, hrsg. von Helmut Rahn. Fünfte Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011 (lateinisch und deutsch; einzige vollständige Übersetzung in Deutsch).
  • Quintilian: Pädagogische Texte aus der Antike, hrsg. von Walter Burnikel (Exemplarische Reihe Literatur und Philosophie, Band 34). Sonnenberg, Annweiler 2013, ISBN 393326474X (Quellensammlung, 20 Texte aus beiden Büchern der Institutio, neu übersetzt vom Herausgeber, zusätzliche Erläuterungen oder Zusammenfassungen weiterer Quellen).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ludwig von Schwabe: Fabius 137) M. Fabius Quintilianus. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band VI,2, Stuttgart 1909, Sp. 1845–1864.
  • Josef Dolch: Lehrplan des Abendlandes. Zweieinhalb Jahrtausende seiner Geschichte. Dritte Auflage, Henn, Ratingen 1971 (unveränderter reprographischer Nachdruck Darmstadt 1982).
  • Rainer Nickel: Bildung und Sprache. Quintilian und die Erziehungswissenschaft. Eine Curriculumsequenz für die Sekundarstufe 2. Ploetz Didaktik, Würzburg 1976, ISBN 9783876401393.
  • Otto Seel: Quintilian oder Die Kunst des Redens und Schweigens. Klett-Cotta, Stuttgart 1977 (Essay, vor allem über die Rezeption des Werkes).
  • Manfred Fuhrmann: Die antike Rhetorik. Eine Einführung. Artemis & Winkler, München und Zürich 1984.
  • Eckart Zundel: Lehrstil und rhetorischer Stil in Quintilians „Institutio oratoria“. Untersuchungen zur Form eines Lehrbuches. Haag und Herchen, Hanau 1998, ISBN 3881294031.
  • Joachim Dingel: Quintilianus [1]. In: Der Neue Pauly 10, 2001, Sp. 716–721.
  • Thomas Schirren: Marcus Fabius Quintilianus. In: Wolfram Ax (Hrsg.): Lateinische Lehrer Europas. Fünfzehn Portraits von Varro bis Erasmus von Rotterdam. Böhlau, Köln 2005, ISBN 3-412-14505-X, S. 67–107.
  • Johannes Christes, Richard Klein, Christoph Lüth: Handbuch der Bildung und Erziehung in der Antike. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 3534158873.
  • P. Galand, F. Hallyn, C. Lévy und W. Verbaal (Hrsg.): Quintilien ancien et moderne. Etudes réunies. Brepols Publishing, Turnhout 2010, ISBN 978-2-503-52865-6.
  • Marc van der Poel: Quintilianismus. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 10. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, Sp. 997–1016.
  • Wilfried Stroh: Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom. List, Berlin 2011, ISBN 3548610110.
  • Michael von Albrecht: Geschichte der römischen Literatur von Andronicus bis Boethius und ihr Fortwirken. Band 2. Dritte, verbesserte und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-026525-5, S. 1066–1076.
  • Karl-Wilhelm Weeber: Lernen und Leiden. Schule im Alten Rom. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014, ISBN 3806228957.
  • Florens Deuchler: Quintilian. Nachantike Spuren der „Institutio oratoria“. Mutmaßungen über das libro dell’arte von Cennini. Notate zu Sulzers Theorie. Peter Lang, Bern 2017, ISBN 978-3-0343-2675-9.

Hilfsmittel

  • Eckart Zundel: Clavis Quintilianea. Quintilians „Institutio oratoria“ (Ausbildung des Redners) aufgeschlüsselt nach rhetorischen Begriffen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1989, ISBN 3-534-07322-3 (Begriffsregister zur Quintilian-Ausgabe von Rahn).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Quintilian – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikiquote: Quintilian – Zitate