Ovid

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Dieser Artikel behandelt den römischen Dichter. Für weitere Bedeutungen siehe Ovid (Begriffsklärung).
Ovidius Naso - Der jugendliche Liebes-Dichter mit der langen Nase, wie man sich ihn in späterer Zeit vorstellte.

Publius Ovidius Naso, kurz Ovid [ˀoˈviːt] genannt (* 20. März 43 v. Chr. in Sulmo; † wohl 17 n. Chr. in Tomis), war ein antiker Vers-Dichter. Er zählt in der römischen Literaturgeschichte, neben Horaz und Vergil, zum Kanon der drei großen Poeten der klassischen Epoche.[1] Den ironisch gemeinten, sexuell konnotierten Beinamen Naso, dt. Langnase, gab er sich selbst.[2] Ovid schrieb in einer Frühphase Liebesgedichte, in einer mittleren Phase Sagenzyklen, hier sind vor allem die Metamorphosen zu nennen, und in einer Spätphase Klagelieder.

Ovids gut erhaltenes Werk übte, nachdem es in der Spätantike weniger beachtet wurde, einen immensen Einfluß auf die Dichtung, die bildende Kunst und die Musik des Mittelalters und des Barock aus. In der Romantik ging der Einfluß zurück, lebte im 19. Jahrhundert aber wieder auf.[3] Heute wird Ovid vor allem als Lektüre im Lateinunterricht behandelt. Darin erschöpft sich aber nicht seine Bedeutung; die Spuren, die sein Werk im kulturellen Gedächtnis hinterlassen hat, sind so zahlreich und feinteilig, dass sie im einzelnen nicht mehr aufgezählt werden können. Als eines von vielen möglichen Beispielen sei der im 20. Jahrhundert auf dem Weg über die Freudsche Psychoanalyse zur Mode gewordene Begriff des "Narzissmus" genannt, der sich aus der Darstellung des sagenhaften Narcissus in den "Metamorphosen" herleitet.

Leben[Bearbeiten]

Statue in der rumänischen Stadt Constanta, vormals Tomoi, dem Exil-Ort, an dem Ovid die restlichen 8 Jahre seines Lebens zubrachte und starb.

Unser spärliches Wissen vom Leben Ovids verdankt sich vor allem einer autobiografischen Skizze.[4] Über den Tod und den Todesort informiert in knappen Worten ein Eintrag in der Chronik des Hieronymus.[5]

Ovid wurde am 20. März 43 v. Chr. in Sulmo (heute Sulmona, 120 km östlich von Rom) geboren. Damit gehörte er nicht nur einer jüngeren Generation an als die beiden anderen großen Dichter seiner Zeit, Vergil und Horaz, ihm blieben auch die Schrecken des Bürgerkriegs erspart: er wuchs in der Sicherheit der Pax Augusta auf.

Als einem wohlhabenden Spross des Ritterstandes war ihm die römische Ämterlaufbahn, der cursus honorum vorgeschrieben. Diesen brach er jedoch ab und ließ sich, nach eigener Aussage, von den Musen überreden, Dichter zu werden. Seine Liebeselegien, die Amores, die ab 20 v. Chr. buchweise erschienen, wurden zu einem durchschlagenden Publikumserfolg und machten ihn zu dem gefeiertsten Dichter Roms.

Er heiratete, drei Mal, und schrieb neben mehreren anderen Werken die Metamorphosen, sein berühmtestes Werk, in denen er einen Teil des griechischen Sagenstoffs - unter dem Gesichtspunkt des Formwandels, der Metamorphose - in eine strenge Versform, den Hexameter brachte.

8 n. Chr. wurde er von Kaiser Augustus aus unklaren Gründen (crimina) in die Verbannung geschickt. In rätselhafter Anspielung nennt er carmen und error, wobei mit dem Lied seine freizügige Anleitung zum Liebesspiel, die ars amatoria gemeint sein könnte, mit dem Fehler ein schleierhafter Vorgang am Hof; Ovid selbst - eine andere Quelle existiert nicht - gab nur an, er habe "etwas gesehen, was er nicht sehen durfte". Bekannt ist aber, dass Julia, eine Enkelin Augustus' im selben Jahr wie er verbannt wurde, wegen Ehebruchs. Zwar blieb ihm der Verlust seiner Bürgerrechte und seines Vermögens erspart, die deportatio, doch wurde ihm, als eine scharfe Form der relegatio, zwangsweise ein kalter und lausiger Ort am Schwarzen Meer, die barbarische Stadt Tomi zugewiesen, wo sich der sonnenverwöhnte Liebesdichter, seinen Klageliedern zufolge, äußerst miserabel befunden haben muss.

Ovids Versuche, am Hof Gnade zu finden, stießen auf taube Ohren. Er starb, schwer erkrankt, wie er seiner in Rom verbliebenen Frau noch mitteilen konnte, im ungeliebten Exil. Ovid wurde 60 Jahre alt, davon verbrachte er die letzten 8 Jahre im Exil.

Überliefert ist die Inschrift, die sich Ovid für sein Grab wünschte:

Hic ego qui iaceo tenerorum lusor amorum
Ingenio perii, Naso poeta, meo.
At tibi qui transis, ne sit grave quisquis amasti
Dicere: Nasonis molliter ossa cubent.[6]

Zu deutsch:

Ich, der ich hier liege, Naso, der Dichter, Spieler zärtlicher Liebesgeschichten, bin an meinem eigenen Talent zugrunde gegangen.
Aber dir, der du vorbeigehst, soll es, wenn du je geliebt hast, nicht schwerfallen zu sagen: Mögen Nasos Gebeine weich ruhen!


In der Forschung wurde vereinzelt ein Zweifel an der autobiografischen Zuverlässigkeit der Ovidschen Schriften - andere Quellen existieren so gut wie nicht - angemeldet.[7]

Werk[Bearbeiten]

Frontispiz einer Ausgabe der Metamorphosen aus dem Jahr 1632

Drei Schaffensphasen sind unterscheidbar:

1. In der Frühphase verfasste Ovid erotische Dichtungen, die Amores (Liebeselegien), die Epistulae heroidum (Briefe mythischer Frauen) und die Ars Amatoria (Liebeskunst). Daneben die kleineren Gedichte: De medicamine faciei (Über Gesichtspflege) und Remedia amoris (Heilmittel gegen die Liebe).

2. In der mittleren Phase folgten die beiden großen Sagenzyklen: Metamorphoses (Verwandlungen) und die unvollendeten Fasti (Festkalender).

3. In der Spätphase, die mit seiner Verbannung zusammenfällt, schrieb Ovid die Klagegedichte: Tristia (Lieder der Trauer) und die Epistulae ex Ponto (Briefe vom Schwarzen Meer).

Fast alle wichtigen Werke sind gut erhalten geblieben. Verloren sind eine Tragödie Medea und Gelegenheitsarbeiten. Bei einigen Arbeiten ist zweifelhaft, ob sie von Ovid stammen oder von Nachahmern.

- Die Amores entstanden zwischen 20 und 15 v. Chr. Ovid war also erst um die 25 Jahre alt. Seine Objektwahl fällt auf eine Corinna, von der schon die alten Römer rätselten, ob sie eine Doppelgängerin im wahren Leben hatte. Ovid - das war das Neue und Aufregende an seiner Dichtung - stellt die Liebe nicht als ein leidvolles Schmachten dar, sondern als ein amüsantes, bisweilen schlüpfriges Treiben, bei dem der Eroberer, wie Odysseus vor den Mauern Trojas, nur durch List und Tücke an sein Ziel kommt. Neben gewagten Schilderungen und Situationskomik werden aber auch tiefe Einsichten in das Wesen der erotischen Belagerung vermittelt: Milat omnis amans et habet sua castra Cupido, frei übersetzt: Der Liebende ist Soldat und muß ein ganzes Heer befehligen.

- Bei den Heroides handelt es sich um die fiktiven Liebesbriefe berühmter Frauen der Sage, wie Penelope, Helena, Dido oder Medea. In drei Fällen werden auch die Antwortbriefe der Männer wiedergegeben. In diesen Briefen erzält der Autor oft gehörte Geschichten aus der ungewohnten Sicht der Frauen. Der damit verbundene Perspektivwechsel dürfte seiner Zeit für Überraschungen oder zumindest kurzweilige Abwechslung gesorgt haben. Wie die Amores fallen auch die Heroides in die Frühphase; Ovid hat sie in einem Alter von knapp 30 Jahren gedichtet. An der Echtheit einiger der 21 Briefe bestehen Zweifel; sie könnten von Nachahmern stammen und in späteren Zeiten unter dem Namen Ovids tradiert worden sein, was aber nichts an ihrem Unterhaltungswert ändert.


Medea:

Fast ganz verloren gegangene Tragödie über die mythische Person Medea, in der Antike gerühmt.[8]

Medicamina faciei femineae/De medicamine faciei:

Nur der Anfang ist erhalten. Hilfsmittel für das (weibliche) Gesicht, Schminktipps.

Ars amatoria („Liebeskunst“):

Lehrgedicht über die Liebe in drei Büchern. Die ersten beiden Bücher sind an Männer, das dritte an Frauen gerichtet. Liebe wird als Kunstfertigkeit/Technik, die man erlernen kann, dargestellt.

Remedia amoris („Heilmittel gegen die Liebe“):

Gegenstück zur Ars amatoria.

Halieutica (Lehrgedicht über den Fischfang):

Nur fragmentarisch überliefert; Echtheit ist unwahrscheinlich.[9]

Phaenomena (Gedicht über die Himmelserscheinungen):

Nur einzelne Fragmente überliefert.

Metamorphosen (Verwandlungsgeschichten aus der antiken Sagenwelt):

In Hexametern verfasstes Epos von 15 Büchern, 700–900 Verse pro Buch. Insgesamt wurden 250 Sagen darin verarbeitet. Fließender Übergang zwischen den Geschichten. Anfang: Proömium, Ende: Epilog. Ein Mensch oder niederer Gott wird in ein Tier, eine Pflanze oder ein Sternbild verwandelt. Darin u. a. Das Goldene Zeitalter, Pyramus und Thisbe, Apollo und Daphne, Die Lykischen Bauern, Daedalus und Icarus, Philemon und Baucis, Battus, Narziss und Echo, das Fehlurteil des Midas im Musikwettstreit zwischen Pan und Apollo, Orpheus und Eurydike, Pygmalion, Caesar und Augustus, Niobe. Vermutlich im Jahre 1 oder 3 n. Chr. begonnen und um 8 n. Chr. fertiggestellt.

Fasti (römischer Festtagskalender in Gedichtform):

Verschiedene Feste der Römischen Kultur werden darin beschrieben und ihre Ursprünge/Herkunft, Namen und Gepflogenheiten erläutert. Da Ovid für dieses Werk umfangreiches Material aus den Bibliotheken Roms benötigte, musste er es mit der Verbannung abbrechen. Außerdem hatte er auch die Motivation verloren, es fertigzuschreiben. Es sind deshalb nur die Monate Januar bis Juni überliefert. Beispiele: Ianus - zum 1. Januar, Ara Pacis - zum 30. Januar, Romulus und Remus - zum 15. Februar, Die Gründung Roms - zum 21. April, Merkur - zum 15. Mai.

In der Verbannung:

Tristia (Klagelieder):

Fünf Bücher mit kummervollen Elegien und klagenden Schilderungen der Härten seines Exils. Der Leser erfährt viel über das frühere Leben, das besonders in Tristia 4.10 beleuchtet wird, dem Gedicht, das auch als Autobiographie Ovids in Versform gilt und wichtige und in dieser Form einzigartige Fakten liefert.[10]

Epistulae ex Ponto (Briefe vom Schwarzen Meer):

4 Bücher, Fortsetzung der Tristia. Ovid beschreibt sein Glück in der Vergangenheit und sein Unglück in der Gegenwart. Außerdem erzählt er vom rauen Klima, rohen Barbaren, der steten Kriegsgefahr und der trostlosen Einsamkeit. Er beteuert weiterhin seine Unschuld, doch beide Kaiser heben die Verbannung nicht auf.

Ibis: (Verwünschungsbrief auf einen alten Freund)

Ebenfalls unter Ovids Namen überliefert, aber allgemein als sicher unecht angesehen sind:

Epicedion Drusi (auch Consolatio ad Liviam betitelt):

Trostgedicht an Livia, Frau des Augustus, zum Tod ihres Sohnes Drusus.

Nux (Der Nussbaum):

Klageelegie eines Nussbaums, der sich über die schlechte Behandlung beklagt, die ihm am Wegesrand zuteilwird.

Textausgaben[Bearbeiten]

(Siehe auch die Artikel zu den einzelnen Werken.)

  • Franz Bömer: P. Ovidius Naso. Die Fasten. Lat./Deutsch. Hg., übers. u. kommentiert von F. Bömer. Heidelberg 1957.
  • James George Frazer: Ovid's Fasti. Text und englische Übersetzung. Heinemann, London 1931; Nachdruck 1959 (Internet Archive ).
  • Publius Ovidius Naso: Metamorphosen. Sammlung Tusculum. Artemis & Winkler, Düsseldorf und Zürich 1996, ISBN 3-7608-1569-3 (darin Zusammenstellung wissenschaftlicher Literatur zu Ovid und den Metamorphosen).

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Publius Ovidius Naso – Quellen und Volltexte (Latein)
 Wikisource: Ovid – Quellen und Volltexte
 Commons: Ovid – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikiquote: Ovid – Zitate

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Manfred Fuhrmann: Geschichte der römischen Literatur, Reclam (1999) 2011, S. 66 ff und S. 267 ff. Neben dem Dreigestirn Horaz, Vergil und Ovid sind noch zu nennen: Catull, Tibull u.w.
  2. Gedanken zu Ovids langer Nase.
  3. Fuhrmann, S. 325 ff
  4. Tristia 4, 10, 3–6 und 13f.
  5. "Ovidius poeta in exilio diem obiit et iuxta oppidum Tomos sepelitur."
  6. Tristia 3, 3, 73-76.
  7. Heinz Hofmann: Der römische Dandy am Ende der Welt.
  8. Quintilian, Institutio oratoria 10, 1, 98. Tacitus, dialogus 12, 5.
  9. Vgl. Michael von Albrecht: Ovid. Eine Einführung. Reclam, Stuttgart 2003, S. 277.
  10. Vgl. Michael von Albrecht: Ovid. Eine Einführung. Reclam, Stuttgart 2003, S. 9f.