Walter Rauschenbusch

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Walter Rauschenbusch

Walt(h)er Rauschenbusch (* 4. Oktober 1861 in Rochester, New York, USA; † 25. Juli 1918 ebenda) war ein US-amerikanischer baptistischer Theologe, Vordenker und Hauptvertreter des Social Gospel und Autor mehrerer Schriften, die viel Beachtung erhielten und eine große Wirkung entfalteten.[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Walter Rauschenbusch in jungen Jahren (mit seiner Schwester Emma)

Rauschenbusch war der jüngste Sohn von vier Kinder einer baptistischen Familie deutscher Herkunft, die väterlicherseits seit sieben Generationen als Pfarrer tätig waren. Seine Mutter hieß Caroline, sein Vater war August Rauschenbusch, ursprünglich Lutheraner, der zur zweiten Generation der deutschen Baptisten gehörte und durch seine schriftstellerische und theologische Lehrtätigkeit wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der damals jungen Freikirche ausübte.

Ab 1879 besuchte er das Gymnasium in Deutschland, wo er 1883 das Abitur am Evangelisch Stiftischen Gymnasium in Gütersloh machte. Es folgte ein Grundstudium an der Universität von Rochester in Rochester. In der gleichen Stadt erhielt er seine theologische Ausbildung am baptistischen Theologischen Seminar, die er 1886 beendete.

Rauschenbusch wurde Baptistenprediger der Second German Baptist Church in Hell's Kitchen, einer armen Gegend Manhattans. Hier beschäftigte ihn das Schicksal der vielen europäischen Einwanderer in die USA, die oft in städtischen Slums von New York City und anderen Großstädten landeten und verelendeten. Sie arbeiteten und lebten häufig unter menschenenunwürdigen Bedingungen und litten an Überarbeitung, Mangelernährung, Krankheiten, Gewalt, Alkoholismus, Kriminalität, Korruption und starben eines zu frühen Todes. Er schloss sich einer Gruppe von Gleichgesinnten an, aus der heraus das Konzept des Social Gospel entwickelt wurde, um etwas von der Gerechtigkeit des Reiches Gottes bereits in dieser Welt sichtbar werden zu lassen. 1891 während eines Sabbaticals in England und Deutschland arbeitete er diese neue Sichtweise weiter aus.[2]

1897 erhielt Rauschenbusch einen Ruf als Professor an das Baptistische Theologische Seminar in Rochester. In mehreren Schriften, vor allem in Christianity and the Social Crisis (1907) und in A Theology of the Social Gospel (1917), schuf er die theologische Grundlage einer sozialen Dimension des Evangeliums und einer daraus resultierenden Verantwortung der Christen für gesellschaftliche Reformen als Schritte auf das Reich Gottes hin.[3]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rauschenbusch verband in besonderer Weise evangelikalen Pietismus mit kapitalismuskritischer und sozialreformerischer Leidenschaft, damit sich etwas vom Reich Gottes in dieser Welt manifestieren würde. Insofern brach er aber auch mit dem Konservativismus und der Selbstgefälligkeit des amerikanischen Protestantismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Seine Ansichten wirkten vor allem in den USA nach bis in die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre, in Deutschland wurde er trotz deutschen Wurzeln kaum beachtet und rezipiert.[4][5][6]

Walter Rauschenbusch gab auch gemeinsam mit Ira David Sankey ein Gesangbuch heraus und betätigte sich nebenbei als Kirchenliederdichter und -übersetzer in die deutsche Sprache.[7] Im freikirchlichen Gesangbuch Feiern und Loben findet sich unter der Nummer 248 noch eine Liedstrophe von ihm: Schau ich zu deinem Kreuze hin.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Evangeliumssänger. (Gesangbuch; herausgegeben gemeinsam mit Ira David Sankey), Verlag von J.G.Oncken Nachfolger (Phil. Bickel) Hamburg 1890.
  • Christianity and the Social Crisis. 1907 – Neuauflage mit einem Vorwort von Douglas F. Ottati: Louisville 1991, ISBN 0-664-25321-0.
  • The Freedom of Spiritual Religion. Philadelphia 1910.
  • Christianizing the Social Order. 1912.
  • A Theology for the Social Gospel. MacMillan, New York 1917 und Martino Fine 2010 und 2017
    • Die religiösen Grundlagen der sozialen Botschaft, aus dem Englischen übersetzt von Clara Ragaz, mit einer Einleitung von Leonhard Ragaz, Erlenbach/Zürich 1922.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eberhard Amelung: Walter Rauschenbusch. In: Tendenzen der Theologie im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte in Porträts. Hg. v. Hans Jürgen Schultz, Stuttgart u. a. 1966, S. 69–73.
  • Milenko Andjelic: Christlicher Glaube als prophetische Religion: Walter Rauschenbusch und Reinhold Niebuhr. Frankfurt am Main; Berlin; Bern; New York; Paris; Wien: Lang 1998 (Internationale Theologie; Bd. 3) Zugl.: Heidelberg, Univ., Diss., 1996 ISBN 3-631-33576-8.
  • William H. Brackney: Walter Rauschenbusch – Prophet and Legend, Kirchliche Zeitgeschichte Vol. 31/1, Glaube und der Erste Weltkrieg, S. 199–220, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018.
  • Christoph Bresina: Von der Erweckungsbewegung zum „Social Gospel:“ Walter Rauschenbuschs Herkunft, Umfeld und Entwicklung bis 1891. Marburg, Univ., Diss., 1993.
  • Uwe Dammann: Artikel Rauschenbusch, Walter (1861–1918). In: Ev. Lexikon für Theologie und Gemeinde. Bd. 3, 1994, 1655f.
  • Uwe Dammann: Ein Radikaler für das Reich Gottes. Eine Erinnerung an Walter Rauschenbusch (1861–1918). In: Die Gemeinde. 20/2011, S. 12.
  • Christopher H. Evans: The Kingdom always but coming: A Life of Walter Rauschenbusch, Baylor University Press, Februar 2010, ISBN 978-1-60258209-5
  • Klaus Jürgen Jähn: Walter Rauschenbusch und die Anfänge seiner Theologie des Social Gospel 1886-1891, Band 10, ISBN 978-3-75343876-4
  • Karl Rennstich: Rauschenbusch, Walter. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 7, Bautz, Herzberg 1994, ISBN 3-88309-048-4, Sp. 1415–1419.
  • William L. Pitts: The Reception of Rauschenbusch. The Responses of His Earliest Readers, Mercer University Press
  • Dores Robinson Sharpe: Walter Rauschenbusch, Kessinger Publishing, 2010, ISBN 978-1-16315675-9
  • Don E. Smucker: Walter Rauschenbusch und die täuferische Geschichtsschreibung. In: Das Täufertum. Erbe und Verpflichtung. (Hrsg. Guy F. Hershberger), Stuttgart 1963, S. 273–286.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Walter Rauschenbusch - Champion of the social gospel, Website christianitytoday.com
  2. Peoples and Ideas: Walter Rauschenbusch, Georgetown College, Website pbs.org (englisch)
  3. Gunnar Hillerdal: Art. Armut, Kapitel VII: 16.–20. Jahrhundert (ethisch). In: Theologische Realenzyklopädie (TRE), Bd. 4. Walter de Gruyter, Berlin 1997, S. 98–121, hier S. 113.
  4. Walter Rauschenbusch, Association of Religion Data Archives, Website thearda.com
  5. Walter Rauschenbusch, Website yourdictionary.com
  6. Barbara A. Lundsten: The Legacy of Walter Rauschenbusch:A Life Informed by Mission, internationalbulletin.org, April 2004
  7. Eine nicht vollständige Liste der Lieder findet sich hier.