Willy Kaus

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Wilhelm Kaus (* 5. Januar 1900 in Langenselbold bei Hanau; † Dezember 1978) war ein deutscher Unternehmer und Industrieller.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seiner Ausbildung zum Bauingenieur an der Staatsbauschule in Frankfurt wurde Willy Kaus 1924 Teilhaber in der väterlichen Baufirma. Im Alter von 28 Jahren startete er mit dem Erwerb einer Papierfabrik mit zwei Papiermaschinen in die unternehmerische Selbstständigkeit.[1]

Im Zuge der gegen Unternehmer jüdischen Glaubens gerichteten Enteignungsmaßnahmen des NS-Regimes erwarb Kaus mehrere Unternehmen, so 1936 zusammen mit dem 1943 gefallenen Willi Orschler die Unionbrauerei Groß-Gerau, die er 1951 als Alleineigentümer übernahm.[2] 1938 erwarb Kaus die Aktienmehrheit der Val. Mehler AG aus Fulda von Arthur Kayser. Als ehemaliger Wehrwirtschaftsführer durchlief Kaus nach dem Zweiten Weltkrieg den Entnazifizierungsprozess der Alliierten und musste einen Großteil seiner zwischen 1933 und 1945 erworbenen Unternehmensanteile zurückgeben. Von der Spruchkammer Frankfurt wurde er persönlich 1948 lediglich als „Mitläufer“ eingestuft.[3] Willy Kaus behauptete nach dem Krieg, die Anteile von Kayser rechtmäßig erworben zu haben. Die Richtigkeit dieser Einschätzung ließ sich allerdings nicht belegen, da der emigrierte Arthur Kayser bereits am 1. Oktober 1938 bei einem Flugzeugunglück in der Schweiz ums Leben gekommen war. Im anschließenden Rechtsstreit um die Mehler-Anteile unterlag Kaus und musste 1952 den Großteil seiner Mehler-Aktien an die Kayser-Erben zurück geben.[4]

Nach dem Verkauf der verbleibenden Mehler-Anteile investierte Kaus kurzzeitig in den Versandhändler Neckermann. Bereits 1954 trennten sich die Geschäftspartner wieder, für Kaus war es trotzdem ein lukratives Geschäft.[4] 1956/57 erwarb er von der Hirsch-Gruppe die Metzeler AG Gummiwerke, welche in den folgenden Jahren den Mittelpunkt seiner unternehmerischen Tätigkeit bilden sollte. 1965 übernahm Metzeler das Chemie-Unternehmen Wolff & Co. AG aus Walsrode von der Stinnes-Unternehmensgruppe. 1966 umfasste Kaus' Firmengruppe 17.000 Beschäftigte mit einem Umsatz von 750 Millionen DM.[1]

Nachdem Kaus wirtschaftlicher Erfolg bereits Ende der 1960er Jahre zu bröckeln begann, musste die Metzeler AG 1972 eine Kapitalerhöhung durchführen, die der Bayer AG eine Erhöhung ihrer Beteiligung an der Metzeler AG auf 35 Prozent ermöglichte. In den Folgejahren steigerte die Bayer AG ihren Metzeler-Anteil weiter und übernahm 1974 überraschend drei Gesellschaften der Gruppe. Die Aktivitäten zielten nicht zuletzt auf die Entmachtung des bis April 1974 amtierenden Vorstandsvorsitzenden Kaus hin, des „zähesten Altunternehmers der deutschen Industrie“.[5]

Kaus, der in der Fachliteratur als „robust-sensibler Selfmademann“ mit „polternd-versponnener Art“ charakterisiert wird,[3] wollte sich der bereits vor 1974 begonnenen Entmachtung nicht fügen. In jahrelangen Prozessen erreichte der angeblich „prozessfreudigste Unternehmer Westdeutschlands“, dass ihm die hessische Investitions- und Handelsbank (IHB) 1977 nach einem Vergleich 23 Millionen DM zahlte. Kaus leitete seine Ansprüche daraus ab, dass seine Geschäfte mit der IHB die finanziellen Probleme von Metzeler Ende der 1960er Jahre mit verursacht hätten.[6] Seine Auseinandersetzung mit der Bayer AG um die Übernahme der angeschlagenen Metzeler-Gruppe kam erst kurz vor seinem Tod Ende 1978 zu einem teilweisen Abschluss.[7] Sein Sohn Peter und die beiden Schwiegersöhne erbten den Streit nach dem Ableben des 78-Jährigen.[8]

Tätigkeit in der Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 2000 endete vor dem OLG Frankfurt ein monatelanger Rechtsstreit zwischen Willy Kaus’ Sohn Peter und der Historikerin Christine Wittrock. Kläger Peter Kaus hatte vergeblich versucht, verbleibende strittige Aussagen in Wittrocks Monografie Das Unrecht geht einher mit sicherem Schritt entfernen zu lassen. In der ursprünglich vom Main-Kinzig-Kreis beauftragten lokalgeschichtlichen Untersuchung zur NS-Zeit war Willy Kaus verschiedentlich erwähnt worden, die Autorin hatte u. a. die Vermutung geäußert, Kaus sei als Wehrwirtschaftsführer für ein Todesurteil verantwortlich gewesen.[9]

Für Willy Kaus selber schien seine unternehmerische Tätigkeit zwischen 1933 und 1945 keine Belastung des Gewissens darzustellen. Er bestätigte offen seine Tätigkeit als Wehrwirtschaftsführer und meinte auch, während der Enteignung jüdischer Unternehmer eine weiße Weste behalten zu haben. In Sachen „Mehler“ glaubte er nach dem Krieg zunächst, mit der geflüchteten Kayser-Familie handelseinig werden zu können. Dieser Einschätzung stehen Untersuchungen gegenüber, die belegen sollen, wie Kaus die Arisierungen zu seinen Gunsten nutzte. Unter dem Strich sind in beide Richtungen schmale Quellenbasen festzustellen. Der Publizist Wolfgang Müller-Haeseler versuchte in einem Zeit-Artikel von 1966 auch Entlastendes im Hinblick auf Willy Kaus vorzubringen: Dieser sei ein Mann, der sich „in einer Zeit, in der dies keineswegs selbstverständlich war, für gefährdete Arbeiter und Ausländer einsetzte, der in der Frankfurter Gauleitung persönlich gegen das braune Euthanasieprogramm protestierte, […] und den die Gestapo in jenen Jahren verschiedentlich, wenn auch nur für kurze Zeit, einsperrte“.[1]

Auch wenn Müller-Haeselers Ausführungen aus heutiger Sicht etwas verharmlosend einseitig daherkommen, scheinen sie doch grundsätzlich Kaus Spruchkammer-Einstufung als „Mitläufer“ zu bestätigen. Er hat aus den Arisierungsmaßnahmen Profit geschlagen, doch findet man ihn hier nicht als treibende Kraft. Dokumentierte Erwerbspreise fallen zweifellos erheblich niedriger als marktüblich aus, trotzdem sind keine moralischen Niederträchtigkeiten wie bei anderen deutschen Unternehmern dieser Zeit belegbar. Dass Kaus sich im Bewusstsein der eigenen Zurückhaltung beim Übervorteilen der enteigneten und verfolgten Juden nach 1945 selbst einen unternehmerischen Persilschein ausstellte, steht dagegen auf einem ganz anderen Blatt. Kein öffentliches Wort des Bedauerns scheint von diesem Nutznießer der Arisierung überliefert. Eine kleine Randnotiz im Jewish Floridian dokumentiert 1971 indes eine offenbar etwas vielschichtigere Persönlichkeit: Willy Kaus erwarb 1968 eine kostbare historische Menora, die er wenig später dem Israel-Museum in Jerusalem spendete. Das seinerzeitige Kronstück der Jerusalemer Menora-Sammlung ist auch heute noch auf der Website unter Nennung des Spenders abrufbar.[10]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Diesel-Medaille 1967
  • Bayerischer Verdienstorden
  • Ehrung der unternehmerischen Leistung durch den Fachverband Schaumkunststoffe und Polyurethane (FSK) e. V. 1972[11]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Außenseiter in Chemie und Kautschuk. In: Die Zeit (Nr. 9/1966) vom 25. Februar 1966.
  2. Sarah Westedt: Die Unionbrauerei war ein Markstein der Groß-Gerauer Wirtschaftsgeschichte. Ausführlich zur Geschichte der Brauerei einschließlich deren Arisierung: Die Familie Marxsohn in Groß-Gerau.
  3. a b Thomas Schlemmer, Hans Woller: Gesellschaft im Wandel: 1949 bis 1973. München 2002, S. 72 f.
  4. a b Sind die Aktien nichtig? In: Der Spiegel (Nr. 11/1957) vom 13. März 1957.
  5. Verkauf oder stirb. In: Der Spiegel (Nr. 13/1974) vom 25. März 1974.
  6. Schamlos betrogen. In: Der Spiegel (Nr. 26/1977) vom 20. Juni 1976.
  7. Manager und Märkte. In: Die Zeit (Nr. 46/1978) vom 10. November 1978.
  8. Manager und Märkte. In: Die Zeit (Nr. 50/1978) vom 8. Dezember 1978.
  9. NS-Chronik einer Stadt: Historikerin darf Mitläufer Täter nennen. In: Frankfurter Rundschau vom 26. Mai 2000.
  10. An exceptionally large Chanukah menorah, six feet, eight inches high, has reached the Israel Museum from Germany. In: The Jewish Floridian vom 10. Dezember 1971, S. 2-D. www.imj.org.il, abgerufen am 11. September 2015.
  11. Der FSK ehrt Bau-Ing. Willy Kaus für seine unternehmerische Leistung (Memento des Originals vom 4. März 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.fsk-vsv.de am 4. Mai 1972.