Wir pfeifen auf den Gurkenkönig

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Wir pfeifen auf den Gurkenkönig ist ein phantastischer Kinderroman aus dem Jahr 1972. Die Autorin Christine Nöstlinger gewann für dieses Buch den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der zwölfjährige Wolfgang erzählt, wie am Ostersonntag in seiner Familie der gurkenförmige König der Kumi-Ori auftaucht, den die Untertanen aus seinem Reich im Keller vertrieben haben. Während der Vater entscheidet, dem „Gurkinger“ Asyl zu gewähren und diesen in seinem Zimmer unterzubringen und auch der jüngste Sohn Niki sich mit ihm anfreundet, findet der Rest der Familie schnell heraus, dass der arrogante König lügt und stiehlt, um seine Umgebung zu manipulieren. Als Wolfgang die anderen Kumi-Ori kennenlernt und von den Racheplänen des Königs erfährt, in denen der Vater eine entscheidende Rolle übernehmen soll, müssen die Kinder sich gegen ihren Vater stellen.

Interpretation, Hintergründe und Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Buch ist nur vordergründig eine Geschichte, in der der Gurkenkönig Auslöser für viele Turbulenzen ist. Vielmehr befindet sich Familie Hogelmann in einer Krise, die angesichts des Streits um den Kumi-Ori nur offen zu Tage tritt. Der Vater ist von der finanziellen Verantwortung überfordert und deshalb anfällig für die falschen Versprechungen des Königs. Er hat kaum Zeit für seine Familie und muss feststellen, dass diese ihr eigenes Lebensbild entwickelt, zu dem er keinen Zugang mehr findet. Deshalb legt er das Verhalten der Kinder, aber auch die politischen Meinungsverschiedenheiten mit seinem Vater und die Vermittlungsversuche seiner Frau als Illoyalität und Respektlosigkeit aus.

Der Literaturwissenschaftler und Autor Lothar Quinkenstein machte darauf aufmerksam, dass der Name des Gurkenkönigs der jüdischen Tradition entliehen ist: Die Worte „kumi ori“ (zwei Imperative des Hebräischen) stammen aus dem Buch Jesaja; sie bedeuten „erhebe dich!“ – „leuchte!“ und beziehen sich – als Verheißung zukünftiger Herrlichkeit – auf Jerusalem (Jes. 60,1). Auch in einer Strophe der Sabbathymne Lecha Dodi tauchen die Worte auf: „Hitoreri hitoreri kewa orech kumi ori...“ Diese Hymne, im 16. Jh. von Schlomo Alkabez verfasst, ist Teil der Sabbatliturgie; sie wird allwöchentlich am Freitagabend zum symbolischen Empfang der „Königin Sabbat“ gesungen. Somit spreche das Buch, so Quinkenstein, einerseits zwar im Namen der Aufklärung (der Monarch wird vertrieben), transportiere aber zugleich mit dem negativen Charakter des Kumi-Ori antijüdische Klischees. Im Mittelpunkt einer Relektüre des Romans müsse die Zwiespältigkeit des Konzepts stehen, einen zentralen Inhalt des Judentums als Namen zu verwenden für eine zutiefst unsympathische Figur, die schließlich „abserviert“ wird.[1][2]

Christine Nöstlinger nimmt zu den Vorwürfen wie folgt Stellung: „Christine Nöstlinger […] erklärte, den Namen in Paul Celans Gedicht ‚Du sei wie du‘ entdeckt zu haben, das mit den Worten ‚kumi / ori‘ endet.“ Daraufhin habe sie die 1995 verstorbene jüdische Kinderbuchautorin Mira Lobe um eine Übersetzung gebeten. „Es war schwarzer Humor, ganz privat für mich, diesen fürchterlich konservativen Menschen, gegen den da revoltiert wird, ‚Erhebet euch‘ zu nennen“, so Nöstlinger. „Dass das Jerusalem ist, das sich da erheben soll, habe ich überhaupt nicht gewusst.“ Auf die Frage, ob ein hebräischer Name die Titelfigur zu einem Juden mache, sagte sie: „Der ist eine Gurke, bitte!“[3]

Verfilmungen, Hörspiele und szenische Fassungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christine Nöstlinger: Wir pfeifen auf den Gurkenkönig. 44. Auflage. Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2011, ISBN 978-3-499-20153-0.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lothar Quinkenstein: Ein Gemüsediktator namens Jerusalem; tagesspiegel.de, 25. Januar 2013
  2. Lothar Quinkenstein: Jerusalem als intrigante Gurke? Eine Relektüre von „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“. In: interjuli. Internationale Kinder- und Jugendliteraturforschung, 02/2013, S. 77–91.
  3. Nöstlinger findet Vorwurf gegen „Kumi-Ori“ absurd. Abgerufen am 25. Januar 2013.