Wissenschaftssprache

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Wissenschaftssprache ist eine Fachsprache. Sie dient der fachlichen Kommunikation in wissenschaftlichen Diskursen.[1] Wissenschaftssprache ist stark formalisiert und normiert (Fachstil); in einigen wissenschaftlichen Disziplinen sind Formalisierung und Normierung stärker ausgeprägt als in anderen.

In Wissenschaftssprachen wird die Zuordnung zwischen Fachtermini und ihren Designaten vielfach durch Festsetzungsdefinitionen hergestellt. Die Interpretation von Kalkülen setzt ausdrücklich formulierte Bezeichnungsregeln voraus. In der Praxis werden Festlegungen unter anderem durch Terminologien und Wörterbücher vorgenommen.

Syntax[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben dem besonderen Fachwortschatz zeichnet sich die Wissenschaftssprache auch durch Eigenheiten der Syntax aus. Der Sprachwissenschaftler Harald Weinrich stellt (in etwas pointierter Weise) als Besonderheit der Wissenschaftssprache drei (unbewusste) „Verbote“ heraus[2]:

  • Ein Wissenschaftler sagt nicht „Ich“.
  • Ein Wissenschaftler erzählt nicht.
  • Ein Wissenschaftler benutzt keine Metaphern.

Als Grund für alle drei Verbote nimmt Weinrich das Gebot der Objektivität in der Wissenschaft an, wodurch Wissenschaftler versuchen, von ihren eigenen Standpunkten und Meinungen zu abstrahieren. Das erste Verbot wurde empirisch (durch Auszählen der Verwendung in Wissenschaftstexten) bestätigt[1]. Üblich sind stattdessen entweder Passivkonstruktionen oder Zuschreibungen in der dritten Person („der Verfasser“). Auch das zweite Verbot soll vermutlich die besondere Objektivität hervorheben, nach der Beschreibung (Deskription) im Zentrum steht. Sind erzählende Passagen notwendig, werden sie nicht im Präteritum, das eher an Romane und literarischer Ezählungen erinnert, sondern im Perfekt vorgebracht. Weinrichs drittes Verbot ist vielfach kritisiert worden, da zumindest in einigen Wissenschaften sogar sehr viele metaphorische Wendungen geprägt und verwendet werden (z.B. Teilchenphysik).

Historischer Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Immer wieder in der Geschichte wurde eine einheitliche Wissenschaftssprache, im Sinne der Festlegung auf eine Einzelsprache (z. B. Englisch), gefordert. Das Folgende soll einen historischen Überblick über den Wandel der vorherrschenden Einzelsprache in der Wissenschaft geben.

Als erste Wissenschaftssprache im antiken Abendland kann man auf Grund der kulturellen Leistungen Griechenlands das Griechische betrachten. Dies setzte sich in römischer Zeit fort, in der das Griechische gleichberechtigt neben dem Latein im gesamten Imperium Romanum anerkannt wurde. Erst im Laufe des Mittelalters setzte sich dann immer mehr Latein als alleinige Wissenschaftssprache durch. Es galt als kleines „Verbrechen“, nicht in Latein zu publizieren; Werke die nicht in Latein verfasst wurden, wurden nicht als wissenschaftlich angesehen.

Im arabisch-indischen Raum galt auch das Arabische als Wissenschaftssprache, da der Koran in Arabisch verfasst worden war und der Islam sich rasant ausbreitete. Einen wichtigen Beitrag dazu leisteten islamische Universalgelehrte wie Avicenna, Alhazen und Averroes, nicht selten wurden arabische Werke von Europäern ins Lateinische übersetzt (Beispiel: Übersetzerschule von Toledo).

Während im 15. Jahrhundert rund drei Viertel der gedruckten Texte noch in Latein gedruckt wurden, war es im 16. Jahrhundert umgekehrt. Im Zuge des Humanismus wurde das Latein auch als alleinige Wissenschaftssprache immer mehr abgelöst.

Das Deutsche hatte später - beinahe ein Jahrhundert lang - den Status einer der drei weltweit führenden Wissenschaftssprachen (neben Englisch und vor Französisch), da im 19. Jahrhundert und beginnenden 20. Jahrhundert zahlreiche Erfindungen und neue wissenschaftliche Erkenntnisse im deutschsprachigen Raum entstanden.[3] Nach den beiden Weltkriegen setzte sich Englisch als in den meisten Bereichen des internationalen wissenschaftlichen Austauschs führende Sprache durch. Dies ist zum einen auf die Herrschaft des Britischen Imperiums, zum anderen auf die Weltmachtstellung der USA zurückzuführen und auf die zwei Weltkriege selber. Auch der Exodus der deutsch-jüdischen Intelligenz während der nationalsozialistischen Diktatur und der deutschen Intelligenz in den Jahren nach 1945 spielte eine große Rolle, da viele Wissenschaftler in die USA emigrierten.

Nach Ansicht des Deutschen Kulturrates hat die Wissenschaftssprache Deutsch in den Naturwissenschaften so gut wie keine Bedeutung mehr, nur noch 1 % der entsprechenden Beiträge erscheine in deutscher Sprache.[4] Mit dem Thema befasste sich die interdisziplinäre Konferenz „Deutsch in den Wissenschaften“ vom 10. bis 12. November 2011 in Essen. Ausgerichtet wurde sie vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), dem Goethe-Institut und dem Institut für Deutsche Sprache (IDS).[5]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ulrich Ammon: Ist Deutsch noch internationale Wissenschaftssprache? Englisch auch für die Lehre an den deutschsprachigen Hochschulen. de Gruyter, Berlin u. a. 1998, ISBN 3-11-016149-4, (Review).
  • Friedhelm Debus u. a. (Hrsg.): Deutsch als Wissenschaftssprache im 20. Jahrhundert. Vorträge des Internationalen Symposiums vom 18./19. Januar 2000. Steiner u. a., Stuttgart u. a. 2000, ISBN 3-515-07862-2 (Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse Jg. 2000, Nr. 10).
  • Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben. Wissenschaftssprache in Regeln und Übungen. UTB Schöningh, 2010, ISBN 978-3-8252-3429-4.
  • Gabriele Graefen, Melanie Moll: Wissenschaftssprache Deutsch: lesen – verstehen – schreiben, Ein Lehr- und Arbeitsbuch Peter Lang, Frankfurt 2011, ISBN 978-3-631-60948-4, (Buchvorstellung).
  • Bea Klüsener, Joachim Grzega: Wissenschaftsrhetorik. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. WBG, Darmstadt 1992ff., Bd. 10 (2011), Sp. 1486-1508.
  • Roswitha Reinbothe: Deutsch als internationale Wissenschaftssprache und der Boykott nach dem Ersten Weltkrieg. Peter Lang, Frankfurt am Main u. a. 2006.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Wissenschaftssprache – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Eduard Beneš: Die formale Struktur der wissenschaftlichen Fachsprächen in syntaktischer Hinsicht. In: Theo Bungarten (Herausgeber): Wissenschaftssprache. Beiträge zur Methodologie, theoretischen Fundierung und Deskription. Wilhelm Fink Verlag, München 1981. Seite 185-212.
  2. Harald Weinrich(1989): Formen der Wissenschaftssprache. In: Jahrbuch 1988 der Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Seiten 119-158
  3. Vgl. Karl-Otto Edel : Die Macht der Sprache in der Wissenschaft. (PDF; 718 kB) auf: fh-brandenburg.de, 9. März 2008.
  4. Wissenschaftssprache Deutsch liegt im Sterben. Pressemitteilung des Deutschen Kulturrates vom 27. Januar 2009 (abgerufen am 28. Januar 2009).
  5. Deutsch als Wissenschaftssprache – Dossier. auf: goethe.de