Wittekindshof

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Diakonische Stiftung Wittekindshof
Rechtsform Gemeinnützige kirchliche Stiftung privaten Rechts
Gründung 2. Mai 1887
Sitz Bad Oeynhausen-Volmerdingsen
Leitung Dierk Starnitzke (Vorstandssprecher) und Marco Mohrmann (kaufmännischer Vorstand)
Mitarbeiter rund 3.300 (Stand 2016)
Umsatz 190 Mio. Euro (Stand 2016)
Branche Evangelisches Sozialunternehmen
Website www.wittekindshof.de

Die Diakonische Stiftung Wittekindshof ist ein Sozialunternehmen für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung sowie psychischen Beeinträchtigungen. Gegründet wurde der Wittekindshof 1887 am Südhang des Wiehengebirges in Volmerdingsen, heute Ortsteil der ostwestfälischen Stadt Bad Oeynhausen im Kreis Minden-Lübbecke, wo sich heute noch sein Hauptsitz befindet. Der Wittekindshof ist tätig in 18 Kommunen in Ostwestfalen, im Ruhrgebiet und im Münsterland.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wittekindshof Dorfplatz (2012)

Rund 4100 Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Behinderung nutzen die Angebote der Diakonischen Stiftung Wittekindshof – sei es in Ostwestfalen, im Münsterland oder im Ruhrgebiet. Sie werden betreut von etwa ebenso vielen Mitarbeitern mit unterschiedlichsten Qualifikationen, z. B. Theologen, Sozial- und Sonderpädagogen, Heilerziehungspfleger und -helfer, Kranken- und Altenpfleger etc.

Ziel der Arbeit ist es, Menschen mit Behinderung ein Leben in größtmöglicher Selbstbestimmung in den vier Arbeitsbereichen Wohnen, Arbeit, Gesundheit und Bildung zu ermöglichen. Über 2.600 Personen nutzen die Wohnangebote des Wittekindshofes. Sie wohnen in Gruppen mit sehr engem Mitarbeiterkontakt, den Gruppen angegliederten Appartements mit geringerem Betreuungsgrad, im stationären oder teilstationären Einzelwohnen, in ambulant betreuten Wohnungen oder in Gastfamilien.

In mehreren Werkstätten können die Klienten in auf ihre persönlichen Besonderheiten zugeschnittenen Maßnahmen zum Arbeitstraining und zur Arbeitsvorbereitung in den Fachbereichen Montage, Verpackung, Holz, Textil, Gärtnerei etc. arbeiten und in insgesamt 19 verschiedenen Berufen ausgebildet werden.

Auch für die Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung oder ihres Alters nicht oder nicht mehr arbeitsfähig sind, gibt es vielfältige Angebote. Besonders zu nennen ist hier die Heilpädagogische Erwachsenenförderung.

Es gibt zur Freizeitgestaltung unterschiedlichste Angebote (Basteln, Sport aller Art, Musik, offene Treffs etc.) sowie eine Cafeteria mit Straßencafé auf dem Campusgelände. Mit der VHS wird ebenfalls kooperiert, so dass auf die Klienten zugeschnittene Kurse angeboten werden können. Auch innerhalb der Kirchengemeinde finden die Betreuten Möglichkeiten, sich einzubringen, sei es im Chor oder einer Instrumentalgruppe, in der Gottesdienst- und Andachtsgestaltung oder durch die Teilnahme an den unterschiedlichen Veranstaltungen.

Auf dem Gründungsgelände in Volmerdingsen können sich die Klienten aufgrund der Verkehrsberuhigung relativ sicher und geschützt bewegen, sich in den verschiedenen Freizeitangeboten mit Freunden und Bekannten treffen oder auch einfach spazieren gehen resp. fahren. Der nahegelegene Ortskern Volmerdingsens und die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbaren Innenstädte Bad Oeynhausens und Mindens stellen eine Erweiterung des Freizeitangebots dar.

Der Vorstand wird von Pfarrer Dierk Starnitzke als theologischem Vorstand und Marco Mohrmann als kaufmännischem Vorstand gebildet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der evangelische Pfarrer Hermann Krekeler gründete 1887 als Pfarrer von Volmerdingsen die Einrichtung. Als Mitarbeiter von Friedrich von Bodelschwingh (Vater) hatte er mehrere Jahre die Arbeit mit behinderten Menschen in Bethel kennengelernt. Weil es in Westfalen kein evangelisches Heim für Menschen mit geistiger Behinderung gab, kaufte er am 02. Mai 1887 eine kleine Hofstätte in Volmerdingsen. Im Januar des gleichen Jahres hatte er die Pfarrstelle in dem Dorf in der Nähe von Bad Oeynhausen übernommen. Durch die pietistische Erweckungsbewegung, die in dieser Zeit stark im Minden-Ravensberger Land und damit auch in Volmerdingsen und Umgebung wirkte, waren die Menschen aus ihrem christlichen Glauben bereit, sich für benachteiligte Menschen einzusetzen. So fand die Errichtung dieser neuen Einrichtung große Unterstützung. Sie erhielt den Namen "Wittekindshof" nach dem Sachsenherzog Wittekind, der in dieser Gegend im 8. Jahrhundert lebte, sich taufen ließ und so zur Verbreitung des Christentums gesorgt haben soll.

Der Erste Weltkrieg stoppte jäh die stetige Weiterentwicklung. Folge der schlechten Versorgungslage waren Hunger und Krankheiten, denen viele Bewohnerinnen und Bewohner zum Opfer fielen. Die zweite Hälfte der 1920er Jahre war geprägt von einer großen Aufbruchsstimmung. Neue Gebäude konnten errichtet oder gekauft werden, darunter ein Krankenhaus und das Schloss Ulenburg bei Mennighüffen mit seinen großen land- und forstwirtschaftlichen Flächen. Auch Medizin und Pädagogik wurden weiterentwickelt.

In der Zeit des Nationalsozialismus geriet der Wittekindshof unter großen Druck. Unter anderem griff der "Kirchenkampf" auf die Einrichtung über und von behördlicher Seiter gab es Versuche, im Zuge von Satzungsänderungen den christlichen Charakter der Einrichtung aufzuheben. Die Zwangssterilisation als Mittel der Rassenhygiene akzeptierte man im Wittekindshof, die Ausmerzung behinderter Menschen lehnte man aus christlicher Überzeugung strikt ab. So wurden ab 1934 Zwangssterilisationen im Krankenhaus Bethanien vorgenommen. Im Herbst 1941 mussten von den 1330 Bewohnern rund 950 Personen in staatliche Einrichtungen verlegt werden. Es wird davon ausgegangen, dass rund 400 dieser Menschen der NS-"Euthanasie" zum Opfer fielen.[1] 1942 wurde im Wittekindshof ein Wehrmachtslazarett eingerichtet. Die Arbeit mit den verbliebenen Menschen konnte nur noch unter äußerst erschwerten Verhältnissen erfolgen. Nach Kriegsende 1945 wurde Bad Oeynhausen zum Sitz der Militärregierung der Britischen Besatzungszone. Die Briten beschlagnahmten den Wittekindshof und richteten dort Anfang Juli ein Militärhospital ein. Nur in einem Haus auf dem Gründungsgelände in Volmerdingsen und in Schloss Ulenburg lebten äußerst beengt behinderte Menschen. 1948 gaben die Briten die Häuser wieder frei.

Seit 1949 gibt es eine Brüderschaft, diese wurde 1954 in die Deutsche Diakonenschaft aufgenommen. 1994 erfolgte die Namensänderung in "Diakonische Brüder- und Schwesternschaft". Diese wird geleitet durch ein von den Mitgliedern gewähltes Gremium (den "Rat"), sowie einen gewählten "Ältesten". Auch die Schüler und Studierenden sind durch den von ihnen gewählten "Beirat" vertreten. 1956 kaufte der Wittekindshof das Annaheim in Gronau, weil die Aufnahmekapazitäten mehr als ausgeschöpft waren. Dort wurde eine zweite Teileinrichtung aufgebaut, die sich in den folgenden Jahrzehnten ständig vergrößerte. Die starke Überbelegung in den 1950er und 1960er Jahren mit großen Wohngruppen und zu wenig Personal führte häufig zu Überforderung der Mitarbeitenden und damit auch zu psychischer und physischer Gewalt gegenüber den Bewohnerinnen und Bewohnern.[2]

In den 1960er Jahren verbesserte sich die Situation. Mit dem Kauf von Schloss Benkhausen bei Espelkamp 1962 entstand eine dritte Teileinrichtung. Auf dem Gründungsgelände wurden mehrere neue Gebäude errichtet, darunter moderne Wohnheime, Mitarbeiterwohnungen und Wirtschaftsgebäude. Auch die Angebote wurden weiterentwickelt und die Ausbildung der Mitarbeitenden durch die Gründung eines Heilpädagogischen Seminars professionalisiert. Neben der Medizin konnte sich als wichtige Säule nun auch die Pädagogik etablieren. In den folgenden Jahrzehnten ging der Ausbau der Angebote weiter. 1980 endete die seit Gründung herrschende strikte Geschlechtertrennung im Wohnen. In den 1990er Jahren wurden neue, selbstständigere Wohnformen eingerichtet und gewannen in der Folgezeit an Bedeutung. 1993 entstand mit dem Meyer-Spelbrink-Haus in Lübbecke-Nettelstedt die vierte Teileinrichtung. Ende 2001 trat eine neue Satzung in Kraft, mit der unter anderem das Amt des Vorstehers durch einen zweiköpfigen Vorstand ersetzt wurde. Im Zuge der Dekonzentration werden vor allem auf dem Gründungsgelände massiv Plätze abgebaut. Dafür werden Plätze an neuen Standorten aufgebaut, wie zum Beispiel im Ruhrgebiet.

Anlässlich des 125. Jubiläums im Jahr 2012 veröffentlichte die Stiftung wissenschaftliche Forschungsarbeit zur geschichtlichen Aufarbeitung unter dem Namen „Der das Schreien der jungen Raben nicht überhört“. Dem voran geht eine Studie zur Aufarbeitung der Stiftungsgeschichte der 1950er und 1960er Jahre unter dem Titel „Als wären wir zur Strafe hier. Gewalt gegen Menschen mit geistiger Behinderung - der Wittekindshof in den 1950er und 1960er Jahren“, verfasst von den gleichen Autoren.[3]

Wittekindshof als Arbeitgeber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Überwiegend arbeitet hier pädagogisches bzw. pflegerisches Personal, in der Verwaltung finden sich aber auch die verschiedensten „Büro“-Berufe. Dem Wittekindshof angegliedert sind das Evangelische Berufskolleg Wittekindshof und die Diakonenschule Wittekindshof. Es gibt Ausbildungsgänge zum Gesundheits- und Krankenpfleger (bis 2008), Erzieher, Heilerziehungspfleger, Heilerziehungshelfer, den Aufbaubildungsgang Sozialmanagement und die Ausbildung zum Diakon. Einige Mitarbeiter beginnen ihre Karriere auf dem Wittekindshof auch mit einem (Schul)praktikum, einem Diakonischen Jahr (einer weiteren Form des Freiwilligen sozialen Jahrs) oder dem Zivildienst.

Neubau der Förderschule in Bad Oeynhausen-Volmerdingsen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stiftung baute nach sechs Jahren Planung auf ihrem Gelände in Volmerdingsen für ihre Förderschule ein neues Schulgebäude für 150 Kinder und Jugendliche mit geistigen und mehrfachen Behinderungen. Es entstehen 15 Klassenzimmer mit jeweils einem zugeordneten Gruppenraum sowie 13 Fachräume zu Förderung der musisch-kreativen Fähigkeiten, aber auch zur gezielten Berufsvorbereitung und Einarbeitung lebenspraktischer Tätigkeiten. Die Baukosten belaufen sich auf circa 12 Millionen Euro, die durch den Kreis Minden-Lübbecke, den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und durch private Spenden getragen werden. Der Neubau wurde im Herbst 2011 fertiggestellt. Seit dem Schuljahr 2011/2012 wird im neuen Gebäude unterrichtet.[4]

Standorte (alphabetisch sortiert)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans-Walter Schmuhl, Ulrike Winkler: „Der das Schreien der jungen Raben nicht überhört“ : Der Wittekindshof - eine Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung, 1887 bis 2012, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte 2012, Schriften des Instituts für Diakonie und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, Band 21, 632 Seiten davon 32 Seiten Bildteil mit historischen Fotos, ISBN 978-3-89534-931-7
  • Hans-Walter Schmuhl/ Ulrike Winkler: „Als wären wir zur Strafe hier“ : Gewalt gegen Menschen mit geistiger Behinderung - der Wittekindshof in den 1950er und 1960er Jahren, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte 2012, 3. Auflage, Schriften des Instituts für Diakonie und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, Band 19, 224 Seiten mit 2 Abbildungen, ISBN 978-3-89534-939-3

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schmuhl, Hans-Walter und Winkler, Ulrike: "Der das Schreien der jungen Raben nicht überhört", Der Wittekindshof - eine Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung, 1887 bis 2012, Bielefeld 2012, S. 261 ff.
  2. Schmuhl, Hans-Walter und Winkler, Ulrike: "Als wären wir zur Strafe hier", Gewalt gegen Menschen mit geistiger Behinderung - der Wittekindshof in den 1950er und 1960er Jahren, Bielefeld 2012
  3. Buchpräsentation und Autorengespräch zur 125-jährigen Geschichte des Wittekindshofes (Memento vom 13. November 2012 im Internet Archive)
  4. Schulneubau in Bad Oeynhausen, Wittekindshof (Memento des Originals vom 20. Februar 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.wittekindshof.de abgerufen 23. April 2012

Koordinaten: 52° 15′ 25″ N, 8° 47′ 13″ O