Absurdistan

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Eine Beschreibung des gleichnamigen Films von Veit Helmer befindet sich unter Absurdistan (Film)
französischer Bus in Prag bei der Trafačka-Kunstgalerie

Absurdistan ist die an reale Staatsnamen mit der Endung -stan angelehnte Bezeichnung eines fiktiven Landes, das von Absurditäten erfüllt ist.

Es wird gesagt „Willkommen in Absurdistan!“, wenn jemand ausdrücken möchte, dass bestimmte Verhältnisse nicht nachvollziehbar sind. Bei dieser Sozialkritik steht oft die staatliche Bürokratie im Zentrum.

Entstehung und Verbreitung des Begriffs[Bearbeiten]

Die frühen Verwendungen des Begriffs beziehen sich ausschließlich auf konkrete unverständliche (absurde) politische Situationen.

Die bisher früheste Erwähnung findet sich in den Politische Studien: Monatshefte der Hochschule für politische Wissenschaften, München, veröffentlicht vom Isar-Verlag. (1971) : „Sie brauchen sich bloß vorstellen, was es bedeutet, wenn etwa ein Wehrpflichtiger gültig seiner Wehrpflicht gegenüber der Bundesrepublik Deutschland sie durch zweijährigen Dienst in der Nationalen Volksarmee ableisten könnte, um zu erkennen, dass wir uns hier in Absurdistan bewegen.

Die auch im englischen Sprachraum verbreitete Bezeichnung erschien erstmals im Londoner Spectator vom 26. August 1989 in einem Artikel über die damalige Tschechoslowakei (Abstract: „Czechoslovakians have taken to calling their country «Absurdistan», because everyday life there has long resembled the Theater of the Absurd.“). Der Begriff wurde am 18. September 1989 in The Nation (New York) in einem Artikel mit dem Titel Prague Summer of '89: Journey to Absurdistan aufgenommen. Die erste Erwähnung in der New York Times erfolgte am 30. August 1990 in einem Artikel über die Sowjetunion (Moskau als Capital of Absurdistan).

Die wiederkehrende Zusammenstellung mit dem Adjektiv „wild“ spielt auf den Titel eines Bandes der „Reiseerzählungen“ von Karl May an, nämlich Durchs wilde Kurdistan.

Weitere Verwendungen[Bearbeiten]

Neben dem direkten Bezug auf politische Verhältnisse verbreitete sich der Begriff auch in anderen Bereichen.

  • Abenteuer in Absurdistan mit Micky Maus erschien in Deutschland 1993 als Band 189 der Comic-Reihe „Walt Disneys Lustiges Taschenbuch“, wobei sich Absurdistan in dieser Geschichte in der Nähe von Bombay befindet.
  • 1994 erschien von Lubomyr Luciuc Welcome to Absurdistan: Ukraine, the Soviet disunion and the West (ISBN 096941255X).
  • Absurdistan ist der Titel eines Liedes der Blind Passengers (erschienen auch als Single und als Video, 1995).
  • Aufgrund der Ereignisse in Belgien (Skandale um Kindesmissbrauch, kontaminierte Cola, Dioxin in Lebensmitteln, politische Morde und Korruption) wurde das Land ab 1995 von der inländischen und ausländischen Presse als „Absurdistan“ bezeichnet.[1]
  • Die österreichische Filmkomödie Geboren in Absurdistan[2] wollte 1999 den „alltäglichen Rassismus entlarven“.
  • Auf dem Album Gewaltberechtigt? (1999) der deutschen Band Goethes Erben findet sich ein Titel mit dem Namen „AbsurdISTan“.
  • Absurdistan ist der Titel eines im Sommer 2006 in Aserbaidschan gedrehten Filmes von Veit Helmer.
  • Ein Roman Absurdistan von Gary Shteyngart erschien im Oktober 2006.
  • Willkommen in Absurdistan! Tagebuch einer Arbeitslosen von Tanja Stramiello erschien im September 2009. In Tagebuchform geschrieben schildert das Buch ganz alltägliche (nicht-fiktive) Erfahrungen mit der deutschen Agentur für Arbeit und der ganz normal verrückten Welt: Absurdistan.
  • Mehrere satirische Websites bedienen sich des Namens Absurdistan.[3]

Literatur mit Begriffsverwendung[Bearbeiten]

  • Abenteuer in Absurdistan, Walt Disneys lustiges Taschenbuch 189. Egmont-Ehapa, Echterdingen 1993
  • Holger Liebs: Durchs wilde Absurdistan, in: Süddeutsche Zeitung, 2. August 2001
  • Winfried Rathke: Randnotizen aus Absurdistan. Eine seltsame Anthologie. Rheingau-Echo-Verlag, Geisenheim/Rhein 2002, ISBN 3-9808438-0-7
  • Rüdiger Heer: Durchs wilde Absurdistan nach Mindien. Der Expeditionsbericht eines Schwaben aus dem 20. Jahrhundert. LiterARTur, Minden 2004, ISBN 3-9807387-4-4
  • Paul M. Stern: Von Deutschland nach Absurdistan. Verwandlung einer Nation. Aton, Unna 2005, ISBN 3-9809478-0-7
  • Norbert W. Schlinkert: Wanderer in Absurdistan: Novalis, Nietzsche, Beckett, Bernhard und der ganze Rest. Eine Untersuchung zur Erscheinung des Absurden in Prosa. Königshausen & Neumann, Würzburg 2005. 143 Seiten. ISBN 978-3826031854
  • Gary Shteyngart: Absurdistan. A Novel. Random House, New York 2006, ISBN 0812971671
  • Tanja Stramiello: Willkommen in Absurdistan! Tagebuch einer Arbeitslosen. Books on Demand, Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8391-2503-8

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eine Liebeserklärung ans wilde Belgistan
  2. Geboren in Absurdistan in der Internet Movie Database (englisch)
  3. Eine satirische Homepage von „Absurdistan“ (deutsch), eine weitere satirische Homepage von „Absurdistan“ (englisch)

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Absurdistan – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen