Bosporus-Deutsche

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Kirche der evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei, gelegen in Beyoğlu.
Die historische Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Tarabya

Als Bosporus-Deutsche werden Deutsche in der Türkei bezeichnet, deren Familien oft schon seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dauerhaft in der Metropole Istanbul lebten. Ihre Anzahl in der Bosporus-Metropole beträgt heute etwa 25.000.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Allgemein werden die in Istanbul lebenden europäischen Ausländer, zum Beispiel italienische Kaufleute, sowie die Reste der heute weitgehend verschwundenen, im 19. Jahrhundert noch einen erheblichen Anteil der Bevölkerung Istanbuls stellenden christlichen Bevölkerung (Griechen, Armenier) als Levantiner (Leventi) bezeichnet. Einige Stadtteile von Istanbul, z. B. Beyoğlu (Pera), sind heute noch durch die damals verbreitete Jugendstilarchitektur geprägt.

Die ersten deutschen Einwanderer in Istanbul kamen als Handwerker und Geschäftsleute, später auch als Berater der Deutschen Militärmissionen[2] zum Aufbau der osmanischen Armee, wie beispielsweise Colmar von der Goltz und Liman von Sanders. Ein kritischer Chronist dieser Zeit war der deutsche Journalist Friedrich Schrader, der von 1891 bis 1918 in Istanbul lebte und arbeitete. In seinem Buch "Eine Flüchtlingsreise durch die Ukraine" beschreibt er das Schicksal der deutschen Gemeinschaft in Istanbul nach der Niederlage 1918.[3] Fast alle Deutschen und Österreicher wurden von den Alliierten interniert und deportiert, eine Ausnahme bildeten Angehörige des osmanischen Hofes wie der Hofkapellmeister Paul Lange, Vater des bekannten US-amerikanischen Dirigenten Hans Lange.

1852 wurde das deutsche Krankenhaus[4] in Istanbul gegründet, 1868 die Deutsche Oberrealschule[5] (heute Deutsche Schule Istanbul, Özel Alman Lisesi), später dann das İstanbul Lisesi.

Während der Zeit des Nationalsozialismus fanden zahlreiche aus Deutschland vertriebene Wissenschaftler und Künstler Zuflucht in der Türkei, darunter bekannte Personen wie der Bildhauer Rudolf Belling, der Architekt Bruno Taut und der Komponist Paul Hindemith. Geschätzt werden etwa 1000 direkt betroffene Personen, dazu kommen mitgeflüchtete Familienangehörige; Österreicher mitgerechnet, die ab 1938 zwangsweise Deutsche (oder staatenlos) wurden.

Die dritte Welle kam seit den 1970er Jahren, vorwiegend durch Vertreter deutscher Wirtschaftsunternehmen, ebenso wie Mitarbeiter in deren türkischen Partnerfirmen.

Institutionen[Bearbeiten]

Auch heute existiert noch eine deutsche Gemeinde. Seit langer Zeit bestehende Gebäude sind das ehemalige Botschaftsgebäude und heutige Generalkonsulat nahe dem Taksimplatz, die parkähnliche ehemalige Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Tarabya am Bosporus, das Deutsche Krankenhaus und die Deutsche Schule in Istanbul. Des Weiteren existieren deutschsprachige evangelische und katholische Kirchengemeinden.

Es gibt zwei Vereine deutscher Einwanderer: zum einen den älteren Verein „Teutonia“[6], zum anderen „Die Brücke“[7]. Aussagen des Goethe-Instituts vom August 2005 zufolge leben in der 10-bis-12-Millionen-Stadt Istanbul 40.000 deutsche Staatsbürger. Den weiteren Aussagen des Instituts zufolge leben auch immer mehr deutsche Künstler in Istanbul.[8] Kemal Derviş, Sohn einer deutschen Einwanderin und eines Türken, hat es bis zum Parlamentsabgeordneten und Wirtschaftsminister in der Türkei gebracht.[9] Die Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Institutes hat ihren Sitz im Gebäude des deutschen Generalkonsulates beim Taksim-Platz. Im Istanbuler Stadtteil Cihangir besteht das Orient-Institut Istanbul als jüngstes eigenständiges Forschungsinstitut im Verbund der Deutschen Geisteswissenschaftlichen Institute im Ausland (DGIA).

Siehe auch[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Baedeker Allianz Reiseführer Istanbul, Seite 17, abgerufen am 16. Juli 2009.
  2. Deutschsprachige türkische Internet Bücherei: Die deutsch-türkischen Erziehungsbeziehungen während des Ersten Weltkrieges
  3. Dr Friedrich Schrader: Eine Flüchtlingsreise durch die Ukraine. Tagebuchblätter meiner Flucht aus Konstantinopel. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1919: Online-Buch der Staatsbibliothek Berlin
  4. Webseite des deutschen Krankenhauses in Istanbul: Alman Hastanesi
  5. Angaben der offiziellen Webseite zur Geschichte der Deutschen Schule in Istanbul:Deutsche Schule Istanbul
  6. Deutsches Generalkonsulat Istanbul.
  7. Die Brücke e.V. Istanbul.
  8. Goethe Institut.
  9. Kemal Dervis Biografie

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Anne Dietrich: Deutschsein in Istanbul. Nationalisierung und Orientierung in der deutschsprachigen Community von 1843 bis 1956 Leske & Budrich, Opladen 1998 ISBN 3-8100-2188-1
  • Barbara Radt: Geschichte der Teutonia. Deutsches Vereinsleben in Istanbul 1847-2000 Deutsches Orient-Institut, Istanbul 2001 ISBN 3-935556-97-7
  • Hubert Wilschowitz: Deutschsprachige Katholische Gemeinde in der Türkei 1954-1979. Ein Überblick in Berichten, Aufsätzen und Geschichten Blümel, Istanbul 1979