Armenier

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Armenische Frau in Artvin 1909–1912
Siedlungsgebiete der Armenier: heutige in rot; ehemalige in braun (> 50%), orange (25-50%) und gelb (< 25%)

Die Armenier (armenisch Հայեր Hajer) sind das älteste christliche Volk der Welt,[1] das seit über 2700 Jahren im Gebiet zwischen dem Hochland Ostanatoliens und dem Südkaukasus heimisch ist. Zugleich sind die Armenier die Titularnation der heutigen Republik Armenien, wo sie mit Abstand den Großteil der Bevölkerung ausmachen.

Etymologie[Bearbeiten]

Die Eigenbezeichnung Hajer und die erste Fremdbezeichnung Armen der Armenier gehen auf einige der frühesten Volksstämme in der späten Bronzezeit zurück, die im armenischen Hochland politische Organisationsformen bildeten: die Hajasa im 15. bis 13. Jahrhundert v. Chr. im Nordwesten und die Arme-Shupria im 13. bis 12. Jahrhundert v. Chr. im Südwesten. Der Begriff Armen, mit dem antike Griechen und Perser das armenische Hochland und seine Bewohner bezeichneten, taucht erstmals Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. beim griechischen Historiker Hekataios von Milet und in der dreisprachigen Behistun-Inschrift des Achämenidenkönigs Dareios I. um 520 v. Chr. auf. Andere Völker der Umgebung verwendeten ebenfalls die Bezeichnung Armen, wobei die mittelalterlichen Georgier die Armenier Somekhi und ihr Land Somkheti nannten.[2]

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Die älteste nachgewiesene Sprache im Gebiet des späteren Armeniens ist Urartäisch, das seit Ende des 9. Jahrhunderts v. Chr. schriftlich überliefert ist. Es ist mit dem Hurritischen verwandt und – im Gegensatz zum Armenischen – mit Sicherheit keine indoeuropäische Sprache.[3]

Wann die Armenier in das Gebiet um den Van-See einwanderten, ist umstritten. Gamkrelidze und Ivanov halten die Armenier für Ureinwohner Ostanatoliens. Da der nächste Verwandte der armenischen Sprache das Griechische ist und die Sprache, abgesehen von zahlreichen Lehnwörtern, wenig Ähnlichkeiten mit dem Persischen zeigt, hält Diakonoff dies für unwahrscheinlich.[4] Einige Autoren wollen die Einwanderung nach dem Fall von Urartu 714 v. Chr. ansetzen,[5] Diakonoff[6] plädierte 1968 für eine Einwanderung vor der Entstehung des urartäischen Reiches, da dieses eine Barriere für eine Einwanderung dargestellt hätte und Dokumente vorhanden sein müssten.

Zimansky[7] hält es dagegen für wahrscheinlich, dass Armenier aus dem Gebiet der Muschki im Westen unter Rusa II. im 6. Jahrhundert v. Chr. deportiert wurden und so in das Gebiet des Van-Sees gelangten.

Unter Sarduri II. wurden in Urartu die šurele vom Militärdienst befreit. Diakonoff[4] sieht in ihnen die ethnischen Urartäer. Danach bestand das Heer vor allem aus den hura dele (LUA.SI), den Kriegern, die vielleicht der deportierten Bevölkerung Urartus entstammten (A.SI.RUM). Diakonoff nimmt an, dass diese deportierten Bewohner „Proto-Armenier“ waren.[4] Diakonoff will die zur Zeit von Tiglat-Pilesar I. im Tur Abdin nachgewiesen Muschki mit den Armeniern gleichsetzen.[4] Kapantsan versuchte, hethitische Lehnworte im Armenischen nachzuweisen.

Nachdem das Kernland von Urartu im frühen 6. Jahrhundert v. Chr. ein Teil des Meder-Reiches wurde, regierte dort ein verbündeter König aus dem Geschlecht der Orontiden. Der griechische Geschichtsschreiber Hekataios von Milet nennt um die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. erstmals die Armenoi als Herren über das frühere Urartu.[8]

Die Armenier selbst sehen Hayk als ihren legendären Stammvater an. Dieser soll nach einem Bericht des spätantiken armenischen Historikers Moses von Choren mit seiner Familie aus Babylon in die Region um den Ararat ausgewandert sein. Nach ihm nennen sich die Armenier selbst Hay und ihre Nation Hayastan.[9] Dies ähnelt auffällig dem Namen des Reiches Ḫajaša, das aus hethitischen Quellen für das 2. Jahrtausend v. Chr. im nordöstlichen Anatolien belegt ist.[10]

Geschichte[Bearbeiten]

Unabhängige armenische Königreiche wie unter den Artaxiden und Bagratiden sowie den Rubeniden, die das Armenische Königreich von Kilikien beherrschten, blieben in der Geschichte die Ausnahme. Häufig stritten sich Großmächte wie das Römische Reich und die Parther, Byzanz und die Sassaniden oder später das Osmanische Reich und das Russische Kaiserreich um diese Region.

Gregor der Erleuchter, byzantinisches Mosaik aus dem 14. Jahrhundert in der Pammakaristos-Kirche in Istanbul

Die Christianisierung Armeniens erfolgte früh, bereits ab 301 unter Führung von Gregor dem Erleuchter und König Trdat III., was zur Gründung der Armenisch Apostolischen Kirche führte. Damit wurde Armenien der erste christliche Staat der Welt.[11] Nach dem Zerfall des Königreichs der Bagratiden im 11. Jahrhundert wanderten viele Armenier aus Ostanatolien nach Kilikien aus, wo sie das von 1080 bis 1375 bestehende Königreich Kilikien errichteten, und begründeten damit die armenische Diaspora.[10] Später emigrierten von dort viele Armenier auf die Krim, nach Russland, Polen, Rumänien und Moldawien. Im Jahr 1604 erfolgte unter dem persischen Schah Abbas dem Großen eine Massendeportation von Armeniern aus dem Kernland Armeniens nach Isfahan, wo sie Neu-Dschulfa gründeten. Deren Nachkommen gelangten bis nach Indien, Singapur, Java und Australien.[12]

Armenisch besiedelte Regionen 1896; Karte aus Petermanns Geographischen Mitteilungen

Historisch kann man Armenien seit dem 18. Jahrhundert in Ostarmenien (unter persischer, später russischer Herrschaft) und Westarmenien (unter osmanischer Herrschaft) aufteilen. In Ostarmenien lösten russische Pogrome Ende des 19. Jahrhunderts eine Auswanderungswelle nach Westeuropa aus.[12] Die Westarmenier wurden durch den Völkermord, den die Osmanen während des Ersten Weltkrieges verübten, in ihrem angestammten Siedlungsraum nahezu ausgelöscht. Die heutige Republik Armenien entstand nach dem Ersten Weltkrieg und wurde 1921 sowjetisiert; nach dem Zerfall der Sowjetunion erklärte sie sich 1991 unabhängig.

Im Osmanischen Reich, der heutigen Türkei, spielten die (christlichen) Armenier teilweise eine ähnliche Rolle in Staat und Gesellschaft wie die phanariotischen Griechen, und übernahmen nach der griechischen Unabhängigkeit 1823 zum Teil sogar deren Rolle als loyale Staatsdiener des Reiches. Armenier hatten hohe Staats- und Regierungsämter inne, und bildeten einen wichtigen Teil des diplomatischen Dienstes des Osmanischen Reiches. Von 1860 bis 1915 war der osmanische Gouverneur der autonomen Provinz Libanon in der Regel Armenier.

Die Armenier wurden im Osmanischen Reich schon 1894 bis 1895 und 1909, besonders aber von 1915 bis 1918 verfolgt. Zwischen 300.000 und mehr als 1,5 Millionen fielen im Ersten Weltkrieg dem Völkermord zum Opfer. Eine Anzahl von Armeniern konnte fliehen und siedelte sich in Kaukasus-Armenien an. Einige wurden auch von Türken und Kurden aufgenommen und versteckt. Heute leben etwa 50.000 Armenier in der Türkei, die große Mehrheit in Istanbul.

Während der landesweiten staatlich inszenierten Pogrome gegen nichtmuslimische Minderheiten in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955 durch die Regierung des Ministerpräsidenten Adnan Menderes wurden neben Griechen, Juden und Aramäern auch Armenier Opfer. Die armenische Gemeinde in Istanbul, die von der Verhaftungswelle von April 1915 weitgehend verschont geblieben war, verließ daraufhin, wie auch die griechische Bevölkerung, in großer Zahl die Stadt. Der Großwesir des Osmanischen Reiches, Damat Ferid Pascha, räumte im Jahr 1919 Verbrechen an den Armeniern ein.[13] Dennoch wird die systematische Verfolgung und Vertreibung der Armenier bis heute von der türkischen Regierung – wie von allen vorherigen türkischen Regierungen – abgestritten. Die Anerkennung des Völkermordes wird durch den Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches mit Strafe bedroht.[14][15]

Nach den traumatisierenden Ereignissen im Zusammenhang mit dem Völkermord hatte der 1933 erschienene Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh von Franz Werfel eine identitätsstiftende Bedeutung für die Armenier und ihre Diaspora. Die armenische Gedenkstätte Zizernakaberd erinnert mit einer Gedenktafel daran.

Sprache[Bearbeiten]

Die armenische Sprache bildet einen eigenständigen Zweig innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie und gehört zu den Satemsprachen.[12] Zunehmend setzt sich jedoch die Ansicht durch, dass die konstatierte Verwandtschaft mit der griechischen Sprache eine gemeinsame Ursprache impliziert, die als Balkanindogermanisch bezeichnet wird. Aus dieser entwickelten sich, nach Jan Henrik Holst, zunächst das Albano-Griechische und das Armenische.[16] Erst später kam es zur Trennung zwischen dem Albanischen und Griechischen und zur Abspaltung des Phrygischen und Makedonischen vom Griechischen,[17] was wiederum die Sprachverwandtschaft des Armenischen zum spätestens im 7. Jahrhundert ausgestorbenen Phrygischen erklärt, das ebenfalls in Anatolien, westlich Armeniens, gesprochen wurde.

Seit dem Beginn des 5. Jahrhunderts existiert eine armenische Schriftsprache. Das armenische Alphabet wurde im Jahr 406 von Mesrop Maschtotz, einem Mönch, im Auftrag des Königs und Katholikos Sahak Parthev geschaffen und bestand zunächst aus 36 Buchstabenzeichen. Zur Schreibung fremder Laute wurden im 11. und 12. Jahrhundert zwei weitere Zeichen ergänzt.[12] Das armenische Alphabet ist bis heute nahezu unverändert gebräuchlich.

Die Diaspora[Bearbeiten]

Hauptartikel: Armenier in der Diaspora
Armenier in Syrien, nahe Deir-ez-Zor

Etwa 3 Millionen Armenier leben in der Republik Armenien. Seit Jahrhunderten gibt es armenische Gemeinschaften im Iran und in Georgien. Starke historische Minderheiten der Armenier gibt es außerdem noch in Abchasien (Armenier in Abchasien), Aserbaidschan (seit dem Konflikt um Bergkarabach nahezu vollständig geflohen), in der Türkei, im Irak, in der Ukraine, Polen, Ungarn, Rumänien und in Bulgarien.

Es gibt eine große armenische Diaspora, die sich vor allem in Russland (Moskau, Sankt Petersburg und Rostow am Don), Frankreich, den USA, Kanada, Australien, Südamerika (hier vor allem in Argentinien und Brasilien), sowie im Nahen Osten (Libanon, Syrien, Jordanien, Israel, Kuwait, VAE und Ägypten) konzentriert. Des Weiteren leben noch kleine armenische Minderheiten in Kasachstan, Usbekistan, Tunesien, Griechenland und in Zypern.

Der größte Teil der in Frankreich lebenden Armenier wanderte in der Zeit 1915–1921 ein. Gegenwärtig leben hier nach amtlichen Schätzungen etwa 600.000 Menschen armenischer Herkunft,[18] davon die Mehrheit in Paris mit 100.000. Sie gehören zu verschiedenen Religionsgruppen.

In Deutschland leben derzeit etwa 30.000 Armenier; darunter solche, die in den 1970er Jahren aus der Türkei als Gastarbeiter nach Deutschland einwanderten, solche, die während und nach der Islamischen Revolution aus dem Iran nach Deutschland flüchteten, und jene, die während und nach der Perestroika aus der ehemaligen Sowjetunion aus verschiedenen Gründen auswanderten (als professionelle Spezialisten, politische Flüchtlinge, Asylbewerber, Ehepartner von Russlanddeutschen).

Die Überweisungen an Verwandte in der Heimat sind wichtig für die Übertragungsbilanz des Landes. Armenien profitiert von einer Vielzahl von Geldüberweisungen im Ausland lebender Armenier.

Armenische Persönlichkeiten und Persönlichkeiten mit armenischer Abstammung[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • I. M. Diakonoff: Predystorija Armjanskogo Naroda. Erevan 1968.
  • I. M. Diakonoff: The Prehistory of the Armenian People. New York 1984.
  • G. B. Djahukian: Did Armenians live in Asia Minor before the 12th century BC? In: T. L. Markey, J. A. Greppin (Hrsg.): When worlds collide, Indo-Europeans and Pre-Indoeuropeans. Ann Arbor 1990, 25-31.
  •  Jan Henrik Holst: Armenische Studien. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-447-06117-9 (Online, abgerufen am 28. November 2011).
  •  Maciej Popko: Völker und Sprachen Altanatoliens. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2008 (Originaltitel: Ludy i języki starożytnej Anatolii), ISBN 978-3-447-05708-0, 4.3.3 Armenier, S. 142 ff. (Online, abgerufen am 28. November 2011).
  • A. E. Redgate: The Armenians. Blackwell, Oxford 1999.
  • Armin T. Wegner: Die Austreibung des armenischen Volkes in die Wüste. Ein Lichtbildervortrag. Augenzeugenbericht/ Dokumentation (215 S., 103 Abb.), Hrsg.: Andreas Meier, Vorwort: Wolfgang Gust, Wallstein Verlag, Göttingen 2011, ISBN 978-3-89244-800-6.
  • Paul E. Zimansky: Archaeological enquiries into ethno-linguistic diversity in Urartu. In: Robert Drews (Hrsg.): Greater Anatolia and the Indo-Hittite Language family. Institute for the Study of Man, Washington 2001, 15-26.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Armenier – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Armenier – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Völkermord an den Armeniern: Das Letzte, was ich von den Kindern sah. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 10. April 2010. Abgerufen am 17. Oktober 2013.
  2. Hamlet Petrosyan: In the Beginning. In: Levon Abrahamian, Nancy Sweezy (Hrsg.): Armenian Folk Arts, Culture, and Identity. Indiana University Press, Bloomington 2001, S. 11, 13.
  3. Paul E. Zimansky: Archaeological enquiries into ethno-linguistic diversity in Urartu. In: Robert Drews (Hrsg.): Greater Anatolia and the Indo-Hittite Language family. Institute for the Study of Man, Washington 2001, 15-26.
  4. a b c d John A. C. Greppin, I. M. Diakonoff: Some effects of the Hurro-Urartian people and their languages upon the earliest Armenians. In: Journal of the American Oriental Society. 111/4, 1991, S. 727.
  5. A. E. Redgate: The Armenians. Blackwell, Oxford 1999.
  6. I. M. Diakonoff: Predystorija Armjanskogo Naroda. Jerewan 1968.
  7. Paul E. Zimansky: Archaeological enquiries into ethno-linguistic diversity in Urartu. In: Robert Drews (Hrsg.): Greater Anatolia and the Indo-Hittite Language family. Institute for the Study of Man, Washington 2001, S. 25.
  8.  Elisabeth Bauer: Armenien: Geschichte und Gegenwart. Reich Verlag, Luzern 1977, ISBN 3-7243-0146-4, S. 49.
  9.  Elisabeth Bauer: Armenien: Geschichte und Gegenwart. Reich Verlag, Luzern 1977, ISBN 3-7243-0146-4, S. 23.
  10. a b  Harald Haarmann: Die Indoeuropäer. Herkunft, Sprachen, Kulturen. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60682-3, Südkaukasus: Die Armenier, S. 114.
  11.  Elisabeth Bauer: Armenien: Geschichte und Gegenwart. Reich Verlag, Luzern 1977, ISBN 3-7243-0146-4, S. 70.
  12. a b c d  Harald Haarmann: Die Indoeuropäer. Herkunft, Sprachen, Kulturen. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60682-3, Südkaukasus: Die Armenier, S. 115.
  13. Gunnar Heinsohn: Lexikon der Völkermorde. Rowohlt Verlag, Reinbek 1998, S. 80.
  14. Die Meinungsfreiheit lässt auf sich warten. In: Neue Zürcher Zeitung. 2. April 2011. Abgerufen am 11. Oktober 2011.
  15. Orhan Pamuk erhielt Strafe wegen Beleidigung des Türkentums Doğan Haber Ajansı, 28. März 2011, abgerufen am 11. Oktober 2011.
  16.  Jan Henrik Holst: Armenische Studien. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-447-06117-9, Zur Entstehung der armenischen Sprache – Armenisch als balkanindogermanische Sprache, S. 58 (Online, abgerufen am 28. November 2011).
  17.  Jan Henrik Holst: Armenische Studien. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-447-06117-9, Zur Entstehung der armenischen Sprache – Trümmersprachen und Balkanindogermanisch, S. 63 ff. (Online, abgerufen am 28. November 2011).
  18. http://archive.wikiwix.com/cache/?url=http://www.armenews.com/article.php3?id_article=53573&title=%5B2&#93;