Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus

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Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus ist der Titel eines kurzen Textes, dessen Verfasser nicht zweifelsfrei feststeht. Seit seiner Entdeckung wird dem Fragment große Bedeutung für die Geschichte und die Interpretation der Ursprünge der Philosophie des Deutschen Idealismus beigemessen.

Entdeckungs- und Publikationsgeschichte[Bearbeiten]

Der Text ist auf einem Einzelblatt überliefert. Das Manuskript in der Handschrift Georg Wilhelm Friedrich Hegels wurde auf einer Auktion im März 1913 von der Königlichen Bibliothek zu Berlin erworben. Der Verkäufer, die Firma Leo Liepmannssohn, konnte keine ausreichende Auskunft über die Herkunft des Manuskripts geben, so dass die Überlieferungsgeschichte hier abbricht. Es gehört anscheinend zu einem längeren Text; erhalten ist jedoch nur ein doppelseitig beschriebenes Blatt, das mitten im Satz beginnt. Der Text wurde 1917 von Franz Rosenzweig erstmals publiziert; von ihm stammt auch der Titel.

Anmerkung zum Titel[Bearbeiten]

Der Titel „Systemprogramm“ ist – nach Dieter Henrich – insofern irreführend, als der Text nur die Gegenstände einer Abhandlung oder einer programmatischen Rede auflistet, aber nicht die Prinzipien darstellt, von denen ein idealistisches System ausgehen sollte. Außerdem ist der vermutlich im Jahr 1797 entstandene Text jünger als Hölderlins Fragment „Urtheil und Seyn“ (1794/95), das mit größerem Recht das „älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“ genannt werden könnte.

Urheberschaft[Bearbeiten]

Die Handschrift des Manuskripts lässt sich eindeutig Hegel zuordnen. Wortwahl und Inhalt aber passen nach Ansicht einiger Forscher nicht zur Philosophie des jungen Hegel. Daher wird manchmal angenommen, dass es sich um eine Abschrift Hegels von dem Text eines seiner Tübinger Freunde und zeitweiligen Zimmergenossen Schelling oder Hölderlin handele; andere Autoren als diese drei wurden bisher nicht erwogen.

Rosenzweig glaubte die Verfasserschaft aus inhaltlichen Gründen Schelling zuschreiben zu müssen. Später hat der Hölderlin-Forscher Wilhelm Böhm wegen der bedeutenden Rolle, welche die Schönheit in dem Entwurf einnimmt, Hölderlin die Urheberschaft zugesprochen; diese Auffassung fand jedoch keine Nachfolger. Auch eine Gemeinschaftsproduktion von Schelling und Hölderlin wurde verschiedentlich erwogen. Erst Otto Pöggeler trat 1962 für die Verfasserschaft Hegels ein. Pöggelers Rolle als Leiter des für die Hegelphilologie zentralen Hegelarchivs Bochum verschaffte seinen Argumenten besondere Aufmerksamkeit und Nachfolge bei seinen zahlreichen Schülern. Neuerdings sind aber viele Hegel-Forscher von der Verfasserschaft Hegels wieder abgerückt.

Systemprogramm des deutschen Idealismus[Bearbeiten]

Anknüpfend an die Transzendentalphilosophie der praktischen Vernunft Immanuel Kants reiht der Verfasser programmatisch die Ideen eines künftigen Idealismus auf, und zwar als eine Ethik, die ein vollständiges System aller Ideen des Idealismus enthalten soll.

Vorangestellt wird die Idee des schöpferischen Ichs als eines selbstbewussten Wesens. Das Ich tritt der Natur als schöpferischer Geist entgegen. Der freie Mensch fordert das Verschwinden des Staates. Neben der Idee von der Menschheit, sowie den Ideen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, die im freien Geist beheimatet sind, wird der Idee der Schönheit unter besonderer Berücksichtigung der Poesie eine herausragende und verbindliche Rolle zugeschrieben.

Alle Ideen sollen schließlich im Mythos eines Vernunftglaubens ästhetisch zusammenfließen. Dieser Gesichtspunkt weist auf Bezüge zur Romantik hin.

Wirkung[Bearbeiten]

Der Text des „Systemprogramms“ fand seit seiner Entdeckung starkes und anhaltendes Interesse, da er die Motive offen an den Tag legt, die hinter der Philosophie des deutschen Idealismus standen. Diese sind allerdings in den ausgebildeten philosophischen Systemen nicht mehr gleichermaßen deutlich erkennbar. Besonders große Aufmerksamkeit erfuhr der Text Anfang der 1980er-Jahre, als er im Zusammenhang mit Friedrich Schlegels Projekt einer „Neuen Mythologie“ und den damals aktuellen Überlegungen über den Zusammenhang von Ästhetik und Philosophie diskutiert wurde (Karl Heinz Bohrer, Manfred Frank, Heinz Gockel).

Literatur[Bearbeiten]

  • Christoph Jamme, Hans Schneider (Hrsg.): Mythologie der Vernunft. Hegels ältestes Systemprogramm des deutschen Idealismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988. ISBN 3-518-28013-9 (mit kritischer Edition des Textes und Wiederabdruck der wichtigsten Aufsätze der Forschung, unter anderem von Rosenzweig, Pöggeler und Henrich)
  • Frank-Peter Hansen: Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus. Rezeptionsgeschichte und Interpretation. Berlin: de Gruyter, 1989. ISBN 3-11-011809-2 (ausführliche Darstellung der Interpretationsgeschichte)
  • Walter Jaeschke: Hegel-Handbuch, Kap. II, Abschnitt 3.1, S. 76–80, Metzler, Stuttgart 2003

Weblinks[Bearbeiten]