Friedrich Schlegel

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Friedrich Schlegel von Franz Gareis in 1801

Karl Wilhelm Friedrich von Schlegel (* 10. März 1772 in Hannover; † 12. Januar 1829 in Dresden) war ein deutscher Kulturphilosoph, Schriftsteller, Literaturkritiker, Historiker, Altphilologe und, als Pionier der Indogermanistik, Vergleichenden Sprachwissenschaft (Erste Lautverschiebung und Morphologische Sprachtypologie), bahnbrechender Indologe. Seine Monographie Über die Sprache und Weisheit der Indier erregte großes Aufsehen.

Friedrich Schlegel war neben seinem Bruder August Wilhelm Schlegel einer der wichtigsten Vertreter der „Jenaer Frühromantik“. In der Romantik wurde mit Friedrich Schlegel der Begriff der Ironie um eine literarische Haltung erweitert, die später als romantische Ironie bezeichnet wurde. Sein essayistisches Werk wurde in Marcel Reich-Ranickis Kanon aufgenommen.

Schlegel inspirierte u.a. Samuel Taylor Coleridge, Adam Mickiewicz und Kazimierz Brodziński. „Zu Lebzeiten wurde Schlegel von den Zeitgenossen mehr und mehr nur noch als Repräsentant der katholischen Partei und der päpstlichen Interessen in Deutschland gesehen.“[1]

Leben[Bearbeiten]

Kreidezeichnung Friedrich Schlegel um 1790, von Caroline Rehberg

Kindheit, Jugend, Studium[Bearbeiten]

Friedrich Schlegel kam am 10. März 1772 als 10. Kind des lutherischen Pastors und Dichters Johann Adolf Schlegel in Hannover zur Welt. Sein Vater war Pfarrer an der Marktkirche; in der Familie bestand ein künstlerisch und intellektuell aufgeschlossenes Umfeld.[2] Die Erziehung Friedrichs bereitete der Familie Kummer: "...in sich zurückgezogen erschien das Kind schwer erziehbar und zudem von labiler Gesundheit".[3] Die Erziehung wurde zuerst seinem Onkel Johann August in Pattensen [4] und danach seinem Bruder Moritz in Bothfeld [5] anvertraut. Er brach eine auf Wunsch des Vaters begonnene Kaufmannslehre bei dem Bankier Schlemm in Leipzig 1789 ab und zog zu seinem älteren Bruder August Wilhelm Schlegel nach Göttingen. Er lernte hauptsächlich autodidaktisch und immatrikulierte sich 1790 an der Universität Göttingen, um Rechtswissenschaften zu studieren, wandte sich aber zunächst der Medizin, und dann mehr der Mathematik (Logik) und Philosophie sowie der Klassischen Philologie zu, die er wie sein Bruder August Wilhelm bei Christian Gottlob Heyne hörte. Als sein Bruder August Wilhelm als Hauslehrer nach Amsterdam übersiedelte, setzte er das Jura-Studium an der Universität Leipzig fort. Zunehmend beschäftigte er sich mit Literatur, Ästhetik, Philosophie und Geschichte.

„Lehrjahre“: Leipzig, Dresden, Jena, Berlin[Bearbeiten]

Caroline von Boehmer-Schlegel-Schelling. „Über ein Gedicht von Schiller, das Lied von der Glocke, sind wir gestern Mittag fast von den Stühlen gefallen vor Lachen, es ist à la Voss, à la Tieck, à la Teufel, wenigstens um des Teufels zu werden“ (Caroline Schlegel [6])

1792 lernte er Friedrich von Hardenberg (Novalis) kennen, mit dem ihn viele gemeinsame Interessen wie Philosophie, Geschichte und Literaturtheorie verbanden. 1793 freundete er sich mit der Witwe Caroline Böhmer an, Tochter eines Göttinger Theologen und Orientalisten. Beide Freundschaften prägten seinen weiteren Lebensweg entscheidend, da sie ihn bei seiner literarischen Tätigkeit unterstützten.

1794 gab er das Studium aus Geldnot auf und wurde freier Schriftsteller. Dabei beschäftigte er sich vor allem mit der klassischen Antike. Er zog nach Dresden zu seiner Schwester Charlotte. Dort lernte er Christian Gottfried Körner kennen und veröffentlichte sein erstes Werk Von den Schulen der griechischen Poesie. Schlegel verfasste 1795 einen Aufsatz Über die Diotima, in dem er die literarische Figur als Priesterin und als Pythagoreerin darstellte und als „Bild vollendeter Menschheit“ beschrieb, als eine Frau, „in welcher sich die Anmut einer Aspasia, die Seele einer Sappho, mit hoher Selbständigkeit vermählt“.[7]

1795 machte er Bekanntschaft mit Johann Friedrich Reichardt, der – wie Caroline – ein begeisterter Anhänger der französischen Revolution, des Republikanismus und des Demokratismus war.[8] Die Mitarbeit an dessen Zeitschrift Deutschland sicherte seit 1796 seinen Lebensunterhalt. Neben dem politischen Artikel Versuch über den Begriff des Republikanismus erschien darin Schlegels scharfe Kritik an den Gedichten Friedrich Schillers (Rezension des Schillerschen Musenalmanachs auf das Jahr 1796).

1796 war Schlegel seinem Bruder August Wilhelm und dessen Frau Caroline (geschiedene Böhmer) nach Jena gefolgt. Zunehmend beschäftigte er sich mit neuerer Literatur und Philosophie (Kant, Spinoza). Hier prägte ihn stark die Philosophie von Johann Gottlieb Fichte (vgl. dessen Wissenschaftslehre), mit dem ihn eine Freundschaft verband. Der junge Schlegel machte bei seinem ersten Jenaer Aufenthalt zudem fruchtbare Bekanntschaften mit Schriftstellern der „älteren Generation“: Johann Gottfried Herder, Christoph Martin Wieland und Johann Wolfgang von Goethe. In Auseinandersetzung mit deren Werken entwickelte er seine berühmte Literaturtheorie.

August Wilhelm Schlegel. Goethe hielt die Beziehungen auch nach dem Bruch der Schlegels mit Schiller (1797) aufrecht. Die Brüder standen im Kampf gegen Rationalismus und August von Kotzebue auf Goethes Seite. Er führte Wilhelms "Jon" (1802) und Friedrichs "Alarcos" (1802) auf und nahm die Brüder gegen Angriffe in Schutz.

Ende 1797 hat der Begriff Romantik für Schlegel schon vielfältige Facetten gewonnen. In einem Brief an seinen Bruder August Wilhelm schreibt er: „Meine Erklärung des Worts Romantisch kann ich Dir nicht gut schicken, weil sie − 125 Bogen lang ist.“[9] In der Literatur sollten nun nicht mehr wie in der Klassik bestimmte Schemata für die Erschaffung eines literarischen Werkes vorgegeben sein, sondern man betrachtete den Künstler als freischaffendes Genie. Die Regelpoetik und die Forderungen der drei aristotelischen Einheiten von Raum, Zeit und Handlung verloren an Bedeutung, vielmehr wurde der Roman zum subjektiven Spielfeld des Autors. Ziel war es – nach Schlegel – Philosophie, Prosa, Poesie, Genialität und Kritik miteinander verbindend darzustellen. Aus diesen neuen Konstellationen ergab sich ein fragmentarischer Charakter mit unfertigen Handlungssträngen. Schlegel wollte damit den Werdensprozess der Dichtung betonen und meinte, dass der unvollendete Zustand einer Dichtung der Willkür und Freiheit des Dichters folge.

Schlegel schrieb in Bezug auf die Dichtung der Spätantike von „entarteter Kunst“.[10]

1797 lernte er der Prediger an der Charité in Berlin Friedrich Schleiermacher kennen. Schleiermacher und Schlegel lebten in einer kleinen Wohnung, lasen gemeinsam Fichtes Wissenschaftslehre und Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre, übersetzten Platon und diskutierten sich die Köpfe heiß über Lebenskunst. Überdies machte er Bekanntschaft mit Rahel Varnhagen von Ense, Ludwig Tieck, Dorothea Veit, der Tochter Moses Mendelssohns, im literarischen Salon der Henriette Herz, mit der er nach ihrer Scheidung 1798 zusammenlebte. Diese Zeit findet eine programmatisch überhöhte Darstellung in seinem Roman Lucinde (1799).

1798 gründeten die Gebrüder Schlegel die ästhetisch-kritische Zeitschrift Athenäum. Sie gilt als das Sprachorgan der Jenaer Frühromantik. Zusammen mit Novalis entwickelte Friedrich Schlegel in dieser Zeitschrift das Fragment zu einer spezifisch romantischen literarischen Kunstform.

Die „Romantiker-Wohngemeinschaft“ in Jena[Bearbeiten]

Novalis um 1799, Porträt von Franz Gareis

1799 lebten die beiden Brüder, August Wilhelms Ehefrau Caroline sowie Dorothea Veit für ein halbes Jahr zu viert zusammen – im Hinterhaus, An der Leutra 5, in Jena. Diese „Romantiker-Wohngemeinschaft“ bildete das Kernstück der Jenaer Romantik. Die Autoren brachen mit vielen Konventionen: Beispielsweise mischten sie in ihre Romane Gedichte und Balladen, kleine Märchen etc.; dabei bezogen sie sich oft auf Goethes Werke („Werther“, „Wilhelm Meisters Lehrjahre“). Dem entspricht Friedrich Schlegels Konzept einer „progressiven Universalpoesie“, die nicht nur unterschiedlichste Gattungen und Wissensgebiete miteinander verbindet, sondern auch über sich selbst nachdenkt und ihre eigene Kritik enthält.

Die Gruppe, deren Ziel ein enges Verweben von Leben und Literatur war, erhielt in dieser Zeit häufig Besuch: Mit Friedrich von Hardenberg (Novalis) und Tieck – dieser erschien mit seinem Schwager August Ferdinand Bernhardi – verband Schlegel eine enge Freundschaft und die gemeinsame Arbeit am Athenäum. Mit Novalis entwickelte Friedrich Schlegel den Begriff der progressiven Universalpoesie. Auch sein Mitbewohner aus Berliner Tagen, Friedrich Schleiermacher, die in Jena lebende Schriftstellerin Sophie Mereau (wenngleich diese eher dem „Schiller-Kreis“ zuzuordnen ist), deren Geliebter und späterer Ehemann Clemens Brentano sowie die Philosophen Schelling und Fichte frequentierten die Wohngemeinschaft. In den Nächten diskutierten sie über Literatur, Kunsttheorie und Philosophie, tagsüber arbeiteten sie an ihren Texten: Friedrich Schlegel unter anderem an der Lucinde, August Wilhelm und Caroline an den Shakespeare-Übersetzungen.[11]

Philipp Otto Runge um 1803

Doch dieses Leben dauerte nur einen „Wimpernschlag der Weltgeschichte“[12] an. Im August 1800 habilitierte sich Friedrich Schlegel an der Universität Jena und lehrte als Privatdozent. Ein Höhepunkt der Studentenzahlen in Jena zeigte sich im 18. Jahrhundert, als der Ruf der Universität unter Herzog Carl August, Lehrende wie Fichte, Schelling, Schiller, Hegel und Friedrich von Schlegel nach Jena zog. Schlegel veröffentlicht seine Ideen (1800), in denen es heißt: „Nur durch Beziehung aufs Unendliche entsteht Gehalt und Nutzen; was sich nicht darauf bezieht, ist schlechthin leer und unnütz“.[13] Schlegel übertrug in seinem Gespräch über die Poesie den Begriff Arabeske als erster auf die Literatur, in der sie eine durch scheinbar chaotische, naturähnliche Strukturen gekennzeichnete Form bezeichnet. An der Universität hielt er die Vorlesung über Transzendentalphilosophie (1801). Bereits 1801 löste sich die Wohngemeinschaft auf. Schlegel nahm mit Tieck seinen Wohnsitz in Dresden und begegnete dort Philipp Otto Runge. 1802 setzte Goethe in Weimar die Uraufführung von Friedrich Schlegels Drama Alarkos durch, wobei es zum Eklat kommt, als die Kotzebue-Partei, die sowohl in Dissenz zu Goethe als auch zu den Schlegel-Brüdern war, mit einhellig schallendem Gelächter reagiert. Das „Man lache nicht!“ Goethes hilft wenig.[14]

Paris und Köln[Bearbeiten]

Alexanderschlacht bei Issos. Ein von Schlegel bewundertes Gemälde von Albrecht Altdorfer. Als Napoleon Gefallen fand an diesem Gemälde, ließ er es 1800 aus der Schlossanlage Schleißheim nach Frankreich bringen und in seinem Badezimmer in St-Cloud aufhängen. Schlegel sah es 1803 im Restaurierungssaal des Musée Napoléon und beschrieb die untergehende Sonne als eine kosmische Vision von urweltlicher Großartigkeit.[15]

Im Dezember 1803 begegnete er bei Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel der französischen Schriftstellerin Germaine de Staël, die auf der Flucht vor Napoleon war. Sie wurde begleitet von ihren zwei Kindern und Benjamin Constant.[16]

Schlegel begab sich nach einem Aufenthalt in Dresden zusammen mit Dorothea, die ihn während dieser Zeit durch schriftstellerische Tätigkeit finanziell unterhielt (vgl. Florentin (Roman)), nach Paris zum Studium der Kunstsammlungen, in der Hoffnung, eine neue Stelle zu finden. Dort lebte er in einer ehemaligen Wohnung des Baron d'Holbach, zusammen mit Alexander Hamilton (Indologe), der Sanskrit-Kenntnisse besaß, und den Brüdern Boisserée. Er beschäftigte sich mit dem Studium der Indologie und wurde Schüler von Antoine-Léonard de Chézy, interessierte sich für die Persische Sprache, Alte Meister und gründete die Zeitschrift Europa. Heinrich Christoph Kolbe wurde sein Mitarbeiter. Schlegel wandte sich 1803 am Beispiel der Wartburg den verlassenen „Höhen und Burgen“ zu.[17]

Nach der Heirat in der schwedischen Botschaft in Paris mit Dorothea, die, da sie aus jüdischem Elternhaus stammte, vorher zum Protestantismus konvertieren musste, ging er nach Köln, wo er Vorlesungen an der École Centrale (Nachfolgerin der alten Universität Köln) hielt. Die Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts führte in Deutschland zu einer Begeisterung für die mittelalterlichen Bauwerke, insbesondere für die großen Dome der Gotik und die Burgen. Schlegel lobte 1804/05 in Grundzüge der gothischen Baukunst die Gotische Stilepoche und sprach wie Goethe von der „deutschen Baukunst“. Er traf Ferdinand Franz Wallraf, einem besessenen Sammler von allem, was mit der Geschichte Kölns verbunden war. 1806 war er ein halbes Jahr in Aubergenville zu Gast bei De Staël und seine Frau Dorothea übersetzte ihren Roman Corinne ins Deutsche.

1808 erschien die Schrift Über die Sprache und Weisheit der Indier, eine Frucht seiner Pariser Studien, in der er der zeitgenössischen Philosophie den Pantheismus vorhielt, sich derart auch von seinem eigenen Denken in der Vergangenheit distanzierend. Schlegel verglich in seinem Buch Sanskrit mit europäischen Sprachen und wies viele Gemeinsamkeiten in Vokabular und Grammatik nach. Die Behauptung der Gemeinsamkeiten dieser Sprachen ist nach einigen Bearbeitungen und Umformulierungen heute allgemein anerkannt. Die Sprachen werden als Indogermanische Sprachen bezeichnet. Schlegel war auch der Erste, der Sanskrit bei der Etymologie des Schamanismus-Begriffs mit einbezog.[18] Die aktuelle Rezeption indischer Kultur (zwischen Yoga, Hare Krishna und Bollywood) lässt sich durchaus im Einklang mit Schlegels vor 200 Jahren gesteckten Zielen interpretieren.

Als Konvertierter in Wien[Bearbeiten]

Friedrich Schlegel um 1810 (Zeichnung von Philipp Veit, aber gespiegelt)
Friedrich von Schlegel (1829)
von Josef Axmann oder Auguste von Buttlar, seiner Nichte, die ihn nach Dresden begleitete.

Schlegels Interesse für den Katholizismus stieg in der Kölner Zeit immer mehr, so dass er 1808 mit seiner Ehefrau im Kölner Dom konvertierte. Anschließend zog er nach Wien – traf zwischendurch mit Johanna Schopenhauer zusammen – und trat mit einer Anstellung bei Karl von Österreich-Teschen und der Wiener Armeehofkommission in den Staatsdienst ein. 1810 wurde er Journalist bei der Zeitschrift Österreichischer Beobachter [19]; (die Wiener Zeitung war in Händen Napoleons).[20] Er machte Bekanntschaft mit dem Historiker Joseph von Hormayr, mit Klemens Maria Hofbauer, der sich mit der religiösen Erneuerung in Wien befasste, mit dem Maler Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld, dem Politiker Friedrich von Gentz und dem Schriftsteller Theodor Körner. Während des 5. Koalitionskriegs lebte er kurze Zeit in Pest und lernte Ungarisch. Nach dem Frieden von Schönbrunn ging er zurück nach Wien. Im Jahr 1810 hielt er Vorlesungen „Über die neuere Geschichte“ und 1812 Vorlesungen zur „Geschichte der alten und neuen Literatur“, die er im Tanzsaal eines Gasthofs dozierte. Joseph von Eichendorff war anwesend und schrieb « Die erste Vorlesung Schlegels (Geschichte der Literatur, 12 Gulden Einlösscheine das Billet) im Tanzsaale des römischen Kaisers. Schlegel, ganz schwarz in Schuhen auf einer Erhöhung hinter einem Tischchen lesend. Mit wohlriechendem Holz geheizt. Großes Publikum. Vorn Kreis von Damen, Fürstin Liechtenstein mit ihren Prinzessinnen, Lichnowsky, etc. 29 Fürsten. Unten großes Gedränge von Equipagen, wie auf einem Ball. Sehr brilliant. » [21] 1812 gründete er die Zeitschrift Deutsches Museum und berichtete über Burg Karlštejn und rudolfinische Kunst. In 1813 machte er Bekanntschaft mit Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein.

1814 ernannte Pius VII. ihn zum „Ritter des päpstlichen Christusordens“. Ab dieser Zeit benutzte er seinen adligen Titel, den die Familie ein Jahrhundert nicht verwendet hatte. Schon vor dem Wiener Kongress beschäftigte er sich mit der Verfassung Deutschlands und Österreichs nach Napoleon. Schon nach Jakob Bleyer war seine Rolle dabei bedeutender und weitwirkender als gemeinhin angenommen wurde. Ernst Behler meinte: „Vor allem war es ihm darum zu tun, zwei Lieblingsideen in die künftige deutsche Verfassung einzufügen, die er das Bürgerrecht der Israeliten und die Wiederherstellung der katholischen Kirche in Deutschland nannte.“[22] 1815 bis 1818 war er als österreichischer Legationsrat am Diet in Frankfurt. 1819 begleiteten er und Clemens Brentano den Kaiser Franz II. (HRR) und Klemens Wenzel Lothar von Metternich nach Rom, wo seine Frau und ihre beide Söhne, Philip und Johannes Veit lebten.

1818 macht er eine Rheinreise zusammen mit August Wilhelm, der Inhaber des ersten Lehrstuhls für Indologie in Deutschland an der Universität Bonn geworden war. Der hatte sich in Paris Buchstaben für den Satz des indischen Devanagari-Alphabets herstellen lassen, um damit die ersten Sanskrit-Texte in Europa zu drucken. Das erste Buch war 1823 die Bhagavad Gita mit einer lateinischen Übersetzung von August Wilhelm.[23]

Mit der Concordia begründete Friedrich 1820 eine weitere Zeitschrift. Mitarbeiter wurden Adam Müller von Nitterdorf, Franz Baader, Joseph Görres und Zacharias Werner; der katholische Aspekt stand dabei deutlich im Vordergrund. Er verurteilte die Neuzeit insgesamt und plädierte für die Wiederherstellung der mittelalterlichen Ständeordnung. „Die Concordia stieß auf Ablehnung, nicht nur bei Protestanten und Liberalen, sondern auch bei August Wilhelm, Metternich und dessen Umgebung. 1823 kam das sechste und letzte Heft aus. Schlegel machte mehrere Reisen nach Schloss Feistritz (Ilz). Der Zwiespalt, der sich zwischen den Brüdern auftat, wurde nicht mehr überbrückt und führte 1828 zur öffentlichen Distanzierung August Wilhelms von Friedrich. So beschränkte sich die Wirkung Schlegels mehr und mehr auf einen engen Kreis Gleichgesinnter.[24] Er wurde Mystiker und beschäftigte sich mit Telepathie.[25]

Nachdem er in Wien seine Vorlesungen zur Philosophie des Lebens[26] (1827) und zur Philosophie der Geschichte (1828)[27] gehalten hatte, reiste er 1828 nach Dresden, wo er Vorlesungen über die Philosophie der Sprache und des Wortes vorbereitete.[28] Friedrich von Schlegel starb an einem schweren Schlaganfall am 12. Januar 1829 und ist auf dem Alten Katholischen Friedhof in Dresden beerdigt.

Nachlass[Bearbeiten]

  • Von 1822 bis 1825 hat sich Schlegel der Edition seiner Sämtliche Werke gewidmet. Windischmann gab die „Philosophischen Vorlesungen“ seines verstorbenen Freundes Schlegel heraus.
  • Ein Teil des Nachlasses wurde 2009 dem Historischen Archiv des Erzbistums Köln übergeben, darunter Manuskripte, Texte und Entwürfe mit handschriftlichen Ergänzungen. Der Teilnachlass ist Eigentum der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft und umfasst 3.321 Seiten.

Schlegels Philosophie[Bearbeiten]

Wissen ist nicht alles – so die Kurzformel der Kritik der Romantiker an der Aufklärung. Vernunft ist eine Dimension, die die Ganzheitlichkeit der Welt alleine nicht beschreiben kann. Die Geschichte kann man nicht richtig erfassen, wenn man ihr nicht auch poetisch und intuitiv begegnet und versucht, auch die Gefühlswelt der betrachteten Zeit nachzuempfinden. Die Konzentration auf das Rationale verpasst das Organische, das Werden und Vergehen in einer geschichtlichen Kultur. Diese von Hamann (Sokratische Denkwürdigkeiten) und Herder (Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit) in die Debatte eingebrachten Gedanken wurden in der Romantik aufgenommen und neben anderen von Novalis (Blüthenstaub) und Schlegel erneut formuliert.[29]

In den Kölner „Philosophischen Vorlesungen“ (1804–1806) formulierte Schlegel die in der Philosophie Indiens gegründete Idee des „Gesetzes vom ewigen Kreislauf“, mit der er den linearen Fortschrittsgedanken der Aufklärer kritisierte:

„Philosophisch kann man als allgemeines Gesetz für die Geschichte aufstellen, daß die einzelnen Entwicklungen gemäß dem für sie geltenden Gesetze des Ueberspringens in das Gegentheil Gegensätze bilden, in Epochen, Perioden zerfallen, das Ganze der Entwicklung aber einen Kreislauf bildet, in den Anfang zurückkehrt; ein Gesetz, welches allein auf Totalitäten anwendbar ist.“[30]

Für Schlegel gibt es keine endgültigen Wahrheiten, die sich, wie es sich die Aufklärung vorstellte, im Licht der Vernunft herauskristallisierten. Die Geschichte ist ein unendlicher Prozess des Werdens und Vergehens. Die Welt kann deshalb nicht statisch betrachtet werden, sondern die Wissenschaft muss sich mit dem Werden auseinandersetzen. Die primäre Wissenschaft ist deshalb die Geschichte und nicht die Philosophie.

„Wenn die Geschichte die einzige Wissenschaft ist, könnte man fragen, wie verhält sich den die Philosophie zu derselben? Die Philosophie selbst muß dem Geiste nach historisch, ihre Denk- und Vorstellungsart überall genetisch und synthetisch seyn; dies ist auch das Ziel, welches wir uns bei unserer Untersuchung vorgesetzt haben.“[31]

Er lehnte die Vorstellung einer Wahrheit als Korrespondenz der Dinge mit den Vorstellungen im Verstande ab, denn dann müssten ja die Vorstellungen ebenso fixiert sein wie die Dinge und würden die Freiheit des Denkens verlieren.

„Es gibt keine wahre Aussage, denn die Position des Menschen ist die Unsicherheit des Schwebens. Wahrheit wird nicht gefunden, sondern produziert. Sie ist relativ.[32]

Deshalb lehnt er auch Fichtes subjektive Identität des Ich in sich selbst ab. Es geht nicht um die Beziehung von erkennendem Ich und einem diesem gegenüberstehenden Nicht-Ich, sondern um einen Sinnzusammenhang, in dem die Beziehung des endlichen Ich mit dem Unendlichen, an dem es teilhat, hergestellt wird. Freiheit entsteht gerade dadurch, dass die Einbildungskraft nicht an einen materiellen kausalen Zusammenhang gebunden ist. Diese Freiheit kommt in der Poesie am stärksten zum Ausdruck.

„Der eigene Zweck der Einbildungskraft ist das innere, freie, willkürliche Denken und Dichten. Im Dichten ist sie auch wirklich am freiesten.“[33]

Schlegel sah aufgrund der Einsicht in die Grenzen der menschlichen Erkenntnis, die das Absolute nicht fassen kann, einen Ausweg in der poetischen Literatur, die einen Weg erschließt, sich dem transzendenten, nicht konkret fassbaren Göttlichen so weit wie möglich zu nähern.

„Weil aber alle Erkenntnis des Unendlichen wie ihr Gegenstand immer unendlich und unergründlich, also nur indirekt sein kann, wird sinnbildliche Darstellung nötig, um das, was nicht im ganzen erkannt werden kann, doch teilweise erkennen zu können. Was nicht in einen Begriff zusammengefaßt werden kann, läßt sich vielleicht durch ein Bild darstellen; und so führt dann das Bedürfnis der Erkenntnis zur Darstellung, die Philosophie zur Poesie.“[34]

Philosophie und Poesie sind keine Gegensätze, sondern bedürfen der gegenseitigen Ergänzung:

„Sie sind unzertrennlich verbunden, ein Baum, dessen Wurzel die Philosophie, dessen schönste Frucht die Poesie ist. Poesie ohne Philosophie wird leer und oberflächlich, Philosophie ohne Poesie bleibt ohne Einfluß und wird barbarisch.“[35]

Werke[Bearbeiten]

Grab des Dichters auf dem Alten Katholischen Friedhof Dresden
Titelblatt der Erstausgabe von Lucinde
  • Vom ästhetischen Werte der griechischen Komödie. 1794.
  • Über die Diotima. 1795.
  • Versuch über den Begriff des Republikanismus. 1796.
  • Georg Forster. 1797.
  • Über das Studium der griechischen Poesie. 1797.
  • Über Lessing. 1797.
  • Kritische Fragmente. („Lyceums“-Fragmente), 1797.
  • Fragmente. („Athenaeums“-Fragmente), 1797–1798.
  • Lucinde. 1799. (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)
  • Über die Philosophie. An Dorothea. 1799.
  • Gespräch über die Poesie. 1800.
  • Über die Unverständlichkeit. 1800.
  • Ideen. 1800.
  • Charakteristiken und Kritiken. 1801.
  • Transcendentalphilosophie. 1801.
  • Alarkos. 1802.
  • Reise nach Frankreich. 1803.
  • Geschichte der europäischen Literatur. 1803/1804.
  • Grundzüge der gotischen Baukunst. 1804/1805.
  • Über die Sprache und Weisheit der Indier. 1808. (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)
  • Deutsches Museum. (Als Hg.) 4 Bde. Wien 1812–1813, Camesina > Zeitschriften Literatur.
  • Geschichte der alten und neueren Literatur. Vorlesungen, 1815.

Werkausgaben:

  • Sämmtliche Werke. 10 Bde., Wien 1822–1825
  • Sämmtliche Werke. 2. Original-Ausgabe, 15 Bde., 4 Supplementbände, Wien & Bonn 1846
  • Ernst Behler, Jean-Jacques Anstett, Hans Eichner (Hrsg.): Friedrich Schlegel. Kritische Ausgabe seiner Werke. 35 Bde. (noch nicht abgeschlossen; Website), Paderborn u. a. 1958 ff.
    • Abt. 1: Kritische Neuausgabe
    • Abt. 2: Schriften aus dem Nachlaß
    • Abt. 3: Briefe
    • Abt. 4: Editionen, Übersetzungen, Berichte
  • Ernst Behler (Hrsg.): Friedrich Schlegel. Kritische Schriften und Fragmente. Studienausgabe. 6 Bde., ebd. 1988;
  • Wolfgang Hecht (Hrsg.): Friedrich Schlegel. Werke. 2 Bde., Berlin/Weimar 1980.
  • Schriften zur Kritischen Philosophie 1795–1805. Mit einer Einleitung und Anmerkungen hrsg. von Andreas Arndt und Jure Zovko, Meiner, Hamburg 2007, ISBN 978-3-7873-1848-3 (Inhalt und Einleitung (PDF; 389 kB), Rezension; PDF; 94 kB)

Literatur[Bearbeiten]

Büsten von Caroline Böhmer und der Brüder Schlegel vor dem Romantikerhaus in Jena

(Chronologisch)

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Friedrich Schlegel – Quellen und Volltexte
 Commons: Friedrich Schlegel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Aufsätze über Schlegel

Friedrich Schlegel-Gesellschaft

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Klaus Peter: Friedrich Schlegel. Realien zur Literatur. Sammlung Metzler, Stuttgart 1978, ISBN 3-476-10171-1, S. 82.
  2. Einer seiner Ahnen, Christoph Schlegel (1613-1678), war wegen seiner Verdienste als Prediger in Leutschau 1651 von Ferdinand III. (HRR) mit den Beinamen 'von Gottleben' geadelt.[1]
  3. Klaus Peter (1978) S. 20.; Ernst Behler (1966) S. 14.
  4. C.F. Gellerts Briefwechsel: 1764–1766 [2]
  5. http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Schlegel,_Karl_August_Moritz
  6. Wulf Segebrecht: Was Schillers Glocke geschlagen hat. Vom Nachklang und Widerhall des meistparodierten deutschen Gedichts. Hanser, München 2005, ISBN 3-446-20593-4.
  7. Ernst Behler (Hrsg): Friedrich Schlegel: Studien des klassischen Altertums (= Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe Bd. 1 Abt. 1), Paderborn 1979, S. 115; vgl. S. CXLIX–CLII.
  8. Friedrich Schlegel: Versuch über den Begriff des Republikanismus. (1796) In: Kritische Schriften und Fragmente. (1794–1797) Band 1, Ferdinand Schöningh, Paderborn 1988, Seite 55
  9. 125 Bogen entsprechen 2000 Seiten. Brief vom 1. Dezember 1797 in Ernst Behler u.a. (Hrsg.): Friedrich Schlegel. Kritische Ausgabe Bd. XXIV, S. 53
  10. Friedrich Schlegel braucht in seinem Aufsatz «Über das Studium der griechischen Poesie» (1797) «entartet» mehrfach in kulturkritischem Sinn: «Der entartete Geschmack hingegen wird der Wissenschaft seine eigene verkehrte Richtung mitteilen, statt dass er von ihr eine bessere empfangen sollte.» Und: »Die Rückkehr der entarteten Kunst zur echten, vom verderbten Geschmack zum richtigen scheint nur ein plötzlicher Sprung sein zu können (...).»[3]
  11. Gerd Fesser: Klassikerstadt: Jenas goldene Jahre. In: Die Zeit, 28. April 2008. Abgerufen am 1. Juli 2012.  „Die Schlegels und ihre Freunde – junge Wilde allesamt, Jenaer Boheme. Nächtelang stritten sie über Kunst, Moral und Politik. Sie führten kleine Theaterstücke auf, wanderten gemeinsam, kleideten sich nach der Mode des französischen Empire. Über Schillers Balladen machten sie sich lustig, sein Lied von der Glocke war ihnen unfreiwillige Satire. Für den platten Rationalismus der Popularaufklärer oder die normative Poetik der Weimarer Klassik hatten sie nur Spott übrig. Schiller blieb das nicht verborgen: In Caroline sah er eine »Madame Lucifer« und in Friedrich Schlegel nur einen »unbescheidenen kalten Witzling«.
    August Wilhelm Schlegel übersetzte Shakespeare, Novalis, auf der Suche nach der Blauen Blume, schrieb an seinem Heinrich von Ofterdingen, Friedrich Schlegel, von Dorothea und Caroline inspiriert, seinen avantgardistischen Liebesroman Lucinde, Tieck fantastisch-dämonische Märchen. Das kleine Jena war zu einer Geistesmetropole geworden.“ 
  12. Gerd Fesser: Klassikerstadt: Jenas goldene Jahre. In: Die Zeit, 28. April 2008. Abgerufen am 1. Juli 2012. 
  13. Friedrich Schlegel: Ideen, in: Kritische Friedrich-Schlegel Ausgabe (KA), hrsg. von Ernst Behler unter Mitwirkung von Jean-Jacques Anstett und Hans Eichner. Paderborn, München, Wien, Zürich, Darmstadt 1958 ff. KA 2, 256
  14. Tabula Rasa
  15. Zahn, L. (o.J.) Geschichte der Kunst, S. 342-343. Bertelsmann, Gütersloh.
  16. Madame De Stael and the Grand-Duchess Louise Door Madame de Stael, p. 24 [4]
  17. Gedichte
  18. Erich Kasten (Hrsg.): Schamanen Sibiriens. Magier – Mittler – Heiler, S. 24, 172–187. Zur Ausstellung im Linden-Museum Stuttgart, 13. Dezember 2008 bis 28. Juni 2009, Reimer Verlag 2009, ISBN 978-3-496-02812-3.
  19. http://homepage.univie.ac.at/romantik.germanistik/zs_oesterreichischerbeobachter.html
  20. Ernst Behler (1966) Friedrich Schlegel, Reinbek bei Hamburg, 1966, S. 110.
  21. Ernst Behler (1966) S. 120.
  22. Ernst Behler (1966) S. 123–124.
  23. Volker Zotz: Auf den glückseligen Inseln. Theseus, 2000, S. 67–68.
  24. Klaus Peter (1978) Friedrich Schlegel, S. 72–74.
  25. Ernst Behler, op. cit., p.137.
  26. Friedrich Schlegel: Philosophie des Lebens. In fünfzehn Vorlesungen gehalten zu Wien im Jahre 1827, KA 10, S. 1–308
  27. Friedrich von Schlegel: Philosophie der Geschichte: in achtzehn Vorlesungen gehalten zu Wien im Jahre 1828, Band 1 = KA Bd. 9
  28. Friedrich Schlegel: Philosophische Vorlesungen insbesondere über Philosophie der Sprache und des Wortes. Geschrieben und vorgetragen zu Dresden im Dezember 1828 und in den ersten Tagen des Januar 1829, KA 10, S. 309–534
  29. Der Absatz ist übernommen aus dem Wikipedia-Artikel: Geschichte der Philosophie
  30. Friedrich von Schlegel: Philosophische Vorlesungen aus den Jahren 1804 bis 1806: nebst Fragmenten vorzüglich philosophisch-theologischen Inhalts. Band 3, hrsg. von Karl Joseph Hieronymus Windischmann, 2. Aufl. Weber, 1846, 218 (Google books).
  31. Friedrich von Schlegel: Philosophische Vorlesungen aus den Jahren 1804 bis 1806: nebst Fragmenten vorzüglich philosophisch-theologischen Inhalts, Band 3, hrsg. von Karl Joseph Hieronymus Windischmann, 2. Aufl. Weber, 1846, 127
  32. Nach Philosophische Lehrjahre (Bd. 18 der Kritischen Schlegel-Ausgabe), Nr. 1149, formuliert in: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Handbuch Deutscher Idealismus. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 978-3-476-02118-2, S. 350.
  33. Friedrich Schlegel: Entwicklung der Philosophie in 12 Büchern, in: Kritische Ausgabe, hrsg. von Behler, Band 12, Schöningh, München-Paderborn-Wien 1964, 359
  34. Friedrich Schlegel: „Geschichte der europäischen Literatur“, KA 11, S. 9
  35. Friedrich Schlegel: „Geschichte der europäischen Literatur“, KA 11, S. 10