Dicofol

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Strukturformel
Struktur von Dicofol
Allgemeines
Name Dicofol
Andere Namen
  • 2,2,2-Trichlor-1,1-bis(4-chlorphenyl)ethanol
  • Kelthane
Summenformel C14H9Cl5O
CAS-Nummer 115-32-2
PubChem 8268
Kurzbeschreibung

farblose Kristalle (Reinstoff), viskoses Öl (technisches Produkt)[1]

Eigenschaften
Molare Masse 370,49 g·mol−1
Aggregatzustand

fest oder flüssig

Dichte

1,45 g·cm−3 für 80%iges viskoses Öl[1]

Schmelzpunkt

78,5–79,5 °C [2]

Siedepunkt

225 °C bei 6,7 hPa[2]

Dampfdruck

1,87 mPa bei 20 °C[1]

Löslichkeit

in Wasser 0,8 mg·l−1, in Aceton, Ethylacetat und Toluol 400 g·kg−1[1]

Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung aus EU-Verordnung (EG) 1272/2008 (CLP) [3]
07 – Achtung 09 – Umweltgefährlich

Achtung

H- und P-Sätze H: 312​‐​302​‐​315​‐​317​‐​410
P: 273​‐​280​‐​501 [4]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [5] aus EU-Verordnung (EG) 1272/2008 (CLP) [3]
Gesundheitsschädlich Umweltgefährlich
Gesundheits-
schädlich
Umwelt-
gefährlich
(Xn) (N)
R- und S-Sätze R: 21/22​‐​38​‐​43​‐​50/53
S: (2)​‐​36/37​‐​60​‐​61
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Dicofol ist ein Akarizid, das aus DDT hergestellt wird. Es wirkt als Kontaktgift gegen Spinnmilben und ihre Eier.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Firma Rohm & Haas brachte Dicofol 1955 erstmals auf den Markt.[6] Die 2004 in Kraft getretene Stockholmer Konvention beschränkte die Verwendung von DDT auf die Bekämpfung krankheitsübertragender Insekten und die Herstellung von Dicofol. Soweit die Herstellung außerhalb geschlossener Systeme erfolgt, sind dafür Genehmigungen notwendig, wie sie derzeit für Indien und China bestehen.[7] Das Chinesische Umweltministerium hat im Juli 2008 auf eine Verlängerung dieser Genehmigung verzichtet.[8]

Chemische Eigenschaften[Bearbeiten]

Dicofol enthält Reste von DDT sowie eine Reihe von DDT-Analoga, außerdem das sogenannte Extra-Chlor-DDT oder C1-DOT.[9]

In China hergestelltes Dicofol enthielt pro kg 114 g o,p'-DDT, 69 g p,p'-Cl-DDT, 44 g o,p'-DDE und 17 g p,p'-DDT. Aus der Verwendung von Dicofol in China wurde für den Zeitraum 1988 bis 2002 ein Eintrag von Gesamt-DDT von 8770 t hochgerechnet. DDT-Rückstände vom „Dicofol-Typ“ weisen ein hohes o,p'-DDT/p,p'-DDT Verhältnis auf.[10]

Verwendung[Bearbeiten]

Dicofol wird als Akarizid im Obst- und Gemüsebau, bei Zierpflanzen und verschiedenen Feldfrüchten verwendet. Auf Insekten hat es nur geringe Wirkung.[11]

In Deutschland wurde Dicofol vor allem beim Anbau von Wein, Hopfen und Zierpflanzen gegen Spinnmilben und Weichhautmilben eingesetzt. In den Handel kam es üblicherweise als Spritzpulver mit einem Wirkstoffgehalt von 21,2 % und als Emulsionsspritzmittel mit 42,5 %.[1]

In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist heute kein Pflanzenschutzmittel mehr zugelassen, das diesen Wirkstoff enthält.[12] Die EU-Kommission entschied sich 2008 gegen die Aufnahme von Dicofol in die Liste der zugelassenen Pflanzenschutzmittel, da es gesundheitsschädlich sei, die Belastung für Anwender regelmäßig über der annehmbaren Exposition liege und die Bewertung des Risikos für Verbraucher nicht möglich sei. Die Mitgliedsstaaten wurden verpflichtet, bestehende Zulassungen bis zum 30. März 2009 zu widerrufen.[13]

Biologische Bedeutung[Bearbeiten]

Mississippi-Alligator

Nach einem Unfall bei der Dicofol-Herstellung gelangten 1980 Dicofol, DDT, DDD, DDE und Schwefelsäure in den Lake Apopka in Florida. Innerhalb der folgenden vier Jahre ging dort der Bestand des Hechtalligators (Alligator mississippiensis) um 90 % zurück. Die Mortalität der erwachsenen Tiere war deutlich, die der Jungtiere drastisch höher als bei einer Kontrollpopulation. Das Geschlechterverhältnis war zu den Weibchen hin verschoben und man fand Veränderungen im Hormonspiegel und an den Geschlechtsorganen der Alligatoren. Im Labor konnte mit DDE an Eiern des Hechtalligators eine geschlechtliche Umwandlung oder Intersexualität ausgelöst werden.[14]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Werner Perkow: „Wirksubstanzen der Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel“, 2. Auflage, 3. Erg. Lfg. März 1992, Verlag Paul Parey.
  2. a b Eintrag zu Dicofol in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA, abgerufen am 9. September 2008 (JavaScript erforderlich).
  3. a b Eintrag aus der CLP-Verordnung zu CAS-Nr. 115-32-2 in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA (JavaScript erforderlich).
  4. Datenblatt Dicofol bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 24. März 2011 (PDF).
  5. Seit dem 1. Dezember 2012 ist für Stoffe ausschließlich die GHS-Gefahrstoffkennzeichnung zulässig. Bis zum 1. Juni 2015 dürfen noch die R-Sätze dieses Stoffes für die Einstufung von Gemischen herangezogen werden, anschließend ist die EU-Gefahrstoffkennzeichnung von rein historischem Interesse.
  6. Römpp Lexikon Chemie. 9. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 1992.
  7. Sekretariat der Stockholmer Konvention: Register of Specific Exemptions. abgerufen am 13. September 2008.
  8. Chinesisches Ministerium für Umweltschutz: Schreiben an das Sekretariat der Stockholmer Konvention (PDF; 226 kB) 10. Juli 2008.
  9. Pesticide Management Education Program (PMEP): dicofol (Kelthane) Chemical Fact Sheet 12/83.
  10. Xinghua Qiu, Tong Zhu, Bo Yao, Jianxin Hu, Shaowen Hu: Contribution of Dicofol to the Current DDT Pollution in China. Environ. Sci. Technol., 39 (12), 4385–4390, 2005.
  11. EXTOXNET: Pesticide Information Profile Dicofol, Stand September 1993.
  12. Nationale Pflanzenschutzmittelverzeichnisse: Schweiz, Österreich, Deutschland; abgerufen am 21. August 2011.
  13. Entscheidung der Kommission vom 30. September 2008 über die Nichtaufnahme von Dicofol in Anhang I der Richtlinie 91/414/EWG des Rates und den Widerruf der Zulassungen für Pflanzenschutzmittel mit diesem Stoff.
  14. Beratergremium für Altstoffe der Gesellschaft Deutscher Chemiker: DDT und Derivate – Modellstoffe zur Beschreibung endokriner Wirkungen mit Relevanz für die Reproduktion. BUA-Stoffbericht 216, S. Hirzel Verlag, August 1998, ISBN 3-7776-0961-7.