Discrete Element Method

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Der Begriff Discrete Element Method (DEM) wird heutzutage für zwei numerische Berechnungsverfahren verwendet.

Die häufigste Verwendung findet die von Cundall[1] im Jahre 1971 entwickelte numerische Berechnungsmethode, mit der die Bewegung einer großen Zahl von Teilchen berechnet werden kann. Die Methode wird manchmal auch als Distinct Element Method bezeichnet. Ursprünglich diente sie für verschiedene Berechnungen der Molekulardynamik (MD). Seit ihrer Einführung hat sich ihr Einsatzgebiet ausgedehnt, wie z.B. auf die Simulation aus der Partikelverfahrenstechnik, der Geotechnik und des Maschinenbaus. Eine Erweiterung des Verfahrens ist die Extended Discrete Element Method.

Auf der anderen Seite wird der Begriff DEM auch für ein Stabgittermodell verwendet. Diese Betrachtungsweise - Abbildung eines Körpers durch Stäbe - geht auf Arbeiten von E. G. Kirsch[2] aus dem Jahr 1868 zurück und wurde zum Beispiel von Felix Klein und Karl Wieghardt Anfang des 20. Jahrhunderts weiterentwickelt. Heute wird die Stabgittermethode unter anderem zur Simulation des Materialverhaltens von Verbundswerkstoffen insbesondere Gewebestrukturen eingesetzt.[3][4] Darüber hinaus zeigte sich, dass die DEM sich zur Lebensdauerabschätzung von metallischen und keramischen Werkstoffen eignet.[5][6][7] DEM wird auch zur Beschreibung des Materialverhaltens in der Geomechanik angewandt.

Der folgende Text beschränkt sich auf die DEM nach Cundall, da sie derzeit eine höhere Relevanz in der Forschung erfährt.

Verfahren[Bearbeiten]

Anwendungsbereiche[Bearbeiten]

Die Grundannahme des Verfahrens beruht darauf, dass die zu berechnende Materie (Physik) sich aus einzelnen, abgeschlossenen Elementen zusammensetzt. Diese Elemente können unterschiedliche Formen und Eigenschaften haben. Beispiele dafür sind etwa:

Ablauf[Bearbeiten]

Bei einer DEM-Simulation werden alle Teilchen in einer bestimmten Startgeometrie positioniert und mit einer Anfangsgeschwindigkeit versehen. Aus diesen Anfangsdaten und den physikalischen Gesetzen, die für die Teilchen relevant sind, werden die Kräfte ausgerechnet, die auf jedes Teilchen wirken.

Kräfte, die hier in Frage kommen, sind zum Beispiel im makroskopischen Fall:

  • Reibungskräfte, wenn zwei Teilchen einander streifen
  • Rückstoßende Kräfte, wenn zwei Teilchen aufeinander treffen und dabei leicht reversibel deformiert werden
  • Gravitationskräfte, also die Anziehung der Teilchen aufgrund ihrer Massen (nur relevant bei astronomischen Simulationen)

oder auf molekularer Ebene

Alle diese Kräfte werden aufsummiert und danach mit Hilfe eines numerischen Integrationsverfahren aus der Newtonschen Bewegungsgleichung die Veränderung der Teilchengeschwindigkeit und -position berechnet, die sich in einem gewissen Zeitschritt ergibt. Danach werden mit den veränderten Positionen und Geschwindigkeiten erneut die Kräfte berechnet und diese Schleife so lange wiederholt, bis der Simulationszeitraum beendet ist.

Langreichweitige Kräfte[Bearbeiten]

Wenn langreichweitige Kräfte (typischerweise Gravitationskräfte oder elektrostatische Kräfte) berücksichtigt werden, so muss grundsätzlich die Wechselwirkung von jedem Teilchen mit allen anderen Teilchen berechnet werden. Die Zahl der Interaktionen und damit auch der Rechenaufwand steigt dann quadratisch mit der Zahl der Teilchen. Bei hohen Teilchenzahlen steigt damit die Rechenzeit inakzeptabel an. Eine Möglichkeit, dies zu vermeiden, besteht darin, mehrere Teilchen, die weit entfernt vom aktuellen Teilchen liegen, zu einem Pseudoteilchen zusammenzufassen und nur eine Interaktion zwischen dem aktuellen Teilchen und dem Pseudoteilchen zu berechnen. Als Beispiel kann die Interaktion zwischen einem Stern und einer weit entfernten Galaxie dienen: Der Fehler, der entsteht, wenn alle Sterne der entfernten Galaxie zu einem einzigen Massepunkt zusammengefasst werden, ist bei normalen Anforderungen vernachlässigbar. Um zu entscheiden, welche Teilchen zu Pseudoteilchen zusammengefasst werden können, werden sogenannte Baumverfahren angewendet. Dabei werden die Teilchen in einem hierarchischen Baum, im zweidimensionalen Fall einem Quadtree, im dreidimensionalen Fall einem Octree angeordnet. Bei Molekulardynamik-Simulationen wird dagegen der Raum, in dem die Simulation stattfinden soll, in Simulationszellen eingeteilt. Sowohl die Kräfte als auch die Teilchen werden, wenn sie über den Rand der Zelle hinausgehen, einfach auf der anderen Seite der Zelle wieder eingefügt (Periodische Randbedingung). Um zu verhindern, dass ein Teilchen nun sowohl von der eigentlichen Kraft als auch von deren Spiegelbild auf der anderen Seite erfasst wird, wird diese Kraft ab der sogenannten Cutoff-Distanz (normalerweise die halbe Länge der Zelle) nicht mehr berücksichtigt. Um nun die Anzahl der beteiligten Teilchen zu erhöhen, wird einfach die Simulationszelle beliebig vervielfacht.

Algorithmen[Bearbeiten]

Integrationsalgorithmen[Bearbeiten]

Langreichweitige Kräfte[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • M. P. Allen, D.J. Tildesly: Computer Simulation of Liquids. Oxford University Press, 1989, ISBN 0198556454
  • Griebel, Knapek, Zumbusch, Caglar: Numerische Simulation in der Molekulardynamik. Springer, 2004. ISBN 3-540-41856-3
  • Nenad Bicanic: Discrete Element Methods. In: Stein, de Borst, Hughes Encyclopedia of Computational Mechanics, Vol. 1. Wiley, 2004. ISBN 0-470-84699-2

Software[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. P. A. Cundall, “A computer model for simulating progressive large scale movements in blocky rock systems", Proceedings Symposium Int. Soc. Rock Mech., Nancy Metz, vol. 1, p. Paper II–8, 1971
  2. E. G. Kirsch, “Die Fundamentalgleichungen der Theorie der Elastizität fester Körper, hergeleitet aus der Betrachtung eines Systems von Punkten, welche durch elastische Streben verbunden sind , Band 7 (1868), Heft 8,” Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure, vol. 7, no. 8, pp. 481–487, 553–570, 631–638, 1868
  3. F. K. Wittel, “Diskrete Elemente - Modelle zur Bestimmung der Festigkeitsevolution in Verbundwerkstoffen,” Universität Stuttgart, Fakultät für Luft- und Raumfahrttechnik und Geodäsie, Institut für Statik und Dynamik der Luft- und Raumfahrtkonstruktionen, 2006
  4. D. Ballhause, “Diskrete Modellierung des Verformungs- und Versagensverhaltens von Gewebemembranen,” Universität Stuttgart, Fakultät für Luft- und Raumfahrttechnik und Geodäsie, Institut für Statik und Dynamik der Luft- und Raumfahrtkonstruktionen, 2006
  5. M. Hahn, M. Bouriga, B.-H. Kröplin, and T. Wallmersperger, “Life time prediction of metallic materials with the Discrete-Element-Method,” Computational Materials Science, vol. 71, no. 0, pp. 146 – 156, 2013
  6. M. Hahn, “Lebensdauerabschätzung von metallischen Strukturen mittels der Diskrete-Elemente-Methode im gekoppelten thermo-mechanischen Feld,” Universität Stuttgart, Fakultät für Luft- und Raumfahrttechnik und Geodäsie, Institut für Statik und Dynamik der Luft- und Raumfahrtkonstruktionen, 2012
  7. Diskrete-Elemente-Methode, Universität Stuttgart