Dominium terrae

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Dominium terrae (lat. für „Herrschaft über die Erde“) ist ein theologischer Fachbegriff für ein wirkungsgeschichtlich bedeutendes Motiv aus dem Alten Testament, nämlich den Auftrag Gottes an den Menschen, Herrschaft über die Erde auszuüben (Genesis 1,28 LUT: „Macht Euch die Erde untertan“).

Quellentext[Bearbeiten]

Im Alten Testaments heißt es (zitiert nach der Einheitsübersetzung):

Gen 1,27-28 EU:
Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.
Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. (Vgl. auch Gen 9,2 EU)

Ps 8,7 EU:
Du hast ihn [d. h. den Menschen] als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt.

Zur wichtigen Frage der Übersetzung ist seitens der Wissenschaft folgendes aufgezeigt worden:

„Die hebräische Exegese findet erst in den letzten Jahren angemessenere Übersetzungen. Das hebräische Verb kabasch (bisher übersetzt als ‚untertan machen‘) hat auch die Bedeutung: ‚als Kulturland in Besitz nehmen", ‚dienstbar / urbar machen‘, wie Vergleiche mit Verbübersetzungen in anderen biblischen Büchern (Num 32 EU und Jos 18 EU) zeigen. Das Verb radah (bisher übersetzt als ‚königlich bzw. herrschaftlich auftreten‘) wird in Mari-Texten für den Umgang eines Hirten mit seiner Kleinviehherde verwendet und müsste die verantwortungsvolle, fürsorgliche Konnotation zum Ausdruck bringen.“[1]

Ideengeschichte[Bearbeiten]

Der Gedanke des dominium terrae wurde in Spätantike und Mittelalter weiter tradiert. Laktanz etwa schrieb:

Als Gott den Menschen schuf, gleichsam als Abbild Gottes und Krone des göttlichen Schöpfungswerkes, da hauchte er ihm allein die Weisheit ein, damit er alles seiner Herrschaft und Botmäßigkeit unterwerfe (ut omnia imperio ac ditioni suae subiugaret) und alle Annehmlichkeiten der Welt genieße. (De ira dei, 13; übers. v. A. Hartl)

In der Neuzeit konkretisierte er sich im Sinne einer umfassenden instrumentellen Naturbeherrschung (etwa bei Descartes: der Mensch sei Herrscher und Besitzer der Natur („maître et possesseur de la nature“) und Francis Bacon formuliert.) In diesem Zusammenhang hat man verschiedentlich das Christentum für die ökologische Krise verantwortlich machen wollen, so etwa der Technikhistoriker Lynn White. Dies nicht nur im Sinne des Herrschaftsauftrags, sondern auch im Hinblick auf die im Christentum konsequent erfolgte „Entgötterung“ der Natur, wie sie etwa in der Bekämpfung der Naturgottheiten bei anderen religiösen Traditionen zum Ausdruck kommt (Schiller: „Einen zu bereichern unter allen,/ Mußte diese Götterwelt vergehn.“ Die Götter Griechenlandes)

Eine im 20. Jahrhundert verstärkt auftretende Deutung versteht den Herrschaftsauftrag eher im Sinne einer treuhänderischen, gleichsam hütenden Aufgabe (stewardship). Beachtenswert ist allerdings, dass schon Karl Marx im dritten Band des Kapitals formuliert hatte: Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Nationen zusammengenommen sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, haben sie als boni patres familias (gute Familienväter) den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen. (MEW, Bd. 25, S. 784)

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Udo Rüterswörden: Dominium terrae: Studien zur Genese einer alttestamentlichen Vorstellung (Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 215), Berlin/New York 1993
  • Udo Krolzik: Umweltkrise – Folge des Christentums?, Kreuz Verlag Stuttgart, 2. Auflage 1980.
  • Udo Krolzik: „Machet Euch die Erde untertan...!“ und das christliche Arbeitsethos, In: Klaus M. Meyer-Abich (Hg.): Frieden mit der Natur, Herder Verlag Freiburg/Basel/Wien 1979, S. 174–195.
  • Udo Krolzik: Die Wirkungsgeschichte von Genesis 1,28, in: Günter Altner (Hg.), Handbuch ökologischer Theologie, Kreuz Verlag Stuttgart/Berlin 1989, S. 149–163.
  • Simone Rappel: Macht euch die Erde untertan: Die ökologische Krise als Folge des Christentums? Abhandlungen zur Sozialethik, Paderborn 1996
  • Manfred Weippert: Tier und Mensch in einer menschenarmen Welt. Zum sogenannten dominium terrae in Genesis 1. In: Hans-Peter Mathys (Hg.): Ebenbild Gottes – Herrscher über die Welt. Studien zu Würde und Auftrag des Menschen (Biblisch-theologische Studien 33) Neukirchen-Vluyn 1998, S. 35–55.

Weblinks[Bearbeiten]

  • Matthias Schlicht: Gentechnik aus theologischer Perspektive, Vortrag in der Reihe der St. Nikolai-Gespräche 1999, Lutherhaus Alfeld, 14. Oktober 1999
  • Lynn White jr.: The historical Roots of our ecological Crisis, 1967 [1] [2]
  • Udo Krolzik: Ökologische Probleme und das Naturverständnis des christlichen Abendlandes, Stuttgart 1983 [3] (PDF; 155 kB)
  • Elisabeth Hartlieb: Macht Euch die Erde untertan?, 1996 [4]
  • Konrad Ott: Katechismus. Kirche und Schöpfung, Greifswald 2004 [5]
  • Reinhard Falter: Das Christentum und die Dynamik der Säkularisierung, Stuttgart 2000 [6]
  • Gerhard Liedke: Auch die Schöpfung wird befreit werden... und machet sie euch untertan!, Heidelberg 2006 [7]
  • Thomas Schirrmacher: Hätte uns der Buddhismus die Umweltkrise erspart?, Neunkirchen/Siegen 1998 [8] (PDF; 66 kB)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Matthias Schlicht: Gentechnik aus theologischer Perspektive, Vortrag in der Reihe der St. Nikolai-Gespräche 1999, Lutherhaus Alfeld, 14. Oktober 1999