Epiphänomen

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Als Epiphänomen bezeichnet man eine Entität, die zwar kausal verursacht wurde, aber selbst keine (signifikante) kausale Wirkung hat. Es gibt zwei Verwendungsweisen des Begriffs:

  • In einem schwachen Sinne werden alle Zustände eines Systems als Epiphänomene bezeichnet, die keine signifikante Wirkung auf das System haben. In diesem Sinne ist z. B. der Rauch einer Dampflokomotive ein Epiphänomen, wenn er als nicht bedeutsam angesehen wird: Der Rauch hat kausale Wirkungen, diese werden aber im Beispiel für das System der Dampflokomotive als unbedeutend angesehen.
  • In einem starken Sinne sind Zustände genau dann Epiphänomene, wenn sie keinerlei kausale Wirkungen haben.

Bewusstsein als Epiphänomen[Bearbeiten]

Thomas Henry Huxley

Der Begriff des Epiphänomens spielt in der Philosophie des Geistes eine Rolle, wenn das Bewusstsein als Epiphänomen angesehen wird. Der philosophische Epiphänomenalismus (EP) wurde bereits von Charles Bonnet vertreten[1] und später, insbesondere durch Thomas Henry Huxley, populär gemacht.[2] Der Epiphänomenalismus kann als eine spezielle Form des Dualismus betrachtet werden, der die Probleme des interaktionistischen Dualismus in der Tradition Descartes’ vermeidet, indem er diesen mentalen Erlebnissen kausale Wirksamkeit als Ursache für folgende Ereignisse abspricht.

Descartes war von einer bidirektionalen Interaktion zwischen dem Materiellen einerseits und den nicht physischen, mentalen Zuständen andererseits ausgegangen. Gegen eine solche dualistische Konzeption wurde unter anderem eingewandt, dass es für jede Handlung bereits eine hinreichende physische Ursache gebe, eine Verursachung durch immaterielle Entitäten folglich überflüssig sei (kausale Überbestimmtheit).

Ein genereller Epiphänomenalismus wurde in der Philosophie nur selten explizit vertreten. Der Grund dafür ist allerdings weniger in der argumentativen Überlegenheit alternativer Theorien des Geistes zu suchen als vielmehr darin, dass die Konsequenzen des EP dem kulturell gewonnenen Menschenbild in wesentlichen Punkten zuwiderlaufen. Allerdings wurde des Öfteren behauptet, dass bestimmte Eigenschaften des Bewusstseins (insbesondere die Qualia) tatsächlich epiphänomenal seien.

Außerdem kann gegen manch andere Konzepte der Philosophie des Geistes – wie etwa Donald Davidsons anomalen Monismus[3] – eingewendet werden, dass diese zwar versuchen ein alternatives, schlüssiges Konzept aufzustellen, dass aber diese Konstrukte bei genauerer Prüfung ebenfalls auf einen Epiphänomenalismus hinausliefen.

Einwände und Entgegnungen[Bearbeiten]

Verursachung im Epiphänomenalismus: Die Pfeile symbolisieren Verursachung

Gegen den Epiphänomenalismus (EP) sind unter anderem die folgenden Einwände vorgebracht worden:

  • Die Behauptung, Bewusstseinsphänomene hätten keine kausale Wirkungen, ist kontraintuitiv. Im Alltag gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass beispielsweise die unangenehme subjektive Empfindung eines Schmerzereignisses die Ursache dafür sein kann, dass jemand stöhnt. Genauso wie liebevolle Gefühle einen Menschen dazu bewegen können, jemandem einen Kuss zu geben. Dem Epiphänomenalismus zufolge würden wir uns darin insofern irren, als die physischen Ereignisse, die das Schmerzerlebnis verursachen, die eigentliche Ursache für das Stöhnen sind und nicht die unangenehme mentale Empfindung des Schmerzes. Das Argument, dass der Epiphänomenalismus kontraintuitiv sei, ist für sich genommen grundsätzlich nichtsaussagend, da aus Kontraintuitivität keineswegs Falschheit folgt. Beispiele hierfür sind etwa der blinde Fleck im Gesichtsfeld oder falsche Erinnerungen.
  • Des Weiteren wird gegen den Epiphänomenalismus vorgebracht, dass im EP nicht nachvollziehbar wäre, dass wir überhaupt etwas von der Existenz unserer Bewusstseinsphänomene wissen bzw. diese erinnern und, dass wir unsere individuellen Empfindungen und Gefühle auch mitteilen können, wenn sie sich in keiner Weise in unserem Verhalten niederschlagen würden (Lit.: Bieri, 1992). Diese Kritik des EP favorisiert ein Erklärungsmodell des Geistes, nach dem mentale Phänomene, etwa ein Schmerz während eines Zahnarztbesuchs, M1 (vgl. Grafik) die kausale Ursache für die Erinnerung an diesen bestimmten Schmerz M2 ist. Es ist demnach mentalen Phänomenen möglich, die kausale Ursache für ein weiteres mentales Phänomen zu sein (M1→M2). Allerdings – selbst wenn man eine solche kausale Verursachung des Mentalen annimmt, obwohl die Funktionsweise von kausaler mentaler Verursachung nicht schlüssig erklärt werden kann – ist kaum einzusehen, warum dieses Modell, in dieser Hinsicht einer Erklärung durch den EP überlegen sein sollte. Im Sinne des EP entsteht beim Schmerz während des Zahnarztbesuchs das physische Ereignis P1 mit dessen mentalem Epiphänomen M1. Zu einem späteren Zeitpunkt ist ebendieses physische Ereignis P1 die kausale Ursache für die neuronale Basis der Erinnerung P2 mit dessen mentalem Epiphänomen – der tatsächlichen Erinnerung – M2 ( [P1+M1] → [P2+M2] ).
  • Wenn unsere mentalen Phänomene kausal keine Rolle spielen, wie es der EP vorschlägt, stellt sich die Frage, warum die Evolution diese Phänomene überhaupt hervorgebracht hat. Grundsätzlich handelt es sich dabei, ebenso wie bei dem Einwand der Kontraintuitivität, nicht um ein Argument, das direkt die interne Stimmigkeit des EP angreift, sondern um eines das fragt, wie der EP mit anderen Überzeugungen oder Theorien in Einklang zu bringen ist. Die Evolution filtert grundsätzlich Merkmale aus, die im Reproduktionswettstreit von Nachteil sind. Ein mangelnder Vorteil, oder ein Nachteil, der aber für die Reproduktion nicht relevant ist, bleibt von der Auslese eher unangetastet. Zudem ist es gut denkbar, dass unser hochentwickeltes Gehirn, welches einen entscheidenden evolutionären Vorteil darstellt, sozusagen als irrelevanten aber systemisch zwangsläufigen Nebeneffekt zu epiphänomenalem Bewusstsein führt. Vergleichbar ist das mit dem Fell von Eisbären: Die Tatsache, dass ihr Fell schwer ist und die Tiere dadurch weniger flink sind ist ein evolutionärer Nachteil. Allerdings ist das hohe Gewicht eine zwangsläufige systemische Konsequenz daraus, dass der Eisbär unbedingt ein Fell benötigt, welches ihn vor den äußerst kalten Umweltbedingungen schützt.

Siehe auch: Mentale Verursachung

Epiphänomen in der Politikwissenschaft[Bearbeiten]

Auch in der politikwissenschaftlichen Teildisziplin der „Internationalen Beziehungen“ taucht der Begriff des Epiphänomens auf. So gibt es einen Streit zwischen Realisten und Liberalisten um den Einfluss von nationalstaatlichen sowie supranationalen Institutionen auf das staatliche Handeln.

Realisten bezeichnen dabei Institutionen als Epiphänomene, die keinen Einfluss auf staatliches Handeln haben. Der Staat handelt immer nur nach Aspekten der Machtsicherung und -erweiterung.

Liberalisten hingegen lehnen diese Sicht von Institutionen als Epiphänomenen ab. Sie gehen davon aus, dass internationale Organisationen sogar geschaffen werden müssen, um nationalstaatliche Probleme zu lösen. Die Wirkung internationaler Systeme besteht in eben genau dieser Fähigkeit. Außerdem ist es möglich, durch supranationale Systeme Konflikte zu lösen und Frieden unabhängig von machtpolitischen Aspekten zu sichern.

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas Henry Huxley: On the Hypothesis that Animals are Automata, and its History. In: The Fortnightly Review. 16, 95, 1874, ZDB-ID 715786-1, S. 555–580, Klassische Formulierung des Epiphänomenalismus.
  • Frank Cameron Jackson: Epiphenomenal Qualia. In: The Philosophical Quarterly. 32, 1982, ISSN 0031-8094, S. 127–136 Argumentation für den Epiphänomenalismus mit Hilfe der Qualia.
  • Peter Bieri: Trying out Epiphenomenalism. In: Erkenntnis. 36, 1992, ISSN 0165-0106, S. 283–309. Einflussreiche moderne Diskussion des Epiphänomenalismus.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Epiphänomen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Quellen[Bearbeiten]

  1. Sven Walter: Epiphenomenalism. In: Internet Encyclopedia of Philosophy. Abgerufen am 18. Februar 2013: „“the soul is a mere spectator of the movements of its body; [...] the latter performs of itself all that series of actions which constitutes life; [...] it moves of itself; [...] it is the body alone which reproduces ideas, compares and arranges them; which forms reasonings, imagines and executes plans of all kinds, etc.” (Charles Bonnet: Essai de Psychologie, 1755, S. 91)“
  2. Thomas Henry Huxley: On the hypothesis that animals are automata, and its history. In: Fortnightly Review. 22, 1874, S. 555–580.
  3. Donald Davidson: Essays on Actions and Events Oxford. Oxford University Press, 1980, ISBN 0199246270.