Februarstreik

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Februarstreik (niederländisch Februaristaking) wird in den Niederlanden ein Generalstreik gegen die deutsche Besatzung 1941 bezeichnet.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Nach der Invasion durch die Wehrmacht am 10. Mai 1940 („Fall Gelb“) wurde der Großteil des Landes in kürzester Zeit überrannt, und Widerstand wurde nur von einer spärlich ausgerüsteten niederländischen Armee geleistet.

Am 11. Februar 1941 kam es nach provokativen Aufmärschen und Übergriffen niederländischer Nationalsozialisten rund um den Waterlooplein zu Zusammenstößen und Schlägereien zwischen Mitgliedern der „Wehrabteilung“ und überwiegend jüdischen Bewohnern des Amsterdamer Viertels. Dabei erlitt ein niederländischer Nationalsozialist, Wachtmeister Hendrik Evert Koot, schwere Kopfverletzungen, an denen er drei Tage später verstarb. Die Deutschen riegelten das Viertel ab.[1] Hans Böhmcker, der Vertreter des im Urlaub weilenden Arthur Seyß-Inquart, befahl Abraham Asscher und zwei Rabbinern, einen Judenrat zusammenzustellen, dessen erste Pflichtaufgabe es war, alle Juden zur sofortigen Ablieferung von Waffen aller Art aufzurufen.[2] Am 17. Februar wurde die Absperrung des jüdischen Viertels bis auf Weiteres verlängert und die Verwaltung wurde über Pläne zur Einrichtung eines Ghettos informiert.[3]

Der Generalkommissar für das Sicherheitswesen Hanns Albin Rauter führte am 22. und 23. Februar 1941 die ersten Razzien und Massenverhaftungen von Juden in Amsterdam durch. Zur Begründung der Vergeltungsmaßnahmen wurden die „bestialischen Ermordung eines niederländischen Nationalsozialisten im Judenviertel“ sowie ein am 19. Februar erfolgter Angriff auf eine Patrouille der deutschen Sicherheitspolizei genannt.[4] In der Folge wurden 389 Juden[5] festgenommen und ins Konzentrationslager Buchenwald und später weiter nach Mauthausen verschleppt. Dieses brutale Vorgehen wird als Auslöser des Streiks angesehen.[6]

Der Streik[Bearbeiten]

Am 24. Februar fand am Noordermarkt in Amsterdam eine öffentliche Versammlung statt, an der zahlreiche Büroangestellte teilnahmen. Dort rief Dirk van Nimwegen zum Streik auf. In der Nacht verfasste die mittlerweile illegale niederländische Kommunistische Partei einen Streikaufruf, vervielfältigte ihn und organisierte die Verteilung vor den Fabriktoren. Die Demonstrationen vom 25. Februar 1941 und Folgetag in Amsterdam gingen als „Februarstreik“ in die niederländische Geschichte ein. In Amsterdam kam der öffentliche Nahverkehr zum Erliegen, die städtischen Bediensteten beteiligten sich, der Schiffbau auf den Werften wurde gestoppt, die Stahlindustrie kam zum Erliegen, Schüler verließen die Klassenräume, in der ganzen Stadt waren Geschäfte und Büros geschlossen. Am folgenden Tag weitete sich der Streik auf die Gebiete Zaanstreek, Kennemerland (Haarlem und Velsen, die Hochöfen), Hilversum, Utrecht und Weesp aus.

Am zweiten Tag begann Rauter damit, den Streik gewaltsam niederschlagen zu lassen, und wies die Amsterdamer Polizei und den deutschen Ordnungsdienst an, auch mit Schusswaffen gegen die Demonstranten vorzugehen. Der deutsche Militärbefehlshaber, General Friedrich Christiansen, verhängte den Ausnahmezustand über Nordholland.[7] Es gab etwa 40 Verletzte und neun Tote.[8] Am Abend des 26. Februars war der Generalstreik gewaltsam beendet.[9]

Folgen[Bearbeiten]

De Dokwerker in Amsterdam

Während das Interesse der Weltöffentlichkeit ansonsten kaum den Ereignissen in den Niederlanden galt, berichtete die internationale Presse eingehend vom Generalstreik.[10] Im März 1941 wurden drei Anführer des Streiks[11] in der Waalsdorpervlakte hingerichtet. Der Reichskommissar verhängte hohe Geldstrafen gegen verschiedene Städte und die Besatzer verschärften ihre Ver- und Gebote gegenüber der niederländischen Bevölkerung.

Jedes Jahr wird in Amsterdam am 25. Februar beim „Dokwerker“ (Hafenarbeiterdenkmal) am Jonas Daniël Meijer Platz mit einem Schweigemarsch an den Streik erinnert.

Deutungen[Bearbeiten]

Die Enzyklopädie des Nationalsozialismus definiert die Ereignisse als „Proteststreik“ gegen die antisemitische Politik der deutschen Verwaltung in den Niederlanden, der den Besatzern deutlich machte, dass mit einer „Selbstnazifizierung“ der Niederländer nicht zu rechnen war.[12]

Auch der Rechtshistoriker Mathias Middelberg wertet den Februarstreik als Zäsur: Die Massenproteste zeigten den Besatzern, dass die Niederländer nicht für Nationalsozialismus zu gewinnen waren. Die Kundgebungen bewirkten einen Strategiewechsel in der Besatzungspolitik, die sich nunmehr offenkundig in zahlreichen gegen Juden gerichtete Verordnungen manifestierte: Juden wurden aus dem Arbeits- und Wirtschaftsleben verdrängt und bald durch die sogenannten Liro-Verordnungen ihres Eigentums beraubt.[13]

Nach Deutung vieler Historikern war der Februarstreik für weite Bevölkerungskreise ein „Ventil für die Gefühle, die seit dem Beginn der Besetzung unterdrückt worden waren“: Unmut über den Verlust der nationalen Selbständigkeit, über die Ausbeutung der niederländischen Wirtschaft und nicht zuletzt die Repression gegen die jüdischen Mitbürger entluden sich im Protest, der die niederländische Polizei wie auch die Besatzer überraschte.[14]

Obwohl die illegale Kommunistische Partei eine Rolle spielte, wurde der kollektive Protest von keiner Organisation gesteuert. Nach Ansicht von Guus Meershoek sind die Beweggründe der Demonstranten nicht näher zu bestimmen. Meershoek kritisiert, dass die „offiziellen Historiker“ des Reichsinstituts für Kriegsdokumentation den Menschenauflauf als einen Generalstreik bezeichnen und ihn teils als „Ausdruck einer tiefen Abscheu gegen den Antisemitismus, teils als Bewußtwerdung der Verwerflichkeit des deutschen Besatzungsregimes“ interpretieren. Auf diese Weise hätten sie die Ereignisse für die Nation wie für Außenstehende verklärt „zum Symbol der niederländischen Opposition gegenüber dem Antisemitismus.“ Im kollektiven Gedächtnis wurde dieser Protestakt „zum Zeichen moralischer Unschuld par excellence.“[15] Tatsächlich wurden keine weitere Initiativen ergriffen, um sich den Plänen der Besatzer zu widersetzen. Die Bevölkerung kümmerte sich – so urteilt Meershoek – bis zum Jahre 1943, als Zwangsverschleppungen weite Kreise betrafen, wenig um die am stärksten bedrohte Gruppe der Juden.[16]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Loe de Jong: De Bezetting. Querido, Amsterdam 1966, S. 135–177: Abschnitt De Februarstaking.
  • Nanda van der Zee: „Um Schlimmeres zu verhindern …“. Die Ermordung der niederländischen Juden. Kollaboration und Widerstand. Aus dem Niederländischen von Bram Opstelten. Hanser, München u. a. 1999, ISBN 3-446-19764-8.

Film[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dokument VEJ 5/58 = Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 (Quellensammlung) Band 5: West- und Nordeuropa 1940-Juni 1942. München 2012, ISBN 978-3-486-58682-4
  2. Dokument VEJ 5/56, hier S. 217.
  3. Dokument VEJ 5/58.
  4. Dokument VEJ 6/60.
  5. Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, S. 1002 / Bei VEJ, S. 33, wird die Zahl 425 genannt.
  6. Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, S. 1002 / Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 (Quellensammlung) Band 5: West- und Nordeuropa 1940-Juni 1942. München 2012, ISBN 978-3-486-58682-4, S. 33.
  7. Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 (Quellensammlung) Band 5: West- und Nordeuropa 1940-Juni 1942. München 2012, ISBN 978-3-486-58682-4, S. 33 sowie Dokument VEJ 5/63
  8. Guus Meershoek: Der Widerstand in Amsterdam während der deutschen Besatzung. In: Repression und Kriegsverbrechen (Beiträge zur nationalsozialistischen und Gesundheitspolitik 14), Göttingen 1007, ISBN 3-924737-41-X, S. 17.
  9. Dokument VEJ 5/62: Bericht des Polizeiinsprektors Douwe Bakker sowie Dokumente VEJ 5/64, VEJ 5/65 und VEJ 5/66
  10. Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 (Quellensammlung) Band 5: West- und Nordeuropa 1940-Juni 1942. München 2012, ISBN 978-3-486-58682-4, S. 35 sowie Dokument VEJ 5/55
  11. Wolfgang Benz u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München 1997, ISBN 3-423-33007-4, S. 459.
  12. Wolfgang Benz u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München 1997, ISBN 3-423-33007-4, S. 459.
  13. Mathias Middelberg: Judenrecht, Judenpolitik und der Jurist Hans Calmeyer in den besetzten Niederlanden 1940–1945. Osnabrück 2005, ISBN 978-3-89971-123-3, S. 163-168.
  14. Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 (Quellensammlung) Band 5: West- und Nordeuropa 1940-Juni 1942. München 2012, ISBN 978-3-486-58682-4, S. 33.
  15. Guus Meershoek: Der Widerstand in Amsterdam während der deutschen Besatzung. In: Repression und Kriegsverbrechen (Beiträge zur nationalsozialistischen und Gesundheitspolitik 14), Göttingen 1007, ISBN 3-924737-41-X, S. 17.
  16. Guus Meershoek: Der Widerstand in Amsterdam während der deutschen Besatzung. In: Repression und Kriegsverbrechen (Beiträge zur nationalsozialistischen und Gesundheitspolitik 14), Göttingen 1007, ISBN 3-924737-41-X, S. 23.