Fingerstyle

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Klangbeispiel: Bill Furner – Betsy

Fingerstyle und der häufig synonym gebrauchte Begriff Fingerpicking bezeichnen sowohl eine Spieltechnik auf der Gitarre als auch verschiedene Formen zumeist instrumentaler Gitarrenmusik, bei denen diese Spieltechnik angewandt wird.

Spieltechnik[Bearbeiten]

Beim Fingerstyle werden die Saiten der Gitarre mit den einzelnen Fingern der Anschlaghand (üblicherweise die rechte Hand) angeschlagen. Die Spieltechnik unterscheidet sich damit vom Flatpicking mit Plektrum bzw. der früher im deutschsprachigen Raum auch als Schlaggitarre bezeichneten Technik, bei der mehrere Saiten meist mit dem Daumen angeschlagen werden. Grundlage des Fingerstyle ist der Anschlag der einzelnen Saiten mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger durch eine von der jeweiligen Fingerwurzel ausgehende Bewegung in Richtung Handwurzel, bei der die Finger sich leicht krümmen. Die Bewegung des Daumens geht ebenfalls von der Fingerwurzel aus, hier allerdings nach unten. Der Daumen bleibt dabei möglichst gestreckt. Das Zupfen der Saiten kann mit den Fingerkuppen, mit den Fingernägeln oder auch mit Fingerpicks erfolgen.

Überschneidungen und Abgrenzungen[Bearbeiten]

Zu berücksichtigen ist, dass im englischsprachigen Raum Fingerstyle häufig als allgemeiner Begriff für die Spieltechnik verwendet wird und sich damit auch auf die klassische Spieltechnik beziehen kann.

Im deutschsprachigen Raum wird Fingerstyle jedoch meistens enger gefasst und als Bezeichnung für eine Spieltechnik verstanden, die sich von der klassischen unterscheidet. Wesentliche Unterschiede sind hierbei:

  • im Unterschied zur Haltung der klassischen Gitarre liegt das Instrument beim Spiel in der Regel mit der Einbuchtung der unteren Zarge auf dem rechten Oberschenkel (bei Rechtshändern) und bildet mit dem Körper des Spielers mehr oder weniger einen rechten Winkel (sowohl bei Links- als auch bei Rechtshändern);
  • Unterarm und Anschlaghand bilden manchmal eine Gerade, bei den meisten Musikern aber einen deutlich stumpferen Winkel als bei der klassischen Spielweise;
  • die Anschlaghand kann mit dem kleinen Finger auf der Gitarrendecke abgestützt werden;
  • die Basssaiten werden häufig mit dem Handballen der Anschlaghand abgedämpft (palm muting);
  • die Finger werden grundsätzlich nicht angelegt;
  • die tiefen Saiten (aus anatomischen Gründen meistens nur die tiefste Saite) können auch mit dem Daumen der Greifhand (das ist bei Rechtshändern die linke Hand) gegriffen werden.

Fingerstyle wird vorwiegend auf mit Stahlsaiten bespannten akustischen Gitarren gespielt, teilweise aber auch auf Gitarren mit Nylonsaiten (David Qualey, Muriel Anderson) oder Hollowbody-Jazzgitarren (Tuck Andress, Martin Taylor). Die Gitarren sind nicht selten offen gestimmt.

Fingerstyle als Form instrumentaler Gitarrenmusik[Bearbeiten]

Fingerstyle oder Fingerstyle Guitar wird auch als Oberbegriff für zumeist instrumentale Gitarrenmusik verwendet, bei denen die oben erläuterte Spieltechnik eingesetzt wird. Die Verwendung des Begriffs ist aber nicht immer eindeutig und er hat sowohl eine engere als auch eine weitere Bedeutung.

So sehen manche Autoren, wie zum Beispiel der Gitarrist und Gitarrenlehrer Ulli Bögershausen, Fingerstyle als eigene Stilrichtung an. Hier bezeichnet Fingerstyle dann einen bestimmten Typ instrumentaler Gitarrenmusik, der sich aus Country Blues und Ragtime entwickelt hat und insbesondere durch den Wechselbass gekennzeichnet ist. Im Englischen wird dieser Stil auch als American Fingerstyle Guitar bezeichnet.

Andere Autoren, wie zum Beispiel der Journalist und Jazzgitarren-Experte Alexander Schmitz, verwenden Fingerstyle im Gegensatz dazu als Oberbegriff für jegliche Form von Gitarrenmusik, bei der die Saiten nicht mit einem Plektrum und auch nicht nur mit dem Daumen angeschlagen werden. Unter den Begriff fällt dann, wie beim angloamerikanischen Verständnis von Fingerstyle, nicht nur der Einsatz dieser Spielweise in Folk, Country und Blues sondern auch in der klassischen Musik, im Flamenco, im Jazz und in der Rockmusik. Nach dieser Auffassung zählen beispielsweise auch der „Fingerstyle Jazz“ von Gitarristen wie Joe Pass, Charlie Byrd und Baden Powell und die Spielweisen Mark Knopflers oder Jeff Becks zum „Fingerstyle“.

Ursprung und Entwicklung[Bearbeiten]

Als Ursprung der Spieltechnik wird die Übertragung des Wechselbasses der Ragtime-Pianisten auf die Gitarre durch Musiker wie Blind Blake und Reverend Gary Davis in den 1920er-Jahren angesehen. Die Rolle der linken Hand des Pianisten übernimmt auf der Gitarre der Daumen der Anschlaghand.

Die Wiederentdeckung von Musikern wie Mississippi John Hurt, sowie der Folk-Boom der 1960er-Jahre führten zu einer Neubelebung, und die Spieltechnik verbreitete sich bei fast allen Musikern der Folk-Bewegung. Stilbildend und einflussreich waren in den USA ab Mitte der 1950er Jahre Chet Atkins, sowie der 2001 verstorbene John Fahey. Sie übertrugen früh die Fingerstyle-Spieltechnik der Country Blues- und Ragtime-Gitarre auf andere Musikstile. Der von Fahey geförderte und wesentlich erfolgreichere Leo Kottke, der Fingerstyle in den 1970er-Jahren prägte, war damals ein Referenzpunkt in Sachen Virtuosität. Eine ähnlich prägende Rolle spielten in den 1960er-Jahren Davey Graham, Doc Watson, John Renbourn und Bert Jansch in Großbritannien. Ein bedeutender „Fingerstylist“ der 1980er-Jahre war aufgrund seiner innovativen Spieltechnik der US-Amerikaner Michael Hedges. Er nahm Einfluss auf die Spielweise vieler jüngerer "Fingerstylisten", wie beispielsweise Andy McKee oder Thomas Leeb. Als einer der weltbesten Vertreter des Genres gilt seit vielen Jahren der zweifach Grammy nominierte (unter anderem für The Day Fingerpickers Took over the World mit Chet Atkins, 1998) australische Gitarrist Tommy Emmanuel.

Entwicklung in Deutschland[Bearbeiten]

Viele angehende Gitarristen und Gitarristinnen in Deutschland haben das Fingerpicking durch die Gitarrenschulen von Peter Bursch kennengelernt. Einflussreiche Gitarristen waren in den 1970er und 1980er Jahren neben anderen Werner Lämmerhirt und Peter Finger sowie in der DDR Steffen Basho-Junghans. Klaus Weilands Titel „Das Loch in der Banane“, der vom NDR in den 1980er Jahren als Pausenmusik eingesetzt wurde, ist vermutlich das bekannteste Fingerstyle-Stück in Deutschland.

Die seit Mitte der 1990er-Jahre erscheinende Zeitschrift Akustik Gitarre beschäftigt sich ausführlich mit Interpreten und Spieltechniken des Fingerstyle und hat damit zur Belebung der inzwischen wieder sehr vielfältigen Szene beigetragen.

Mischform[Bearbeiten]

Eine Mischform aus Flat-Picking (auch: Flatpicking) und Fingerstyle ist das Hybridpicking.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]