Fingerplanen

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Luftfoto mit einem Ausschnitt des Kopenhagener Großstadtbereiches gemäß dem Fingerplan

Fingerplanen (deutsch Fingerplan) ist ein regionaler Entwicklungsplan für den Großraum von Kopenhagen, der als Teil des dänischen Kulturerbes im Kulturkanon von 2006 aufgenommen wurde.[1] Er entstand auf Initiative des Dänischen Stadtplanungslaboratoriums (Dansk Byplanlaboratorium, DBL) und wurde 1947 unter der Leitung von Peter Bredsdorff vom Egnsplankontoret (Raumplanungsbüro), einem technischen Büro des zuständigen Stadtplanungsausschusses, ausgearbeitet. Der Plan verhinderte eine Ausbreitung des städtischen Wachstums in alle Richtungen und lenkte es stattdessen in bestimmte Bahnen, indem quasi „zwischen den Fingern“ vom S-tog-Netz der Kopenhagener S-Bahn, Grünflächen entstanden.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]

Die private Organisation DBL mit dem Stadtplaner und Architekten Steen Eiler Rasmussen an der Spitze beschloss 1945 die Planungen dazu in die Hand zu nehmen, da sich die bisherigen Arbeiten der Hauptstadtkommission (Hovedstadkommissionen) in die Länge zogen. Die Kommission beschäftigte sich damit, dem raschen Bevölkerungswachstum in Kopenhagen und seinen benachbarten Kommunen nachzukommen. Das Stadtplanungslaboratorium forderte die Koordination diesbezüglicher Initiativen und wendete sich dafür im März 1945 an den Raumplanungsausschuss (Egnsplanudvalget), der bereits 1928 gegründet wurde. Der Ausschuss, der sich 1936 mit einem weitreichenden „Gutachten über die Grüngebiete im Raum von Kopenhagen“ (Betænkningen om Københavnsegnens Grønne Områder)[1] befasste, harrte darauf, wie die Unternehmungen der Hauptstadtkommission ausgingen würden. Das Stadtplanungslaboratorium brachte einen übergeordneten Plan ein, der zeigte, wie Wohnungen, Arbeitsplätzen und Erholungsgebiete bestmöglich zu platzieren und mit dem Verkehrssystem zweckmäßig zu verknüpfen seien. Sowohl das dänische Arbeitsministerium (Arbejdsministeriet, heute Beskæftigelsesministeriet) als auch die umliegenden Kommunen zeigten früh Interesse am Konzept. Vom Ministerium wurde der Plan daraufhin finanziell gefördert, auch deshalb, weil für die Nachkriegszeit ein Chaos auf dem Arbeitsmarkt befürchtet wurde. Der Raumplanungsausschuss wurde wiederbelebt, damit dieser die Einsetzbarkeit des Plans kommentieren könne. Ein ihm untergestellter Arbeitsausschuss errichtete daraufhin ein Egnsplankontoret (Raumplanungsbüro) genanntes Sekretariat, der sich mit der praktischen Umsetzung eines übergeordneten Plans beschäftigte. Als Büroleiter wurde der dänische Stadtplaner und Architekt Peter Bredsdorff (1913–1981) angestellt. 1947 wurde vom Arbeitsausschuss der erste konkrete Planungsentwurf besprochen und im Januar 1948 konnte der Entwurf zur Raumplanung von Groß-Kopenhagen (Skitseforslag til Egnsplan for Storkøbenhavn) der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Vorderseite des Entwurfs war mit einer gezeichneten Hand gestaltet, deren Finger über Kopenhagen ausgestreckt lagen, woraus sich der Name Fingerplanen ableitete.

Grundlagen[Bearbeiten]

Ausgangspunkt des Plans ist Kopenhagen, das im Zentrum der Hovedstadsområdet (Hauptstadtgebiet) liegt. Das Prinzip von Bredsdorff und seinen Mitarbeitern sah vor, dass überall in der Hauptstadt die Abstände zwischen Wohnung, Arbeitsplatz und Grünflächen so kurz wie möglich gehalten wurden – ganz auf Basis des öffentlichen Verkehrs. Zwischen Wohnung und Arbeitsplätzen sollten Straßenbahnen und Busse als tragendes System dienen. Diesen Transportsystemen waren jedoch Grenzen gesetzt, was deren Reichweite betraf. Folglich sorgte der Ausbau des S-Bahn-Netzes dafür, geplante neue Wohnviertel, zentrale Stadtbereiche sowie Produktions- und Servicezentren zu verbinden – so wie man sich die Handknochen zwischen Fingern und Handfläche vorstellte. Eine projektierte Ringstraße sollte die Radien der S-Bahnlinien kreuzen. Örtliche Einkaufszentren sollten auch an den weiter draußen gelegenen S-Bahnstationen entstehen und in kurzem Abstand zu den naheliegenden mehrgeschossigen Wohngebäuden und den etwas weiter entfernten Einzelhäusern liegen. Das S-Bahn-Netz sorgte für eine grundlegende Struktur und sollte garantieren, dass die Fahrtzeit selbst von den äußersten Randgebieten bis in die Hauptstadt unter 45 Minuten betragen würde.

Am meisten beeindruckte der Fingerplan durch das Vorhaben, Grünflächen mit Naherholungsgebieten und gärtnerisch oder landwirtschaftlich genutzten Flächen einzurichten. Auf diese Weise wurde der Versuch unternommen, Eigenschaften von Land und Stadt miteinander zu kombinieren. Als eines der gelungenen Resultate gilt Vestskoven, ein 13 km² großes, künstlich angelegtes Waldgebiet in der Albertslund Kommune, das eines der zahlreichen Erholungsgebiete im Entwicklungsgebiet ist. In den gewonnenen Freiflächen konnten – im Gleichzug mit dem wachsenden Verkehrsaufkommen – neue Straßen angelegt werden, die in angemessenem Abstand zu den Siedlungen lagen und die die bestehenden Ausfallstraßen entlasteten. Die Schöpfer des Fingerplans erwarteten vorläufig kein größeres Verkehrsproblem und waren der Ansicht, dass die Bevölkerung eine hochwertigere Wohnung dem Auto vorziehen würden.

Fingerplanen in der Gegenwart[Bearbeiten]

Obwohl Fingerplanen nie offiziell beschlossen wurde,[2] erwies sich der pädagogische Einfluss, den die visuelle Darstellung des Plans ausübte, als so stark, dass Entscheidungsträger lokal und zentral dessen Grundsätzen folgten.

Inspiriert im wissenschaftlichen Sinne wurde Fingerplanen stark vom britischen Stadtplaner Ebenezer Howard und seinen Vorstellungen über die von ihm erfundene Gartenstadt. Die Idee war, dass sich Großstädte nicht durch neue Gürtel ausbreiteten, sondern stattdessen nennenswerte Satellitenstädte errichtet werden, die mit dem Großstadtzentrum durch ein wirksames privates und öffentliches Transportsystem verbunden werden.

Mit der Aufnahme in Dänemarks Kulturkanon von 2006[1] und einem Eintrag auf der vier Jahre später initiierten Website 1001 fortællinger om Danmark (Tausendundeine Geschichte über Dänemark)[2] wurde Fingerplanen zum Bestandteil des dänischen Kulturerbes. Im Kulturkanon des dänischen Kulturministeriums wird die Bedeutsamkeit folgendermaßen begründet:

„En robust planlægning med en indiskutabel pædagogik, der har givet byen en opfattelig form og fortsat præger hele hovedstadsregionens udvikling.“

„Eine robuste Planung mit einer induskutablen Pädagogik, die der Stadt eine unverkennbare Form gab und die weiterhin die gesamte Entwicklung der Hauptstadtregion prägt.“

Kulturministeriet (Hrsg.): Kulturkanon[1]

Eine Fortführung des Konzepts stellt der Fingerplan 2007 dar, der eine vom dänischen Umweltministerium erstellte Richtlinie (landsplandirektiv) ist und im August 2007 in Kraft trat. In ihr wird die kommunale Raumplanung im Hauptstadtgebiet übergeordnet geregelt und dessen Bereich zusammen mit einem Planungsgesetz in vier geographische Teilgebiete aufgeteilt: in den inneren Großstadtbereich als „Handfläche“, den äußeren Großstadtbereich als „Stadtfinger“, die Grünflächen und die restlichen Gebiete im Hovedstadsområdet.:[3][4]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Torben Ejlersen: Kraftcenter og fristad. Efter 1945 (= Københavns Historie. 6). Gyldendalske Boghandel, Kopenhagen 1983, ISBN 87-01-52601-4 (dänisch).
  •  Københavns Kommune (Hrsg.): Ørestad - Perspektivering, Planlægning, Realisering og Dokumentation. Kopenhagen 2003 (dänisch).
  •  Sven Allan Jensen, Dansk Byplanlaboratorium (Hrsg.): FINGERPLANEN - tilblivelsen, oplevet fra gulvet. 1945-50. Byplanhistoriske Noter 21. (dänisch).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d  Kulturministeriet (Hrsg.): Kulturkanon. 1. Auflage. Politikens Forlag, Kopenhagen 2006, ISBN 87-567-8051-6, Fingerplanen, S. 34 ff. (dänisch).
  2. a b Fingerplanen, Storkøbenhavn. In 1001 fortællinger om Danmark, abgerufen am 17. September 2012 (dänisch)
  3. Miljøministeriet: Fingerplan 2007 – Landsplandirektiv for hovedstadsområdets planlægning, abgerufen am 17. September 2012 (dänisch)
  4. Karte zum Fingerplan 2007, abgerufen am 17. September 2012