Foibe-Massaker

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Vereinfachtes Schema einer Foiba
Lageorte einiger Foiben in Istrien, an denen mutmaßlich Massenexekutionen stattgefunden haben.

Unter dem Begriff Foibe-Massaker versteht man Kriegsverbrechen, die im und nach dem Zweiten Weltkrieg geschahen. Damals verübten jugoslawische Partisanen aus Rache Verbrechen an der italienischen Bevölkerung in den istrischen und dalmatinischen Küstengebieten. Die Opfer wurden dabei in Karsthöhlen, die sogenannten Foiben, oftmals bei lebendigem Leibe, geworfen.

Unter einer Foiba (von lat. fovea, fossa; kroat. fojba) versteht man in der italienischen Sprache unzugängliche Karsthöhlen entlang der kroatischen und slowenischen Küste.

Opfer dieser Massaker waren vorwiegend Angehörige der italienischen Volksgruppe sowie slawische Nichtkommunisten, die sich gegen die Annexionsbestrebungen des titoistischen Jugoslawiens stellten, bzw. von den neuen Machthabern als mögliche Gefahr angesehen wurden. Abgesehen von „politischen“ Motiven kamen auch persönlich motivierte Racheakte bei den Tötungen zum Tragen. Obschon die meisten „infoibati“ unbescholtene Zivilisten waren (darunter Frauen und Kinder), fanden in geringerer Zahl auch kämpfende Soldaten (Wehrmacht, Italienische Sozialrepublik, slawische Kollaborateure und selbst einige wenige neuseeländische Alliierte[1]) dort den Tod.

Der italienische Staat, besonders seit der Machtübernahme der Faschisten, hatte zuvor über zwei Jahrzehnte lang die slowenische und kroatische einheimische Bevölkerung terrorisiert und versucht, sie ihrer nationalen Identität und Sprache zu berauben (Italianisierung). Diese Aktionen wurden während der Kriegsjahre (speziell 1940–1943) intensiviert.

Opferzahlen[Bearbeiten]

Genaue Opferzahlen sind nicht bekannt. Die wissenschaftlich am ehesten vertretbare Zahl liegt bei 4.000 bis 5.000 Toten italienischer Volksgruppenzugehörigkeit. Am weitesten verbreitet sind Zahlen von 10.000 bis 12.000 Opfern, die sich allerdings nur einschließlich der im Mittelmeer versenkten („annegati“) sowie in jugoslawischen Straflagern umgekommenen Italiener erreichen lassen.[2]

Gedenktag[Bearbeiten]

Jahrzehntelang waren in Italien die Massaker mit einem Tabu belegt, wurden in der öffentlichen Meinung und auch im Schulunterricht ausgegrenzt.[3] Seit 2001 finden die Foibe-Massaker immer mehr Beachtung in der öffentlichen Diskussion. Auf Initiative der aus dem neofaschistischen MSI hervorgegangenen Alleanza Nazionale wurde zur Zeit der Regierung Berlusconi ein Gedenktag eingeführt, der „Giorno del Ricordo“, der seit 2005 begangen wird.[4]

Dieser wird In Italien jährlich am 10. Februar abgehalten. An diesem Gedenktag wird nicht nur der Opfer der Foibe, sondern auch der 200.000 bis 350.000 Esuli (Vertriebenen) aus Julisch Venetien (Istrien, Fiume/Rijeka und Zara/Zadar) sowie Dalmatien gedacht.

Aktueller Bezug[Bearbeiten]

Dem Thema wird seit Februar 2007 erhöhte Aufmerksamkeit beigemessen, da der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano anlässlich des Feiertages zur Erinnerung an die Geschehnisse gegen Ende des Zweiten Weltkrieges dem letzten italienischen Polizeichef des faschistischen Regimes in Zara (kroatisch Zadar), im heutigen Kroatien, Vincenzo Serrentino und etwa dreißig weiteren Opfern der jugoslawischen Partisanen posthum Orden verlieh. Serrentino wurde im ehemaligen Jugoslawien als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet. Napolitano sprach in seiner Rede zum Gedenktag auch von einer „Jahrhundert-Barbarei“, dem „blutrünstigen slawischen Hass“ und „annexionistischen Tendenzen“.

Der kroatische Präsident Stjepan Mesić, der in seiner Vergangenheit wegen Lobreden auf den faschistischen Ustascha-Staat aufgefallen war, ließ am 12. Februar 2007 verlauten, dass für ihn „in derartigen Aussagen die Anzeichen von offenem Rassismus, historischem Revisionismus und politischen Revanchismus nicht zu übersehen sind, und es somit schwer sei, dies in Einklang zum deklarativen Wunsch zur Verbesserung der bilateralen Beziehungen beider Staaten zu bringen“. Mesić wertete die Aussagen Napolitanos als „Infragestellung des Friedensvertrages“, den Italien unterzeichnete, für Kroatien stehe eine Infragestellung der Grenzverträge von Osimo (kroat. Osimski sporazumi) von 1975 aber vollkommen außer Frage. Ferner drohte er in einem Interview an, „dass eine solche Haltung letztlich zu einem weiteren Krieg führen könnte“. Mesić äußerte sich in der Vergangenheit auch mehrmals, dass es von Seiten der Gewinner im und nach dem Krieg zu einzelnen Verbrechen kam und dass er diese verurteile. Er setze sich ebenfalls für eine Betrachtung des weiteren historischen Kontextes ein und spreche sich gegen eine Vertuschung von Tatsachen aus, wie auch gegen eine Umwandlung von historischen Verlierern in historische Gewinner.[5]

Die von Romano Prodi geführte Mitte-links-Regierung stellte sich hinter die Äußerungen von Italiens Staatspräsidenten und reagierte empört auf Mesićs Aussagen. Diese seien „ungerechtfertigt“, weil sie „nach einer Zeit der guten Zusammenarbeit zwischen Italien und Kroatien“ kämen. Außenminister Massimo D'Alema berief Kroatiens Botschafter zu sich, um ihm seine „Verwunderung und seinen Schmerz“ wegen der Attacken gegen Napolitano kundzutun.[6]

Staatspräsident Napolitano äußerte sich danach mehrmals, dass die Foibe-Massaker als „Maßnahmen einer ethnischen Säuberung im Rahmen der slawischen annexionistischen Tendenzen im Friedensvertrag von 1947“ zu werten seien und stemmte sich gegen die „diplomatische Verdrängung“ der Geschehnisse.[7]

Auf Vorschlag Kroatiens soll eine gemeinsame Historikerkommission Licht in die Vorkommnisse während des Zweiten Weltkrieges und der Jahre danach bringen.

Entschädigungszahlungen[Bearbeiten]

Auch die Frage der Entschädigungszahlungen stellt nach wie vor einen wesentlichen Streitpunkt dar. Im Jahr 2002 war eine bilaterale Kommission, die sich mit Entschädigungen und der Rückgabe von ehemaligen italienischen Besitztümern befasste, eingerichtet worden. Die Arbeit der Kommission führte jedoch zu keinen Resultaten.

Gemäß dem Vertrag von Rom verpflichtete sich das ehemalige Jugoslawien dazu, 110 Millionen US-Dollar an Entschädigungszahlungen für die italienischen Flüchtlinge und ihre zurückgebliebenen Besitztümer zu leisten. Davon wurden bis 1991 etwa 17 Millionen ausbezahlt. Die Nachfolgestaaten Slowenien und Kroatien einigten sich, die Restschuld in Höhe von 93 Mio. untereinander zu verteilen in einem Verhältnis von 60 zu 40. Slowenien hat also zirka 56 Mio. Verbindlichkeiten, Kroatien 37 Mio. übernommen.

Slowenien hat seinen Anteil bereits 2002 auf ein Konto der Dresdner Bank in Luxemburg eingezahlt. Die italienische Regierung hat sich aber geweigert, diese Zahlung als rechtmäßig anzuerkennen. Kroatien hat seinerseits angeboten, seine Schuld zu begleichen.[8]

Bericht eines Überlebenden[Bearbeiten]

Dann nahm ein großer Mann einen Draht und begann je zwei und zwei zusammenzubinden, so dass er den Draht fest um unsere Handgelenke zog. Das Schicksal war vorgezeichnet, und es blieb nur eine Möglichkeit zu entkommen: mich in den Abgrund zu werfen, bevor mich die Kugel traf. . . . Ich fiel auf einen hervorstehenden Ast. Ich konnte nichts sehen, andere Körper fielen auf mich. Es gelang mir, die Hände aus dem Eisendraht zu befreien, und ich begann hinaufzuklettern.“

[9]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gaia Baracetti: Foibe: Nationalism, Revenge and Ideology In Venezia Giulia and Istria, 1943–5. In: Journal of Contemporary History. Jg. 44, H. 4, ISSN 0022-0094, 2009, S. 657–674, doi:10.1177/0022009409339344.
  • Claudia Cernigoi: Operazione Foibe. Tra storia e mito. Edizioni Kappa Vu, Udine 2005.
  • Renato Cristin (Hrsg.) / Italienisches Kulturinstitut Berlin: Die Foibe. Vom politischen Schweigen zur historischen Wahrheit. = Foibe. Lit, Berlin u. a. 2007, ISBN 978-3-8258-0002-4.
  • Paolo De Franceschi: Foibe. Prefazione di Umberto Nani. Centro Studi Adriatici, Rom 1949.
  • Sessi Frediano: Foibe rosse. Vita di Norma Cossetto uccisa in Istria nel '43. Marsilio, Venezia 2007, ISBN 978-88-317-9147-2.
  • Jožko Kragelj: Pobitim v spomin. Žrtve komunističnega nasilja na Goriškem 1943–1948. Goriška Mohorjeva, Gorizia 2005.
  • Giancarlo Marinaldi: La morte è nelle foibe. Cappelli, Bologna 1949.
  • Gianni Oliva: Foibe. Le stragi negate degli italiani della Venezia Giulia e dell'Istria. Feltrinelli, Milano 2003, ISBN 88-04-51584-8.
  • Luigi Papo: L'ultima bandiera. Storia del reggimento Istria. L'Arena di Pola, Gorizia 1986.
  • Luigi Papo: L'Istria e le sue foibe. Storia e tragedia senza la parola fine (= Historia 20). 2 Bände. Settimo sigillo, Roma 1999.
  • Eno Pascoli: Foibe. Cinquant'anni di silenzio. La frontiera orientale. Aretusa, Gorizia 1993.
  • Arrigo Petacco: L'esodo. La tragedia negata degli italiani d'Istria, Dalmazia e Venezia Giulia. Mondadori, Milano 1999, ISBN 88-04-45897-6.
  • Raoul Pupo: Il lungo esodo. Istria: le persecuzioni, le foibe, l'esilio. Rizzoli, Milano 2005, ISBN 88-17-00562-2.
  • Raoul Pupo, Roberto Spazzali: Foibe. B. Mondadori, Milano 2003, ISBN 88-424-9015-6.
  • Franco Razzi: Lager e foibe in Slovenia. Ed. Vicentina, Vicenza 1992.
  • Guido Rumici: Infoibati (1943–1945). I nomi, i luoghi, i testimoni, i documenti. Mursia, Milano 2002, ISBN 88-425-2999-0.
  • Giorgio Rustia: Contro operazione foibe a Trieste. A cura dell'Associazione famiglie e congiunti dei deportati italiani in Jugoslavia e infoibati. s. n., s. l. 2000.
  • Fulvio Salimbeni: Le foibe, un problema storico. Unione degli istriani, Trieste 1998.
  • Giacomo Scotti: Dossier Foibe (= Studi 84). Manni, San Cesario di Lecce 2005, ISBN 88-8176-644-2.
  • Giovanna Solari: Il dramma delle foibe, 1943–1945. Studi, interpretazioni e tendenze. Stella, Trieste 2002.
  • Roberto Spazzali: Foibe. Un dibattito ancora aperto. Tesi politica e storiografica giuliana tra scontro e confronto. Editrice Lega Nazionale, Trieste 1990
  • Roberto Spazzali: Tragedia delle Foibe. Contributo alla verità. Parte 1. Grafica goriziana, Gorizia 1993.
  • Giampaolo Valdevit (Hrsg.): Foibe, il peso del passato. Venezia Giulia 1943–1945. Marsilio, Venezia 1997.

Quellen[Bearbeiten]

  1. Laut Gianni Oliva und Arrigo Petacco.
  2. Gianni Oliva, Die Foibe: Die Gründe eines Schweigens, in: Renato Cristin (Hrsg.), Die Foibe / Foibe. Vom politischen Schweigen zur historischen Wahrheit / Dal silenzio politico alla verità storica, Berlin 2007, S. 55 [1]
  3. Renato Cristin, Historische Wahrheit und Verbreitung der italienischen Kultur in der Welt, in: Renato Cristin (Hrsg.), Die Foibe / Foibe. Vom politischen Schweigen zur historischen Wahrheit / Dal silenzio politico alla verità storica, Berlin 2007, S. 5 [2]
  4. Gesetz vom 30. März 2004, Nr. 92
  5. Vjesnik, 13. Februar 2007, Izjave s natruhom rasizma i revizionizma (kroatisch)
  6. La repubblica, Foibe, Prodi: „Sdegnato per quelle parole“, Mesic: „Inaccettabile ogni revisione dei trattati“, 14. Februar 2007 (italienisch)
  7. Italiens Präsident: „Foibe-Massaker nicht vergessen“, Die Presse, 10. Februar 2010
  8. Restituzione o risarcimento dei beni espropriati e nazionalizzati dal regime jugoslavo agli esuli istriani, fiumani e dalmati, S. 31(italienisch; PDF; 1,1 MB)
  9. Der Verbrecher, mein Nächster, NZZ, 25. Februar 2006. Zitiert wird aus dem Werk «Der Exodus» von Arrigo Petacco, der Überlebende ist der istrische Lehrer Graziano Udovisi