Geschichte von unten

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Silke Wagners Skulptur-Projekt "Münsters Geschichte von unten" stellt Dokumentationen des Umweltzentrum-Archivs aus.

Geschichte von unten ist ein Ansatz, mit dem die Alltagsgeschichte von diskriminierten Gruppen – meistens in einem regionalen Kontext – erforscht und dargestellt werden soll. Häufig geschieht dies mit Hilfe von Archiven von unten und Geschichtswerkstätten. Als Trägerin dieser Geschichte von unten wird die Neue Geschichtsbewegung benannt.

Geschichtliche Entwicklung der Geschichte von unten[Bearbeiten]

In den USA entwickelte sich die History from below inspiriert durch die Annales-Schule der französischen Geschichtswissenschaft in den 1960er Jahren. Sie befasste sich als Grassroots-History oder auch Social History sehr stark mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten der 1950er und 1960er Jahre. Die Schrift The Making of the English Working Class (1963) des britischen Historikers E. P. Thompson ebenso wie seine sozialhistorischen Schriften gelten als Meilensteile in der Geschichte von unten.

Nach Bernd Hüttner entwickelte sich in Deutschland die Praxis einer Geschichte von unten in drei Schritten:

Prozess der Geschichtsaneignung[Bearbeiten]

Nach Gerhard Paul und Bernhard Schoßig findet die Geschichtsaneignung, welche der Geschichte von unten zu Grunde liegt, in einem demokratischen Prozess statt, welchen sie als offen, aktiv und öffentlich kennzeichnen:

  • Offen: die Forschungsergebnisse sind insofern offen, als sie keiner Legitimation dienen müssen, sondern für Diskussionen und Interpretationen der Betroffenen und Beteiligten offenstehen.
  • Aktiv: die (Laien-)Forscher und Forscherinnen einer Geschichte von unten sind selbst Subjekte der Auseinandersetzung mit Geschichte.
  • Öffentlich: die Geschichte von unten ist substantiell auf Öffentlichkeit angewiesen.
  • "Forschungsschwerpunkte und Fragestellungen werden autonom entwickelt und sind nicht verordnet vorgegeben;
  • der Forschungsprozeß der (Laien-)Historiker ist als kollektiver Lernprozeß konzipiert;
  • das Forschungsinstrumentarium wird nicht ungeprüft aus wissenschaftlicher Tradition und Konformität übernommen, sondern dem Forschungsgegegenstand gemäß angewendet;
  • Umwege werden bewußt in Kauf genommen da kein unmittelbarer wissenschaftlicher Verwertungszusammenhang besteht;
  • kooperatives Arbeiten wird der Konkurrenz entgegengesetzt;
  • vor allem aber bleiben die ermittelten Informationen und erarbeiteten Zusammenhänge kein Geheimwissen, das in Studierstuben und Bibliothek verstaubt, sondern werden öffentlich gemacht und 'teilnehmeradäquat' der dörflichen oder städtischen oder verbandseigenen Öffentlichkeit weitervermittelt." (Gerhard Paul, Bernhard Schoßig)

Literatur[Bearbeiten]

  • Berliner Geschichtswerkstatt (Hrsg.): Alltagskultur, Subjektivität und Geschichte. Zur Theorie und Praxis von Alltagsgeschichte. Münster 1994., ISBN 3-924550-95-6
  • Etta Grotrian: Kontroversen um die Deutungshoheit. Museumsdebatte, Historikerstreit und „neue Geschichtsbewegung“ in der Bundesrepublik der 1980er Jahre, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, 61.2009, S. 372-389.
  • Hannes Heer/Volker Ullrich: Geschichte entdecken. Erfahrungen und Projekte der neuen Geschichtsbewegung; Reinbek 1985., ISBN 3-499-17935-0
  • Sven Lindqvist: Grabe wo du stehst. Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf. 1989, ISBN 3-8012-0144-9 (schwedisches Original: 1978)
  • Heinz Niemann: Methodisches und Quellenkritisches zur „Geschichtsschreibung von unten“, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Heft III/2007.
  • Gerhard Paul, Bernhard Schoßig (Hrsg.): Die andere Geschichte. Geschichte von unten, Spurensicherung, ökologische Geschichte, Geschichtswerkstätten Köln 1986 ISBN 3-7663-0946-3

Bekannte historische Untersuchungen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]