Gewaltlosigkeit

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Gewaltlosigkeit oder Gewaltfreiheit ist ein Prinzip, das Gewalt ablehnt und zu überwinden sucht.

Terminologisch wird gelegentlich zwischen gewaltlos (situativer Gewaltverzicht) und gewaltfrei (prinzipieller Gewaltverzicht) unterschieden. Der Begriff „gewaltfrei“ wurde zuerst 1951 von Nikolaus Koch verwendet (s.u.), verbreitete sich aber erst durch die Publikationen des Politikwissenschaftlers Theodor Ebert Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre.

Gene Sharp unterscheidet 198 Methoden des Vorgehens. [1] Gewaltfreiheit geht davon aus, dass Gewalt oder deren Androhung Probleme nicht lösen, Ungerechtigkeit und Unterdrückung nicht beseitigen kann. Gewaltlosigkeit ist nicht Wehrlosigkeit, Passivität und Tatenlosigkeit. Konflikte sollen nicht vermieden, sondern durch gewaltfreien Widerstand geregelt werden. Wesentliches Element der Erziehung zur Gewaltfreiheit ist ferner das Erlernen von Methoden der Konfliktbearbeitung, z. B. Gewaltfreie Aktion.

Religionen[Bearbeiten]

Gewaltlosigkeit wurde bereits von einigen Religionsstiftern des Altertums gefordert, beispielsweise von Siddhartha Gautama, Mahavira und Jesus von Nazaret. In der Neuzeit gilt der Inder Mahatma Gandhi als „Apostel der Gewaltlosigkeit“ und Pazifist schlechthin. Bei Gandhi hatte der Begriff der Gewaltlosigkeit aber eine andere Bedeutung, als man ihn heutzutage in Rückbezug auf Gandhi versteht. Ihm ging es um das Prinzip des Satyagraha, übersetzbar mit dem Begriff „Gütekraft“, d. h. Festhalten an der Kraft der Wahrheit und der Liebe. Diese Kraft könne jeder einzelne besitzen und benutzen. Gandhis Idee ist: „Jede und jeder soll unabhängig davon, was irgendeine andere Person tut, damit beginnen gut zu sein; dann wird die Güte des einen zurückgestrahlt im andern.“

Begründend schreibt er:

„Die Grundbedeutung von Gewaltfreiheit ist Festhalten an der Wahrheit, Kraft der Wahrheit (Satyagraha). […] Bei der Anwendung von Gewaltfreiheit entdeckte ich schon sehr früh, dass die Wahrheitssuche es nicht erlaubt, dem Gegner Gewalt anzutun. Er muss vielmehr durch Geduld und Mitgefühl von seinem Irrtum abgebracht werden.“

Oft wird in diesem Zusammenhang auch der Begriff ahimsa gebraucht, der aus den Upanishaden stammt und von Gandhi aufgegriffen wurde. Ahimsa umfasst mehr als nur gewaltlosen Widerstand oder gewaltfreie Aktion. Ahimsa bezeichnet eine Lebens- und Geisteshaltung, die grundsätzlich eine Schädigung und Verletzung von Lebewesen aller Art vermeidet. Dazu gehören nach Gandhi auch negative Gedanken, Lüge, Hass und übermäßige Eile. Durch Leidensfähigkeit, Geduld und andauerndes Bemühen lernt der Mensch mit sich selbst und anderen in Frieden zu leben.

In der jüdischen Religion gibt es Begründungen für Gewaltlosigkeit mit Martin Buber in Israel.

Humanismus[Bearbeiten]

Gewaltlosigkeit ist seit der griechischen Antike Thema im Humanismus, insbesondere im weltlichen Humanismus. Die griechische Polis verstand sich ausdrücklich als eine Gesellschaftsverfassung, die nicht auf Gewalt basierte. Sie hatte den Anspruch, dass der Mensch mündig sei zur Selbstregierung, Selbstbestimmung und Autonomie. Daran ausgerichtet war das politische Handeln eine ständige Bildungsaufgabe. Gewaltlosigkeit im weltlichen Humanismus beruft sich u.a. auch auf Menschenrechte und Menschenwürde und die Ziel-Mittel-Korrelation. Das bedeutet, dass das Handeln an dem Ziel ausgerichtet sein sollte. Im Handeln und den tagespolitischen Forderungen soll das Ziel erkennbar sein.

Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung[Bearbeiten]

Sogenannte Kampfmaßnahmen in der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung waren in der Regel gewaltloses Handeln, z. B. bei Streiks, Betriebsbesetzungen und anderen direkten Aktionen. Der Friedensforscher Gernot Jochheim hat in seiner wissenschaftlichen Studie über die Entwicklung der Gewaltfreiheitstheorie in der europäischen antimilitaristischen und sozialistischen Bewegung 1890 – 1940 hingewiesen. Theorien der Gewaltlosigkeit gab es in diesem gesellschaftlichen Spektrum verbunden mit Gewaltkritik in den gesellschaftlichen Konflikten. Das waren Bewegungen, die sich als Anarcho-Syndikalisten, revolutionäre Unionisten und Rätekommunisten bezeichneten (z. B. Rudolf Rocker, Henriette Roland-Holst, Anton Pannekoek u.a.)

Gedenktage[Bearbeiten]

Der Eröffnungstag der ordentlichen Tagung der UNO-Generalversammlung wurde seit 1981 offiziell als Internationaler Friedenstag gefeiert. Am 7. September 2001 beschloss die Generalversammlung in ihrer Resolution 55/282, den Weltfriedenstag jedes Jahr am 21. September als einen "Tag der Gewaltlosigkeit" und der weltweiten Waffenruhe zu würdigen. Seit 2007 wird am 2. Oktober, dem Geburtstag Mahatma Gandhis, der Internationale Tag der Gewaltlosigkeit als ein Gedenktag der Vereinten Nationen begangen.

Dieses Datum ist eine Aufforderung an alle Nationen und Menschen, jegliche Feindseligkeiten an diesem Tag einzustellen. Auch die Waffen sollten an diesem Tag niedergelegt werden, um ohne Angst vor unmittelbarer Zerstörung humanitäre Hilfe leisten, Zivilisten aus umkämpften Gebieten bringen und Schutzräume errichten zu können.

Andere Vorschläge für den „Tag der Gewaltlosigkeit” sind z. B. der 9. Oktober. An diesem Tag gelang es 1989 den Leipzigern mit einer friedlichen Massendemonstration erstmals, die SED-Machthaber an der Gewaltanwendung zu hindern.

Literatur[Bearbeiten]

  • Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. 3. Auflage. Institut für Friedenspädagogik, Tübingen 2003, ISBN 3-922833-97-7 (mit Bibliographie).
  • Nikolaus Koch: Die moderne Revolution – Gedanken zur gewaltfreien Selbsthilfe des deutschen Volkes. Die Mirne, Tübingen 1951.
  • Wolfram Beyer: Gewaltfreiheit. Die gewaltfreie Fraktion im Pazifismus und Antimilitarismus. In: ders. Pazifismus und Antimilitarismus. Eine Einführung in die Ideengeschichte. Stuttgart 2012, S. 97ff
  • Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. ISBN 978-3-87387-454-1.
  • Gene Sharp Von der Diktatur zur Demokratie - Ein Leitfaden für die Befreiung. Das Lehrbuch zum gewaltlosen Sturz von Diktaturen, Beck, München 2008
  • Konrad Tempel Anstiftung zur Gewaltfreiheit. Über Wege einer achtsamen Praxis und Spiritualität, Aphorisma, Berlin 2008, ISBN 978-3-86575-005-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Von der Diktatur zur Demokratie - Ein Leitfaden für die Befreiung. Das Lehrbuch zum gewaltlosen Sturz von Diktaturen, Beck, München 2008, S. 101