Gnadenstuhl

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Gnadenstuhl (österreichischer Meister, Anfang 15. Jh.)

Der Gnadenstuhl ist ein Bildtypus der christlichen Kunst zur Darstellung der Trinität (Dreifaltigkeit): Gottvater hält das Kreuz (Kruzifix) mit dem toten Christus in beiden Händen, während die Taube als Symbol des Heiligen Geistes darüber schwebt. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts kommen außerdem Bildnisse auf, bei denen Gottvater den Leichnam des toten Sohnes auf seinem Schoß hält oder stehend den Sohn vor sich zeigt.

Entwicklung des Motivs[Bearbeiten]

Der Gnadenstuhl gilt als die bedeutendste mittelalterliche Bildschöpfung für das Motiv der Dreifaltigkeit. „Er wurde zur kennzeichnenden abendländischen Form ihrer Vergegenwärtigung“.[1] Das Bildmotiv entwickelte sich aus einer Verbindung des Kreuzes mit den Symbolen für Gottvater und für den Heiligen Geist. Auf der Rückseite des Lotharkreuzes aus dem Aachener Domschatz (um 980) hält die rechte Hand Gottvaters den Siegeskranz mit der Taube über den Gekreuzigten. Auf diese Weise ist erstmals versucht worden, den Opfertod Christi mit der dreifaltigen Gottheit in Verbindung zu bringen.

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts kam der neue Bildtypus des Gnadenstuhls auf. Ältestes erhaltenes Beispiel ist eine Miniatur in dem Missale von Cambrai (um 1120),[2] die in diesem Messbuch die Stelle zu Beginn des Canon missae, des Hochgebets in der christlichen Eucharistiefeier einnimmt: Gottvater mit Kreuznimbus, auf einem Thronsessel sitzend und von einer Mandorla umgeben, hält den Kruzifixus mit beiden Händen. Die Taube des Heiligen Geistes, ebenfalls mit Kreuznimbus, stellt die Verbindung zwischen den göttlichen Personen her, indem sie mit ihren Schwingen die Lippen von Gottvater und von Christus berührt. Wolfgang Braunfels bezeichnet den Text des Canon missae als literarische Quelle für das Motiv des Gnadenstuhls.

Ein weitere Variante des Gnadenstuhls weist die um 1140 entstandene Rundscheibe eines Chorfensters der Kathedrale von Saint-Denis auf: Außer Gottvater mit dem Kreuz des Sohnes sind auch der Wagen des Aminadab und die Bundeslade abgebildet. Abt Suger von Saint-Denis hat das Glasmedaillon beschrieben als „Bundeslade mit Kruzifixus auf der Quadriga Aminadab“.[3] Auf der Medaillonscheibe sind dargestellt: – Gottvater, der mit beiden Händen den Kruzifixus über der geöffneten Bundeslade hält; – vom Querbalken des Kreuzes hängt ein gelbes Velum herab, das bis zum hinteren Rand der Bundeslade sichtbar ist. „In dieser Anordnung kann man Sugers Verbindung von Velum und Kreuz in eine historische Linie einreihen, die bis zum konstantinischen Labarum zurückführt … Die Komposition bezieht das Tuch offenbar nicht nur auf das Kreuz darüber, sondern zugleich auch auf die Bundeslade darunter. Demnach ist mit dem Velum der Vorhang gemeint, der in dem alttestamentlichen Bundeszelt resp. Tempel das Sanctissimum, in dem sich die Bundeslade befand, vom Sanctum abtrennt“;[4] – die Bundeslade auf dem Wagen des Aminadab mit vier Rädern enthält außer den Gesetzestafeln und dem Aaronstab (= Altes Testament) auch das von Gott Vater gehaltene Kruzifix (= Neues Testament); die Beischrift darunter bezeichnet den Wagen als QUADRIGE AMINADAB; – den vier Rädern des Wagens entsprechen die umgebenden vier Evangelistensymbole, – eine von Abt Suger stammende Inschrift, die den abgebildeten „Gnadenstuhl“ als einen auf der Bundeslade errichteten „Altar mit dem Kreuz Christi“ bezeichnet: FEDERIS EX ARCA CRUCE XRI SISTITUR ARA – FEDERE MAIORI VULT IBI VITA MORI („Auf der Lade des Bundes ist aufgerichtet der Altar mit dem Kreuz Christi; hier will der Sohn sterben für den erhabeneren Bund“); – im Hintergrund das hellblaue Weltall.

In der Kunstgeschichte wurde der beschriebene Bildtypus zunächst als Trinität bezeichnet; erst im 19. Jahrhundert hat sich der Begriff „Gnadenstuhl“ durchgesetzt.

Theologischer Inhalt[Bearbeiten]

Die Darstellungsform soll dazu verhelfen, sich das Geheimnis der Trinität besser vorstellen zu können: Gott präsentiert Christus den Menschen als denjenigen, der für ihre Sünden am Kreuz gestorben ist. Der Heilige Geist, der zwischen Gott und Christus steht, vermittelt zwischen beiden.

Der Begriff „Gnadenstuhl“ stammt von Martin Luther, der diese Übersetzung gewählt hat, um damit ein zentrales Geheimnis des christlichen Glaubens zu verdeutlichen (lat. thronum gratiae, frz. trône de grâce, engl. Throne of Mercy). Luther und nach ihm viele andere Theologen und Philosophen, aber auch Maler und Bildhauer beschäftigte das Problem: Wie kann man sich einen Gott vorstellen, der „verschieden" in den Personen und doch „eins" ist im Wesen?

Der Messkanon beginnt mit der Bitte an Gottvater, das im Gottesdienst dargebrachte Opfer eingedenk des Christusopfers anzunehmen. Gottvater empfängt den Leib des Sohnes und reicht ihn den Menschen wieder dar, was die Bilder des Gnadenstuhls aussagen sollen.

Während der Verbreitung der christlichen Mystik entstand eine Abwandlung des Gnadenstuhls insofern, als Gottvater jetzt häufig den Leichnam des Sohnes auf seinem Schoß hält, wodurch im Sinne der Mystik auch die Trauer des Vaters ausgedrückt wird.

Beispiele[Bearbeiten]

In der bildenden Kunst gibt es zahlreiche Beispiele für den Gnadenstuhl, wovon einige hier in chronologischer Folge aufgeführt werden:

  • Miniatur im Missale von Cambrai (um 1120)
  • Deckplatte eines Tragaltars aus Hildesheim, London (vor 1132)
  • Deckplatte des Mauritius-Tragaltars, St. Servatius Siegburg (um 1160)
  • Buchmalerei auf einem Einzelblatt, Wien Albertina (2. Hälfte 12. Jh.)
  • Altarretabel aus der Wiesenkirche in Soest, Berlin (1250–1270)
  • Gnadenstuhl in Kiedrich, St. Valentin (14. Jh.)
  • Österreichischer Meister: Gnadenstuhl, London (um 1410)
  • Meister von Flémalle: Trauer der Dreieinigkeit, Petersburg (1425)
  • Meister der Darmstädter Passion: Gnadenstuhl aus St. Martin in Bad Orb, Berlin (1460–1470)
  • Albrecht Dürer: Heilige Dreifaltigkeit, Holzschnitt (1511)
  • Lucas Cranach d.Ä.: Dreifaltigkeit (1518)
  • Meister von Messkirch: Gnadenstuhl (um 1530)
  • Gnadenstuhl-Epitaph, Bremen Dommuseum (1549)
  • El Greco: Dreifaltigkeit, Madrid Prado (1577).

Galerie[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Braunfels: Die Heilige Dreifaltigkeit. Düsseldorf 1954.
  • Fides Buchheim: Der Gnadenstuhl − Darstellung der Dreifaltigkeit. Echter Verlag, Würzburg 1987.
  • Gertrud Schiller: Ikonographie der christlichen Kunst. Bd. 2 S. 133ff, 275f. mit Abb. 395, 409-414.
  • Lexikon der christlichen Ikonographie (LCI). Freiburg 2004, Bd. 1 Sp. 535f.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gnadenstuhl – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. LCI Bd. 1 Sp. 535f.
  2. Bibliothèque Municipale de Cambrai Ms.234, fol.2r.
  3. Sugerus: De rebus in administratione sua gestis (1146-49)
  4. Konrad Hoffmann: Sugers „Anagogisches Fenster“ in St. Denis, in: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 30, Köln 1968, S. 66.