Harlekin

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Dieser Artikel behandelt eine Dienerfigur, für das gleichnamige Album des Rappers Favorite siehe Harlekin (Album)
Arlecchino in der Commedia dell’arte
Harlekin-Darstellung von Paul Cézanne, 1890

Der Harlekin, vom italienischen Arlecchino, das wiederum auf die altfranzösischen Wörter (h)arlekin, (h)erlekin, (h)ellequin, harlequin und ähnliche aus dem 12. Jahrhundert zurückgeht, ist eine der Dienerfiguren aus der Commedia dell’arte der Renaissance. Sein Name lässt sich über das italienische Wort (h)ellechin(n)o für „kleiner Teufel“ erklären (in(n)o ist die männliche Verkleinerungsform). Diese Herleitung ist jedoch nicht unwidersprochen geblieben.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Herkunft dieser Figur ist nicht vollständig zu klären. Ende des 11. Jahrhunderts berichtet der Chronist Ordericus Vitalis, dass er als später Wanderer an der normannischen Küste von einer „Dämonenschar“ verfolgt worden sei. Diese sei von einem wild aussehenden, vermummten, mit einer Keule bewaffneten Riesen angeführt worden. Diese Legende ist bekannt als „wilde Jagd der Herlekin-Leute“ oder „familia herlequin“, welche einsame Menschen nachts erschreckten. Diese weit verbreitete Vorstellung reicht vom germanischen Odinsgefolge bis zum stillen Nebelstreif in Goethes Ballade vom Erlkönig. Diese verschiedenen Vorstellungen haben gemeinsam, dass ihre Attribute zumeist Tiermaskeraden, Gebell, Tosen und Kreischen etc. sind. Diese dämonischen, teuflischen Züge vererbten sich an den derben Spaßmacher und Possenreißer Harlekin, in Form der Hörnerkappe und der schwarzen Halbmaske oder fratzenhaften Mimik.

Der erste überlieferte Bühnenauftritt des Harlekin fand 1262 statt: Er trat als Narrenbeißer Croquesquot, wahrscheinlich bekleidet mit einer Teufelsmaske und einem Kapuzenmantel, in Jeu da la Feuillière von Adam de la Halle auf. Das Kostüm verweist bereits auf die spätere Garderobe des Arlecchino in der italienischen Commedia dell’arte, trägt aber immer noch dämonische bzw. teuflische Züge. Dante Alighieri erwähnt im 21. Gesang des Infernos seiner Göttlichen Komödie (wahrscheinlich entstanden zwischen 1307 und 1321) einen Dämon namens Alichino. 1314 wird der Harlekin im Charivari-Blatt zum Bürgerschreck.

Geschaffen wurde die bekannte Ausprägung dieser Maske jedoch von Tristano Martinelli, einem Schauspieler der Compagnia dei Comici Gelosi, der die bäuerlichen Züge aus den Gebirgstälern des Bergamo herausarbeitete. Sein Gewand bestand noch aus grobem Leinen mit bunten Flicken und einem Hasenschwanz an der Mütze als Zeichen seiner Feigheit. Das Rhombengewand entstand erst durch Anpassung an den Pariser Geschmack während der Pariser Gastspiele durch Domenico Biancolelli.

Weitere Namen für den Arlecchino sind, je nach individueller Ausprägung der ihn darstellenden Schauspieler, Truffaldino (in Carlo Goldonis Der Diener zweier Herren), Mezzetino und Fritellino.

Kostüm[Bearbeiten]

Charakteristisches Kleidungsstück des Harlekin ist sein mit Flicken übersätes Kostüm, gewöhnlich in den Farben rot, gelb und blau, das seine Armut ausdrücken soll. Eine schwarze Augenmaske verbirgt das Gesicht des Harlekins. Auf seinem Kopf trägt er eine Kappe, die in der Entstehungsphase des Harlekins im 16. Jahrhundert, von einer Hahnenfeder, später aber meist von einem Fuchs- oder Kaninchenschwanz geziert wurde. Beinkleid wie Jacke oder Joppe sind eng anliegend, der Gürtel weit unter dem Bauchnabel. Am Gürtel trägt der Harlekin stets ein Brettchen oder ein Holzschwert, „batte“ genannt. Manchmal führt er einen Lederbeutel für die Dukaten mit sich, die er mit List erbeutet.

Charakter[Bearbeiten]

Der Harlekin hat eine agile und flexible Natur von ausgelassener Lustigkeit. Auch wenn er gelegentlich ungehobelt wirkt, ist er geistreich und schlagfertig. Eigenschaften des Harlekin sind sein ständiger Hunger, Durst und sein sexueller Appetit, der sich an einer gewissen Vorliebe für Erotik und weniger am Interesse an einer festen Bindung äußert. Sein sprunghaftes Wesen kommt zum Vorschein, wenn er Sprünge vollführt oder Purzelbäume schlägt: Er ist immer „auf dem Sprung“. Auf fast allen Bildern sieht man ihn hüpfen oder ein Bein vor das andere stellen.

Große oder erfolgreiche Harlekine müssen in ihrer komödiantischen Ausgestaltung nicht sehr vielseitig sein, meist haben sie ein eher einfaches Grundkonzept: Ihre Gags müssen einfach nur wie frisch ersonnen wirken. So auch der Arlecchino in der Commedia dell’arte, der sich zu einer der anspruchsvollsten Rollen entwickelte. Die Figur des Harlekin lässt sich nicht einer Seite – Gut oder Böse – zuordnen, sondern bewegt sich eher in einem Grenzbereich dazwischen.

Commedia dell’arte[Bearbeiten]

Hauptartikel: Commedia dell’arte

Der italienische Arlecchino ist einer der Hauptcharaktere in der Commedia dell’arte, die im 16. Jahrhundert in Italien entstand. Der Darsteller des Arlecchino muss eine Reihe an Wortspielen und Späßen treffsicher und pointiert einsetzen können, da die Stücke der Commedia dell’arte größtenteils nur aus groben Handlungsgerüsten bestehen (beispielsweise „La piazza d’Isabella“ in: I canovacci della Commedia dell’arte) und nicht wie klassische Dramen einen festen Text und Handlungsablauf besitzen. Arlecchino wuchs mit der Zeit über seine Rolle des reinen Spaßmachers hinaus: Er entlarvt die Lügner, lenkt die Schicksale und ist Publikumsliebling. Der Harlekin war schon immer derjenige, der sagen konnte, was andere nicht durften: Er genoss die Narrenfreiheit und wurde selten von den Machthabern verboten, da diese sich dann den Zorn der Bevölkerung zugezogen hätten.

Verbannung und Rückkehr auf die Bühne[Bearbeiten]

Der Harlekin ist Bestandteil der italienischen Theatertradition, wurde aber im Zeitalter der Aufklärung verbannt. Vor allem Johann Christoph Gottsched sah in ihm ein Ärgernis, da dessen Komik anarchisch sei und nur zum Selbstzweck bestehe, was gegen seine Auffassung der Regelhaftigkeit der Komödie verstieß. Zudem schrecke der Harlekin nicht vor Obszönitäten zurück und eigne sich somit nicht für eine moralische Darstellung. Des Weiteren seien Narrenfiguren phantastische Figuren, also literarische Erfindungen, wohingegen Gottsched die Ansicht vertrat, dass literarische Figuren Kontakt zur Realität haben sollten, um moralisch belehrend wirken zu können. Unter der Leitung von Friederike Caroline Neuber wurde 1737 eine Puppe des Harlekin auf der Bühne verbrannt, was die Vertreibung des Narren aus der aufklärerischen Theaterwelt symbolisierte. In der Romantik erlebte der Harlekin unter Brentano und Tieck eine Rückkehr auf die Bühne.

Diverses[Bearbeiten]

Erika Harbort: „Harlekin“ (1987)
  • Eine deutsche Wohlfahrtsmarke des Briefmarken-Jahrgangs 1970 zeigt einen Harlekin aus der Puppentheatersammlung München.
  • Ein Sondermodell des VW Polo III trug wegen seiner mehrfarbigen Lackierung den Namen „Harlekin“, zudem gab es ein Sondermodell des VW Käfer 1600i aus Mexiko als Harlekin-Sonderedition.
  • Der Harlekin ist das Logo des Musikprojekts Lacrimosa.
  • Karneval des Harlekins“ ist ein Gemälde von Joan Miró aus dem Jahr 1924/1925.
  • Die größte Hertha BSC-Ultragruppierung nennt sich „Harlekins“.
  • Das Debütalbum des deutschen Rappers Favorite trägt den Namen „Harlekin“.
  • Eine schwere Erbkrankheit trägt den Namen „Harlekin-Ichthyose“ (Ichthyosis gravis).
  • Harlekin und Harlekins Rückkehr sind zwei Abenteuerbände des Rollenspiels Shadowrun.
  • „Harlequin“ ist eine Ouvertüre für Blasorchester von Franco Cesarini.
  • Eine englische Rugbymannschaft nennt sich „Harlequins“.
  • Mit „Arlequin“ ist der 3. Satz aus dem Carnaval op. 9 für Klavier von Robert Schumann überschrieben.
  • In der Sammlung von Kurzgeschichten The Mysterious Mr. Quin von Agatha Christie (deutsch: Der seltsame Mr. Quin) trägt einer der Hauptcharaktere den Namen „Mr. Harley Quin“; an vielen Stellen wird auf die Figur des Harlekins in der Commedia dell’arte Bezug genommen.
  • In dem Buch Malfuria von Christoph Marzi kämpfen die Protagonisten gegen finstere Gestalten, die als Schatten mit Harlekinmasken beschrieben werden.
  • In den Gemälden von Jonas Burgert sind Harlekine ein kontinuierlich auftretendes Element.
  • „Harlekin“ ist die Bezeichnung für die schwarz-weiße Fellfarbe bei Tieren.
  • Harley Quinn ist der Name einer Comicserie, die von 2000 bis 2003 vom amerikanischen DC-Verlag veröffentlicht wurde, sowie der Protagonistin dieser Serie. Die Reihe, eine Spin-off-Serie von Batman, handelte von einer geisteskranken ehemaligen Psychologin namens „Dr. Harleen Quinzel“, die in Batmans Erzfeind, den Joker, verliebt ist. Harley Quinn trägt ein Narrenkostüm mit harlekinesken Rauten.
  • Harlequin ist der englische Originaltitel des historischen Romans Der Bogenschütze von Bernard Cornwell. Außerdem wird der Antagonist dieses Romans „Harlekin” genannt.
  • Truffaldino aus Bergamo ist ein sowjetischer Film über einen Harlekin, der zwei Herren gleichzeitig dient.
  • Insekten: Harlekinbär, ein lebhaft gefärbter Nachtfalter, und die Harlekinspringspinne (eigentlich: Zebraspringspinne).
  • Aus dem Harlekin ist der Lappenclown, eine Figur des Kölner Karnevals, entstanden.[2]
  • In der Warhammer40k-Reihe werden die Mitglieder eines Kults aus dem Volk der Eldar als „Harlekine“ bezeichnet. Sie zeichnen sich durch extrem schnelle Bewegungen, ständig in Farbe und Muster wechselnde Kleidung und einem Hang zu ausschweifenden Ritualen aus. Die Harlekine sind intelligent, undurchschaubar und hinterlistig, was sie zu tödlichen Gegnern macht.
  • Ein Motorradclub, der 2008 in München gegründet wurde, nennt sich „Arlecchinos“. Ihr Zeichen ist ein Totenkopf, der eine Narrenkappe trägt.[3]
  • Im Mehrspielermodus des Videospiels Assassin's Creed: Brotherhood ist der Harlekin („Harlequin“) einer der spielbaren Charaktere.

Literatur[Bearbeiten]

  • Berthold, Margot und Rosenlecher, Hans Otto: Komödiantenfibel. Gaukler, Kasperl, Harlekin. L. Staackmann Verlag KG, München 1979, S. 51–62.
  • Dshiwelegow, A. K.: Commedia dell’Arte. Die italienische Volkskomödie. Insel Verlag, Berlin 1958.
  • Duchartre, Pierre Louis: The Italian Comedy. Dover Publications, Inc, New York 1966.
  • Hecker, Kristine: Die Frauen in den frühen Commedia dell’arte-Truppen. In: Die Schauspielerin. Zur Kulturgeschichte der weiblichen Bühnenkunst. Hrsg. von Renate Möhrmann. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1989, S. 27–58.
  • Ränsch-Trill, Barbara: Harlekin. Zur Ästhetik der lachenden Vernunft. In: Philosophische Studien und Texte. Band 34. Georg Olms Verlag, Hildesheim, Zürich, New York 1993.
  • Commedia dell’arte. Geschichte, Theorie, Praxis. In: Gratia. Bamberger Schriften zur Renaissanceforschung. Hrsg. von Wolfgang Theile. Harrasowitz Verlag, Wiesbaden 1997.
  • Commedia dell’arte. Eine Bildgeschichte der Kunst des Spektakels. Hrsg. von David Esrig. Delphi, verlegt bei Franz Greno (Bildband), Nördlingen 1985.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Siehe den Abschnitt bei „Wilde Jagd“ und den entsprechenden Abschnitt auf der Diskussionsseite
  2. WDR 5: Zeitzeichen vom 7. März 2011
  3. Internetpräsenz des Clubs