Herrschaft und Knechtschaft

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Herrschaft und Knechtschaft ist ein zentrales Motiv in der Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels, welches in dem gleichnamigen Kapitel seiner Phänomenologie des Geistes von 1807 entfaltet wird.[1]

Inhalt[Bearbeiten]

Hegel stellt in einem ersten Teil des Kapitels die dialektische Bewegung des Selbstbewusstseins dar. Beide Momente des Selbstbewusstseins finden an und für sich durch Anerkennung des jeweils Anderen zur Einheit. Selbstbewusstsein und Subjektivität werden so als bereits genuin intersubjektiv entwickelt.

Im zweiten Teil des Kapitels wird dann dieser Prozess als ein aus dem Kampf um Leben und Tod hervorgehendes Verhältnis von Herr und Knecht dargestellt.

Hegel betrachtet die Dialektik von Herr und Knecht als Quelle des Selbstbewusstseins, der Identität. Die Elemente des Selbstbewusstseins werden als „Für-sich-sein“ (Herr) und „Für-andere-sein“ (Knecht) erschlossen. Der Herr bezieht sein Selbstbewusstsein aus der Tatsache anerkannt zu werden; dafür, dass er sein Leben riskiert hat. Er arbeitet nicht. Der Knecht jedoch arbeitet für den Herrn. Er bezieht sein Selbstbewusstsein im Laufe der Zeit nicht mehr nur aus der Tatsache, für jemand anderen zu sein und zu arbeiten, sondern durch seine Arbeit gelangt er zur Herrschaft über die Natur.

Hegel macht deutlich, dass Herr- und Knechtschaft interdependent sind. Der Knecht ist zwar Knecht kraft seiner erzwungenen Unterordnung, jedoch ist der Status des Herrn von der Anerkennung seiner Herrschaft durch den Knecht abhängig. Hegel entwickelt in diesem asymmetrischen Anerkennungsverhältnis die symmetrische Anerkennungsphilosophie Fichtes kritisch weiter und wurde so zum einflussreichen Vorläufer der kritischen Sozialphilosophie Karl Marx' und später der Frankfurter Schule.

Rezeption[Bearbeiten]

Von Karl Marx über George Lukács bis zu heutigen Interpreten wird das Herrschaft-und-Knechtschaft-Kapitel als soziales Arbeitsverhältnis zwischen verschiedenen Menschen interpretiert, die um gegenseitige Anerkennung kämpfen.

Der Text hat den Poststrukturalismus geprägt, da Jacques Derrida, Jacques Lacan, Georges Bataille und Michel Foucault diesen Schlüsseltext Hegels im Seminar von Alexandre Kojève studiert und zu einer Art Gründungstext der neueren französischen Philosophie gemacht haben.

Hegels Dialektik von Herr und Knecht hat der Psychologie, Anthropologie und Soziologie Impulse gegeben und das Thema der Macht in sozialen Beziehungen eröffnet. Für Axel Honneth geht es um den Kampf um Anerkennung (Buchtitel).

Der Philosoph Pirmin Stekeler-Weithofer lehnt die sozialtheoretische Interpretation als Kampf um Anerkennung ab. Stattdessen nimmt er an, das eigentliche Thema von Hegels Herr-Knecht-Kapitel sei die Beziehung des Selbsts einer Person zu sich selbst; er liest es als Kritik Hegels an der sokratisch-platonisch-christlichen Metapher von der Seele oder der Vernunft als Beherrscherin des Leibes.[2]

Text[Bearbeiten]

  • Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes Theorie Werkausgabe, Bd. 3. Hg. von E. Moldenhauer und K.M. Michel, Frankfurt/M.: Suhrkamp (heute als stw603, ISBN 3-518-28203-4), Kapitel: B.IV.A. - Onlineversion des Textes im Projekt Gutenberg Kapitel 21 und 22.

Literatur[Bearbeiten]

  • Werner Becker: Idealistische und materialistische Dialektik. Das Verhältnis von Herrschaft und Knechtschaft bei Hegel und Marx. Kohlhammer, Stuttgart 1970, 2. Aufl. 1972
  • Hans Heinz Holz: Einheit und Widerspruch. Problemgeschichte der Dialektik in der Neuzeit. III Die Ausarbeitung der Dialektik. Stuttgart, Weimar: Verlag J.B. Metzler 1997.
  • Axel Honneth: Kampf um Anerkennung. Frankfurt/M. 1992 (neue Auflage 2003), ISBN 3-518-06748-6.
  • Alexandre Kojève: Introduction à la lecture de Hegel. Paris (Gallimard) 1947. Deutsche Teilübersetzung: Hegel, Eine Vergegenwärtigung seines Denkens, Iring Fetscher (Hrsg.), Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1975 [Stuttgart, 1958].
  • Hanno Kesting: Herrschaft und Knechtschaft., Freiburg 1973
  • Georg Lukács: Der junge Hegel und die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft. Berlin, Weimar 1986.
  • Ludwig Siep: Anerkennung als Prinzip der praktischen Philosophie. Untersuchungen zu Hegels Jenaer Philosophie des Geistes. Untersuchungen zu Hegels Jenaer Philosophie des Geistes. Freiburg/München (Alber) 1979.
  • Pirmin Stekeler-Weithofer: Philosophie des Selbstbewußtseins. Hegels System als Formanalyse von Wissen und Autonomie. Suhrkamp (stw 1749), Frankfurt/M. 2005, ISBN 3-518-29349-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: B. Selbstbewusstsein. IV. Die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst. A. Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewußtseins; Herrschaft und Knechtschaft. in: Phänomenologie des Geistes Theorie Werkausgabe, Bd. 3. Suhrkamp S. 145
  2. Pirmin Stekeler-Weithofer: Philosophie des Selbstbewußtseins. S.414f