Hexeneinmaleins

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Das Hexeneinmaleins ist in diesem Wortlaut ein Auszug aus Johann Wolfgang von Goethes Faust I in der Szene Hexenküche. Die Szene der Hexenküche und damit auch das Hexeneinmaleins sind erstmalig in der Ausgabe Faust, Ein Fragment (gedruckt 1790) vorhanden. Im Urfaust fehlt die Szene noch.

Text des Hexeneinmaleins

Mephisto führt Faust in eine Hexenküche, um dort einen Verjüngungstrank für Faust brauen zu lassen. Unter allerlei Spektakel deklamiert die Hexe aus einem dicken Buch folgenden Zauberspruch:

   „Du mußt verstehn!
   Aus Eins mach’ Zehn,
   Und Zwei laß gehn,
   Und Drei mach’ gleich,
   So bist Du reich.
   Verlier’ die Vier!
   Aus Fünf und Sechs,
   So sagt die Hex’,
   Mach’ Sieben und Acht,
   So ist’s vollbracht:
   Und Neun ist Eins,
   Und Zehn ist keins.
   Das ist das Hexen-Einmal-Eins!“

(Vers 2540 bis 2552)

Faust sagt zu den für ihn seltsam klingenden Worten: „Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber.“ (Vers 2553)

Für Faust und für den Zuschauer klingt das Hexeneinmaleins auf den ersten Blick seltsam und unverständlich. In den folgenden Versen des Mephisto gibt uns Goethe daher die Erläuterung und Hilfestellung zum Verständnis des Hexeneinmaleins. Formal ist die Rede Mephistos an Faust gerichtet. Das Hexeneinmaleins ist nicht isoliert zu betrachten, die folgenden Verse 2554 bis 2566 sind für das Verständnis notwendig.

   „Das ist noch lange nicht vorüber,
   Ich kenn’ es wohl, so klingt das ganze Buch;
   Ich habe manche Zeit damit verloren,
   Denn ein vollkommner Widerspruch
   Bleibt gleich geheimnisvoll für Kluge wie für Toren.
   Mein Freund, die Kunst ist alt und neu.
   Es war die Art zu allen Zeiten,
   Durch Drei und Eins, und Eins und Drei
   Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten.
   So schwätzt und lehrt man ungestört!
   Wer will sich mit den Narr’n befassen?
   Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
   Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“

(Vers 2554 bis 2566)

Goethe über das Hexeneinmaleins

Johann Peter Eckermann berichtet über ein Gespräch mit Goethe, worin es um das Buch Das Wesen der antiken Tragödie in ästhetischen Vorlesungen[1] von Hermann Friedrich Wilhelm Hinrichs ging. Dabei äußerte sich Goethe auch kurz über das Hexeneinmaleins:

„Hiebei, sagte Goethe, mußte er [= Hinrichs] sich freilich scharf an der Sache halten. Es giebt aber in seinem Buche nicht wenige Stellen, bei denen der Gedanke nicht rückt und fortschreitet und wobei sich die dunkele Sprache immer auf demselbigen Fleck und immer in demselbigen Kreise bewegt, völlig so, wie das Einmaleins der Hexe in meinem Faust.“

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 3, 1848[2]

An seinen Freund Carl Friedrich Zelter schreibt Goethe am 4. Dezember 1827:

„Eben so quälen sie [die schlichten Leser] sich und mich mit den Weissagungen des Bakis, früher mit dem Hexen-Einmaleins und so manchem anderen Unsinn, den man dem schlichten Menschenverstande anzueignen gedenkt. Suchten sie doch die physisch-sittlich-ästhetischen Räthsel, die in meinen Werken mit freygebigen Händen ausgestreut sind, sich anzueignen und sich in ihren Lebensräthseln dadurch aufzuklären! Doch viele thun es ja, und wir wollen nicht zürnen daß es nicht immer und überall geschieht.“

Friedrich Wilhelm Riemer: Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter in den Jahren 1796 bis 1832. Bd. 4, 1834[3]

Interpretation

Schon zu Lebzeiten Goethes taten sich die Menschen mit der Interpretation einiger Werke schwer. Die Nachfragen veranlassten Goethe zu dem oben zitierten Ausruf im Brief an seinen Freund Carl Friedrich Zelter. Dadurch sind uns heute auch die beiden Schwerpunkte der Nachfragen bekannt. Es ist das Gedicht Weissagungen des Bakis und das Hexeneinmaleins. Goethe bezeichnet mit seiner Aufzählung keineswegs die beiden Texte als Unsinn. Er kennzeichnet sie vielmehr als Texte, die offensichtlich den schlichten Menschenverstand überfordern.

Das Hexeneinmaleins lässt mehrere Interpretationsmöglichkeiten. Eine im Mathematikunterricht beliebte Interpretation ist die des Magischen Quadrates mit der Summe 15.[4]

Im Lehrbuch Lineare Algebra von Gerd Fischer wird das Hexeneinmaleins mit der Modulo-Rechnung in Verbindung gebracht.[5]

Literatur

  • Heinrich Detering: Aus Eins mach Zehn? Und Zwei lass gehn? in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26. April 2009, S. 56 und 59
  • Anna J. Rahn: Goethes Hexeneinmaleins. Jalara Verlag, Weimar 2013, ISBN 978-3-00-039101-9.

Einzelnachweise

  1. Hermann Friedrich Wilhelm Hinrichs: Das Wesen der antiken Tragödie in ästhetischen Vorlesungen. Halle 1827. (Online)
  2. Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 3. Leipzig 1848, S. 123 (Online)
  3. Friedrich Wilhelm Riemer: Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter in den Jahren 1796 bis 1832. Vierter Theil, die Jahre 1825 bis 1827. Duncker & Humblot, Berlin 1834, S. 453 (Online)
  4. http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/faust/einseins.htm Mehrere Interpretationen auf zum.de
  5. Gerd Fischer: Lineare Algebra. Friedr. Vieweg & Sohn, 11. Auflage, 1997, ISBN 3-528-77217-4, S. 49, Ende von Kapitel 1.2