Hirschgarten (Erfurt)

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50.974266211.02953Koordinaten: 50° 58′ 27″ N, 11° 1′ 46″ O

Blick über den Hirschgarten zur Kurmainzischen Statthalterei
Blick über den westlichen Hirschgarten auf historische Gebäude

Der Hirschgarten ist eine teilweise parkähnliche Grünanlage in der Altstadt von Erfurt. Er war die erste öffentliche Grünanlage der Stadt. Er ist heute ein "Parkduo" aus dem historischen Hirschgarten aus dem 18. Jahrhundert und einem westlich daran anschließenden Teil, der auf Abbruchgelände in den Jahren 2007 bis 2009 gestaltet wurde.

Lage[Bearbeiten]

Der ca. 0,6 Hektar große Hirschgarten befindet sich im Stadtzentrum westlich des Angers gegenüber der Thüringer Staatskanzlei im Straßendreieck Regierungsstraße (nördliche Grenze), Neuwerkstraße (südliche Grenze) und Eichenstraße (westliche Grenze).

Namensgebung[Bearbeiten]

  • 1740-1937: Hirschgarten
  • 1937-1945: Platz der SA
  • 1945-1991: Platz der DSF
  • seit 1991: Hirschgarten

Geschichte[Bearbeiten]

1733 bis 1945[Bearbeiten]

Auf Veranlassung des Mainzer Statthalters Anselm Franz Ernst Freiherr von Warsberg wurde vor der Kurmainzischen Statthalterei durch Abriss zweier aufgekaufter Häuserzeilen 1732 eine umfriedete Freifläche geschaffen. Diese hat man zwischen 1734 und 1740 mit Bäumen bepflanzt und -über 40 Jahre- Rotwild angesiedelt, weshalb sie den Namen Hirschgarten erhielt. Zum Abschluss der Arbeiten wurden zwei rechtwinklig zur Statthalterei ausgerichtete Wachhäuschen für die Kurfürstlich-Mainzerische und die Kaiserlich-Österreichische Militärwache errichtet.

Auf Anordnung von Karl Theodor von Dalberg, Mainzer Statthalter in Erfurt von 1772 bis 1802, wurde die Grünanlage ab 1780 -als erste in Erfurt- der öffentlichen Nutzung gewidmet. 1798 hat man sie zu einem Botanischen Garten umgestaltet, der ausschließlich Pflanzen aus dem Erfurter Raum beherbergte. Zu Ehren Erfurter Botaniker wurde ein kleiner steinerner „Tempel der Flora“ errichtet, verziert mit den Bildnissen von Johann Hieronymus Kniphof und Christian Reichart. Als im Jahre 1803 zum ersten Mal der preußische König Friedrich-Wilhelm III. und seine Gemahlin Königin Luise Erfurt besuchten, wurde der Hirschgarten festlich beleuchtet und Büsten beider Persönlichkeiten im Flora-Tempel aufgestellt.

Zu Beginn der französischen Besatzung 1806 wurde der Hirschgarten als Biwak und Pferdeweide genutzt und erst 1808 aus Anlass des Erfurter Fürstenkongresses wieder in einen ansehnlichen Zustand versetzt.

1827 übernahm die Stadt Erfurt den Hirschgarten in ihren Besitz und sorgte für dessen Verschönerung; militärische Nutzung und Reiten wurden untersagt. Unter anderem wurden steinerne Statuen von antiken Göttern und anderen mythischen Gestalten aus dem Molsdorfer Park aufgestellt. Die beiden letzten von ihnen standen bis 1970 im Hirschgarten.

Denkmal von 1876 zum Gedenken an die Kriege 1866 und 1870/71

Am 22. März 1876 wurde im Mittelpunkt des Geländes ein Denkmal zum Gedenken des Deutschen Kriegs 1866 und des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 eingeweiht. Auf einer 15 Meter hohen Syenitsäule blickte ein vergoldeter Adler in Richtung Westen. Im steinernen Unterbau wurden Bildnisse von Kaiser Wilhelm, anderer deutscher Fürsten, von Bismarck und der Feldherren Moltke und Roon gezeigt. Vier im Frankreich-Feldzug erbeutete Kanonen umgaben das Denkmal in einem Blumenrondell, in der Umgebung drei Springbrunnenschalen. Das „Kriegerdenkmal“ im Stil seiner Zeit war später Ziel von Kritik, da sein Charakter nicht Gedenken, sondern Siegerkult zum Ausdruck gebracht habe[1]. 1878 wurde eine Terrasse im Osten des Hirschgartens angelegt, nach 1873 umfuhren eine Pferdebahn, dann eine Straßenbahn, den westlichen Teil des Platzes.

Ende der 1930er Jahre wurde auf dem nunmehrigen "Platz der SA" ein Denkmal errichtet, das "Mutter und Kind" darstellte und für deren Unterstützung warb. In den letzten Kriegsjahren baute man unter dem Eindruck des zunehmenden Luftkriegs ein großes Löschwasserbecken gegenüber der Statthalterei und der Rasen wurde durch Gemüseparzellen ersetzt.

nach 1945[Bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf dem jetzigen "Platz der DSF" das Löschwasserbecken mit Abbruchmaterial verfüllt, das Kriegerdenkmal und das Denkmal "Mutter und Kind" wurden beseitigt. 1956 entstand in der Mitte des Platzes ein großer Springbrunnen. Vor der Mainzer Statthalterei, die nun -nach preußischem Regierungspräsidium, amerikanischer und sowjetischer Kommandantur- Sitz des Rates des Kreises Erfurt-Land geworden war, wurde eine Fläche als Parkplatz asphaltiert.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr der Platz auch sonst einige Umgestaltungen, so befand sich dort zeitweise die Wendeschleife einer Straßenbahn.

Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre reiften Pläne, in der Altstadt von "Erfurt als Zentrum der Arbeiterklasse" westlich des "Platzes der DSF" ein „Haus der Kultur“ zu errichten. Es sollte "politisch-propagandistischen Veranstaltungen, Tagungen, Kongressen und als Stätte der Kultur" dienen.[2] Zu diesem Zweck wurde ab 1985 ein großer Teil der historischen Bausubstanz um die Eichenstraße abgerissen, die Regenbogengasse verschwand, auch das westliche der beiden Wachhäuschen wurde abgebaut. 1987 begann man mit dem Bau des "Hauses der Kultur". Es war ein Koloss, der nicht nur die gesamte Umgebung überragte, sondern auch durch seine Ausmasse die benachbarten historischen Gebäude in der Regierungsstraße bedrängte. Diese wurden durch den Einsatz schwerer Rammtechnik auch stark erschüttert. Der Baumbestand des Hirschgartens wurde reduziert. Aufgrund seiner Beton-Stahl-Konstruktion wurde der überdimensionale Baukörper von den Erfurtern auch Schiffshebewerk genannt. Bis zur Wende wurde lediglich der Rohbau fertiggestellt und auf Beschluss der Thüringer Landesregierung 1996 -einschließlich Tiefenenttrümmerung- abgerissen. Auf dem Gelände war dann zunächst der Neubau eines Erfurter Theaters geplant. Auf Grund von Finanzierungsproblemen wurde dieses Vorhaben jedoch 1997 gestoppt[3]. Der missglückte Bau des „Hauses der Kultur“ soll rund 60 Millionen DDR-Mark gekostet haben[4].

Über 10 Jahre bestand eine unansehnliche, riesige Baugrube zwischen dem -seit 1991 wieder so genannten- historischen Hirschgarten und dem westlichen Rest der Eichenstraße. Es gab von Seiten der Stadt von 1998 bis 2006 nacheinander zwei großräumige Bauvorhaben für die Fläche. Das zweite, eine Kombination aus Gewerbeflächen und mehreren Etagen Parkbereich, hatte der Erfurter Stadtrat bereits beschlossen. Dann gab es eine Bürgerbewegung mit teils spektakulären Aktionen an der Baugrube und Unruhe in der Stadt. Nun stimmte der Stadtrat einer repräsentativen Bürgerbefragung zu. Diese ergab, dass die Erfurter keine Wiederbebauung des "westlichen Hirschgartens", sondern dessen dauerhafte, parkartige Gestaltung wollten. Dem beugte sich das Stadtparlament. Die Baugrube wurde verfüllt.

Im Jahr 2007 beschloss der Erfurter Stadtrat, am bundesweiten Wettbewerb Entente Florale Deutschland teilzunehmen und rief zu diesem Zweck die Kampagne „Erfurt blüht“ ins Leben[5]. Mit dem „Erfurter Beet“ auf dem Areal des "westlichen Hirschgartens" entstand eines der größten Projekte im Rahmen des Wettbewerbs, zu dessen Goldmedaillengewinnern 2008 auch die Stadt Erfurt gehörte[6]. Ebenfalls im Jahre 2008 wurde über einen dazu gegründeten Verein das aus Spenden Erfurter Bürger neu errichtete westliche Wachhaus fertiggestellt und der Stadt Erfurt geschenkt.

Bereits 2007 hatte die Stadt den Realisierungswettbewerb „Innerstädtische Freiraumgestaltung am Hirschgarten“ ins Leben gerufen, aus dem das Berliner Landschaftsarchitekturbüro Atelier LOIDL als Gewinner hervorging. Grundidee des Entwurfes war die Schaffung zweier eigenständiger Parkteile, die sowohl durch die Wahl der eingesetzten Materialien als auch durch ihre formale Prägung einen gemeinsamen Freiraum bilden sollten. Im Mai 2008 wurde die Umsetzung des Entwurfs des Erstplatzierten beschlossen, die Eröffnungsfeier des neuen "Parkduos" fand im Juni 2009 statt. Der neue Hirschgarten gewann eine Anerkennung beim Thüringer Landschaftsarchitekturpreis 2009.

Literatur[Bearbeiten]

  • Erfurt. Der Hirschgarten. Hrsg. Landeshauptstadt Erfurt, Stadtverwaltung. Redaktion Dr. Rüdiger Kirsten. Druckhaus Gera, 2009

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Ruth Menzel, Steffen Raßloff: Denkmale in Erfurt. Sutton Verlag, Erfurt 2006, ISBN 978-3-89702-989-7.
  2. Erfurt. Der Hirschgarten. Hrsg. Landeshauptstadt Erfurt, Stadtverwaltung. Redakteur: R. Kirsten. Druckhaus Gera, 2009. S.37
  3. Geschichte(n) unseres Theaters. Webseite des Theaters Erfurt (Version vom 23. Mai 2009 im Internet Archive)
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatGeschichte des Hirschgartens. Westliches Wachhaus e.V., abgerufen am 16. März 2009.
  5. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatEntente Florale 2008: Erfurt blüht - Ich bin dabei! Webseite der Stadt Erfurt, 12. September 2007, abgerufen am 16. März 2009.
  6. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatEntente Florale: Erfurt gewinnt Goldmedaille. Webseite der Stadt Erfurt, abgerufen am 16. März 2009.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hirschgarten (Erfurt) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien