Hoffnungsrede

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Wochenschau von 1946

Die sogenannte Hoffnungsrede für Deutschland, Rede der Hoffnung oder Stuttgarter Rede, Offizieller Name Restatement of Policy on Germany, wurde am 6. September 1946 vom amerikanischen Außenminister James F. Byrnes in Stuttgart gehalten. Diese Rede stellte eine Wende in der Besatzungspolitik der Vereinigten Staaten von Amerika dar und verwarf die Friedensmöglichkeiten des Morgenthau-Plans.[1][2] Sie forderte auch, dass die endgültigen Grenzen Deutschlands auf einer Friedenskonferenz festgelegt werden sollen, und stellte die Oder-Neiße-Grenze in Frage.

Bei der Rede waren die deutschen Ministerpräsidenten anwesend.[3]

Hintergründe[Bearbeiten]

Neben den im Abschlussprotokoll der Konferenz von Potsdam beschlossenen fünf Grundprinzipien (Denazifizierung, Demilitarisierung, Demokratisierung, Dezentralisierung, Demontage; kurz die 5 D’s) war die weitere Verfahrensweise in der deutschen Frage weiterhin ungeklärt.

In Byrnes’ Rede im Staatstheater Stuttgart wurde das erste Mal deutlich, dass für die USA auch eine Lösung denkbar war, die sich nicht auf alle Teile Deutschlands bezog. „Wenn eine völlige Vereinigung nicht erreicht werden kann, werden wir alles tun, was in unseren Kräften steht, um eine größtmögliche Vereinigung zu sichern.“ Neben der „größtmöglichen Vereinigung“, die im Januar 1947 durch den wirtschaftlichen Zusammenschluss der amerikanischen und der britischen Zone zur Bizone verwirklicht wurde, stellt Byrnes Deutschland die Wiedererlangung der staatlichen Souveränität in Aussicht: „Die amerikanische Regierung steht auf dem Standpunkt, dass jetzt dem deutschen Volk innerhalb ganz Deutschlands die Hauptverantwortung für die Behandlung seiner eigenen Angelegenheit bei geeigneten Sicherungen übertragen werden sollte.“ Ausschlaggebend für die in der Byrnes-Rede bereits erkennbare Politik der wirtschaftlichen Unterstützung Deutschland und der Gewährung der weitestgehenden politischen Souveränität waren mehrere Gründe. Zum einen sollte Deutschland vor der Gefahr sowjetischen Einflusses immunisiert werden. Die notwendige Implementierung demokratischer Werte konnte aber nur auf der Basis einer kooperativen Politik gelingen. Darüber hinaus erhoffte sich die US-Administration, durch einen raschen Wiederaufbau der europäischen respektive der deutschen Wirtschaft, die eigenen Kosten senken zu können. Nicht zuletzt die Erfahrungen aus der Entwicklung nach dem Versailler Vertrag hatten gezeigt, dass die Sicherung des europäischen Friedens nur auf dem Weg einer beiderseitig akzeptierbaren Politik gelingen konnte.

Wirtschaftsfragen[Bearbeiten]

Diese Rede stellte eine Wende in der Besatzungspolitik der Vereinigten Staaten von Amerika dar.[4] Byrnes wollte das deutsche Industriepotenzial so wählen, dass Deutschland den europäischen Durchschnittslebensstandard erreicht, nicht jedoch in die Lage versetzt wird, eine Aufrüstung zu betreiben. Das überschüssige Industriepotenzial, das entsteht, wollte Byrnes für die Deckung der Importkosten Deutschlands, sowie die Tilgung der Reparationsforderungen durch die Alliierten aufwenden. Die Einschränkung des deutschen Industriepotenzials sollte dabei nicht von dauerhafter Natur sein. Byrnes sah vor, dass Deutschland die Möglichkeit gegeben werde, auf friedlichem Wege seine Wirtschaft wieder aufzubauen. Als wichtigen Schritt zur Erreichung seines Ziels sah Byrnes die Durchsetzung des Beschlusses der Potsdamer Konferenz, dass die vier Besatzungszonen eine gemeinsame Wirtschaft aufbauen sollten. Dies war bis zum Zeitpunkt der Rede nicht geschehen, obwohl die Potsdamer Beschlüsse schon über ein Jahr alt waren. Über die Potsdamer Beschlüsse hinaus sah Byrnes es als notwendig an, eine gemeinsame Finanzpolitik in Deutschland zu installieren, um einer drohenden Hyperinflation vorzubeugen. Dafür schlug er eine gemeinsame Finanzbehörde vor. Des Weiteren wies Byrnes darauf hin, dass die Potsdamer Beschlüsse auch ein gemeinsames Verkehrs-, Nachrichten- und Postwesen für Deutschland vorsahen. Auch dies war bis zum Zeitpunkt der Rede nicht realisiert. Angesichts der durch die Ausbeutung der Besatzungsmächte entstandenen Nahrungsmittelengpässe in Deutschland schlug Byrnes die Errichtung einer gemeinsamen Verwaltungsstelle für die Landwirtschaft in Deutschland vor. Seine die Wirtschaft betreffenden Vorschläge schloss Byrnes mit dem Vorschlag ab, eine gemeinsame Behörde zu errichten, die sich um den Export von Kohle und Stahl kümmert.

Souveränität[Bearbeiten]

Byrnes zentrale Forderung bezüglich der Selbstverwaltung Deutschlands war, so schnell wie möglich eine deutsche Regierung aufzubauen. Vorher müssen allerdings die Menschenrechte sowie eine freiheitliche demokratische Grundordnung gewährleistet sein. Dass es in diesem Punkt zu einem Konflikt mit der kommunistischen UdSSR kommen musste, war vorprogrammiert. Die neue deutsche Regierung sollte von dem eigenen Volk auf demokratische Weise gewählt werden. Ein neuer Rat, der aus den Ministerpräsidenten der Länder bestehen sollte (siehe Parlamentarischer Rat), sollte mit der Aufgabe betraut werden, eine neue Bundesverfassung für Deutschland zu entwerfen, der die Alliierten zustimmen mussten und die vom deutschen Volk ratifiziert werden musste. Die neue Verfassung sollte die Menschen- und Bürgerrechte in Deutschland sicherstellen sowie auf der Demokratie basieren. Mit der Rückgabe der Regierungsgewalt an die Deutschen wollte Byrnes erreichen, dass Deutschland nicht zum Vasallenstaat werden konnte oder einer in- oder ausländischen Diktatur unterliegt. Der neue deutsche Staat solle nicht das Gebiet Österreichs beinhalten (siehe auch Kleindeutsche Lösung). Byrnes erkannte die sowjetische Westverschiebung Polens an; die Oder-Neiße-Grenze stellte er in Frage.

Kriegsgefangene[Bearbeiten]

Abschließend thematisierte Byrnes in seiner Rede noch die deutschen Kriegsgefangenen. Er forderte die zügige Auslieferung aller gefangen genommenen deutschen Soldaten. Die USA selbst wollten ihre deutschen Kriegsgefangenen schnell nach Deutschland zurückbringen.

Interpretation der Rede[Bearbeiten]

Das gemeinsame Besatzungsprogramm der Potsdamer Konferenz galt im September 1946 als völlig gescheitert. Strittig ist, ob Byrnes' Rede als Kritik an der Sowjetunion oder an Frankreich gemeint war. Ebenfalls strittig ist, ob sie eine Wende in der amerikanischen Deutschlandpolitik markiert, oder ob sie den bereits stillschweigend verfolgten Kurs der Militärregierung in Deutschland sanktioniert. Byrnes betonte mehrmals, an den wesentlichen Potsdamer Vereinbarungen, vor allem an der wirtschaftlichen Einheit Deutschlands festzuhalten. Am 2. Dezember 1946 wurde das Abkommen über die Zusammenlegung der britischen und der amerikanischen Besatzungszone unterzeichnet, in dem das Ziel definiert wurde, bis Ende 1949 die wirtschaftliche Selbständigkeit dieses Teilgebietes zu erreichen.

Literatur[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Deutsch-Amerikanische Zentrum / James-F.-Byrnes-Institut e.V
  2. John Gimbel: On the Implementation of the Potsdam Agreement: An Essay on U.S. Postwar German Policy. In: Political Science Quarterly, Vol. 87, No. 2. (Juni 1972), S. 242–269.
  3. byrnes-rede.de: Wirtschaft in der Nachkriegszeit
  4. Hanns Jürgen Küsters: Der Integrationsfriede, S. 289, (Google Books) „Byrnes’ Stuttgarter Rede signalisierte die Abkehr der Vereinigten Staaten von der Politik der Härte gegenüber Deutschland, der Direktive JCS 1067 und den Gedanken des Morgenthau-Plans und hielt zugleich die Option auf die Regelung der Oder-Neisse-Grenze offen.“