Homiletik

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Unter Homiletik (gr. ὁμιλητική τέχνη = die Kunst des Umgangs) wird in der Theologie die Predigtlehre verstanden.

Homiletik als theologische Fachdisziplin[Bearbeiten]

Die Homiletik ist ein Teilbereich der Praktischen Theologie (evangelisch) oder der Pastoraltheologie (katholisch). Sie klärt unter Einbeziehung von Rhetorik und Kommunikationswissenschaft den theologischen Sinn und die Methoden des Kommunikationsprozesses, den die Predigt darstellt. Der Homiletiker ist ein Lehrer dieses Lehrbereiches.

Gliederung[Bearbeiten]

Nach der klassischen Unterscheidung von Alexander Schweizer (1808–1888) behandelt die Homiletik die Frage nach

  • dem Wesen der Predigt (prinzipielle Homiletik: u. a. über Autorität sowie Zweck der Predigt),
  • ihrem Inhalt (materiale Homiletik: ursprünglich vor allem über den Bibeltext und seine Auslegung)
  • und ihrer Gestaltung (formale Homiletik: z. B. über Sprache, Vergleiche …).
  • Hinzu kommt die pastorale Homiletik:[1] über den Hirtendienst des Predigers. In der neueren Homiletik wird dabei das sog. „homiletische Dreieck“[2] (der Sprecher, der Hörer und der Bibeltext als Grundlage der Predigt) besonders beachtet.

Inhalt der Predigt[Bearbeiten]

Bei Kirchen mit festgelegter Liturgie ist oft auch der zugrundeliegende Bibeltext – etwa in einem 3-Jahres-Rhythmus – vorgegeben. Anderswo kann der einzelne Prediger frei entscheiden – im Rahmen des in seiner Gemeinschaft Üblichen. Dabei gibt es die Grundfrage, ob die Predigt von einem Bibeltext ausgeht oder von einem Sachthema (also Textpredigt oder Themapredigt ist).

Der Inhalt einer Predigt soll neu sein, aber auch richtig – und wichtig. Diese Anforderungen können in Spannung zueinander stehen.

Form der Predigt[Bearbeiten]

Bei der äußeren Gestaltung der Predigt gibt es mehrere Bereiche mit zu bedenken – hier in Stichworten, teilweise als Alternative formuliert:[3]

  • Didaktik: kurze Sätze, informativ (fördert Aufmerksamkeit) – aber nicht unnötig detailreich, Kernsatz betonen, Einstieg und Schluss speziell vorbereiten, Wiederholungen (eventuell auch vor/nach der Predigt).
  • Rhetorik: Mundart oder Schriftsprache, frei sprechen oder vorlesen, Gestik, Mimik, Artikulation.
  • Technische Hilfsmittel: Mikrophon, Beamer, Kurzfilm oder Musikaufnahme einspielen.

Anliegen: gute Predigten[Bearbeiten]

Die Homiletik reflektiert den Vorgang des Predigens mit dem Ziel zu verbessern. Sie beschäftigt sich also mit Mängeln, sie problematisiert. Homiletische Literatur beschreibt nicht einfach, sondern kritisiert und berät, sie ist oft normativ. Denn sie strebt ein Ideal an. Dieses kann jedoch unterschiedlich aussehen, je nach Konfession, Epoche und Individuum. Die Frage: Was ist „gutes Predigen“?[4] wird daher verschieden beantwortet, abhängig vom jeweiligen Ideal: Geht es vor allem um Allgemeinverständlichkeit, um praktische Anwendbarkeit, um Spannung, um eine künstlerisch-literarische Gestaltung, oder um Inhaltsreichtum? Dieser zuletzt genannte Aspekt kann selbst wieder verschieden verstanden werden: Geht es um neue Einsichten, um geistlich bewegende Impulse, um eine Fülle von Informationen?

Unterschiedliche homiletische Schwerpunkte[Bearbeiten]

Manche Buchtitel stellen der „Homiletik“ ein Eigenschaftswort voran, z. B. Didaktische Homiletik, Rhetorische Predigtlehre, oder Dramaturgische Homiletik. Dadurch zeigt der jeweilige Homiletiker, welchem Fachgebiet er eine besondere Bedeutung für die Homiletik beimisst, vielleicht aufgrund seiner eigenen speziellen Kompetenz. Ein Eigenschaftswort kann auch vor „predigen“ gestellt werden, z. B. seelsorglich predigen oder ökumenisch predigen. Manchmal erfolgt die Verknüpfung einer bestimmten Disziplin mit der Homiletik durch „und“, z. B. Homiletik und Psychologie, oder durch ausführlichere Buchtitel, z. B.: Humor und sein Potential für die christliche Predigt. Die genannten Buchtitel verweisen auf die Vielzahl von Richtungen und Zugängen, die für die Predigttätigkeit fruchtbar gemacht werden.[5]

Literatur[Bearbeiten]

allgemein:

spezielle Schwerpunkte:

  • Kristlieb Adloff: Die Predigtwoche. Ein homiletisches Exerzitium. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1988, ISBN 3-525-60262-6.
  • Wilhelm Busch: Jesus predigen - nicht irgendetwas! (Wilhelm Busch Bibliothek; 8). Aussaat Verlag, 2006
  • Karl-Fritz Daiber: Predigen und Hören. Ergebnisse einer Gottesdienstbefragung. Kaiser, München 1980-1991
  • Axel Denecke: Persönlich Predigen. 2 Aktual. Aufl. Lit-Verlag, Hamburg 2001, ISBN 3-8258-5438-8.
  • Wilfried Engemann: Semiotische Homiletik. Prämissen, Analysen, Konsequenzen. Verlag Francke, Tübingen 1993, ISBN 3-7720-1954-4 (zugl. Habilitationsschrift, Universität Greifswald).
  • Franz Graf-Stuhlhofer: Basis predigen. Grundlagen des christlichen Glaubens in Predigten, dazu eine didaktische Homiletik für Fortgeschrittene. Verlag für Theologie und Religionswissenschaft, Nürnberg 2010. ISBN 978-3-941750-33-3
  • Johanna Haberer: Gottes Korrespondenten. Geistliche Rede in der Mediengesellschaft. Kohlhammer, Stuttgart 2004 ISBN 3-17-018745-7
  • Udo Hahn (Hrsg.): Das kleine ABC des Predigthörens. Was eine gute Predigt auszeichnet. CMZ, Rheinbach 2003 ISBN 3-87062-062-5.
  • Horst Hirschler: biblisch predigen, Lutherisches Verlagshaus, Hannover 1988, ISBN 3-7859-0556-4.
  • Ernst Lange: Predigen als Beruf. 2. Aufl. Kaiser, München 1982, ISBN 3-459-01454-7.
  • Frank M. Lütze: Absicht und Wirkung der Predigt. Eine Untersuchung zur homiletischen Pragmatik (Arbeiten zur praktischen Theologie; 29). Evangelische VA, Leipzig 2006 ISBN 3-374-02386-X (Inhalt).
  • Christian Möller: Seelsorglich predigen. Die parakletische Dimension von Predigt, Seelsorge, Gottesdienst und Gemeinde. Spenner, Waltrop 3. Aufl. 2003 ISBN 3-933688-95-7
  • Martin Nicol: Einander ins Bild setzen. 2. überarb. Aufl. Dramaturgische Homiletik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-525-60289-8.
  • Martin Nicol, Alexander Deeg: Im Wechselschritt zur Kanzel, Praxisbuch Dramaturgische Homiletik. Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-525-60257-X
  • Gert Otto: Predigt als rhetorische Aufgabe. Homiletische Perspektiven. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1987, ISBN 3-7887-1235-X.
  • Thomas Reschke, Michael Thiele: Predigt und Rhetorik (Studien zur Praktischen Theologie; 39). EOS-Verlag, St. Ottilien 1992, ISBN 3-88096-969-8.
  • Helmut Schwier, Sieghard Gall: Predigt hören. Befunde und Ergebnisse der Heidelberger Umfrage zur Predigtrezeption (Heidelberger Studien zur Predigtforschung; 1). Lit-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-8258-0564-7.
  • Helge Stadelmann: Evangelikale Predigtlehre. Plädoyer und Anleitung für die Auslegungspredigt. R. Brockhaus, Witten 2005, ISBN 3-417-29488-6
  • Anna-Katharina Szagun: „Sie haben etwas zu sagen“. Frauen zwischen Kanzel und Katheder (Rostocker theologische Studien; 11). Lit-Verlag, Münster 2002, ISBN 3-8258-6465-0.
  • Michael Thiele: Geistliche Beredsamkeit. Reflexionen zur Predigtkunst. W. Kohlhammer, Stuttgart 2004, ISBN 3-17-018352-4.
  • Michael Thiele: Portale der Predigt. Kommunikation, Rhetorik, Kunst. bvs bayerischer verlag für sprechwissenschaft, Regensburg 2004, ISBN 3-922757-77-4.
  • Stefanie Wöhrle: Predigtanalyse. Methodische Ansätze, homiletische Prämissen, didaktische Konsequenzen (Homiletische Perspektiven; 2). Lit-Verlag, Münster 2005, ISBN 3-8258-8569-0.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Diese Vierteilung bereits beim Klassiker von Wolfgang Trillhaas: Evangelische Predigtlehre, 3. Aufl., o. J. [1947].
  2. U. a. von Peter Bukowski, Wilfried Engemann, Michael Thiele.
  3. Zusammengestellt in Anlehnung an Graf-Stuhlhofer: Basis predigen. … didaktische Homiletik für Fortgeschrittene, S.175-219.
  4. Vor allem aus baptistischer Sicht wird diese Frage beantwortet in Dietmar Lütz (Hg.): GUTES PREDIGEN. 21 Predigten für das 21.Jahrhundert. Eine Predigtwerkstatt. WDL, Berlin 2004.
  5. Nach Graf-Stuhlhofer: Basis predigen. Grundlagen des christlichen Glaubens in Predigten, dazu eine didaktische Homiletik für Fortgeschrittene, S. 220 f.