Illeismus

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Illeismus beziehungsweise englisch illeism ist eine latinisierende Wortbildung des Englischen ohne direktes Vorbild im Lateinischen, gebildet aus dem lateinischen Pronomen ille („jener“, vulgärlat. auch „er“) und dem Nominalsuffix -ism (lat. -ismus), und bezeichnet heute gewöhnlich das Sprechen von sich selbst in der dritten Person, indem das Personalpronomen der 1. Person Singular durch ein Personalpronomen der 3. Person Singular oder durch ein Nomen ausgetauscht wird.[1]

Der Begriff wird sowohl für die gelegentliche, als auch für die habituelle oder (wie in Caesars De bello Gallico) gattungsbedingt systematische Verwendung dieser Redeweise verwendet. Zuweilen wird er auch in einer weiteren, unbestimmt quantifizierenden Bedeutung als „exzessiver“ Gebrauch des Personalpronomens der 3. Person Singular definiert, wobei dann auch der referentielle Bezug auf den Sprecher selbst nicht immer als notwendiges definitorisches Merkmal angesehen wird.[2][3]

Beispiele[Bearbeiten]

  • Mutter: „Wer will Schokolade?“ - Miriam: „Mimi Kokolade!“
  • „Der Verfasser dieser Zeilen ist sich bewusst…“
  • „Als sie aber beieinander waren in Galiläa, sprach Jesus zu ihnen: Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen“ (Mt 17,22)
  • „Cäsar führte seine Truppen auf den nächsten Hügel und stellte sie in Schlachtordnung auf“ (Caesar, De bello Gallico, I, xxii, 3)

Wortgeschichte[Bearbeiten]

Das Wort illeism ist zuerst Anfang des 19. Jahrhunderts belegt bei Samuel Taylor Coleridge,[4] und zwar als eine Kontrastbildung zu egotism (von lat. ego "ich") und Analogiebildung zu tuism (von lat. tu "du"). Es steht im Zusammenhang mit seiner Befürwortung eines nicht prahlerischen, sondern ehrlichen egotism, der sich ohne Umschweife zu seiner Meinung bekennt. Dem gegenübergestellt werden illeism und tuism als zwei Varianten einer „exzessiven“, nur vorgeblich bescheidenen, in Wahrheit von Eigensucht getriebenen Vermeidung des Pronomens „ich“, bei der die eigene Meinung nicht als eigene vertreten, sondern eine andere Person (im illeism als „er“-Aussage, im tuism als „du“-Aussage) als deren Vertreter mit lobender Zustimmung angeführt wird, um indirekt die eigene Vorzüglichkeit zu inszenieren.[5] In einer etwas anderen Bedeutung erscheint illeism bei Coleridge in Zusammenhang mit einer von ihm abgelehnten Art der Kritik, bei der für eine allgemein akzeptierte Meinung nicht die Allgemeinheit selbst, sondern ein einzelner, in seinem Denken sonst gewöhnlich herausragender Vertreter dieser Meinung kritisiert wird: in diesem Fall tritt das Pronomen „er“ nicht an die Stelle von „ich“ für das Subjekt der Aussage, sondern an die Stelle von „man“ für deren Objekt.[6] Im einen wie im anderen Fall ist illeism im Verständnis von Coleridge nicht das Sprechen über sich selbst als wäre man ein anderer, sondern das Sprechen über eine tatsächlich andere Person als Strategie indirekten Eigenlobs oder indirekter Kritik. Letzteres bildet dann auch den nicht immer transparenten Verständnishintergrund für jüngere Worterklärungen, die illeism als exzessiven Gebrauch des Pronomens der 3. Person Singular, aber nicht notwendig mit referentiellem Bezug auf den Sprecher selbst definieren.[2][3]

Illeism blieb im weiteren 19. Jahrhundert ein nur sporadisch gebrauchter Ausdruck ohne festgelegte Bedeutung,[7] und so auch in den ersten drei Vierteln des 20. Jahrhunderts, in denen er teils bereits in der heute üblichen engeren oder weiteren Bedeutung,[3] teils auch in einer ganz anderen Bedeutung definiert wurde, die nur noch mit dem ‚exzessiven‘ Gebrauch des Pronomens he eine gemeinsame Schnittmenge bildet, nämlich für die redundante Verdoppelung eines nominalen Subjekts durch Hinzufügung eines Personalpronomens (Tom he went to the bank).[8]

Größere Verbreitung fand er erst im Gefolge eines Aufsatzes zu William Shakespeare von S. Viswanathan (1967),[9] der dort illeism auch noch weiter differenzierte, indem er pronominalen illeism als „illeism proper“ und nominalen illeism als „illeism with a difference“ unterschied. Während diese terminologische Binnendifferenzierung sich als sprachliche Prägung nicht durchgesetzt hat, konnte sich illeism seither in der englischsprachigen Shakespeareforschung als fachsprachlicher Terminus etablieren, und von hier aus hat er auch in anderen Bereichen der englischsprachigen Geisteswissenschaften eine gewisse Verbreitung erlangt. In anderssprachigen Fachliteraturen wurde er bisher nicht adaptiert, durch die Popularisierung im Internet und in der englischsprachigen Wikipedia[10] wurde er jedoch auch im deutschsprachigen Internet in der Form ‚Illeismus‘ bekannt.

In der Literatur[Bearbeiten]

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Klassische Literatur, wie zum Beispiel die Commentarii de Bello Gallico von Julius Caesar oder Anabasis von Xenophon berichten von Kriegen, die der Autor führte. Sie benutzen Illeismen, um einen Anschein der Sachlichkeit und Unparteiischkeit vorzutäuschen, was Rechtfertigungen auch für fragwürdige Handlungen der Kriegsherren einschließt. Auf diese Weise werden persönliche Sichtweisen als scheinbar objektive Fakten dargestellt.

Der Illeismus kann auch eingesetzt werden, um zumindest für eine Weile zu verbergen, dass der Erzähler einer Handlung und eine der Hauptfiguren die gleiche Person sind. Zum Beispiel in einer seiner Geschichten ist Arsène Lupin der Erzähler, aber er verheimlicht seine Identität. Das Erzählen in der dritten Person suggeriert einen außenstehenden Beobachter. Ähnlich ist es, wenn ein Autor sich selbst als Figur in eine Erzählung einbringt, die in der dritten Person geschrieben ist, wie Charlie Kaufman im Film Adaptation oder Douglas Coupland in JPod. Clive Cussler hat in seinen Romanen beginnend mit Dragon praktisch eine Regel daraus gemacht. Es gibt auch Romane, in denen Illeismen verwendet worden sein könnten, auch wenn das nicht ausdrücklich so sein mag, so wie bei dem Reisenden in Die Zeitmaschine (The Time Machine) von H. G. Wells, von dem oft angenommen wird, er sei Wells selber, so wie in dem Film Flucht in die Zukunft (Time After Time von 1979) dargestellt.

Illeismus kann auch als künstlerisches Mittel eingesetzt werden, um das Gefühl einer außerkörperlichen Erfahrung zu vermitteln. Außerhalb des eigenen Körpers sein und die Dinge passieren sehen, stellt sich hier als psychologisches Abgeschnittensein dar, ein Ergebnis eines Traumas, wie körperlicher oder sexueller Missbrauch in der Kindheit, von psychotischen Episoden oder von Erlebnissen oder Taten, die sich nicht mit dem inneren, seelischen Selbstbild des Betroffenen in Einklang bringen lassen.

Es ist gängige Praxis in der Science-Fiction, dass Roboter, Computer und künstliche Lebensformen über sich selbst in der dritten Person sprechen. Sie sagen zum Beispiel: „Diese Einheit ist defekt“ oder „Nummer Fünf lebt“ (im Film Nummer 5 lebt!), um anzudeuten, dass diese Geschöpfe nicht wirklich ihrer selbst bewusst sind oder auch, dass sie ihr Bewusstsein von ihrer physischen Erscheinung getrennt sehen.

Illeismus ist auch ein Mittel, um Idiotie darzustellen, so wie bei der Figur Mongo in Blazing Saddles mit Aussagen wie „Mongo mag Süßigkeiten“ und „Mongo nur Bauer im Schachspiel des Lebens.“

In der Politik[Bearbeiten]

Der österreichische Politiker Stefan Petzner ist bekannt dafür, häufig Illeismen zu verwenden.

Beim alltäglichen Sprechen[Bearbeiten]

Beim Sprechen im alltäglichen Leben kann Illeismus eine Anzahl unterschiedlicher Ziele in verschiedenen Zusammenhängen verfolgen.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Bryan G. Garner, Garner's Modern American Usage, New York/Oxford: Oxford University Press, 2009, S. 899: „Reference to oneself in the third person, either by the third-person pronoun (he, she) or by name or label“
  2. a b Z.B. David Grambs, Literary Companion Dictionary: Words about Words, London: Routledge & Kegan Paul, 1985, S. 181: „Affected or excessive use of the third-person pronoun ‚he‘ (or ‚one‘), esp. in reference to oneself“; Joseph A. DeVito, The Communication Handbook: A Dictionary, New York [u.a.]: Harper & Row, 1986, S. 152: „The practice of using the third person pronoun excessively, especially in referring to oneself“
  3. a b c Z.B. James A. H. Murray, A New English Dictionary on Historical Principles, Band 5, Buchstabe "I", S. 42, s.v. Illeism: „Excessive use of the pronoun he (either in reference to another person or to oneself in the third person). (...) So I·lleist, one who makes much use of the pronoun he, or writes of himself as he“; Hardin Craig / Joseph M. Thomas, English Prose of the Nineteenth Century, New York: Crofts, 1929, S. 762 zu 17 a. 51: „excessive use of the pronoun he, often with reference to oneself in the third person“; Robert Shafer, From Beowulf to Thomas Hardy, Band 2, Madiscon (Wisc.): Doubleday/Odyssey Press, 1944, S. 243: „Excessive use of the pronoun he, with reference either to another or to one's self in the 3rd peson“
  4. James C. McKusick, ‚Living Words‘: Samuel Taylor Coleridge and the Genesis of the OED, in: Modern Philology 90 (1992), S. 1–45, S. 32
  5. Samuel Taylor Coleridge, The Friend, London: Gale and Curtis, 1812, Essay Nr. 2 (8. Juni 1809), S. 17-32, S. 24f.: „It has ever been my opinion, that an excessive solicitude to avoid the use of our first personal pronoun more often has its' source in conscious selfishness than in true self-oblivion. A quiet observer of human Follies may often amuse or sadden his thoughts by detecting the perpetual feeling of purest Egotism through a long masquerade of Tu-isms and Ille-isms“; ders., On the Catholic Petition. II (21. September 1811), in: Collected Works, Teil III: Essays on His Times, hrsg. von David W. Erdman, Band 2, Princeton: Princeton University Press, 1978, S. 305-308, S. 306: „To similar impulses we must attribute the praises of a true modern reader, when he meets with a work in the true modern taste (...) ‚Aye!‘ (quoth the delighted reader) ‚this is sense, this is genius! this I understand and admire! I have thought the very same a hundred times myself!‘ In other words, this man has reminded me of my own cleverness, and therefore I admire him. O! for one piece of egotism that presents itself under its own honest bare face of ‚I myself I‘, there are fifty that steal out in the mask of tuisms and ille-isms!“; ders., Biographia Literaria, Band I, London: Penner, 1817, S. 10: „I have sometimes ventured to think, that a list of this kind, or an index expurgatorius of certain well known and ever returning phrases, both introductory, and transitional, including the large assortment of modest egotisms, and flattering illeisms, &c. &c. might be hung up in our law-courts, and both houses of parliament, with great advantage to the public, as an important saving of national time“
  6. Samuel Taylor Colerdige, Letters, Conversations, and Recollections, New York: Harper & Brothers, 1836, Brief Nr. V (13. Dezember 1819), S. 22-25, S. 24: „When we see a man so highly gifted, so far differing from the common sense of his contemporaries and immediate successors, stigmatize as a wretch one of the most extraordinary writers of the day, for holding opinions which those contemporaries have for the greatest part adopted, and many gone far beyond, we are forcibly struck with the absurdity of all ille-isms and affirmations. If we confine ourselves to the expression of an opinion, or, if more honest, we confess our ignorance of the matter at issue, we shall be more likely to approach true conclusions.“
  7. Z.B. als positiv bewertetes, aber nicht näher spezifiziertes Stilmittel der Bescheidenheit („the unassumption and deference of illeism“ S. 27) und Gegenbegriff zu egotism (vgl. S. 26) in einer Polemik gegen William Hazlitt in James Silk Buckinghams Oriental Herald 3 (1824), S. 23-27; oder als Parallelbegriff zu tuism in einem ethisch-religiösen und pejorativen, aber nicht näher bestimmten Sinn in einem Beitrag The Church of Christ in James Wallis' British Millenial Harbinger, Reihe III, Band VII (1854), S. 258 („the tuisms and illeisms among men“)
  8. John B. Opdycke, Say what you mean. Everyman's guide to diction and grammar, New York u.a.: Funk & Wagnalls, 1944, S. 31
  9. S. Viswanathan, Illeism with a Difference in Certain Middle Plays of Shakespeare, in: Shakespeare Quarterly 20 (1969), S. 407-415, wieder in ders., Exploring Shakespeare. The Dynamics of Playmaking, Hyderabad/New Delhi: Orient Longman Private Limited, 2005, S. 3-15
  10. Andrew S. Mallone, God the Illeist: Third-Person Self-References and Trinitarian Hints in the Old Testament, in: Journal of the Evangelical Theological Society 52,3 (2009), S. 499–518, S. 499 Anm. 1